Das Diplomatische Korps beim Heiligen Stuhl

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 7. Januar 2008 (ZENIT.org).- Morgen, am 8. Januar, wird Papst Benedikt XVI. in der Sala Regia (Königssaal) des Apostolischen Palastes das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps zum alljährlichen Neujahrsempfang willkommen heißen. Seit dem 15. Jahrhundert gibt es ständige ausländische Gesandte am Päpstlichen Hof.

Der Heilige Stuhl besitzt nicht nur das aktive Recht auf diplomatische Vertretung, sondern übt darüber hinaus auch das passive Recht aus, d.h. er empfängt die diplomatischen Vertreter, die von den einzelnen Staaten entweder in außerordentlicher oder in ordentlicher und dauernder Mission zu ihm entsandt werden.

Am Sitz des Papstes fanden sich zu fast allen Zeiten Vertreter der verschiedensten Herrscher und Völker ein. Sie sollten die Interessen ihrer Länder wahren und fördern. Neben diesen Gesandtschaften gab es auch solche, die nur geschickt worden waren, um den Päpsten Huldigungen und Geschenke zu überbringen. Beide Arten von Gesandtschaften kamen nicht nur aus den katholischen Ländern; auch protestantische Fürsten und nichtchristliche Potentaten waren am Päpstlichen Hof vertreten. Gesandtschaften beim Heiligen Stuhl mit einer gewissen Beständigkeit gibt es seit dem Ende des 15. Jahrhunderts; im 16. Jahrhundert begannen sich dauernde Vertretungen zu bilden.

Ein ständiges Ärgernis waren in Rom die Streitigkeiten der Gesandten in Präzedenzfragen: „Die regelmäßig wiederkehrenden Feste, öffentlichen Aufzüge und Prozessionen an der Kurie boten fortdauernd Gelegenheit, nicht nur in langen Verhandlungen und durch diplomatischen Notenwechsel vermeintliche Rechte zu verteidigen oder zu erlangen, sondern zuweilen griff man sogar zu dem wesentlich kürzeren Mittel und erzwang sich mit dem Schwerte in der Hand, was der Gegner nicht gutwillig zugeben wollte. Blutvergießen steht in den Annalen der Gesandtschaftsgeschichte beim Heiligen Stuhle nicht wie einmal verzeichnet, ohne dass die öffentliche Macht im Stande gewesen wäre, diese im Geheimen geplanten und mit großer Plötzlichkeit ausgeführten Überfälle zu verhüten.

Je nach der politischen Lage und der Machtfülle, über die ein Papst gebot, wurde den Gesandten bald dieser, bald jener Platz bei den öffentlichen Gelegenheiten angewiesen, woraus klar hervorgeht, dass es damals keinerlei feste Anschauungen über die öffentliche und soziale Wertstellung der Gesandten im Allgemeinen gab. Unter den Gesandten selbst scheint als Norm festgehalten worden zu sein, dass den Vertretern der Republiken diejenigen der souveränen Herzöge und die königlichen und kaiserlichen Botschafter vorangehen sollten. Zu den letzteren wurde, obschon von einer Republik entsandt, auf Grund der großen Machtfülle, welche die Lagunenstadt damals entfaltete, auch der venetianische Gesandte gerechnet" (Pius Maria Baumgarten).

Wegen der teils heftigen Ausschreitungen, die ab dem 15. Jahrhundert bei den Feierlichkeiten zur Besitzergreifung des Lateran von den Gesandten wiederholt verursacht wurden, verbot ihnen Papst Klemens XI. (Giovanni Francesco Albani, 1700-1721) die Teilnahme an dieser Feier. Bei den päpstlichen Liturgien hatten die Gesandten früher ihren Platz in der Nähe des Thrones, aber bei den Konsistorien und Prozessionen sollten sie dem Gouverneur von Rom den Vortritt lassen.

