Das Gebet, die pastorale Priorität schlechthin: Manuskript der ursprünglich geplanten Ansprache von Papst Benedikt XVI. im Freisinger Mariendom

Der Umgang mit Gott "ist das Atemholen der Seele, ohne das der Priester notwendig 'außer Atem' kommt"

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FREISING, 14. September 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Donnerstagvormittag bei der Begegnung mit Priestern und Diakonen aus der Erzdiözese München und Freising im Freisinger Dom ursprünglich halten wollte.



Der Heilige Vater entschied sich, das vorbereitete Manuskript wegzulegen und frei zu sprechen. Dabei sagte er: "Ich habe eine Predigt mitgebracht; die könnt Ihr dann ja später nachlesen."

In dem vorbereiteten Text erklärt der Papst, dass die "Arbeiter" für die Ernte des Herrn Menschen sind, "die es verstehen, in Christi Fußstapfen zu treten. Das setzt voraus, dass man sich selber 'loslässt' und sich völlig mit seinem Willen in Einklang bringt".

Benedikt XVI. merkt an, dass das kein leichtes Unterfangen sei, "denn es richtet sich gegen die uns wesenseigene 'Schwerkraft', die uns zu unserem eigenen Ego hinzieht. Sie überwinden wir nur, wenn wir einen österlichen Weg des Sterbens und Auferstehens beschreiten. Auf diesem Weg ist Christus uns nicht nur vorausgegangen, sondern er begleitet uns, ja er kommt uns sogar entgegen, wie er einst dem Simon Petrus entgegenkam, als dieser über das Wasser zu ihm gehen wollte und dann zu sinken begann (vgl. Mt 14,28-31)."

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Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe ständige Diakone!

Dieses ist im Programm die letzte Begegnung vor meiner Abreise aus meinem geliebten Bayern, und ich bin sehr froh, dass sie mit Euch, liebe Priester und Diakone, den lebendigen und erwählten Steinen der Kirche, stattfindet. Einen brüderlichen Gruß richte ich an Kardinal Friedrich Wetter für seine herzlichen Worte, mit denen er die Gefühle von Euch allen zum Ausdruck gebracht hat, die Ihr Euch hier versammelt habt: Herzlichen Dank!

Wenn ich hier in diesem herrlichen Freisinger Dom den Blick umherschweifen lasse, kommen mir viele Erinnerungen in den Sinn aus all den Jahren, in denen mein Weg zum Priestertum und dann die Ausübung des Amtes mit diesem Ort verbunden waren. Und wenn ich an die Generationen von Gläubigen denke, die vom Eintreffen der ersten Missionare an im Laufe der Geschichte diesem Land seine christliche Prägung verliehen haben, indem sie uns den Schatz unseres Glaubens überlieferten, dann danke ich Gott aus tiefstem Herzen.

Der "Herr der Ernte" hat es diesem Land im Laufe der Jahrhunderte nie an "Arbeitern", an Dienern des Wortes und des Altares fehlen lassen, durch die er selbst unsere Vorfahren auf den irdischen Wegen stärken und zur ewigen Heimat führen wollte. Diesen Dienst haben heute wir zu erfüllen, liebe Mitbrüder, und ich freue mich, jetzt als Bischof von Rom bei Euch zu sein, um Euch in Liebe zu ermutigen, in dem Euch anvertrauten Dienst nie müde zu werden, sondern mit Zuversicht voranzuschreiten.

Wir haben eben die biblische Lesung aus dem 9. Kapitel des Matthäusevangeliums (V. 35-38) gehört. In ihr kann man die Anzeichen einer inneren Grundeinstellung Jesu wahrnehmen, die uns näher interessiert. Es ist eine Haltung, die eigentlich sein ganzes öffentliches Leben kennzeichnet. Hier wird sie in einem Bild aus der Landwirtschaft ausgedrückt. Mit einem Blick, der vom Herzen ausgeht, erkennt Jesus unter den Menschen seiner Umgebung die "Ernte" Gottvaters, die reif ist, eingeholt zu werden; und es ist eine reiche Ernte: "Die Ernte ist groß", sagt er (V. 37; vgl. auch Lk 10,2).

