Das Gebet, erster „Lernort“ der Hoffnung: Bischof Gerhard Ludwig Müller über „Spes salvi“

„Das wahre Reich Gottes ist Geschenk. Es ist immer mehr als wir verdienen“

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Regensburg, 20. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Überlegungen, die der Regensburger Diözesanbischof Gerhard Ludwig Müller über Spes salvi, die zweite Enzyklika Benedikts XVI., angestellt hat. Diese Gedanken sind von der Pressestelle seines Bistums verbreitet worden.

„Nur um das eine geht es: dass wir in Gott den Zielpunkt unseres Lebens erkennen.“

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Unser Glaube lebt von der Hoffnung auf die Erlösung in Jesus Christus. Besonders der Advent führt uns die eindringlichen Zeichen des kommenden Christus vor Augen: Wir warten gespannt auf den Heiland der Welt, der an Weihnachten konkrete Gestalt annimmt in Jesus Christus, dem menschgewordenen Sohn Gottes. Wir leben in dieser Hoffnung, die nicht nur eine mühsame Vorstellung einer ungewissen Zukunft ist, sondern eine Gewissheit, „eine verlässliche Hoffnung, von der her wir unsere Gegenwart bewältigen können“ (SS 1).

Gott hat uns im Glauben die Sicherheit seiner Gegenwart geschenkt und die Bewältigung der Zukunft aus der Kraft des Glauben, der Heil und Hoffnung ist. „SPE SALVI facti sumus“ – auf Hoffnung hin sind wir gerettet, sagt Paulus den Römern und uns (Röm 8,24). Die „Erlösung“, das Heil ist nach christlichem Glauben nicht einfach da. Erlösung ist uns in der Weise gegeben, dass uns Hoffnung geschenkt wurde, eine verlässliche Hoffnung, von der her wir unsere Gegenwart bewältigen können: Gegenwart, auch mühsame Gegenwart, kann gelebt und angenommen werden, wenn sie auf ein Ziel zuführt und wenn wir dieses Ziels gewiss sein können; wenn dies Ziel so groß ist, dass es die Anstrengung des Weges rechtfertigt. Nun drängt sich sogleich die Frage auf: Welcher Art ist denn diese Hoffnung, die es gestattet zu sagen, von ihr her und weil es sie gibt, seien wir erlöst? Und welcher Art Gewissheit gibt es da?“

Als „Zentralwort des biblischen Glaubens“ (SS 2) sind Glaube und Hoffnung als austauschbare Begriffe verwendbar. Im Glauben manifestiert sich stets zugleich die Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn am Ende der Zeiten, aber auch die Hoffnung auf die bleibende und liebende Zuwendung Gottes zu uns Menschen im Ablauf unseres Lebens. Es ist nicht nur die Hoffnung auf eine verbesserte Lebenssituation, sondern die grundsätzliche Hoffnung auf Erlösung. Der Heilige Vater hat ein anschauliches Zeugnis der alles verändernden Kraft der Hoffnung aus dem Glauben heraus gegeben mit der Geschichte der Sklavin Bakhita: Sie findet in Jesus Christus den Herrn, der ihrem Leben den eigentlichen Sinn schenkt, weil er erlöst, befreit und ihr Hoffnung schenkt:

„Aber nun wird die Frage dringend: Worin besteht diese Hoffnung, die als Hoffnung „Erlösung“ ist? Nun, der Kern der Antwort ist in der eben angeführten Stelle aus dem Epheser-Brief angegeben: Die Epheser waren vor der Begegnung mit Christus hoffnungslos, weil sie „ohne Gott in der Welt“ waren. Gott kennenlernen – den wahren Gott, das bedeutet Hoffnung empfangen. Für uns, die wir seit je mit dem christlichen Gottesbegriff leben und ihm gegenüber abgestumpft sind, ist der Besitz der Hoffnung, der von der realen Begegnung mit diesem Gott ausgeht, kaum noch wahrnehmbar.

Ein Beispiel einer Heiligen unserer Zeit mag ein wenig verdeutlichen, was es heißt, diesem Gott erstmals und wirklich zu begegnen. Ich denke an die von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochene Afrikanerin Giuseppina Bakhita. Sie war ungefähr – das genaue Datum kannte sie nicht – 1869 in Darfur im Sudan geboren. Mit neun Jahren wurde sie von Sklavenhändlern entführt, blutig geschlagen und fünfmal auf den Sklavenmärkten des Sudan verkauft. Zuletzt war sie als Sklavin der Mutter und der Gattin eines Generals in Diensten und wurde dabei täglich bis aufs Blut gegeißelt, wovon ihr lebenslang 144 Narben verblieben. 1882 wurde sie schließlich von einem italienischen Händler für den italienischen Konsul Callisto Legnani gekauft, der angesichts des Vormarschs der Mahdisten nach Italien zurückkehrte.

