"Das Evangelium von der Familie"

Einige Überlegungen zum Referat vom Kardinal Walter Kasper über Ehe und Familienpastoral

Rom, (ZENIT.org) Norbert Martin, Renate Martin | 831 klicks

Nun liegt das Referat von Kardinal Kasper in Buchform vor, das er Ende Februar vor dem außerordentlichen Konsistorium der Kardinäle gehalten hat.

Seine Ausführungen sollten eine theologische Grundlage geben und eine theologisch begründete pastorale Diskussion einleiten für den Weg auf die im Herbst 2014 und dann 2015 stattfindende Bischofssynode mit dem Thema „Pastorale Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung“.

Im Vorwort betont der Autor, dass drängende pastorale Fragen nur im Gesamtzusammenhang des Evangeliums als einer Frohbotschaft  behandelt werden können und seine Absicht nicht sei, Antworten der Synode vorweg zu nehmen. Vielmehr wolle er nur Fragen anstoßen und Grundlagen dafür bereitstellen.

Diese werden im ersten Teil kenntnisreich und ansprechend dargelegt. Es ist eine stringente Kurzfassung zur katholischen Ehelehre, in die wesentliche Dokumente der Kirche eingeflossen sind (2. Vatikanisches Konzil, Familiaris consortio, Kathechismus der Katholischen Kirche u. a.). – Erstaunlicher Weise tauchen nirgends die bahnbrechenden Mittwochskatechesen von Papst Johannes Paul II. auf, die er von 1979 bis 1984 gehalten hat und die unter dem Titel „Theologie des Leibes“ veröffentlicht sind – erstaunlich deshalb, weil in ihnen eine wunderbare, positive und „erlösende“ Behandlung gerade auch des Eros und der menschlichen Sexualität vorliegt, die jede der Kirche so oft vorgeworfene Prüderie Lügen straft.

Eindrucksvolle Worte findet der Autor über die Bedeutung des Glaubens für die Ehe als Sakrament und als Grundlage für ein christliches Familienleben. Die Tatsache, dass wir heute in einem säkularen Umbruch stehen, in dem viele Brautleute als „getaufte Heiden“ ohne entsprechenden Glauben das Ehesakrament von der Kirche begehren, fordert einen radikaler Neuanfang der Ehepastoral, um späteren Scheidungen zuvor zu kommen.

Von der Familie in der Schöpfungsordnung über eine realistische Darstellung der „Strukturen der Sünde“ im Familienleben und der Wiederherstellung der ursprünglichen Idee von Ehe und Familie durch Christus führt der Gedankengang zur Familie als Hauskirche.

Die zweite Hälfte des Buches ist ganz dem Problem der wiederverheirateten Geschiedenen gewidmet. Dazu liefern die Worte des Apostels Paulus im Epheser- und Galaterbrief und ihre Interpretation durch das 2. Vatikanische Konzil sowie durch Papst Johannes Paul II. in Familiaris consortio die Matrix. Denn wenn der sakramentale Ehebund von Mann und Frau, in dem sie „ein Fleisch“ werden, ein Realsymbol für den in Christus erfüllten Bund Gottes mit seinem Volk, ein Realsymbol des Verhältnisses Christi zu seine Kirche, ja sogar eine realsymbolische Darstellung der innertrinitarischen communio ist (S. 40), dann wird das Wort Christi sofort einsichtig: „Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen“.

Auf diesem Hintergrund nun steht die Kirche angesichts der drängenden pastoralen Probleme, besonders der stetig anwachsenden Welle der Ehescheidungen, vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Dabei ist „keine Lösung neben oder entgegen dem Wort Jesu möglich“ (S. 55).

Aufgabe der Synode sei es nun, in Treue zur bisherigen Lehre der Kirche, aber mit der Barmherzigkeit des Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht, nach neuen und bisher auch nicht genügend bedachten Wegen zu suchen, um das Problem einer Klärung zuzuführen, besonders hinsichtlich der Zulassung zu den Sakramenten der Buße und der Eucharistie.

Die kenntnisreichen und differenzierten Überlegungen von Kardinal Kasper können hier nicht in allen Facetten und subtilen Ausführungen dargelegt werden, in denen er auch die geschichtliche Entwicklung des Problems bis heute beleuchtet.

Zusammengefasst werden aber folgende Positionen deutlich:

1. Eine generelle Lösung der Frage für alle Fälle ist nicht möglich. Jeder Fall stellt eine individuelle Situation dar, die eine sorgfältige Unterscheidung verlangt.

2. Eine Problemlösung scheint numerisch nur in einer geringen Anzahl spezieller Fälle möglich; es gibt also keine Lösung der großen Zahlen.

3. Eine autonome Entscheidung betroffener Eheleute nur aufgrund ihrer subjektiven Gewissensüberzeugung über die Ungültigkeit ihrer Ehe ist nicht möglich. (Damit scheint eine Lösung nach der umstrittenen „pastoralen Handreichung“ der Erzdiözese Freiburg obsolet).

4. Der gerichtliche Instanzenweg der Ungültigkeitsverfahren des Kircherechts hat sich geschichtlich entwickelt und kann sich weiterentwickeln. Wäre es möglich – so fragt der Autor -, dass neben einer generellen Vereinfachung und Beschleunigung der Verfahren auch ein Vorgehen treten kann derart, dass in Fällen, wie in 3. dargelegt (subjektive Gewissensüberzeugung), andere mehr geistliche und pastorale Verfahren treten könnten, z. B. durch die Begleitung eines theologisch besonders qualifizierten und pastoral erfahrenen Priesters als Pönitentiar, der vom Bischof eigens für solche Fälle ernannt wird?

5. Gäbe es vielleicht neue Möglichkeiten, auch bei gültigen, vollzogenen Ehen, die zivil geschieden wurden, Wiederverheirateten den Sakramentenzugang zu ermöglichen? Könnte man dafür auf die (umstrittene) kanonische Bußpraxis der frühen Kirche (s. Origenes, Basilius, Gregor von Nazianz, an satzweise auch bei Augustinus) zurückgreifen, die bei aller vorsichtigen Interpretation der Texte zwar keine zweite Ehe, aber die Teilnahme an der Kommunion zu erlauben scheinen und so aus pastoralen Gründen und - um Schlimmeres zu verhüten – „dulden was unmöglich ist“ (S. 63). Denn: „Der Weg der Vergebung ist für Umkehrende möglich – wenn für Mörder, dann auch für Ehebrecher.“ Und so stellt der Autor die entscheidende Frage: „Ist dieser Weg . . . auch der Weg, den wir gehen können“?

Es folgt die Aufzählung von sechs Bedingungen, unter denen dem Autor eine Zulassung zu den Sakramenten nach einer Bußzeit möglich erscheint (S. 65).

Aber auch dieser Weg wäre nur für einen kleinen Teil derer möglich, die an den Sakramenten ehrlich interessiert sind. Voraussetzungen dazu sind für Kardinal Kasper die Kunst der discretio (geistliche Unterscheidungsfähigkeit) und der Epikie (pastorale Klugheit und Weisheit, ein Weg der verantworteten Mitte und des rechten Maßes im Einzelfall).

Diesen Entwurf einer Lösung abschließend, äußert der Autor die Hoffnung, dass die kommende Synode auf diesem Weg eine Antwort finden wird.

Nach dem Schlusskapitel folgen noch zwei Exkurse.

Im ersten Exkurs wird erklärt, dass es bei der kirchlichen Hochzeit heute vielen nur um das festliche Ambiente gehe. Deshalb müsse man vor der kirchlichen Trauung eine gründliche Katechese einführen.

Im zweiten Exkurs nennt der Autor drei Punkte:

1. Niemand stellt die Unauflöslichkeit in Frage. Aber man muss das Wort Jesu im Gesamtzusammenhang seiner Botschaft vom Reich und von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes sehen. Dabei sei die Barmherzigkeit das hermeneutische Prinzip für die Auslegung der Wahrheit.

2. Nochmals wird die Methode der Epikie als Lösung für einzelne Fälle, nicht für die breite Masse, erläutert.

3. Die Synode wird nicht alle Erwartungen erfüllen können. Aber wenn sie nur alte Antworten wiederholen würde, könnte das zu schlimmen Enttäuschungen führen. Deshalb sollte sie die Tür wenigstens einen Spalt weit öffnen und ein Signal der Hoffnung geben, sonst wird die Situation nachher schlimmer sein als vorher.

In einem Nachwort „Was können wir tun?“ ermutigt der Autor zu einer Lösung der kleinen Schritte. Ein Schritt besteht in der Erneuerung einer pastoralen Spiritualität unter Einbezug einer klugen Epikie. In einem weiteren Schritt müssten die vorgelegten anthropologischen und geistlichen Überlegungen institutionell umgesetzt werden. Und schließlich sollte die Synode den Zwiespalt zwischen der offiziellen Lehre und der davon abweichenden und stillschweigend angewandten Praxis lösen.

