Das Drama der eingefrorenen menschlichen Embryonen

P. Ivan Fuček SJ, emeritierter Professor an der Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 3270 klicks

Eine sensationelle Nachricht ging durch die Medien: Gegen Ende Juli dieses Jahres (1996) sollten in England mehrere Tausende von eingefrorenen Embryonen vernichtet werden. Diesem Beispiel werden wahrscheinlich auch andere Länder folgen. Als Grund dafür wird Verfallsdatum angeführt. Diese Embryonen dürfen laut Gesetz nur eine bestimmte Zeit im Gefrierschrank aufbewahrt werden. Diese Zeit darf nicht überschritten werden.

Was werden die Ärzte oder die Wissenschaftler tun, die dafür verantwortlich sind? Werden sie die Embryonen töten, oder, werden sie sie sterben lassen? Ist es nicht in jedem Fall eine schwere Sünde?

Ich habe gehört, dass Frauen sich angeboten haben, diese Embryonen zu adoptieren und sie im eigenen Leib auszutragen. Ist so etwas moralisch erlaubt? Was sagt die Kirche dazu?

M. P., Student

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Deine Frage ist sehr ernst und schwer. Darüber zerbrechen sich zurzeit viele Wissenschaftler den Kopf: Biologen und Mikrobiologen, aber auch Juristen, Philosophen und Theologen. Ich musste mich auch selbst mit dieser Frage befassen und als Theologe meine Meinung formulieren. Endgültige Antwort gibt es noch nicht, aber man kann einen Wegweiser in ie richtige Richtung erkennen.

Was sagt die profane Wissenschaft dazu?  Man kann festhalten, dass es in der Geschichte noch nie so starken Einklang zwischen Wissenschaft und Glauben gegeben hat wie in diesen bioethischen Fragen, insbesondere in der Frage, die Leben und Tod des menschlichen Embryos betrifft. Leider lassen sich viele Ärzte nicht von moralischen Überlegungen, sondern von ökonomischen leiten. Das medizinische Institut „Artemisia“ in Rom, das sich mit der Erforschung von Pathologien des Fötus' im Mutterleib befasst, hat die betreffende englische Bourn Hall Clinic in Cambridge gebeten, ihr die eingefrorenen Embryonen zur Adoption zu überlassen, um sie vor dem Tod zu bewahren. Der Gynäkologe Antonio Vizzone spricht sogar vom Genozid, er bietet den englischen Kollegen wirtschaftliche und technische Hilfe an: „Diese verlassenen Wesen dürfen nicht vernichtet werden. Sie sind Personen wie Sie und ich. Gewiss, vielleicht ist die Hälfte von ihnen nicht mehr am Leben, weil mehrere Jahre seit ihrer Einfrierung vergangen sind.“

Die Times veröffentlicht die Bekundung des berühmten Professors Edwards, dem die erste Befruchtung in vitro gelang: "Mit Verpflanzung dieser Embryonen in den Mutterleib könnten theoretisch nach neun Monaten normaler Austragung ein Kind geboren werden. Dieser Arzt, als wäre er von Reue ergriffen, sagt: “Viele Paare wurden nicht über Vernichtung der (eingefrorenen) Embryonen unterrichtet. Für diese Embryonen muss die gleiche Regel gelten wie für die Kinder, deren Eltern verschwunden sind...“

Warum hat er sie nicht darüber unterrichtet, dass überzählige Embryonen eingefroren werden, und dann, wer weiß wo und wie benützt oder zum Tod verurteilt werden? Trotzdem ist seine Bekundung wichtig: dass die eingefrorenen Embryonen „Kinder“ sind.

Es gibt Staaten, die aufgrund wissenschaftlicher Beweise von Biologen, Mikrobiologen und Theologen (z.B. Deutschland), Gesetze zum Schutze des menschlichen Lebens vom Augenblick der Befruchtung der Eizelle erlassen haben. Vom Moment der Befruchtung hat das entstehende menschliche Wesen sein eigenes Leben, seinen eigenen Entwicklungsprozess und eigene Identität. Das Statut dieses Prozesses kennen die gleichen Wissenschaftler heutzutage sehr gut.