Hier lernte Bakhita schließlich nach so schrecklichen „Patronen“, denen sie bisher unterstanden war, einen ganz anderen „Patron“ kennen – „Paron“ nannte sie in dem venezianischen Dialekt, den sie nun lernte, den lebendigen Gott, den Gott Jesu Christi. Bisher hatte sie nur Patrone gekannt, die sie verachteten und misshandelten oder bestenfalls als nützliche Sklavin betrachteten. Aber nun hörte sie, dass es einen „Paron“ über allen Patronen gibt, den Herrn aller Herren und dass dieser Herr gut ist, die Güte selbst. Sie erfuhr, dass dieser Herr auch sie kennt, auch sie geschaffen hat – ja, dass er sie liebt. Auch sie war geliebt, und zwar von dem obersten Paron, vor dem alle anderen Patrone auch nur selber armselige Diener sind. Sie war gekannt und geliebt und wurde erwartet.

Ja, dieser Patron hatte selbst das Schicksal des Geschlagenwerdens auf sich genommen und wartete nun „zur Rechten des Vaters“ auf sie. Nun hatte sie „Hoffnung“ – nicht mehr bloß die kleine Hoffnung, weniger grausame Herren zu finden, sondern die große Hoffnung: Ich bin definitiv geliebt, und was immer mir geschieht – ich werde von dieser Liebe erwartet. Und so ist mein Leben gut. Durch diese Hoffnungserkenntnis war sie „erlöst“, nun keine Sklavin mehr, sondern freies Kind Gottes. Sie verstand, was Paulus sagte, wenn er die Epheser daran erinnerte, dass sie vorher ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt gewesen waren – ohne Hoffnung, weil ohne Gott. So weigerte sie sich, als man sie wieder in den Sudan zurückbringen wollte; sie war nicht bereit, sich von ihrem „Paron“ noch einmal trennen zu lassen. Am 9. Januar 1890 wurde sie getauft und gefirmt und empfing die erste heilige Kommunion aus der Hand des Patriarchen von Venedig.

Am 8. Dezember 1896 legte sie in Verona die Gelübde der Canossa-Schwestern ab und hat von da an – neben ihren Arbeiten in der Sakristei und an der Klosterpforte – vor allem in verschiedenen Reisen in Italien zur Mission zu ermutigen versucht: Die Befreiung, die sie selbst durch die Begegnung mit dem Gott Jesu Christi empfangen hatte, die musste sie weitergeben, die musste auch anderen, möglichst vielen, geschenkt werden. Die Hoffnung, die ihr geworden war und sie „erlöst“ hatte, durfte sie nicht für sich behalten; sie sollte zu vielen, zu allen kommen.“ Worin besteht diese Erlösung? Ist es eine Befreiung von politischer Herrschaft, ein Ruf nach grenzenloser Autonomie oder das menschliche Verlangen nach dem Chaos der Anarchie? Geht es um die Ablehnung bestehender sozialer, politischer oder ethischer Verpflichtungen? Und münden diese Formen nicht dennoch alle im Egoismus, in der Selbstherrlichkeit selbsternannter „Befreier“ und „Erlöser“?

Die Botschaft des Hoffnung schenkenden Glaubens ist eine andere: Was Jesus gebracht hatte ist etwas ganz anderes. Er starb selbst am Kreuz für uns und hat uns hineingestellt in die Begegnung mit dem Herrn aller Herren, dem lebendigen Gott, dem Gott der Hoffnung und des Lebens. Sein Tod ist Hoffnung. Weil er stärker war als die Sklaverei, die Unterdrückung, das Leiden, deshalb hat er die Welt verändert und sie zur Liebe umgestaltet.

Ein Gott, der am Kreuz für uns gestorben ist, ist auch kein rein kosmisches Element, das den Gesetzen der Materie unterworfen ist. Er selbst herrscht über die Sterne und über das All. Und die unerbittliche Macht der Materie ist nicht mehr das letzte Wort. Wir begegnen einer Person, der Liebe, dem Willen zur Erlösung und die – Hoffnung auch dem Vereinsamten, dem Sterbenden und dem Verachteten gibt.

Ewiges Leben?

