Das erste Jahr von Papst Franziskus in den Worten von Pater Lombardi (Zweiter Teil)

Pressesprecher des Vatikans erzählt die wichtigsten Ereignisse vom Amtsverzicht Benedikts XVI. bis heute

Rom, (ZENIT.org) Wlodzimierz Redzioch | 335 klicks

[Der erste Teil des Interviews mit Pater Federico Lombardi erschien gestern, am Montag, dem 3. März]

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Wie beurteilen Sie die Arbeit der Medien, die vor dem Konklave über die Chancen verschiedener Kardinäle spekuliert haben, zum Papst gewählt zu werden?

Pater Lombardi: Im vatikanischen Presseamt treffe ich Journalisten mit sehr unterschiedlichem Charakter und Auftreten. Es sind sehr seriöse Menschen darunter, die mit Objektivität nach der Wahrheit suchen. Aber man findet auch weniger professionelle Journalisten, die voller Vorurteile sind und oft auch eine sehr negative Einstellung zur Kirche mitbringen. Manche davon setzen die Informationen gezielt für den Zweck ein, die Kirche in ein schlechtes Licht zu stellen. Ich lasse mich von solchen Leuten nicht einschüchtern, sondern versuche immer objektiv zu bleiben. Ich tue mein Bestes, um allen zu helfen, die Ereignisse zu verstehen, damit sie ihre Arbeit gut machen können. Danach ist jeder verantwortlich für das, was er schreibt.

Sie sind Jesuit. Was haben Sie gedacht, als Sie erfahren haben, dass der einzige am Konklave teilnehmende Jesuit zum Papst gewählt worden war? Kannten Sie ihn?

Pater Lombardi: Ich kannte ihn nicht. Ich war ihm ein einziges Mal begegnet, und zwar auf der Generalversammlung der Jesuiten, die Pater Hans-Peter Kolvenbach zum Generaloberen wählte. Damals vertrat Bergoglio Argentinien und ich Italien. Doch wir haben bei dieser Gelegenheit nicht miteinander gesprochen. Dann ist Pater Bergoglio Bischof geworden und hat fortan nicht mehr aktiv am Leben der Gesellschaft Jesu teilgenommen.

Gibt es in der Handlungsweise des Heiligen Vaters etwas, das typisch für die Tradition des Jesuitenordens ist?

Pater Lombardi: Als Jesuit sehe ich in Papst Franziskus vieles, was der Spiritualität und der Lebenseinstellung der Gesellschaft entspricht. Zum Beispiel in seinen Homilien in Santa Marta, wenn er jedes Zitat aus dem Evangelium gleich mit dem konkreten Leben verbindet. Diese Einstellung erinnert mich stark an die Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola. So wie auch die Spiritualität, die den Herrn kontempliert und dann versucht, die Worte des Evangeliums in den Alltag umzusetzen. Das Denken der Jesuiten zeichnet sich dadurch aus, dass jeder immer versucht, den Willen Gottes zu erkennen und danach zu handeln. Auch der einfache Lebensstil ist typisch. Der Papst führt ein sehr schlichtes Leben, fern von äußerem Prunk und Glanz: Das stimmt gut mit dem Geist der Jesuiten überein.

Durch die Wahl von Papst Franziskus hat sich auch die Einstellung der Medien zum Vatikan grundlegend verändert. Worin liegt das Geheimnis seines kommunikativen Erfolgs, der ihm die Sympathie der Menschen und auch der Medien gewinnt?

Pater Lombardi: Er spricht eine andere Sprache; ich meine nicht nur seine Wortwahl, sondern auch seine Gesten und sein Verhalten. Papst Franziskus bringt es fertig, die Herzen der Menschen zu berühren und alle Grenzen und Barrieren zu überwinden. Das Herz dieser neuen Sprache ist die Verkündigung, dass Gott alle liebt, das Thema der Barmherzigkeit und Vergebung für alle. Vor ihm war in den Medien das Vorurteil verbreitet, dass die Kirche zu allem Nein sagt und fern von den Problemen der Menschen ist. Papst Franziskus ist es gelungen, dieses Vorurteil auszuräumen.

