Das Fleisch Christi berühren

Predigt von Papst Franziskus anlässlich der Kanonisierung der Märtyrer von Otranto und zweier aus Lateinamerika stammender Seliger

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 535 klicks

Am Vormittag des 12. Mai 2013, dem siebten Sonntag nach Ostern, vollzog der Heilige Vater Franziskus im Rahmen einer hl. Messe den Ritus der Heiligsprechung folgender Seliger: Antonio Primaldo und Gefährten (+1480), Märtyrer; Laura di Santa Caterina da Siena Montoya y Upegui (1874-1949), Jungfrau, Gründerin der Kongregation der Missionarinnen der unbefleckten Jungfrau Maria und der heiligen Katharina von Siena; Maria Guadalupe García Zavala (1878-1963), Jungfrau, Mitbegründerin der Ordensgemeinschaft der „Dienerinnen der heiligen Margarita Maria und der Armen“. Wir veröffentlichen im Folgenden den Text der Predigt des Papstes während des Heiligsprechungsritus in einer eigenen Übersetzung.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Mit großer Freude haben wir uns an diesem Sonntag der Osterzeit zu einer Feier der Heiligkeit versammelt. Wir danken Gott, der die Märtyrer von Otranto, Mutter María Guadalupe und Mutter García Zavalas in seiner Herrlichkeit der Liebe erstrahlen ließ. Ich grüße euch alle, die ihr aus Italien, Kolumbien, Mexiko und anderen Ländern zu diesem Fest gekommen seid und danke euch!

Lasst uns die neuen Heiligen im Lichte des verkündeten Wortes Gottes betrachten. Dieses Wort richtete an uns die Einladung zur Treue Christi, auch bis zum Martyrium; wir wurden an die Dringlichkeit und die Schönheit der Überbringung Christi und seines Evangeliums an alle Menschen erinnert; ebenso wurde das Zeugnis der Nächstenliebe hervorgehoben, ohne die selbst das Martyrium und die Mission ihren christlichen Geschmack verlieren.

In der Beschreibung des Diakons Stephanus, des Promärtyrers, in der Apostelgeschichte wird dessen „Erfülltsein vom Heiligen Geist“ betont (vgl. 6,5; 7,55). Was bedeutet das? Es bedeutet, dass er von der Liebe Gottes erfüllt war; dass der Geist des auferstandenen Christus sein gesamtes Menschsein und Leben beseelte und ihn zur Nachfolge Jesu in vollkommener Treue bis zur Selbsthingabe bewog.

Wir begehen heute mit der Kirche die Verehrung einer ganzen Schar von Märtyrern, die im Jahre 1480 gemeinsam zum höchsten Zeugnis des Evangeliums berufen wurden. Etwa 800 Überlebende der Belagerung und Invasion von Otranto wurden nahe dieser süditalienischen Stadt enthauptet. Sie hatten sich geweigert, ihren Glauben zu verleugnen und den Glauben nicht allein zu leben, sondern ihn mitzuteilen, „die Freude des Evangeliums mit dem Wort und dem Zeugnis des Lebens in alle Bereiche zu bringen, in denen wir uns vorfinden.“ Sie lehre, das Antlitz Jesu im anderen zu sehen und Gleichgültigkeit und Individualismus zu überwinden, der über die Grenze unseres menschlichen Blicks sehen und – wie der hl. Stephanus sagt   den jenseits des irdischen Lebens liegenden „offenen Himmel“ und den lebendigen Christus zu rechten des Vaters betrachten lässt. Liebe Freunde, bewahren wir den empfangenen Glauben, unseren wahren Schatz, und erneuern wir unsere Treue zum Herrn, auch inmitten von Hindernissen und Unverständnis. Gott wird es uns niemals an Stärke und Heiterkeit mangeln lassen.

Während wir die Märtyrer von Otranto verehren, bitten wir Gott um seine Unterstützung zahlreicher Christen, die gerade in dieser Zeit in vielen Teilen der Erde noch Gewalt erleiden. Möge er ihnen den Mut zur Treue geben, auf dass sie das Böse mit Gutem beantworten.

Der zweite Gedanke entspringt den Worten Jesu aus dem heutigen Evangelium: „Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“ (Joh 17,20). Die Heilige Laura Montoya wirkte zunächst durch ihre Tätigkeit als Lehrerin und später als geistliche Mutter der Eingeborenen als Werkzeug der Evangelisierung. Den indigenen Völkern vermittelte sie Hoffnung, indem sie sie in der von Gott erlernten Liebe aufnahm und sie in einer Pädagogik der Achtung ihrer Kultur, die sich dieser nicht entgegensetzte, zu ihm hinführte. In Anlehnung an die Worte des hl. Paulus war Mutter Laura in ihrem Werk der Evangelisierung „allen wahrhaftig alles“ (vgl. 1 Kor 9,22). Auch heute sind ihre geistlichen Töchter lebendig und übernehmen mit ihrer Überbringung des Evangeliums an die entlegensten und von der größten Not betroffenen Orte gleichsam eine Art Vorreiterrolle in der Kirche.