Das Leben selbst –im Hier und Jetzt – erhält zugleich eine neue Dimension. Es ist aus der Enge irdischer Begrenzung herausgelöst. Wir kennen das Dilemma: Wir wollen nicht sterben, aber auch nicht ewig leben. Aber was ist das, das Ewige Leben?

„Einerseits wollen wir nicht sterben, will vor allem auch der andere, der uns gut ist, nicht, dass wir sterben. Aber andererseits möchten wir doch auch nicht endlos so weiterexistieren, und auch die Erde ist dafür nicht geschaffen. Was wollen wir also eigentlich? Diese Paradoxie unserer eigenen Haltung löst eine tiefere Frage aus: Was ist das eigentlich „Leben“? Und was bedeutet das eigentlich „Ewigkeit“? Es gibt Augenblicke, in denen wir plötzlich spüren: Ja, das wäre es eigentlich – das wahre „Leben“ – so müsste es sein. Daneben ist das, was wir alltäglich „Leben“ nennen, gar nicht wirklich Leben. Augustinus hat in seinem an Proba, eine reiche römische Witwe und Mutter dreier Konsuln, gerichteten großen Brief über das Gebet einmal gesagt: Eigentlich wollen wir doch nur eines – „das glückliche Leben“, das Leben, das einfach Leben, einfach „Glück“ ist. Um gar nichts anderes beten wir im Letzten. Zu nichts anderem sind wir unterwegs – nur um das eine geht es.“

Nur um das eine geht es: Dass wir in Gott den Zielpunkt unseres Lebens erkennen, „das Eintauchen in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vor- und Nachher mehr gibt.“ (SS 12) Es ist die Rückkehr zu Gott, der uns freudig empfängt, wie es der Johannesevangelist beschreibt: „Ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude wird niemand von euch nehmen“ (Joh 16, 22).

Das Thema des Papstbesuches im vergangenen Jahr lautete „Wer glaubt, ist nie allein“. Darin hat sich die gemeinschaftliche Sicht der Erlösung, des wahren Lebens ausgedrückt. Wir sind keine isolierten Individuen und Erlösung bedeutet nicht die Betonung einer Vorrangstellung vor dem anderen.

Heil in Christus betrifft alle Menschen. Er macht ihnen das Angebot des Heils und verkündet seine Botschaft durch die Kirche. Und die Kirche ist die weltweite Gemeinschaft der Gläubigen, die bereits in ihrer sichtbaren Erscheinung zur Einheit führt.

Als Werkzeug in den Händen Christi verweist die Kirche zugleich auf das „selige Leben“, das die gegenwärtige Welt übersteigt. Und sie ist Abbild der Einheit, die in der Ewigkeit ihre Vollendung durch Gott selbst findet.

Neuzeitliche Formen von Erlösung

Wenn der „Faktor Gott“ vom Menschen in die reine Innerweltlichkeit heruntergezogen wird und seine Existenz geleugnet wird, wird die Leere spürbar, die sich in seinem Inneren ausbreitet. Philosophisch hat Kant den Versuch unternommen, das Christentum als reines ethische Postulat gelten zu lassen. Nur die moralischen Grundlagen können innerweltlich vertretbar sein und zum Maßstab eines gelingenden Miteinanders herangezogen werden. Ein Katalog, ein Regelwerk ethisch-moralischer Gesetze würde das Reich Gottes auf Erden errichten.

Gott selbst ist dabei nicht notwendig. Er hindert den aufgeklärten Menschen zu sich selbst zu kommen und hält ihn als Gefangenen in der eigenen Unmündigkeit. Hier ist jede Hoffnung auf Heil und Erlösung, die den Menschen wirklich zum Leben führt, einer Konstruktion von Gesellschaft gewichen.

Noch deutlicher sind die politischen „Erlösungstheorien“ von Engels und Marx. Im industriellen Fortschritt findet der Mensch, der Arbeiter zu seiner Bestimmung. Das „Reich Gottes“ wurde innerweltlich etabliert. Im genauen Ablauf der Geschichtsnotwendigkeit wird der Arbeiter zum Ideal der an den wirtschaftlichen Abläufen orientierten Gesellschaft. Eigentum wird überführt an den Staat, die herrschende Klasse wurde enteignet, die politische Macht gestürzt – die Revolution hat Erlösung und Befreiung geschenkt. Um welchen Preis? Das Unmenschliche liegt in der Reduzierung des Menschen auf ein Segment im wirtschaftlichen Fortschritt, der sich, um Mensch zu sein, den Mechanismen der Produktion zu unterwerfen hat.