Zu einem schwerwiegenden Eklat kam es bei der Fronleichnamsprozession des Jahres 1696. Der Gesandte Österreichs, Graf Georg Adam Martinez, ein Enkel des durch den Prager Fenstersturz weltberühmt gewordenen böhmischen Statthalters, beanspruchte entgegen des bestehenden Brauches die Präzedenz vor dem Gouverneur der Ewigen Stadt, Monsignore Giambattista Spinola. Papst Innozenz XII. (Antonio Pignatelli, 1691-1700) war von dem Ansinnen des für sein herrisches Auftreten bekannten Gesandten informiert worden und hatte Monsignore Spinola angewiesen, der Prozession dieses Jahres fernzubleiben. Dennoch kam es zum Eklat. Mit dem unverdienten Zugeständnis noch nicht zufrieden, bestand Martinez darauf, unmittelbar vor den Kardinaldiakonen einher zu schreiten. Es entstand eine heftige Debatte, die in eine Rangelei und Rauferei überzugehen drohte, so dass die Prozession nicht mehr fortgesetzt werden konnte.

Bisweilen führte das Verhalten ausländischer Diplomaten in Rom zum zeitweiligen Abbruch der diplomatischen Beziehungen, ja manchmal sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen oder der Besetzung des Kirchenstaates. Durch den Staatsstreich vom 4. September 1797 kam in Frankreich eine Regierung an die Macht, die antiklerikal und kriegerisch gesinnt war. Bonaparte und das Direktorium betrieben in Rom vermehrt Anstrengungen für einen „Volksaufstand". Der Haupttreffpunkt der revolutionären Elemente in Rom war der Palazzo Corsini, der Sitz des französischen Gesandten Joseph Bonaparte, eines Bruders von Napoleon. Unter den diplomatischen Emissären, die für einen Volksaufstand in der Ewigen Stadt sorgen sollten, befand sich auch General Duphot, der als künftiger Schwager Joseph Bonapartes galt.

Am 27. Dezember kam es zu schweren Zusammenstößen päpstlicher Soldaten mit fanatischen Aufrührern. Es fielen Schüsse, zwei Mann wurden getötet. Die Aufständischen flohen in den Palazzo Corsini. Duphot erschien mit gezücktem Säbel unter den Aufständischen und verhielt sich äußerst aggressiv. Als ihn die päpstlichen Sicherheitskräfte entwaffnen wollten, wehrte sich der General heftig und verletzte viele der Ordnungshüter. Es kam zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf ein Schuss fiel, und Duphot tot zu Boden sank.

Der Tod Duphots kam Paris wie gerufen. Trotz einer unnötigen Entschuldigung der päpstlichen Regierung - Kardinalstaatssekretär Doria gestand aus Angst eine nicht vorhandene Schuld ein - erteilte das Direktorium im Januar 1798 den französischen Truppen den Befehl, nach Rom zu marschieren und die Ewige Stadt zu besetzen. Napoleon erteilte die Order hierzu General Louis Alexandre Berthier. Am 9. Februar stand Berthier an der Spitze seiner 16.000 Mann starken Truppen auf dem Monte Mario. Einen Tag später befahl er die Einnahme der Engelsburg. Die päpstliche Fahne wurde eingeholt, und die Truppen Berthiers besetzten die Stadt.

Am 13. Februar übergab General Berthier dem Kardinalstaatssekretär die Bedingungen, die die Genugtuung für „die grausame und schändliche Ermordung" Duphots betrafen. Neben hohen Geldsummen und der Abtretung von Land forderte man die Bereitstellung von vier Kardinälen und vier Adeligen als Geiseln und die Gefangensetzung hoher Prälaten. Am 17. Februar wurden die Linienregimenter der päpstlichen Armee entwaffnet; kurze Zeit später erhielten auch die Palastgarden des Papstes ihre Demission. Schon zwei Tage zuvor, am Gedenktag der Wahl Pius' VI. - ein nicht zufällig gewählter Termin - , war auf dem Kapitol „spontan" die „Römische Republik" ausgerufen worden. In den frühen Morgenstunden des 20. Februar schritt man zum vorläufig letzten Akt, zur Vertreibung des Papstes aus Rom.