Nach der Lektüre drängen sich viele Fragen und Probleme auf, von denen hier nur wenige angesprochen werden können, wobei die theologische Dimension zunächst hintangestellt wird:

- Kardinal Kasper stellt nicht (wie angekündigt) nur Fragen; seine Sympathie für z. T. weitgehende neue Lösungen wird in seinen Vorschläge an die Synode überall deutlich.

- Für die einen werden seine Lösungsvorschläge zu kurz gesprungen sein, für andere gehen sie zu weit. Das Buch wird mit Sicherheit zu kontroversen Diskussionen in der Öffentlichkeit führen.

- In der momentanen Polarisierung ist es gut, dass die Probleme nicht unter der Decke bleiben, sondern offen gelegt werden, damit die dafür verantwortliche Instanz – die Synode und zuletzt der Papst – zu einer klärenden Entscheidung kommt und (hoffentlich) wieder eine Beruhigung eintritt.

- Wie will die Kirche es schaffen, dass bei der institutionellen Umsetzung neuer Lösungen nicht wieder ähnliches passiert wie bei Humanae vitae 1968: dass dialektische Interpretationen (s. „Königsteiner Erklärung“) und ein „vorauslaufender Gehorsam“ ein Türchen für angebliche Einzelfälle öffnet, durch die sich dann in Folge die Mehrheit der Herde davon macht?

- Man muss die Frage stellen, ob - umgekehrt wie es der Autor vorschlägt – nicht die Wahrheit das hermeneutische Prinzip für die Barmherzigkeit darstellt. Denn Wahrheit gibt es nur im Singular, Barmherzigkeit aber hat viele Formen.

- Müsste ein verlassener Ehepartner, der sich treu und redlich an die Weisungen der Kirche gehalten und nicht wieder geheiratet hat, sich nicht wie ein Dummkopf vorkommen, wenn er sähe, wie sein wiederverheirateter Partner von der Kirche vom Ehebruch faktisch freigesprochen wird?

- Der Autor spricht von einer kleinen Zahl, für die eine evtl. neue Lösung in Frage käme. Was wird die riesige Anzahl der anderen Geschiedenen, was werden die kritischen bis feindlichen Medien angesichts dieser „Privilegierten“ sagen?

- Wer die tiefer liegenden Ursachen der Scheidungen kennt, weiß von dem nicht seltenen untergründigen psychologischen Zusammenhang mit den verschiedenen Methoden chemischer und mechanischer Verhütung und auch Abtreibung. Müsste die Synode nicht auch diese Aspekte, die oft auf dem Weg zur Scheidung eine Rolle spielen, in den Blick nehmen?

- Überall wird die Erwartung einer generellen Lösung geschürt. Wenn nun „die Geburt einer Maus“ das Ergebnis wäre, was wird die Folge der riesigen Enttäuschung bei den Gläubigen und den Medien sein?

- Die hier angesprochenen Fragen (Epikie, evtl. Übernahme der oikonomia-Praxis der Ostkirche u. a.) wurden auch schon auf der Synode 1980 breit diskutiert. Die Entscheidung war ablehnend und fiel mit überwältigender Mehrheit dagegen und für die Beibehaltung der geltenden Regelung aus. Zuletzt wurde diese Position 2007 in „Sacramentum caritatis“ Nr. 29 nochmals festgeklopft : „…, weil der Status und die Lebenslage (der wiederverheirateten Geschiedenen) objektiv jener Liebesvereinigung zwischen Christus und seiner Kirche widersprechen, die in der Eucharistie bedeutet und verwirklicht wird“. Auch die Schlusserklärung der südamerikanischen Bischöfe in Aparecida von 2007, die unter der Ägide von Kardinal Bergoglio formuliert wurde, schloss sich unmissverständlich dieser Regelung an. Geht man auf das 2. Vatikanische Konzil zurück, so findet man nichts anderes. Sollte die Synode tatsächlich wesentliche Änderungen vorschlagen, so kann man auf deren theologische und pastorale Legitimierung gespannt sein.

- Und schließlich: was würde de facto von der Unauflöslichkeit der Ehe bleiben? 

Norbert und Renate Martin sind Mitglieder des Päpstlichen Rates für die Familie.

Mit der freundlichen Genehmigung von „Die Tagespost

*

Bei ZENIT veröffentlichte Gastartikel und -Kommentare geben die Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht unbedingt mit der Ansicht der Redaktion übereinstimmen muss.