Aber das wahre Reich Gottes ist Geschenk. Es ist immer mehr als wir verdienen. Die Ideologien der Menschen waren und sind am eigenen Vorteil ausgerichtet, auch wenn sie Freiheit, Selbstbestimmung und Erfolg versprechen. Aber der „Mitarbeiter Gottes“ versucht Gott den Weg in die Welt zu eröffnen. Das Leben wird hoffnungslos, wenn nur das Erreichbare zum Ziel wird. Die menschlichen Reiche haben vergessen, wer der Mensch ist: Nämlich als Geschöpf Gottes zugleich auf die Vollendung durch ihn hin geschaffen. Nicht der Mensch erfüllt diese Hoffnung, sondern nur Gott allein.

Die neu gewonnene Freiheit, die ohne Ordnung in die Zukunft ging, brachte Verderben, Knechtschaft und Unterdrückung und die ungebremste Herrschaft der Partei. Was war falsch an den politisch motivierten und in einer literarischen Form so harmlos daherkommenden Vision eines Marx?

„Er hat vergessen, dass der Mensch immer ein Mensch bleibt. Er hat den Menschen vergessen, und er hat seine Freiheit vergessen. Er hat vergessen, dass die Freiheit immer auch Freiheit zum Bösen bleibt. Er glaubte, wenn die Ökonomie in Ordnung sei, sei von selbst alles in Ordnung. Sein eigentlicher Irrtum ist der Materialismus: Der Mensch ist eben nicht nur Produkt der ökonomischen Zustände, und man kann ihn allein von außen her, durch das Schaffen günstiger ökonomischer Bedingungen, nicht heilen.“

Wir kennen viel Formen der Hoffnung. Jeder Tag ist angefüllt damit und jede Lebenssituation kennt eine andere: In jungen Jahren ist die Hoffnung nach einer beruflichen Erfüllung, nach Liebe und nach einer Familie prägend.

Schnell zeigt sich aber, dass dies nur dann in seiner Bedeutung erfahrbar wird, wenn die Hoffnung ausgreift auf etwas, das über dem Endlichen steht und das der zeitlichen Begrenzung enthoben ist. Etwas, was den Menschen übersteigt. In diesem Bezugspunkt zu einem persönlichen Gott werden auch die Familie, der Beruf, die Bildung und das kirchliche und soziale Engagement zu Mitteln, die die Welt verändern.

Die kleinen Hoffnungen des Alltags, die uns auf dem Weg halten, brauchen die große Hoffnung, die alles überschreitet. Und diese Hoffnung kann nur Gott selbst sein, der das Ganze umfasst, der uns geben und schenken kann, der uns im Lieben und Erlösen Hoffnung schenkt auf das wahre Leben.

Das Gebet als Schule der Hoffnung

Ein erster „Lernort“ der Hoffnung ist das Gebet. Wenn niemand mehr zuhört, wenn ich zu niemandem mehr reden kann – in dieser Verlorenheit bleibt mir immer Gott. Als Betender ist der Mensch nie allein.

Beten bedeutet dabei aber nicht, den eigenen Vorteil zu suchen. Es schließt uns nicht aus von der Geschichte, es isoliert uns nicht vom Anderen. Denn rechtes Beten ist ein Vorgang der inneren Reinigung, der uns gottfähig und so gerade menschenfähig macht.

Rechtes Beten ist eine persönliche Begegnung meines Ich mit dem lebendigen Gott, das aber in das gemeinschaftliche Gebet der Kirche mündet: In das Vaterunser, in das Ave Maria und in die Gebete der Liturgie. So können wir mit Gott wirklich sprechen, so redet Gott mit uns. Aus dieser Begegnung erwächst die Reinigung, die uns zu hoffenden Menschen werden lässt. Hoffnung, die die Welt für Gott offen hält.

Tun und Leiden als Schule der Hoffnung

„Alles ernsthafte und rechte Tun des Menschen ist Hoffnung im Vollzug“. Wir ringen um die Erfüllung unserer Ziele und Hoffnungen, wir tragen dazu bei, dass die Welt ein wenig menschlicher wird und sich auf diese Weise Türen öffnen lassen für eine hoffnungsvolle Zukunft.

Wenn wir nicht mehr hoffen oder uns auf rein weltliche Mächte konzentrieren, dann sind wir bald ohne Hoffnung. Nur die große Zuversicht, dass trotz des vielfältigen Scheiterns mein Leben geborgen ist in den Händen Gottes und von ihm her Sinn, Mut zum Wirken und Kraft zum Weitergehen erhält, lehrt uns die Hoffnung, in der wir gerettet werden.