Denselben Blick finden wir auch im vierten Kapitel des Johannesevangeliums, dort, wo Jesus sich nach dem Gespräch mit der Samaritanerin an seine Jünger wendet und sagt: "Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte" (V. 35). Christus sieht die Welt als den "Acker Gottes" (vgl. Mt 13,38-43), auf dem eine reiche Ernte heranreift, zu deren Einholung es der Arbeiter bedarf.

Eine ähnliche Sichtweise lässt sich auch im Markusevangelium (4,26-29) erahnen. Die Grundeinstellung Jesu, die in all diesen Aussagen durchscheint, ist ein tiefer Optimismus, der auf dem Vertrauen auf die Macht des Vaters, des "Herrn der Ernte" (Mt 9,38), beruht. Diese Zuversicht Jesu wird für uns ein Grund zur Hoffnung, wenn wir seine Fähigkeit bedenken, durch den Schleier des Augenscheinlichen hindurch das geheimnisvolle, doch unwiderstehliche Handeln des Vaters zu erkennen. Der Same des Wortes Gottes ist immer fruchtbar. Deshalb wächst die Ernte Gottes, auch wenn das einem bloß menschlichen Auge nicht offenbar wird.

Das Leben des Priesters, das Wesen seiner Berufung und seines Dienstes, liegt ganz und gar in dieser Perspektive, die Jesus uns aufgezeigt hat. Es ist die Aussicht, die ihn selbst drängte, durch Städte und Dörfer zu ziehen, in den Synagogen zu lehren, das Evangelium vom Reich Gottes zu verkünden und die Kranken zu heilen (vgl. Mt 9,35). Wie der Sämann im Gleichnis, streute er mit scheinbar übertriebener Großzügigkeit den Samen aus, von dem ein Teil auch auf den Weg, auf felsigen Boden oder in die Dornen fiel (vgl. Mt 13,3-8). In Wirklichkeit war es eine Großzügigkeit, die sich auf das Vertrauen auf die Macht des Vaters stützte, der fähig ist, den felsigen oder mit Dornen überwucherten Boden in fruchtbares Erdreich zu verwandeln.

Auch der Priester muss sich von diesem Vertrauen auf die Kraft der Gnade durchdringen lassen – war er doch selber einst ein Erdreich, das zunächst vom göttlichen Sämann urbar gemacht werden musste, damit es fähig wurde, den Samen aufzunehmen und sich entwickeln zu lassen, bis er die vollständige und ausgereifte Antwort hervorbringen konnte: die Antwort eines in der Priesterweihe ausgesprochenen und dann Tag um Tag in Gemeinschaft mit Christus in der Feier des eucharistischen Opfers erneuerten Ja.

Die fortschreitende eigene Angleichung an die Empfindungen seines Meisters wird den Priester dazu führen, dessen vertrauensvolle Sichtweise zu teilen. Indem er immer tiefer in die Denkweise Jesu eindringt, wird er lernen, die Menschen seiner Umgebung als "Ernte Gottes" zu sehen, die reif ist, in die "Scheune" des Himmels gebracht zu werden (vgl. Mt 13,30). Die Gnade wird durch ihn wirken, so dass er in anderen Menschen ehrliche und großmütige Antworten auf den Ruf Gottes auslösen kann.

Man muss sich jedoch immer vor Augen halten, was unser Bibeltext sagt: Der "Herr der Ernte" ist es, der die Arbeiter für seine Ernte "aussendet" (Mt 9,38). Jesus hat seine Jünger nicht beauftragt, hinauszugehen und andere Freiwillige zu rufen oder Werbekampagnen zu starten, um neue Anhänger zu gewinnen, sondern er hat sie aufgefordert, Gott zu "bitten".

Was bedeutet das? Etwa, dass die Berufungspastoral sich auf das Gebet zu beschränken hat? Natürlich nicht. "Den Herrn der Ernte bitten" besagt etwas Tieferes: Nur wenn man in inniger Gemeinschaft mit dem Herrn der Ernte bleibt, nur wenn man ein Leben führt, das gewissermaßen eingesenkt ist in sein "Herz" voller Liebe und Mitleid für die Menschheit, kann man weitere Arbeiter in den Einsatz für das Reich Gottes hineinziehen.

