Das Gebet Jesu in Getsemani: Erste Betrachtung von P. Raniero Cantalamessa für den Papst und seine Kurienmitarbeiter in der Fastenzeit

"Und er betete in seiner Angst noch inständiger" (Lk 22,44)

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ROM, 20. März 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die erste Betrachtung in der Fastenzeit, die Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa, Prediger des Päpstlichen Hauses, am Freitag in der Kapelle Redemptoris Mater im Apostolischen Palast vorgetragen hat.



P- Cantalamessa betrachtete vor Papst Benedikt XVI. und dessen Mitarbeitern der Römischen Kurie das Gebet Jesu in Getsemani und betonte, dass das Gebet das große Hilfsmittel sei, um auch inmitten von Leiden und Trübsal zuversichtlich zu sein. "Indem Gott dir die Gnade schenkt, befiehlt er dir, das zu tun, was du kannst, und darum zu bitten, was du nicht kannst."

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1. Wir sind auf seinen Tod getauft

In den Adventsmeditationen habe ich versucht, die Notwendigkeit herauszustellen, in der heutigen Zeit das Kerygma wiederzuentdecken, das heißt den ursprünglichen Kern der christlichen Botschaft, der für gewöhnlich der Akt des Glaubens entstehen lässt. Das Leiden und der Tod Christi stellen das grundlegende Element dieses Kerns dar.

Von einem objektiven Standpunkt aus gesehen, das heißt dem des Glaubens, ist die Auferstehung und nicht der Tod Christi das charakteristische Element: "Es ist nichts Besonderes zu glauben, dass Jesus gestorben ist", schreibt der heilige Augustinus. "Das glauben auch die Heiden und die Verdammten; alle glauben das. Aber das wahrhaft Große ist zu glauben, dass er auferstanden ist. Der Glaube der Christen ist die Auferstehung Christi" (Hl. Augustinus, Enarrationes in Psalmos 120, 6). Von einem subjektiven Standpunkt aus gesehen, dss heißt dem des Lebens, ist das Leiden und nicht die Auferstehung das für uns wichtigste Element: "Von den drei Dingen die das allerheiligste Triduum – Kreuzigung, Grablegung, Auferstehung des Herrn – darstellen", schreibt Augustinus, "realisieren wir in unserem gegenwärtigen Leben die Bedeutung der Kreuzigung, während wir mittels Glaube und Hoffnung das halten, was Grablegung und Auferstehung bedeuten" (Hl. Augustinus, Briefe, 55, 14, 24).

Es heißt, dass die Evangelien "Erzählungen des Leidens Christi sind, denen eine lange Einleitung vorangeht" (M. Köhler). Leider wird jedoch dieser wichtigere Teil der Evangelien während des liturgischen Jahres weniger geschätzt, da er nur einmal im Jahr, in der Karwoche gelesen wird, wenn es aufgrund der Länge der Riten unmöglich ist, ihn zu erklären und zu kommentieren. Früher spielte die Passionspredigt bei jeder Volksmission die wichtigste Rolle. Da diese Gelegenheiten sehr selten geworden sind, erreichen viele Christen heutzutage das Ende ihres Lebens, ohne jemals auf den Kalvarienberg gestiegen zu sein...

Mit unseren Reflexionen zur Fastenzeit wollen wir diesen Mangel zumindest zu einem kleinen Teil beheben. Wir wollen ein wenig mit Jesus in Getsemani und auf dem Kalvarienberg verweilen, um Ostern vorbereitet zu erreichen. Es steht geschrieben, dass es in Jerusalem ein kleines, wunderbares Becken gab, und der erste, der hineintauchte, wenn sich das Wasser bewegte, wurde geheilt. Wir müssen uns im Geiste in dieses Becken, oder besser gesagt, in diesen Ozean der Leiden Christi hineinwerfen.
In der Taufe sind wir "auf seinen Tod getauft" und "mit ihm begraben" worden (vgl. Röm 6,3 f): Das, was einmal mystisch im Sakrament geschehen ist, muss sich existentiell im Leben erfüllen. Wir müssen ein Heil spendendes Bad in der Passion nehmen, um durch sie erneuert, gestärkt und verwandelt zu werden. "Ich begrub mich in der Passion Christi", schreibt die selige Angela von Foligno, "und mir wurde die Hoffnung zuteil, dass ich in ihr meine Befreiung fände"(Il libro della B. Angela da Foligno [Das Buch der seligen Angela da Foligno], Quaracchi, Grottaferrata 1985, 148).

2. Getsemani, eine historische Tatsache

Unsere Wanderung durch die Passion Christi beginnt wie die von Jesus in Getsemani. Der Todeskampf Jesu auf dem Ölberg ist eine Tatsache, die in den Evangelien "auf vier Säulen" bezeugt wird, das heißt von allen vier Evangelisten. Auch Johannes spricht darüber, wenn er Jesus folgende Worte in den Mund legt: "Jetzt ist meine Seele erschüttert" (diese Worte erinnern an "Meine Seele ist zu Tode betrübt" der Synoptiker) und "Vater, rette mich aus dieser Stunde" (diese Worte erinnern an "Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber" der Synoptiker; Joh12,27 f). Wir werden dies auch im Hebräerbrief wiederfinden.