Welche Art von „Problemen“ bereitet dem Leiter des Presseamtes ein Papst, der viel frei spricht, gelegentlich ein ungeplantes Interview gibt und mit vielen Menschen private Kontakte pflegt, auch über Telefon?

Pater Lombardi: Er bereitet mir damit ähnliche Probleme, wie er sie dem Sicherheitsdienst bereitet, wenn er unbedingt unter die Menschen will und das Fahrzeug mit den schusssicheren Scheiben ablehnt. Wir stehen im Dienst des Papstes und müssen uns auf seinen Stil einstellen, auf seine Wesensart und Kommunikationsmethode. Meine Aufgabe ist es, zu verstehen, wie ich ihm bei der Kommunikation nützlich sein kann. Wenn der Papst spricht, Interviews gibt oder mit jemandem telefoniert, habe ich nichts damit zu tun; ich greife nur ein, wenn es ein Problem gibt oder etwas erklärt werden muss.

Papst Franziskus ist erst ein Jahr lang in Amt, und schon hat die Zeitschrift „Time“ ihn zum „Mann des Jahres“ ernannt. Wie würden Sie diese Wahl kommentieren?

Pater Lombardi: Der Heilige Vater strebt gewiss nicht nach Erfolg und Popularität. Einmal hat er zu den Menschen, die ihm zujubelten, gesagt: „Ruft nicht: ‚Es lebe der Papst!‘, sondern: ‚Es lebe Jesus!‘“. Trotzdem wird der Papst sich freuen, dass die „Time“ ihn zum „Mann des Jahres“ ernannt hat, denn auch das trägt dazu bei, die Mission und die Botschaft der Kirche den Menschen näher zu bringen. Etwas anderes interessiert den Heiligen Vater nicht.

Gibt es einen besonderen Rat, den Sie gerne an die Journalisten richten möchten, um die Kommunikationsarbeit zu verbessern, besonders wenn es um den Papst, die Kurie und die Kirche im Allgemeinen geht?

Pater Lombardi: Was den Journalisten oft fehlt, ist ein Gespür für die Mission der Kirche und die Absichten ihrer Vertreter, inklusive des Papstes. Oft werden die Ereignisse in einem Licht interpretiert, das dem Wesen der Kirche fremd ist, zum Beispiel in einem politischen oder wirtschaftlichen Licht. Dann sieht man in der Kirche nichts anderes mehr als Machtkampf und Geldinteressen. Das war zum Beispiel zur Zeit des Vatileaks-Skandals der Fall. Wenn man die Ereignisse jedoch wirklich verstehen will, dann muss man die Beweggründe und Ziele erkennen, die hinter den Entscheidungen und Aktionen der Kirche stehen. Das gilt auch für Nichtgläubige. Zum Beispiel sehen viele hinter dem Kampf, den die Kirche gegen sexuellen Missbrauch führt, nur eine Maßnahme, um sich gegen Angriffe von außen zu schützen, um das Image der Kirche zu retten. In Wirklichkeit jedoch handelt es sich um ein Streben nach mehr Einklang mit dem Evangelium, nach innerer Erneuerung, nach Reinigung.

Um bei diesem Thema zu bleiben: Viele Journalisten sehen in der Erneuerung der Kurie nichts weiter als eine politische Reform. Was können Sie darüber sagen?

Pater Lombardi: Es ist dem Papst gelungen, der Öffentlichkeit klar zu machen, dass es die Kirche gibt, damit sie den Menschen verkünde, dass sie geliebt werden. Deshalb ist die Neuordnung der Kurie eine Nebensache: Sie dient der Kirche, damit diese das Evangelium besser verkünden kann, nicht nur im Vatikan, sondern auch in den Diözesen und in der Peripherie der Kirche. Die Zentralverwaltung ist nicht dazu da, um über die Kirche zu herrschen, sondern um ihr zu dienen und zu helfen: Das ist das Ziel der Reform.