Das Gebet, „entscheidendes Element für eine wirksame Pädagogik des Friedens“: Botschaft Benedikts XVI. zum 20. Jahrestag des Interreligiösen Gebetstreffens für den Weltfrieden in Assisi

„Mehr denn je brauchen wir diese Pädagogik, vor allem im Hinblick auf die jungen Generationen“

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ROM, 4. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die vom Heiligen Stuhl angefertigte deutsche Übersetzung des Schreibens, das Papst Benedikt XVI. anlässlich des 20. Jahrestages des Interreligiösen Gebetstreffens für den Weltfrieden in Assisi verfasst hat.



Der Heilige Vater unterstreicht in seiner Botschaft an Bischof Domenico Sorrentino, dass jede wahre Religion „Verkünderin des Friedens“ und das Gebet beim Aufbau des Friedens in der Welt von unschätzbarem Wert sei. Für den Papst handelt es sich um „ein entscheidendes Element für eine wirksame Pädagogik des Friedens, die auf Freundschaft, gegenseitiger Annahme und Dialog zwischen den Menschen verschiedener Kulturen und Religionen gründet“.

Bei interreligiösen Gebetstreffen sei darauf zu achten, dass die „Übereinstimmung unter Verschiedenartigem“ nicht den Eindruck erwecke, „dass man jenem Relativismus Raum gibt, der den Sinn der Wahrheit und die Möglichkeit, zu ihr zu gelangen, leugnet“.

Über den heiligen Franziskus, dessen Fest die Kirche am heutigen Tag begeht, schreibt Benedikt XVI.: „Das Zeugnis, das er in seiner Zeit ablegte, macht ihn zu einem natürlichen Bezugspunkt für jene, die auch heute das Ideal des Friedens, der Achtung der Natur und des Dialogs zwischen Menschen, Religionen und Kulturen pflegen. Dennoch ist es wichtig, wenn die Botschaft des heiligen Franziskus nicht entstellt werden soll, sich daran zu erinnern, dass es seine radikale Entscheidung für Christus war, die ihm den Schlüssel zum Verständnis jener Brüderlichkeit gegeben hat, zu der alle Menschen berufen sind und an der in gewisser Weise auch unbeseelte Wesen – von Bruder Sonne bis hin zu Schwester Mond – teilhaben.“

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An den verehrten Bruder
Domenico Sorrentino,
Bischof von Assisi-Nocera Umbra-Gualdo Tadino

In dieses Jahr fällt der 20. Jahrestag des »Interreligiösen Treffens zum Gebet für den Frieden«, das auf Wunsch meines verehrten Vorgängers Johannes Paul II. am 27. Oktober 1986 in Assisi stattfand. Zu diesem Treffen lud er bekanntlich nicht nur die Christen unterschiedlicher Konfessionen ein, sondern auch Vertreter der verschiedenen Religionen. Die Initiative fand große Resonanz in der Öffentlichkeit: Sie stellte eine weitreichende Botschaft für den Frieden dar und erwies sich als ein Ereignis, das in der Geschichte unserer Zeit seine Spuren hinterlassen sollte. So ist verständlich, dass die Erinnerung an das, was damals geschah, auch weiterhin Initiativen der Reflexion und des Einsatzes hervorbringt. Einige sind anlässlich des 20. Jahrestages jenes Ereignisses in Assisi vorgesehen. Ich denke dabei an die Feier, die – in Absprache mit der Diözese – von der Gemeinschaft »Sant’Egidio« organisiert wurde, nach dem Vorbild ähnlicher Begegnungen, die jährlich von dieser Gemeinschaft veranstaltet werden. In den eigentlichen Jubiläumstagen wird dann eine vom »Istituto Teologico Assisano« organisierte Tagung stattfinden, und die Teilkirchen der Region werden zu einer Eucharistiefeier zusammenkommen, die die Bischöfe Umbriens in der Basilika des hl. Franziskus gemeinsam feiern werden. Schließlich wird der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog dort eine Begegnung des Dialogs, des Gebetes und der Erziehung zum Frieden für junge Katholiken und Jugendliche anderer Religionszugehörigkeit veranstalten.

