Das denkende Herz

Das Schicksal und die Tagebücher von Etty Hillesum (1914-1943)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 1273 klicks

„... es geht nur noch darum, gut zueinander zu sein mit aller Güte, deren wir fähig sind. Und jedes Zusammensein ist auch ein Abschiednehmen“, wie Etty Hillesum vorausahnend ihr Schicksal und das Millionen anderer durch die Nationalsozialisten deportierter Menschen in einem Tagebucheintrag beschrieb. 

Als Esther „Etty“ Hillesum am 30. November 1943 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau starb, war sie noch keine dreißig Jahre alt. Am 7. September 1943 war ihre ganze Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Etty hatte es strikt abgelehnt, ihr Leben in Sicherheit zu bringen:„ ... es ist keineswegs so, dass ich mit einem gelassenen Lächeln geradezu in meinen Untergang hineinrenne ... ich weiß, daß ich mich keineswegs wohl fühlen würde, wenn mir erspart bliebe, was so viele erdulden müssen.“

Noch 1942 konnte Etty sich wegen ihrer ehemaligen Tätigkeit für den Judenrat und den damit verbundenen Sonderausweis frei in Holland bewegen. Der Judenrat war eine von den deutschen Besatzern eingerichtete Zwangskörperschaft, dessen Tätigkeit aber – wie Etty nach kurzer Zeit hatte entsetzt feststellen müssen -, allein der Vorbereitung der Verfolgung und Vernichtung der Juden diente. Nach nur zwei Wochen Tätigkeit hatte sie deshalb sofort ihre Mitarbeit gekündigt.

Am 15. März 1941 vermerkte Etty in ihrem Tagebuch: „Und wenn nur noch ein anständiger Deutscher existieren würde, da wäre dieser es wert, gegen die ganze barbarische Bande in Schutz genommen zu werden, und diesem einzigen anständigen Deutschen zuliebe sollte man es dann unterlassen, seinen Hass über ein ganzes Volk auszugießen. … Gott ist nicht verantwortlich für das sinnlose Leid, das wir einander zufügen. Wir sind vor Gott dafür verantwortlich.“ 

Etty Hillesum wurde am 15. Januar 1914 in Middelburg geboren. Die Familie zog von dort nach Deventer um, da der Vater hier Oberstudienrat und später Oberstudiendirektor wurde. 1940, nach der Kapitulation Hollands, musste er wegen seiner jüdischen Herkunft sein Amt niederlegen.

Nach dem Abitur am städtischen Gymnasium in Deventer studierte Etty ab 1932 in Amsterdam Slawistik, Jura und Psychologie. Im Jahr 1941 lernte sie den jüdischen Chiropsychologen Julius Spier, der aus Deutschland emigriert war, kennen und lieben. Es war Julius Spier, der Etty dazu geraten hatte, ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle in einem Tagebuch festzuhalten und selbstanalytisch zu untersuchen. Der erste Eintrag erfolgte am 9. März 1941.

J.G. Gaarlandt, Herausgeber der Tagebücher Etty Hillesums, bezeichnet Ettys Einträge als „eine unablässige Selbstanalyse, die an vielen Stellen universellen Charakter annimmt. Mit letzterem meine ich: Etty Hillesum beschreibt in ihrem Tagebuch nicht nur sich selbst, sondern ebenso die menschlichen Möglichkeiten eines jeden anderen Menschen zu jedem beliebigen Zeitpunkt“. 

Etty faßte ihre Tagebucheinträge, die 1981 erstmals unter dem Titel „Het verstoorde leven“ in der holländischen Originalsprache veröffentlicht wurden, als „einen verrückten oder kindlichen oder todernsten Dialog mit dem, was in mir das Allertiefste ist und das ich der Einfachheit als Gott bezeichne“, zusammen. 

Etty Hillesum reiste 1942/1943 mehrfach zwischen Westerbork, wo sich ihre Familie befand, und Amsterdam hin und her. Vor ihrer Deportation, am 7. September 1943, gelang es ihr, ihre Tagebücher bei der befreundeten Familie Smelik in Sicherheit zu bringen, die die Originale gut vierzig Jahre nach dem Tod Ettys im Jahr 1986 dem „Joods Historisch Museum te Amsterdam“, dem Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam, schenkte. 

Etty Hillesum hatte ausdrücklich die Veröffentlichung ihrer Tagebücher gewünscht, die heute in 12 Sprachen übersetzt erhältlich sind. Zum Gedenken an Etty Hillesum wurde 1995 in Deventer in der ehemaligen Synagoge das Etty-Hillesum-Centrum gegründet.

Das denkende Herz: Die Tagebücher von Etty Hillesum. 1941-1943, hg. von J.G. Gaarlandt, rororo
Taschenbuch, 224 S., 04.07.1985, 8,99 €, 978-3-499-15575-8