Das erste Jahr von Papst Franziskus in den Worten von Pater Lombardi (Erster Teil)

Pressesprecher des Vatikans erzählt die wichtigsten Ereignisse vom Amtsverzicht Benedikts XVI. bis heute

Rom, (ZENIT.org) Wlodzimierz Redzioch | 541 klicks

Vor einem Jahr verzichtete Papst Benedikt XVI. auf sein Amt als Nachfolger Petri. Das Klima in der Römischen Kurie war beschwert durch die Skandale um den Missbrauch von Minderjährigen und den Verrat des päpstlichen Kammerdieners. Die Vorbereitungen auf das Konklave und die überraschende Wahl des ersten nichteuropäischen Papstes der Geschichte führten dazu, dass eine so große Anzahl an Journalisten nach Rom kam, wie man sie seit dem Tod von Johannes Paul II. nicht mehr gesehen hatte.

Wochenlang musste Pater Federico Lombardi, der Leiter des vatikanischen Presseamtes, die Fragen von etwa sechstausend Journalisten beantworten.

In dieser Zeit großer Verunsicherung fiel dem Pressesprecher des Vatikans die schwere Aufgabe zu, den Journalisten aus aller Welt zu erklären, was die Ereignisse wirklich bedeuteten. Ereignisse, die in die Geschichte der Kirche und der Welt eingehen werden.

Um uns ein Bild davon zu machen, was sich in diesem Jahr alles zugetragen hat, haben wir Pater Lombardi um ein Interview gebeten.

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Vor einem guten Jahr schien die Lage katastrophal zu sein. Echte und erfundene Skandale wurden von den Medien mit einer bisher unbekannten Aggressivität verbreitet und vergrößert. Verleumdungen, Verdächtigungen, Spekulationen… Wie sind Sie als Pressesprecher des Vatikans mit dieser Situation umgegangen?

Pater Lombardi: Die Medien sind nicht immer in der Lage, gewisse Situationen objektiv zu beurteilen. Es war eine emotional negative Einstellung entstanden, die dazu führte, dass allen negativen Berichten mehr Wert beigemessen wurde als den positiven. Man betrachtete die Kirche mit Argwohn. Ein Teil des Pontifikats Benedikts XVI. ist von gravierenden Ereignissen gezeichnet gewesen. Der Skandal um den sexuellen Missbrauch Minderjähriger seitens einiger Priester hatte schwere Schatten auf die Kirche geworfen. Eine Tatsache, die umso trauriger ist, wenn man bedenkt, dass das Pontifikat Benedikts XVI. sich durch große Konsequenz und Mut im Umgang mit diesem Problem auszeichnet; es hat in Wahrheit die Voraussetzungen für eine Läuterung geschaffen. Hinzu kamen noch die inneren Probleme mit dem Nachrichtenleck aus dem Vatikan. Das hat das öffentliche Image des Vatikan auf völlig unangemessene Weise belastet. Ich will nicht leugnen, dass Fehler gemacht worden sind, doch man hat verallgemeinert und ein negatives Licht auf den ganzen Vatikan und auf Menschen geworfen, die dem Papst und der Kirche immer treu gedient haben. Der dramatische Vorfall des Verrats durch den Kammerdiener hat von sich aus schon für viel Trauer und Verlegenheit gesorgt.

Der Skandal um die Veruntreuung vertraulicher Dokumente hat einen Menschen betroffen, den im Vatikan jeder kannte und der dem Heiligen Vater sehr nahe stand. Mit welchen Gefühlen haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass Paolo Gabriele den Papst verraten hatte?

Pater Lombardi: Paolo Gabriele hat vor Gericht ausgesagt, er habe einen Beitrag zur Läuterung der Spannungen innerhalb der römischen Kurie leisten wollen. Er habe geglaubt, indem er vertrauliche Dokumente kopiere und nach außen weitergebe, könne er ein heilsames Wachrütteln bewirken. Erst mit der Zeit habe er gemerkt, dass diese Vorgehensweise falsch war. Er hat auf schwerwiegende Weise das Vertrauen des Papstes ausgenutzt. Ich will kein persönliches Urteil über das Verhalten Gabrieles abgeben. Seine Tat fällt in den Kontext der Diskussionen um die Verwaltung des Governatorats der Vatikanstadt nach dem Amtsantritt von Msgr. Carlo Maria Viganò. Ein weiteres heikles Thema war das der Vatikanbank IOR und der wirtschaftlichen und finanziellen Aktivitäten des Vatikans. Um diese Probleme zu verstehen, muss man die dazugehörigen technischen Seiten kennen. Es ist nur recht und billig, dass in der Öffentlichkeit darüber diskutiert wird; leider jedoch haben die Medien sehr einseitig negativ berichtet.

In der Tat haben die Medien damals den Vatikan stark kritisiert und behauptet, er habe undurchsichtig gehandelt und viele Kommunikationsfehler begangen. Was halten Sie von diesen Vorwürfen?