Diese Initiativen heben – jede auf ihre Art – den Wert der Intuition hervor, die Johannes Paul II. hatte, und belegen deren Aktualität im Lichte der Ereignisse der vergangenen zwei Jahrzehnte und der Situation, in der sich die Menschheit heute befindet. Das bedeutendste Ereignis in diesem Zeitraum war zweifellos der Sturz der Regime kommunistischer Prägung in Osteuropa. Damit ging der »Kalte Krieg« zu Ende, der eine Art Aufteilung der Welt in einander entgegengesetzte Einflussbereiche bewirkt hatte, was zum Aufbau furchterregender Waffenarsenale und zum totalen Krieg bereiter Heere führte. Es war eine Zeit allgemeiner Hoffnung auf Frieden, die viele dazu brachte, von einer anderen Welt zu träumen, in der sich die Beziehungen zwischen den Völkern ohne das Schreckgespenst des Krieges entwickelt hätten und der »Globalisierungsprozess« im Zeichen eines friedlichen Gegenübers von Völkern und Kulturen im Rahmen eines gemeinsamen internationalen Rechts stattgefunden hätte, das orientiert ist an der Achtung der Anforderungen der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Solidarität. Leider ist dieser Traum vom Frieden nicht Wirklichkeit geworden. Vielmehr hat das dritte Jahrtausend mit scheinbar nicht enden wollenden Szenen des Terrors und der Gewalt begonnen. Darüber hinaus kann die Tatsache, dass die bewaffneten Auseinandersetzungen heute besonders auf dem Hintergrund der vielerorts vorhandenen geopolitischen Spannungen ausgetragen werden, den Eindruck erwecken, dass nicht nur die kulturellen, sondern auch die religiösen Unterschiede Faktoren der Instabilität oder der Bedrohung für die Aussichten auf Frieden darstellen können.

Gerade unter diesem Gesichtspunkt erhält die Initiative, die Johannes Paul II. vor nunmehr 20 Jahren ins Leben gerufen hat, prophetischen Charakter. Seine an die Führer der Weltreligionen gerichtete Einladung zu einem gemeinsamen Zeugnis des Friedens diente dazu, unmissverständlich deutlich zu machen, dass die Religion nichts anderes sein kann als eine Verkünderin des Friedens. Wie das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung Nostra aetate über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen lehrt, können wir »Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern« (Nr. 5). Trotz der Unterschiede, die die verschiedenen religiösen Wege kennzeichnen, muss die Erkenntnis der Existenz Gottes, zu der die Menschen auch dann gelangen können, wenn sie von der Erfahrung der Schöpfung ausgehen (vgl. Röm 1,20), die Gläubigen veranlassen, die anderen Menschen als Brüder zu betrachten. Niemand darf also religiöse Unterschiede als Voraussetzung oder Vorwand für eine feindselige Haltung anderen Menschen gegenüber nehmen.

Dem könnte man entgegenhalten, dass die Geschichte das traurige Phänomen der Religionskriege kennt. Wir wissen jedoch, dass derartige Gewaltakte nicht der Religion als solcher zuzuschreiben sind, sondern vielmehr der kulturellen Begrenzung, mit der sie gelebt wird und sich im Laufe der Zeit entwickelt. Wenn jedoch der religiöse Sinn zur Reife gelangt ist, weckt er im Gläubigen das Bewusstsein, dass der Glaube an Gott, den Schöpfer des Universums und Vater aller, Beziehungen universaler Brüderlichkeit unter den Menschen unbedingt fördern muss. In der Tat gibt es in allen großen religiösen Traditionen Zeugnisse jener engen Verbindung, die zwischen der Beziehung zu Gott und der Ethik der Liebe besteht. Wir Christen fühlen uns durch das Wort Gottes darin bestätigt und noch tiefer erleuchtet. Bereits das Alte Testament bezeugt die Liebe Gottes zu allen Völkern: Er vereint sie durch seinen Bund mit Noah in einer einzigen großen Umarmung – symbolisiert durch den »Bogen in den Wolken« (Gen 9,13.14.16) – und will sie letztendlich, gemäß den Worten der Propheten, in einer einzigen universalen Familie versammeln (vgl. Jes 2,2ff; 42,6; 66,18–21; Jer 4,2; Ps 47). Im Neuen Testament findet die Offenbarung dieses universalen Liebesplanes ihren Höhepunkt dann im Ostergeheimnis, in dem sich der menschgewordene Sohn Gottes in einem ergreifenden Akt erlösender Solidarität als Opfer für die ganze Menschheit am Kreuz hingibt. So zeigt Gott, dass sein Wesen die Liebe ist. Das ist es, was ich in meiner ersten Enzyklika hervorheben wollte, die mit den Worten beginnt: »Deus caritas est« (1 Joh 4,7). Diese Aussage der Heiligen Schrift bringt nicht nur Licht in das Geheimnis Gottes, sondern sie erleuchtet auch die Beziehungen zwischen den Menschen, die alle berufen sind, nach dem Liebesgebot zu leben.