Nur diejenigen, die sich vom Enthusiasmus des wissenschaftlichen Fortschritts übermannen lassen, können noch behaupten, dass der Embryo (auch der Fötus) „Teil“ der Mutter oder eine undefinierte Ansammlung von lebendigen Zellen sei. Echte Wissenschaftler sind sich heute einig, dass man den Embryo als menschliche Person behandeln muss und ihm alle Rechte der Person zuerkennen muss, auch die Erbrechte, wenn vor seiner Geburt sein Vater verstirbt. Übrigens, bereits das antike römische Recht hatte Erbrechte dem Kind im Mutterleib zuerkannt.

Nicht nur das Biologische Zentrum der Katholischen Universität Italiens, sondern auf staatlicher Ebene wurde das von dem Italienischen Nationalkomitee für Bioethik herausgegebene Dokument über die „Identität und gesetzliche Stellung des menschlichen Embryos“ begrüßt. Dem Embryo im Mutterleib müssen vom ersten Augenblick alle Rechte zuerkannt werden, die auf der Würde der Person begründet sind. Das erste fundamentale Recht ist Recht auf Leben. Das Dokument sagt weiter: „Da jeder von uns einmal Embryo war, können wir nicht gefühllos dem Embryo unseres Nächsten gegenüber stehen... Der Embryo ist nicht ein Wesen mit irgendwelcher Natur, sondern er ist ein lebendiges Wesen menschlicher Natur...“

Was soll also mit diesen Embryonen geschehen? Soll man sie auftauen und biologisch adoptieren lassen? Mit dieser Absicht haben sich allein in Italien zunächst 100 Frauen in Massa Carrari gemeldet, dann 200 junge Mädchen aus „Familienhäusern“ des Don Oresto Benzi, später viele andere. Der bekannte Kardinal Ersilio Tonini zieht die Schlussfolgerung, dass das menschliche Leben immer geschützt werden muss, auch wenn bisher in der komplexen Diskussion keine Einigung erzielt werden kann. Wir ergänzen mit dem Papst Johannes Paul II.: Einen unschuldigen Menschen darf man in keinem Fall töten. Das ist eine der schwersten Sünden. Gibt es überhaupt Menschen, die unschuldiger sein könnten als diese kleinen Wesen? „Ich habe gesagt", so Tonini, "dass eine biologische Adoption von großzügigen Frauen die einzige Lösung sei. Dennoch habe ich zwei Frauen, die sich an mich gewandt haben, nicht zu diesem Schritt raten können. Noch würde ich mich trauen, eine Frau zum Austragen der Embryonen zu verpflichten.“ Er führt dafür drei Gründe an:

     1)  Die Hälfte der Embryonen stirbt schon beim Einfrieren, und von den überlebenden können nur 2 bis 3 Prozent eingepflanzt werden;

     2)  Wir wissen noch nicht, inwieweit sie durch Auftauen beschädigt werden (die neuesten französischen Experimente mit Mäusen raten zur Vorsicht beim Abtauen der menschlichen Embryonen);

     3)  Es besteht ebenfalls die Gefahr, dass die Ärzte ihre Verantwortung auf andere abstreifen. Sie könnten nämlich sagen: Ich produziere Embryonen im Reagenzglas und später wird jemand helfen, damit sie nicht sterben müssen. Damit bleibt dieser Prozess unabgeschlossen, der, wie wir sehen, in einer „Sackgasse“ endet.

Es gibt Wissenschaftler, die biologische Adoption der Embryonen nicht ablehnen, die aber auf dem Standpunkt stehen, dass dieser schändliche Umgang mit Embryonen beendet werden muss. Professor Pessina, Mitglied des Bioethischen Zentrums der Katholischen Universität in Rom, tritt offen gegen die Möglichkeit einer biologischen Adoption solcher Embryonen ein. Er nennt zwei Gründe:

     1)  Leihmutterschaft, d.h. Zurverfügungstellen des Mutterleibes zur Austragung einer fremden Frucht, war in der katholischen Kirche nie erlaubt.

     2)  Ärzte könnten dies zum Anlass nehmen und sagen: „Wenn solche Kinder biologisch adoptiert werden dürfen, setzen wir ihre Produktion fort.“

Derselbe Professor unterscheidet zwischen "aktiv töten“ (das erlaubt er nicht) und „sterben lassen“. Diese zweite Möglichkeit sei in etwa dem Tod durch Fehlgeburt ähnlich, was häufig mit Embryonen auf natürliche Weise geschieht. Mancher Theologe könnte den christlichen Grundsatz zitieren: "Was im menschlichen Leben die Natur selbst tut, ist dem Mensch nicht erlaubt, zu tun. In diesen tief greifenden Gesetzen ist Gott der einzige Herr (von Hildebrand)."