Man bewegt sich also nicht innerhalb einer Logik der Zahlen und der Leistung, sondern in der Kategorie der gegenleistungsfreien Gabe. Man bewegt sich in der Logik des Weizenkorns, das gerade dann Frucht bringt, wenn es in der Erde versinkt und stirbt.

Die "Arbeiter" für die Ernte Gottes sind diejenigen, die es verstehen, in Christi Fußstapfen zu treten. Das setzt voraus, dass man sich selber "loslässt" und sich völlig mit seinem Willen in Einklang bringt. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn es richtet sich gegen die uns wesenseigene "Schwerkraft", die uns zu unserem eigenen Ego hinzieht. Sie überwinden wir nur, wenn wir einen österlichen Weg des Sterbens und Auferstehens beschreiten. Auf diesem Weg ist Christus uns nicht nur vorausgegangen, sondern er begleitet uns, ja er kommt uns sogar entgegen, wie er einst dem Simon Petrus entgegenkam, als dieser über das Wasser zu ihm gehen wollte und dann zu sinken begann (vgl. Mt 14,28-31).

Solange Petrus seinen Blick fest in dem Jesu verankert hielt, konnte er über das aufgepeitschte Wasser des Sees von Galiläa gehen, weil er sozusagen im Gravitationsfeld seiner Gnade blieb. Als er jedoch seine Augen von ihm abwandte, bemerkte er, wie heftig der Wind war, bekam Angst und begann er unterzugehen. Da ließ Jesus ihn die Kraft seiner rettenden Hand spüren und nahm damit gewissermaßen vorweg, was die letzte und endgültige Rettung des Apostels werden sollte: die "Auferstehung" nach dem "Untergang" der Verleugnung. Durch diesen österlichen Weg wird der Jünger zu einem wirklichen Zeugen des Herrn.

Und was ist die Aufgabe des Zeugen? Worin besteht sein Dienst?

Der heilige Augustinus hat das Wesen der Aufgabe des Priesters mit zwei Begriffen zu verdeutlichen versucht, die klassisch geworden sind. Er definiert ihn zunächst als "servus Christi" (vgl. Sermo Guelf. 9,4; Ep. 130; Ep. 228,2 u. a.). Nun, dem Begriff "servus – Knecht beziehungsweise Diener" wohnt die Vorstellung einer Beziehung inne: Der Knecht ist ein solcher in Bezug auf einen Herrn. Den Priester als "servus Christi", als "Diener Christi", zu bezeichnen, bedeutet zu unterstreichen, dass seine Existenz wesentlich relational bestimmt ist: in seinem ganzen Sein ist er hingeordnet auf Christus. Das schmälert in keiner Weise seine Zuordnung zur Gemeinde, sondern bildet sogar deren Grundlage: Gerade weil er Knecht beziehungsweise "Diener Christi" ist, ist er "in seinem Namen Diener seiner Diener" (Briefkopf von Ep. 217 an Vitale; vgl. auch De pecc. mer. Et rem. III; Ep. 130; Sermo Guelf. 32,3 u. a.).

Dank der sakramentalen Prägung, die er in der Weihe erhalten hat, gehört er ganz Christus und ist in dessen vorbehaltlose Hingabe an den "Leib", die Kirche, mit hineingenommen. Diese ontologische Fassung des Priesteramtes, das ins Sein des Betroffenen hineinreicht, schafft in ihm die Voraussetzungen für eine Radikalität des Dienens, die im profanen Bereich nicht denkbar wäre.

Die andere Definition, auf die Augustinus häufig zurückkommt, um den Priester zu charakterisieren, ist die der "vox Christi". Er entwickelt diese Überlegungen in seinen Meditationen über die Gestalt Johannes des Täufers (vgl. Serm. 288; 293,3; Serm. Dolbeau 3 u. a.). Der Vorläufer Jesu bezeichnet sich selbst als einfache "Stimme", die gesandt ist, um Christus, das "Wort", zu verkündigen.

