"Das erstaunliche Leben des Walter Mitty | The Secret Life of Walter Mitty"

Film des Regisseurs und Darstellers Ben Siller beschreibt eine Weltreise, die der Held macht, um eigentlich zu sich selbst zu kommen

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 502 klicks

Walter Mitty (Ben Stiller) könnte als Paradebeispiel für einen langweiligen, durchschnittlichen Menschen mit einem überaus grauen Alltag gelten. Durchschnittlich nimmt sich seine einfallslos eingerichtete Wohnung auf einem nichtssagenden langen Flur in einem riesigen Wohnkasten aus. Eintönig auch seine Tätigkeit: Der stets grau in grau gekleidete Mitty arbeitet im Archiv der Zeitschrift „Life!“ Dazu Steven Conrad, Drehbuchautor von „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“: „Er ist von den bedeutendsten Bildern unserer Zeit umgeben. Er hat, wenn man so will, alles gesehen, was weltweit passiert ist – nur ihn sieht niemand“. Walter Mitty wird nicht nur von seinen Mitmenschen und insbesondere von seinen Kollegen, regelmäßig übersehen. Sogar das Internet stellt sich gegen ihn: Um den Kontakt zu seiner reizenden neuen Kollegin Cheryl (Kristen Wiig) herzustellen, hat sich Walter auf der Partnerbörse „eHarmony“ angemeldet. Das Online-Programm weigert sich aber, seinen Befehl auszuführen: Cheryl eine Nachricht zu schicken.

Um diesem grau-grausamen Alltag zu entfliehen, driftet Walter Mitty hin und wieder in Tagträume ab. In seiner Traumwelt, wenn er alles um ihn herum vergisst, wird er zum Helden, der etwa aus einem brennenden Haus einen Hund spielerisch befreit. In seine Tagträume schleicht sich regelmäßig Cheryl ein, die er dann heldenhaft aus schlimmsten Gefahren rettet. Bald wird sich Walter aber die Gelegenheit bieten, im wirklichen Leben Heldentaten zu vollbringen. Denn dem Magazin stehen Veränderungen ins Haus: Manager Ted Hendricks (Adam Scott) soll aus dem Print- ein Online-Magazin machen – und dafür eine ganze Reihe Mitarbeiter entlassen. Cheryl steht übrigens ganz oben auf der Abschussliste, weil sie erst seit kurzem bei „Life!“ arbeitet. Für die letzte Print-Ausgabe liefert Star-Fotograf Sean O’Connell (Sean Penn) ein Foto-Negativ, das er von irgendwoher geschickt hat. Ausgerechnet dieses eine Negativ kann Walter aber nicht finden, so dass er versuchen muss, den Fotografen ausfindig zu machen, was sich aber als kein leichtes Unterfangen erweist. Denn O’Connell ist ständig in der ganzen Welt unterwegs, um in Krisen- und sonstigen gefährlichen Gebieten exklusiv für das Magazin zu fotografieren, womit er in der Realität ein ähnliches Leben wie Walter in seiner Traumwelt führt. Angespornt von Cheryl, macht sich Walter schließlich auf die Suche nach O’Connell, womit er endlich die Abenteuer erlebt, in die er sich bislang lediglich hineingeträumt hatte.

Obwohl sich das Drehbuch von Steven Conrad teilweise repetitiv ausnimmt und der Film nicht immer einen gleichmäßigen Rhythmus findet, überzeugt der allmähliche Übergang von der Traumwelt in die Wirklichkeit, den der Regisseur (Hauptdarsteller Ben Stiller selbst) schafft. Denn Walter kann diese zwei Ebenen erst nach und nach auseinanderhalten. Besonders gelungen ist Kameramann Stuart Dryburgh die Umsetzung dieses Übergangs in die Bildersprache. Erinnert beispielsweise die Inszenierung zunächst an Marc Forsters „Schräger als Fiktion“ (2006) durch die Vermischung der zwei Ebenen, so findet Stuart Dryburgh in der eigentlichen Haupthandlung großartige Naturaufnahmen aus den Regionen, wohin Walters Reise ihn führt, die mit interessanten Bildeinfällen verknüpft werden. Diese Bilder werden darüber hinaus durch die wunderbare, teilweise erhabene Filmmusik von Theodore Shapiro unterstützt. 

Regisseur Ben Stiller setzt darüber hinaus wohldosiert lustige Elemente ein. Dazu gehört etwa die äußere Erscheinung der die Firma abwickelnden Manager mit komischem Vollbart, der kaum zum unvermeidlichen dunklen Anzug passen mag, oder auch ein „Running Gag“ in den Telefonaten, die Walter mit dem Systemadministrator der Partnerbörse „eHarmony“ immer wieder führt. Zeigt dieser zunächst kaum Interesse am langweiligen Leben Walters, so nimmt er immer mehr Anteil an den aufregenden Abenteuern, von denen Walter in den nächsten Anrufen erzählt. Ein weiterer Pluspunkt sind die Darsteller: Abgesehen von Ben Stiller, der Walter Mitty weitaus zurückgenommener als seine letzten Rollen verkörpert, und Kristen Wiig, die sowohl Cheryl als auch Walters Angebetete in seinen Träumen mit schlafwandlerischer Sicherheit spielt, besetzte Regisseur Stiller die Nebenrollen mit erfahrenen und erstklassigen Schauspielern, etwa mit Sean Penn als Star-Fotograf Sean O’Connell und Shirley MacLaine als Walters Mutter.

Wie so oft im Kino beschreibt „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ eine Weltreise, die der Held macht, um eigentlich zu sich selbst zu kommen. Basierend auf einer 1939 im „The New Yorker“ veröffentlichten Kurzgeschichte des Schriftstellers James Thurber, die bereits 1947 mit dem Titel „Das Doppelleben des Herrn Mitty“ verfilmt wurde, schildert Stillers Film die Geschichte eines durchschnittlichen Menschen, der von allen übersehen wird, der aber durch die heldenhaften Taten, zu denen er gezwungen wird, eines entdeckt: Dass sein scheinbar eintöniges Leben in der zweiten Reihe dazu führt, dass andere im Rampenlicht stehen können. Dazu passt sowohl die liebevolle Art, wie sich Walter um seine Mutter kümmert, als auch die Kritik, die „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ an der Technisierung des Lebens in Form der Umwandlung eines Traditionsmagazins in eine Online-Zeitschrift übt.

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Filmische Qualität: Vier Sterne     
Regie: Ben Stiller
Darsteller: Ben Stiller, Kristen Wiig, Adam Scott, Sean Penn, Shirley MacLaine, Patton Oswalt
Land, Jahr: USA 2013
Laufzeit: 111 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 1/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.