Das Fastentuch

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Von Britta Dörre

ROM, 2. April 2012 (ZENIT.org). - Das Fastentuch, auch Palm- oder Hungertuch genannt, ist ein großes Leinentuch, das während der Fastenzeit vor dem Chor oder dem Hochaltar gespannt wird.

In schachbrettartiger Anordnung sind darauf häufig Szenen aus der Passion aufgebracht. Die ersten Fastentücher gehen auf das 10. und 11. Jahrhundert zurück. In Deutschland ist das „velum quadragesimale“ seit der Mitte des 14. Jahrhunderts bekannt. Die Blütezeit waren das 15. und 16. Jahrhundert. Vereinzelt wurde es noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts verwendet.

Die im Abendland eigentlich nicht übliche Verhüllung des Altars hängt wohl mit der Bußdisziplin zusammen. In mittelalterlichen Texten werden als Gründe für die Altarverhüllung, die Unwürdigkeit des Menschen genannt, Gott zu schauen, die Verdemütigung Christi und das Zurücktreten seiner Gottheit vor seiner gepeinigten Menschheit und die Erinnerung an das Velum vor dem Allerheilgsten des Tempels oder der Bundeslade, das beim Tod Christi zerriss (Mt. 15, 38; Mk. 15,38; Lk. 23, 45). 

Das Fastentuch wird meist am Mittwoch der Karwoche unter der Passionslesung (Lk. 23,45), stets aber vor dem Gottesdienst am Gründonnerstag abgenommen.

Anfänglich war die Gestalt der Fastentücher sehr schlicht gehalten. Der Altar wurde mit einem einfachen grauen oder dunklen Tuch verhüllt. Nach dem Mittelalter verwendete man ein kleineres Stoffstück, versah es  aber mit bildnerischem oder symbolischem Schmuck. Die Verzierung wurden entweder aufgestickt, mit Nadelarbeiten aufgebracht, oder sie bestand aus Malereien.

Man unterscheidet verschiedene Gruppen von Fastentüchern.

In Kärnten, der Steiermark und Tirol sind die Tücher zumeist aus 100 Quadraten zusammengesetzt und bemalt. Die sogenannten alpenländischen Tücher stellen Episoden aus dem Alten und Neuen Testament dar, die entsprechend der Typologie einander zugeordnet werden.

In Zittau (Sachsen) kann man im Museum „Kirche zum Heiligen Kreuz“ die sogenannte Zittauer Fastentücher bewundern. Das größere der beiden Tücher ist 8,20 Meter auf 6,80 m groß und wurde vor über 500 Jahren von einem unbekannten Künstler in Tempera gemalt. Es stellt in 90 Einzelszenen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament von der Erschaffung der Welt bis zur Auferstehung Christi dar.

Die Fastentücher der alemannischen Gruppe sind mit einer zentral angebrachten Kreuzigungsgruppe verziert, die von Passionsszenen begleitet wird. Ein Exemplar befindet sich heute noch in Freiburg im Breisgau, wo es regelmäßig in der Fastenzeit den Betrachter im Freiburger Münster einlädt, sich mit der Passion Christi und dem Osterereignis auseinanderzusetzen.

Die vierte Gruppe bilden schließlich die niederdeutschen-westfälischen Fastentücher. Eine Gruppe dieser Fastentücher ist in Filetstopfung gearbeitet und mit figürlichen Darstellungen verziert. Die andere Gruppe hingegen ist mit den Arma Christi und den fünf Wunden Christi ausgestaltet. Ein Exemplar aus dieser Gruppe wird in Marienbaum in Sankt Mariä Himmelfahrt aufbewahrt, wo es bis heute in der Fastenzeit vor dem Hochalter befestigt wird. Link hier.