Diese erste in Kolumbien geborene Heilige ist uns ein Vorbild in Bezug auf die Großzügigkeit Gott gegenüber. Sie lehrt uns, den Glauben nicht allein zu leben, sondern ihn mitzuteilen, die Freude des Evangeliums mit dem Wort und dem Zeugnis des Lebens in alle Bereiche unseres Daseins zu bringen. Sie lehrt, das Antlitz Jesu im anderen zu sehen und Gleichgültigkeit und Individualismus, die zur Zersetzung unsere christlichen Gemeinschaften und unserer Herzen führen, zu überwinden und alle Menschen frei von Vorurteilen, Diskriminierung und Zurückhaltung und stattdessen mit aufrichtiger Liebe anzunehmen und ihnen das Beste von uns selbst zu schenken, indem wir unseren kostbarsten Besitz mit ihnen teilen. Dieser besteht nicht in unsere Werken oder Organisationenn, sondern in Christus und in seinem Evangelium.

Ich möchte nun zum dritten Gedanken übergehen. Im heutigen Evangelium betet Jesus mit den folgenden Worten zum Vater: „Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin“ (Joh 17,26). Die Treue der Märtyrer bis zum Tod und die Verkündigung des Evangeliums an alle Menschen wurzeln in der in unsere Herzen durch den Heiligen Geist ausgegossenen Liebe Gottes (vgl. Röm 5,5) und in unserem im täglichen Leben abzulegenden Zeugnis dieser Liebe. Das war der Heiligen María Guadalupe García Zavala bewusst. Sie verzichtete auf ein bequemes Leben – welchen Schaden ein angenehmes Leben, der Wohlstand, die lähmende „Verbürgerlichung“ des Herzens zufügen kann  , um dem Ruf Jesu zu folgen. Sie lehrte die Liebe zur Armut, die zur Liebe der Ärmsten und Kranken befähigt. Mutter Lupita kniete sich auf den Boden des Krankenhauses vor die Kranken und Verlassenen hin, um ihnen mit Zärtlichkeit und Mitgefühl zu dienen. Dies ist ein „Berühren des Fleisches Christi“. Die Armen, Verlassenen, Kranken und Ausgegrenzten sind das Fleisch Christi. Mutter Lupita hat das Fleisch Christi berührt und uns folgendes Handeln gelehrt: sich nicht zu schämen, keine Angst zu haben und „das Fleisch Christi“ ohne Abscheu „zu berühren“! Mutter Lupita hat die Bedeutung dieses „Berührens des Fleisches Christi“ begriffen. Auch heute betrachten ihre geistlichen Töchter die Liebe Gottes in den Werken der Barmherzigkeit, die im Zeichen der Opferbereitschaft und der Sanftmut und mit apostolischer Standhaftigkeit (hypomonē), die jedes Hindernis überwindet, vollbracht werden.

Diese neue mexikanische Heilige lädt uns ein, so zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat. Dies fordert uns zu einem Ausbruch aus unserer kleinen und für uns so schädlichen Welt unserer Probleme, Gedanken und Interessen auf, damit wir anderen, die Aufmerksamkeit, Verständnis und Hilfe benötigen, begegnen und ihnen die wohltuende Nähe der Liebe Gottes durch Gesten der Zärtlichkeit, aufrichtiger Zuneigung und Liebe erweisen können.

Die Treue zu Christus und zu seinem Evangelium, seine Verkündigung durch Wort und Leben, das Zeugnis der Liebe Gottes mit unserer Liebe und unserer Barmherzigkeit allen gegenüber: das Beispiel der heute Heiliggesprochenen enthält herausragende Lehren. Es richtet jedoch auch Fragen an unser christliches Leben: Wie treu bin ich Christus? Lassen wir uns von dieser Frage in unserem Alltag begleiten, und spüren wir ihr nach. Wie treu bin ich Christus? Bin ich fähig, meinen Glauben mit Respekt, aber auch mit Mut „zu zeigen“? Bin ich den anderen gegenüber achtsam, nehme ich die Bedürftigkeit anderer wahr, sehe ich in allen Menschen Brüder und Schwestern, die es zu lieben gilt?

Bitten wir durch die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria und der neuen Heiligen den Herrn darum, unser Leben mit der Freude seiner Liebe zu erfüllen. Amen.