Das vom Diener Gottes Johannes Paul II. ins Leben gerufene Treffen in Assisi legte zu Recht Nachdruck auf den Wert des Gebets beim Aufbau des Friedens. Wir sind uns nämlich bewusst, wie schwierig und nach menschlichem Ermessen zuweilen hoffnungslos der Weg zu diesem grundlegenden Gut ist. Der Frieden ist ein Wert, in den zahlreiche Faktoren einfließen. Um ihn aufzubauen, sind Wege kultureller, politischer und wirtschaftlicher Art natürlich wichtig. In erster Linie jedoch muss der Frieden in den Herzen aufgebaut werden. Hier entwickeln sich Empfindungen, die ihn nähren, oder im Gegenteil bedrohen, schwächen, ersticken können. Das Herz des Menschen ist auch der Ort, an dem Gott wirkt. Daher zeigt sich, dass in diesem Bereich neben der »horizontalen« Dimension – der Beziehung zu anderen Menschen – die »vertikale« Dimension – die Beziehung jedes einzelnen Menschen zu Gott, in der alles seine Grundlage hat – fundamentale Bedeutung besitzt. Genau das ist es, was Papst Johannes Paul II. mit der Initiative von 1986 der Welt nachdrücklich in Erinnerung rufen wollte. Er rief auf zu einem echten Gebet, das das ganze Leben einbezieht. Daher sollte es vom Fasten begleitet sein und sich durch die Wallfahrt, dem Symbol des Weges zur Begegnung mit Gott, ausdrücken. Er erklärte: »Das Gebet verlangt die Bekehrung des Herzens unsererseits« (Ansprache zu Beginn des Weltgebetstages der Religionen für den Frieden in der Basilika Santa Maria degli Angeli in Assisi; in O.R. dt., Nr. 45, 7.11.1986, S. 9).

Unter den bezeichnenden Aspekten des Treffens von 1986 muss hervorgehoben werden, dass dieser Wert des Gebets für den Aufbau des Friedens bezeugt wurde von Vertretern verschiedener religiöser Traditionen, und das geschah nicht aus der Ferne, sondern im Rahmen einer Begegnung. Auf diese Weise konnten die Betenden der verschiedenen Religionen in der Sprache des Zeugnisses zeigen, dass das Gebet nicht trennt, sondern vereint, und dass es ein entscheidendes Element für eine wirksame Pädagogik des Friedens ist, die auf Freundschaft, gegenseitiger Annahme und Dialog zwischen den Menschen verschiedener Kulturen und Religionen gründet. Mehr denn je brauchen wir diese Pädagogik, vor allem im Hinblick auf die jungen Generationen. Viele Jugendliche werden in den von Konflikten gezeichneten Gebieten der Welt zu Hass- und Rachegefühlen erzogen, innerhalb ideologischer Rahmenbedingungen, in denen die Keime alter Feindseligkeiten genährt und die Herzen für zukünftige Gewaltakte vorbereitet werden. Diese Barrieren müssen niedergerissen und die Begegnung gefördert werden. Daher freut es mich, dass die in diesem Jahr in Assisi vorgesehenen Initiativen in diese Richtung gehen und dass der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog sie besonders auf die Jugendlichen zugeschnitten hat.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen über den Sinn dessen, was Johannes Paul II. 1986 verwirklichen wollte und was gewöhnlich mit einem von ihm geprägten Ausdruck als »Geist von Assisi« bezeichnet wird, darf nicht vergessen werden, wie sehr damals darauf geachtet wurde, dass das Gebetstreffen der Religionen keinen Anlass geben sollte für synkretistische Auslegungen, die auf einer relativistischen Sichtweise gründen. Gerade deshalb erklärte Johannes Paul II. von Anfang an: »Die Tatsache, dass wir hierher gekommen sind, beinhaltet nicht die Absicht, unter uns selbst einen religiösen Konsens zu suchen oder über unsere religiösen Überzeugungen zu verhandeln. Es bedeutet weder, dass die Religionen auf der Ebene einer gemeinsamen Verpflichtung gegenüber einem irdischen Projekt, das sie alle übersteigen würde, miteinander versöhnt werden könnten. Noch ist es eine Konzession an einen Relativismus in religiösen Glaubensfragen…« (ebd.). Ich möchte diesen Grundsatz bekräftigen, der die Voraussetzung ist für jenen Dialog zwischen den Religionen, den vor nun bereits 40 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (vgl. Nostra aetate, 2) als Wunsch zum Ausdruck brachte. Gerne nehme ich die Gelegenheit wahr, um die Vertreter der anderen Religionen zu grüßen, die an der einen oder der anderen Gedenkfeier in Assisi teilnehmen. So wie wir Christen wissen auch sie, dass man im Gebet Gott auf ganz besondere Weise erfahren und aus dem Gebet wirkungsvolle Anregungen schöpfen kann, um sich der Sache des Friedens zu widmen. Dennoch müssen auch hier unangebrachte Verwechslungen vermieden werden. Daher muss, auch wenn man zusammenkommt, um für den Frieden zu beten, das Gebet in unterschiedlichen, den verschiedenen Religionen eigenen Weisen stattfinden. Dies ist die Entscheidung, die 1986 getroffen wurde, und diese Entscheidung ist auch heute noch gültig. Übereinstimmung unter Verschiedenartigem darf nicht den Eindruck erwecken, dass man jenem Relativismus Raum gibt, der den Sinn der Wahrheit und die Möglichkeit, zu ihr zu gelangen, leugnet.