Pater Lombardi: Die Tatsache, dass Paolo Gabriele hunderte von Dokumenten an einen Journalisten weitergeleitet hat, hat nichts mit der Kommunikationsfähigkeit des Vatikans zu tun! Solche Dinge passieren leider überall und können durch keine noch so gute Kommunikation entschärft werden. Natürlich ist jedes System verbesserungsfähig; aus diesem Grund hat das Staatssekretariat das Amt eines Ratgebers für Kommunikationsfragen eingeführt, das mit der Person Greg Burkes besetzt wurde. Es ist sehr wichtig, dass eine Verbindung zwischen der Regierung, den Entscheidungen, der Vorbereitung der Dokumente und der Mitteilung an die Öffentlichkeit besteht. Dadurch wird gewährleistet, dass während die Dokumente noch in Vorbereitung sind schon darüber nachgedacht wird, wie man sie der Öffentlichkeit vorstellen soll. So sieht sich das Presseamt nicht mehr der Aufgabe gegenüber, Entscheidungen und Dokumente mitteilen zu müssen, die aus heiterem Himmel fallen, wie es im Fall der Aufhebung der Exkommunikation für die Piusbrüder geschah. Seit Greg im Staatssekretariat ist, bin ich ruhiger; außerdem kann ich auf jemanden bauen, der die amerikanischen Medien gut kennt.

Für den 11. Februar 2013 hatte Benedikt XVI. ein Konsistorium einberufen. Niemand konnte ahnen, was sich an diesem Tag ereignen sollte. Wie haben Sie die Nachricht vom Amtsverzicht des Papstes aufgenommen?

Pater Lombardi: Ich wiederhole es oft und stoße dabei immer wieder auf Unglauben: Für mich kam sein Amtsverzicht weder besonders schockierend noch besonders unerwartet. Nicht, dass ich lange im Voraus darüber informiert gewesen wäre. Aber wer Benedikt XVI. aus der Nähe kannte und ihn aufmerksam beobachtete, wusste, dass er versuchte, sich Klarheit über seine schwindenden Kräfte zu verschaffen. Dass er zu einer solchen Entscheidung gelangen konnte, lag im Bereich des Denkbaren. Er hatte schon Jahre vorher in seinem Buchinterview mit Peter Seewald über diese Möglichkeit gesprochen. Im Buch „Licht der Welt“ erklärt Benedikt XVI. ausdrücklich, dass ein Papst unter gegebenen Umständen nicht nur die Möglichkeit, sondern sogar die Pflicht habe, auf sein Amt zu verzichten. Ich habe jene Augenblicke mit großer Ruhe erlebt und zu erklären versucht, aus welchen Gründen der Heilige Vater sich zu diesem Schritt entschlossen hatte. Diese Gründe sind meiner Ansicht nach alle in den Worten enthalten, die Benedikt XVI. vor dem Konsistorium verlesen hat.

Ab 12.30 Uhr des 11. Februar haben Sie sich den Fragen hunderter von Journalisten aus aller Welt stellen müssen. Obendrein war diese Situation neu, noch nie dagewesen. Wie sind Sie damit klar gekommen?

Pater Lombardi: Es war wichtig, nicht nur die Gründe für den Rücktritt zu erklären, sondern auch mitzuteilen, was in den letzten Tagen des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. geschehen sollte. Ich musste auch erklären, was „Sedisvakanz“ bedeutet. Dann kamen die Kongregationen vor dem Konklave und schließlich das Konklave selbst. Ich habe versucht, diese Etappen mit einer gewissen Ordnung zu beherrschen, um ein besseres Verständnis der Ereignisse herbeizuführen.

Wer sind Ihre Ansprechpartner innerhalb der Kurie gewesen?

Pater Lombardi: Die schwerste Arbeit jener Tage bestand für mich darin, immer die richtigen Quellen zu finden, um die Fragen, die mir von den Journalisten gestellt wurden, korrekt zu beantworten. Bis zum 28. Februar war das der Staatssekretär; danach hat Kardinal Tarcisio Bertone die Rolle des Camerlengo übernommen. Andere Informationsquellen waren für mich der Dekan des Kardinalskollegiums, der Vizestaatssekretär, der Sekretär des Governatorats, die Gendarmerie, die Präfektur des Päpstlichen Hauses, die juristischen Schriften, die Historiker, besonders die Experten über Geschichte des Konklaves. Oft habe ich den Journalisten sagen müssen: „Im Moment kann ich diese Frage nicht beantworten, aber morgen werden Sie eine Antwort erhalten.“ Nach der Pressekonferenz musste ich dann die richtigen Leute finden, die mir Klarheit verschaffen konnten. Eine große Hilfe sind für mich auch Pater Thomas Rosica CSB für die englischsprachigen Journalisten und Msgr. José Maria Gil Tamayo für die spanischsprachigen gewesen.

[Der zweite Teil des Interviews mit Pater Federico Lombardi folgt morgen, am Dienstag, dem 4. März]