Aber auch das Leid gehört zu unserem Leben und ist ein Lernort der Hoffnung. Das ungerechte Leid, die eigene Endlichkeit, die Qualen die viele erleiden müssen, sie wandeln sich in Freude, weil Gott befreit, der Angst und Trauer verwandelt in Heiterkeit und Freude – Er ist ein Gott der Tröstung, der con-solation, des MitSeins in der Einsamkeit. Mit dieser Hoffnung werden wir herausgeführt aus dem Leid, das so viele verschiedene Formen annehmen kann.

Das Gericht – Übung in der Hoffnung

Und als dritten Lernort der Hoffnung nennt Benedikt XVI. das Gericht. „Er wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten“, so schließt im großen Glaubensbekenntnis der Mittelteil, der das Geheimnis von der ewigen Geburt aus dem Vater und von der zeitlichen Geburt aus Maria der Jungfrau über Kreuz und Auferstehung bis zu seiner Wiederkunft behandelt. Der Ausblick auf das Gericht hat die Christenheit stets zum Maßstab des gegenwärtigen Lebens, als Aufforderung an das Gewissen und als Zeichen der Hoffnung auf die Gerechtigkeit Gottes bestimmt. Es ist nicht das Szenario der Furcht, sondern das Bild der „Verantwortung“ (SS 44).

Es ist ein Blick nach vorne, der dem Christentum seine Gegenwartskraft gibt und zugleich das Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit schenkt. Es gibt Gerechtigkeit, es gibt die Gutmachung, das Recht und die Auferstehung des Fleisches – Daher ist der Glaube an das Letzte Gericht zuallererst Hoffnung auf den alles zum guten wendenden Gott.

Nicht irgendein Gott, der sich unseren Blicken entzieht, ist unsere Hoffnung und Erlösung, sondern der Gott Jesus Christus, der uns sein Angesicht geschenkt hat, der uns an Weihnachten den Frieden und das Heil gebracht hat. Mit Maria stellen wir uns vor Jesus Christus. Sie ist der Stern der Hoffnung, weil sie Gott die Tür geöffnet hat- zu ihrem Herzen und zur ganzen Welt. Sie hat Ja zur Hoffnung gesagt. Zu der Hoffnung, auf die hin wir gerettet sind.

„Darum rufen wir zu ihr: Heilige Maria, du gehörtest zu jenen demütigen und großen Seelen in Israel, die – wie Simeon – „auf den Trost Israels warteten“ (Lk 2,25), wie Anna auf die „Erlösung Jerusalems“ hofften (Lk 2,38). Du lebtest in den heiligen Schriften Israels, die von der Hoffnung sprachen – von der Verheißung, die Abraham und seinen Nachkommen geschenkt war (vgl. Lk 1, 55). So verstehen wir das heilige Erschrecken, das dich überfiel, als der Engel Gottes in deine Stube trat und dir sagte, du sollest den gebären, auf den Israel hoffte, auf den die Welt wartete.

Durch dich, durch dein Ja hindurch sollte die Hoffnung der Jahrtausende Wirklichkeit werden, hineintreten in diese Welt und ihre Geschichte. Du hast dich der Größe dieses Auftrags gebeugt und ja gesagt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1,38). Als du in der heiligen Freude über die Berge Judäas zu deiner Base Elisabeth eiltest, wurdest du zum Bild der kommenden Kirche, die die Hoffnung der Welt in ihrem Schoß über die Gebirge der Geschichte trägt. Aber neben der Freude, die du in deinem Magnificat in die Jahrhunderte hinein gesagt und gesungen hast, wußtest du doch auch um die dunklen Worte der Propheten vom Leiden des Gottesknechtes in dieser Welt.

Über der Geburt im Stall zu Bethlehem leuchtete der Glanz der Engel, die den Hirten die frohe Kunde brachten, aber war doch zugleich auch die Armut Gottes in dieser Welt nur allzu spürbar. Der greise Simeon sprach dir von dem Schwert, das dein Herz durchdringen werde (vgl. Lk 2,35), vom Zeichen des Widerspruchs, das dein Sohn sein werde in dieser Welt. Als dann das öffentliche Wirken Jesu begann, musstest du zurücktreten, damit die neue Familie wachsen konnte, die zu gründen er gekommen war und die aus denen wachsen sollte, die sein Wort hörten und es befolgten (vgl. Lk 11,27 f.)“