Auch der Priester – bemerkt Augustinus – hat die Aufgabe, "vox Verbi" (vgl. Serm. 46, 30-32), "praedicator Verbi" (vgl. Serm. 71, 13/22) beziehungsweise "Verbi prolator" (vgl. En. in ps. 134,1; Serm. 23,1 u. a.) zu sein. Das ist eine bei Augustinus häufig wiederkehrende Thematik, in der noch einmal das relationale Bestimmtsein der Existenz des Priesters deutlich wird: Als "Stimme" ist er bezogen auf das "Wort", das Christus ist. Hier offenbaren sich die Größe und die Demut des priesterlichen Amtes. Wie Johannes der Täufer sind der Priester und der Diakon nur die "Vorläufer", die Diener des Wortes. Nicht sie selbst stehen im Mittelpunkt, sondern Christus, dem sie mit ihrem gesamten Leben "Stimme" sein müssen.

Gerade aus dieser Überlegung ergibt sich die Antwort auf eine Frage, die sich jeder verantwortliche Seelsorger, besonders in der augenblicklichen Situation zunehmenden Priestermangels, stellen muss: Wie kann man in dem manchmal aufreibenden Aktivismus des Dienstes die innere Einheit wahren?

Der Ansatz zur Lösung dieses Problems liegt in der inneren Gemeinschaft mit Christus, dessen Speise es war, den Willen des Vaters zu tun (vgl. Joh 4,34). Es ist wichtig, dass die in der Weihe geschenkte ontologische Beziehung zu Christus im Bewusstsein und so im Handeln lebendig werde: Alles, was ich tue, tue ich in der Gemeinschaft mit ihm. Gerade indem ich es tue, bin ich bei ihm.

Das Vielfältige und äußerlich oft geradezu Gegensätzliche meiner Aktivitäten findet sich auf der Ebene der Grundmotivation vereint: Es ist alles Mitsein mit Christus, werkzeugliches Handeln in der Gemeinschaft mit ihm. Daraus ergibt sich eine neue Sichtweise der priesterlichen Askese. Sie ist nicht neben dem seelsorglichen Tun anzusiedeln, als eine zusätzliche Last und ein weiteres Pensum, das meinen Tag noch mehr überfrachtet.

Im Wirken selbst lerne ich mich überwinden, mein Leben lassen und hergeben; in der Enttäuschung und im Misserfolg lerne ich verzichten, Schmerz annehmen, mich loslassen. In der Freude des Gelingens lerne ich Dankbarkeit. Im Vollzug der Sakramente empfange ich sie selber innerlich mit…

Diese Askese des Dienstes, der Dienst selbst als eigentliche Askese meines Lebens ist zweifellos ein sehr wichtiges Motiv, das freilich immer wieder ein inneres Ordnen des Tuns vom Sein her verlangt. Trotzdem braucht der Priester, auch wenn er den Dienst als Askese, das sakramentale Tun als persönliche Begegnung mit Christus zu leben versucht, Augenblicke des Atemholens, damit diese innere Richtung überhaupt real werden kann. Jesus selbst lud seine Jünger dazu ein, als sie nach ihrer ersten missionarischen Aussendung zurückkamen: "Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus" (Mk 6,31).

Ein großherziges Sich-Geben an die anderen ist ohne die Zucht und die ständige Wiedergewinnung einer wahren gläubigen Innerlichkeit nicht möglich. Die Wirkkraft des pastoralen Handelns hängt letztlich vom Gebet ab; andernfalls wird der Dienst zu leerem Aktivismus. Darum kann man die Zeit der unmittelbaren Begegnung mit Gott im Gebet mit gutem Recht als die pastorale Priorität schlechthin bezeichnen: Sie ist das Atemholen der Seele, ohne das der Priester notwendig "außer Atem" kommt, ohne den "Sauerstoff" des Optimismus und der Freude bleibt, den er braucht, um sich Tag um Tag aussenden zu lassen als Arbeiter für die Ernte des Herrn. Amen!

[Original-Manuskript]