Was sagt die Kirche dazu?  Monsignor Elio Sgreccia, Vizepräsident der Päpstlichen Akademie für das Leben und Vorsteher des Bioethischen Zentrum der Katholischen Universität in Rom, Professor B. Kiely von der Gregoriana und andere Fachleute aus diesem Bereich meinen, dass eine endgültige moralische Lösung die biologische Adoption der aufgetauten Embryonen sein könnte. Das heißt dann, wenn sich Frauen dazu bereit erklären, diese auszutragen, zu gebären und wie eigene Kinder großziehen. Das wäre sogar ein Akt der christlichen Liebe. Aber dadurch entstünden viele Probleme. In England allein gibt es 4000 eingefrorene Embryonen, weltweit sogar mindestens 60. 000. Das sind die neue Sklaven, mit dem Unterschied, dass die Sklaven sonst immer Hoffnung schöpfen konnten, eines Tages befreit zu werden, während die eingefrorenen Leben im Labor eine solche Hoffnung nicht haben können. Wo gibt es so viele großzügige Frauen, die bereit wären, ihren Mutterleib zur Verfügung zu stellen?

Neben der Frage der Würde der Frau, ihren Körper als Inkubator zur Verfügung zu stellen, gibt es auch rein wissenschaftliche Probleme: Es ist gewiss, dass die menschlichen Embryonen beim zweifachen Prozess des Einfrierens und Auftauens dem Risiko zu sterben oder einer schweren Missbildung ausgesetzt sind. Darauf hat die Kongregation für Fragen des Glaubens im Dokument Donum vitae aufmerksam gemacht. Daher sind bestimmte Voraussetzungen gefragt: Die Frau muss gesund sein, frei entschieden haben und über alle Risiken aufgeklärt sein. Zusammen mit dem Ehemannes muss sie die Risiken einer Fehlgeburt oder Missbildung des Kindes zu tragen bereit sein.

Eine Gefahr bleibt jedoch bestehen: dass eine solche Praxis in die Logik der künstlichen Befruchtung eingehen könnte. Das hat die Kirche entschieden verurteilt. Ich sage, „in die Logik der künstlichen Befruchtung“, weil dann durch die Selektion der Ärzte-Manipulatoren die einen Embryonen zum Leben, die anderen zum Sterben verurteilt würde. Allein Gott und nicht der Mensch ist der Herr über Leben und Tod! Wenn ein Staat die biologische Adoption der Embryonen gesetzlich genehmigen würde, würde er indirekt auch die Technik und Verfahren genehmigen, mit dem im Reagenzglas überzählige Embryonen entstehen, die dann eingefroren werden. Das Gesetz der Adoption des Embryos müsste ähnlich dem Gesetz der Adoption der geborenen Kinder sein. Ein solches Gesetz müsste die Möglichkeit der Schädigung des Fötus', die Geburt eines missgebildeten Kindes und ähnliches einschliessen.

Also viele Gründe erlauben es der Kirche noch nicht, eine endgültige Stellung zu beziehen.

Wenn sie die Adoption des Embryos genehmigen würde, würde sie indirekt auch die Technik der Produktion von Embryonen genehmigen, ihr Einfrieren. Dann würde sie stillschweigend dem genetischen Engineering zustimmen und Schuld auf sich laden, insbesondere bei der Selektion der Embryonen vor der Implantation in den Mutterleib. Ein solches Recht hat der Mensch nicht. Das hat die Kirche mehrere Male klar und deutlich gesagt.

Gibt es also eine Lösung? Für jetzt gibt es nur eine: Auf der Ebene der staatlichen Gesetzgebung über die übergroße Verantwortung, die Produktion der menschlichen Embryonen mit sich trägt, erneut nachzudenken. Das gilt auch für ihr Einfrieren, ihren Verkauf, ihre Verwendung zu kosmetischen Zwecken usw. Mit diesen und ähnlichen Techniken und Verfahren mit dem menschlichen Embryo ist der Mensch wirklich in die „Sackgasse“ geraten.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins: Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 260-263)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.