Für seine mutige und prophetische Initiative wählte Johannes Paul II. den beeindruckenden Hintergrund Assisis, jener Stadt, die durch die Gestalt des hl. Franziskus weltweit bekannt ist. Tatsächlich verkörperte der »Poverello« auf vorbildliche Weise die von Jesus im Evangelium verkündete Seligpreisung: »Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden« (Mt 5,9). Das Zeugnis, das er in seiner Zeit ablegte, macht ihn zu einem natürlichen Bezugspunkt für jene, die auch heute das Ideal des Friedens, der Achtung der Natur und des Dialogs zwischen Menschen, Religionen und Kulturen pflegen. Dennoch ist es wichtig, wenn die Botschaft des hl. Franziskus nicht entstellt werden soll, sich daran zu erinnern, dass es seine radikale Entscheidung für Christus war, die ihm den Schlüssel zum Verständnis jener Brüderlichkeit gegeben hat, zu der alle Menschen berufen sind und an der in gewisser Weise auch unbeseelte Wesen – von »Bruder Sonne« bis hin zu »Schwester Mond« – teilhaben. Ich möchte daher in Erinnerung rufen, dass gleichzeitig mit diesem 20. Jahrestag des von Johannes Paul II. ins Leben gerufenen Friedensgebets die 800-Jahrfeier der Bekehrung des hl. Franziskus stattfindet. Die beiden Gedenkfeiern erhellen sich gegenseitig. Mit den Worten, die durch das Kreuz von »San Damiano« an Franziskus gerichtet wurden – »Geh, und stelle mein Haus wieder her…« –, mit seiner Entscheidung für die radikale Armut, mit dem Kuss, den er dem Aussätzigen gab und in dem seine neue Fähigkeit, Christus in den leidenden Brüdern zu sehen und zu lieben, zum Ausdruck kam, begann jenes menschliche und christliche Abenteuer, das immer noch viele Menschen unserer Zeit fasziniert und diese Stadt zum Ziel unzähliger Pilger werden lässt.

Ihnen, verehrter Bruder, Hirt der Kirche von Assisi-Nocera Umbra-Gualdo Tadino, vertraue ich die Aufgabe an, diese Gedanken den Teilnehmern der verschiedenen Feierlichkeiten, die zum Gedächtnis an den 20. Jahrestag jenes historischen Ereignisses – des »Treffens der Religionen« vom 27. Oktober 1986 – geplant sind, weiterzugeben. Bitte übermitteln Sie allen auch meinen herzlichen Gruß und meinen Segen, den ich mit dem Wunsch und dem Gebet des »Poverello« von Assisi begleite: »Der Herr schenke euch seinen Frieden!«

Aus Castel Gandolfo, am 2. September 2006

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