Beim Heiligen Stuhl waren auch Priester, Äbte, Bischöfe, Patriarchen und Kardinäle als Gesandte fremder Fürsten beglaubigt. Die Doppelstellung dieser Gesandten als Untertan und Vertreter eines fremden Fürsten einerseits, und die Abhängigkeit und Gehorsamspflicht gegenüber dem Papst andererseits, bot in Streitfällen ein hohes Konfliktpotential (und im Grunde eine Unverträglichkeit) in sich. So war man an der Kurie froh, als in den Fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts der letzte geistliche Vertreter mit dem Titel eines Geschäftsträgers verstarb. Als Preußen in späteren Jahren beabsichtigte, Kardinal Gustav zu Hohenlohe-Schillingsfürst mit den Agenden eines Botschafters beim Heiligen Stuhl zu beauftragen, lehnte der Vatikan dies rundweg ab.

Das aktive und passive Gesandtschaftswesen des Apostolischen Stuhls bestand auch nach dem Zusammenbruch der weltlichen Herrschaft des Papstes (1870) fort. Denn der Kirche kommt auf der Ebene des internationalen Rechts eine Souveränität zu, die von der territorialen Souveränität des Kirchenstaates verschieden ist. Die Stellung des Heiligen Stuhls als unabhängiges Völkerrechtssubjekt wurde von nur wenigen Gegnern angefochten.

Durch die Lateranverträge von 1929, die eine Aussöhnung mit dem Königreich Italien zum Ziel hatten, kam es zur Gründung des souveränen „Staates der Vatikanstadt". Pius XI. sah in dem winzigen Kirchenstaat einen Dienst an der pastoralen Sendung der Kirche: Die Gewährleistung, das Petrusamt unabhängig von jeder fremden Autorität auszuüben. Aber der Abschluss der Lateranverträge war nur ein Grund dafür, dass immer mehr Staaten volle diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl aufnahmen; neben dem historisch bedingten Sonderstatus des Heiligen Stuhls lagen die Ursachen hierfür nicht zuletzt in der Friedenspolitik und dem sozialen Engagement der Päpste.

Die Vertreter der Staaten, die als ordentliche und dauernde Diplomaten an den Heiligen Stuhl entsandt sind, genießen in Friedens- und Kriegszeiten alle Vorrechte und die Immunität, die dem Diplomatischen Korps nach internationalem Recht zustehen. Diese stehen ihnen auch im Hinblick auf den italienischen Staat zu, auf dessen Territorium sie in der Regel ihre Residenz haben (Artikel 12 der Lateranverträge). Beim Eintritt Italiens in den II. Weltkrieg beließ man es jedoch nicht bei der geltenden Rechtslage. Noch am Tag, an dem Italien den Alliierten den Krieg erklärte, verlegten deren beim Papst akkreditierte Botschafter ihre Residenz in die Vatikanstadt - in ihrem Tross das gesamte diplo­matische Personal. Als Rom dann am 4. Juni 1944 von den Amerikanern befreit wurde, fanden diplomatische Vertreter der Achsenmächte im Vatikan Zuflucht.

Die Diplomaten beim Heiligen Stuhl sind akkreditiert im Rang eines Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafters bzw. im Rang eines Außerordentlichen Gesandten und Bevollmächtigten Ministers. Die Überreichung der Beglaubigungsschreiben eines neu ernannten Botschafters an den Papst gehört auch heute noch zu den eindrucksvollsten Zeremonien im Vatikan.

Aktuell unterhält der Heilige Stuhl zu mehr als hundertsiebzig Staaten diplomatische Beziehungen - und darüber hinaus auch zur Europäischen Union, zum Souveränen Malteserritterorden, zur Russischen Förderation und zur Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO.