Das Doppelgebot

Impuls zum Gründonnerstag

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 1118 klicks

Die Liturgie des Gründonnerstags reflektiert – in der neuen Weise des Neuen Bundes – genau das, was dem auserwählten Volk des Alten Bundes als Quintessenz eines im Angesicht Gottes erfüllten Lebens vorgestellt wurde. Das Schma Jisrael – Höre Israel!

Ein Schriftgelehrter fragte Jesus: „Welches ist das vornehmste Gebot von allen?“ Jesus aber antwortete ihm: „Das vornehmste Gebot vor allen Geboten ist das: ‚Höre Israel, der HERR, unser Gott, ist ein einiger Gott; und du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften.‘ Das ist das vornehmste Gebot. Und das andere ist ihm gleich: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ Es gibt kein größeres Gebot als diese.“

Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: „Meister, du hast wahrlich recht geredet; denn es ist ein Gott und ist kein anderer außer ihm. Und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüte, von ganzer Seele, und von allen Kräften, und lieben seinen Nächsten wie sich selbst, das ist mehr denn Brandopfer und alle Opfer“. Da Jesus aber sah, dass er vernünftig antwortete, sprach er zu ihm: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Und es wagte ihn niemand weiter zu fragen (Mk 12,28).

Gottesliebe und Nächstenliebe, sie müssen immer zusammengehen. Niemals das eine ohne das andere.

In der Einsetzung der Eucharistie wird das Gebot, Gott über alles zu lieben, besonders konkret. Die dem Menschen aufgetragene Gottesverehrung und Gottesliebe geschieht grundsätzlich am angemessensten „durch unseren Herrn Jesus Christus, der mit Dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes“ – so das immer wiederkehrende Ritornell bei den Gebeten der Hl. Messe.

Christus ist der Mittler.

Und Gott durch seinen Sohn Jesus Christus anbeten, das ist es, was Jesus bei der Einsetzung der Eucharistie im Abendmahlssaal so konkret wie möglich, ja geradezu materiell den Menschen als „Neuen und Ewigen Bund“ übergeben hat. In der äußeren, sichtbaren Gestalt von Brot und Wein können wir Gott anbeten.

Ihm unsere Liebe zum Ausdruck zu bringen, ist auf diese Weise tiefer und zugleich leichter. Das kann jeder bestätigen, der das persönliche oder gemeinschaftliche Gebet vor dem Ausgesetzten Allerheiligsten hält.

Die Eucharistie fordert uns zu Anbetung und Liebe auf.

Gott lohnt uns diese gewissermaßen, indem er sich selbst in diesem Sakrament uns zur Speise gibt. Dadurch geschieht das Große, das er uns schenken will, nämlich dass wir Menschen nicht bleiben wie wir sind, sondern dass wir nach und nach vergöttlicht werden. Im Deutschen bedeutet das Wort Gottesliebe beides zugleich: die Liebe des Menschen zu Gott und die Liebe, die er zu uns hat. Wobei wir sein Wort nie vergessen dürfen: „Ich habe dich zuerst geliebt.“

„Das zweite ist dem ersten gleich“ auch dieses, die Nächstenliebe, findet ihr getreues Abbild bei der Gründonnerstagsliturgie in der Fußwaschung.

Wenn an diesem Gründonnerstag der Hl. Vater, Papst Franziskus, einigen Armen die Füße waschen wird, wird dies ein besonders sinnfälliges Zeichen der Nächstenliebe sein. Der Höchste in der Ordnung der Menschen macht sich zum Diener aller, genau wie der, den er vertritt. Er wird sich schürzen, vor einfachen Menschen niederknien und ihnen diesen demütigen Liebesdienst erweisen.

Dabei wird besonders deutlich, dass Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes, das alte Gesetz nicht nur erfüllt und uns erfüllen heißt, sondern dass er uns aufträgt, es mit noch mehr Eifer zu erfüllen. Im Alten Bund hieß es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Jesus aber sagt: „Ihr sollt einander lieben, wie ich euch geliebt habe!“ Das ist das gleiche, nur noch mehr, sozusagen eine neue Qualität. Leicht ist es wohl nicht immer zu sagen, ich liebe dich nicht nur als meinen Nächsten, sondern ich will dich lieben so wie Christus dich liebt.

Im Allerheiligsten Altarssakrament findet also das Ur-Gebot zugleich eine besondere Konkretisierung wie auch eine wirklich beglückende Überhöhung. Indem wir uns bemühen, unseren Nächsten mit der Liebe des Gottmenschen zu lieben, schaffen wir die Voraussetzung dafür, dass wir selber durch die Gnade Gottes vergöttlichte Menschen werden. Ganz im Sinne der Kirchenväter, die sagten: Gott wurde Mensch, damit der Mensch ein Gott würde.

In diesen Tagen kommen in Rom viele junge Menschen aus aller Welt zusammen. Papst Benedikt sagte einmal: „Junge Menschen haben einen Sinn für das Große.“ Vielleicht verstehen sie eher als wir Alten, was es um diese in Aussicht gestellte Größe des Menschen ist.

Der selige Papst Johannes Paul II. sprach von der Mutter Jesu als der „Eucharistischen Frau“. Ein geheimnisvolles Wort, so wie die Eucharistie ja überhaupt das „Geheimnis des Glaubens“ ist. In der demütigen Jungfrau Maria ist schon im irdischen Leben das vollendet, was Christus uns allen bereitet hat.

Bitten wir Maria, die „Madonna dell’umiltà“ (U.L.F. von der Demut), dass wir immer wieder diese nicht selbstverständliche Haltung der Demut einzunehmen versuchen, die uns hilft, das uralte Doppelgebot der Liebe im schlichten Alltag zu befolgen.