Es ist ganz außergewöhnlich, dass eine so wenig "apologetische" Tatsache einen derart bedeutenden Platz in der Tradition gefunden hat. Nur ein historisches, viel bezeugtes Ereignis erklärt die Bedeutung, die diesem Moment des Lebens Jesu beigemessen wird. Jeder der Evangelisten hat dieser Begebenheit eine andere Koloratur gegeben, entsprechend der eigenen Sensibilität und den Bedürfnissen der Gemeinde, für die sie schrieben. Sie haben dem Faktum dabei allerdings nichts wahrhaft "Fremdes" angefügt, sondern jeder hat vielmehr einige der unendlich vielen geistlichen Implikationen der Begebenheit besonders betont. Sie haben nicht, wie man heutzutage sagt, eis-egesis, sondern ex-egesis gemacht.

Aussagen in den Evangelien, die sich dem Worte nach widersprechen und gegenseitig ausschließen, tun das nicht dem Geiste nach. Selbst, wenn externe und materielle Kohärenz nicht gegeben ist, so fehlt es jedoch nicht an einer tiefen Einmütigkeit. Die Evangelien sind vier Zweige eines Baumes, die in der Krone getrennt, im Stamm aber (die gemeinsame mündliche Tradition der Kirche) und durch ihn,in der Wurzel, die der historische Jesus ist, vereint sind. Die Unfähigkeit vieler Bibelwissenschaftler, die Dinge in diesem Licht zu sehen, hängt – meiner Meinung nach – von der Unkenntnis dessen, was in geistlichen und mystischen Phänomenen geschieht, ab. Es handelt sich um zwei Welten, die von verschiedenen Gesetzen regiert werden. Es ist, als ob jemand die Himmelskörper mit Instrumenten erforschen wollte, die für die Unterwasserforschung geschaffen wurden.

Der hervorragende katholische Exeget Raymond Brown, der im Studium der Bibel beispielhaft wissenschaftliche Strenge mit geistlicher Sensibilität zu vereinen wusste, fasst den Inhalt der Anfangsbegebenheit der Passion wie folgt zusammen:

"Jesus, der sich von seinen Jüngern entfernt; der Kummer seiner Seele, während er betet, dass der Kelch von ihm genommen werde; die liebevolle Antwort des Vaters, der einen Engel sendet, um ihn zu trösten; die Einsamkeit des Meisters, der dreimal seine Jünger schlafend vorfindet, anstatt, dass sie mit ihm beten; der Mut, der sich durch den endgültigen Entschluss dem Verräter entgegen zu gehen ausdrückt: Diese Kombination des menschlichen Schmerzes, der göttlichen Unterstützung und der einsamen Selbsthingabe aus den verschiedenen Evangelien machte Jesus zum Gegenstand von Kunst und Meditation und hat sehr dazu beigetragen, dass Jesus von denen, die an ihn glauben, geliebt wird" (R. E. Brown, The Death of the Messiah. From Gethsemane to the Grave. A Commentary on the Passion Narratives in the Four Gospels [Der Tod des Messias. Von Getsemani zum Grab. Kommentar über die Passionsberichte der vier Evangelien, Doubleday, New York 1994, 216).

Der ursprüngliche Kern, um den herum sich die gesamte Szene in Getsemani entwickelte, scheint das Gebet Jesu gewesen zu sein. Das Erinnerung an einen Kampf Jesu im Gebet direkt vor seiner Passion ist in einer uralten Tradition verwurzelt, von der sowohl Markus als auch die anderen Quellen (vgl. ebd., 233) abhängen, und es ist dies der Aspekt, dessen wir uns in dieser Meditation besinnen wollen.

Die Gesten, die er ausführt, sind die Gesten einer Person, die sich in Todesangst befindet: Er wirft sich "der Länge nach zu Boden", erhebt sich, um zu seinen Jüngern zu gehen, kehrt zurück, um sich hinzuknien, dann steht er erneut auf... Sein Schweiß ist wie Blut (vgl. Lk 22,44). Aus seinen Lippen ertönt die inständige Bitte: "Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!" (Mk 14,36). Die "Gewalt" des Gebetes Jesu in Anbetracht seines nahe bevorstehenden Todes kommt vor allem im Hebräerbrief zum Vorschein, in dem steht, dass Jesus, "als er auf Erden lebte, [...] mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht [hat], der ihn aus dem Tod retten konnte" (Heb 5,7).

Jesus ist allein vor der Aussicht auf einen ungeheuren Schmerz, der ihn in Kürze übermannen wird. Die erwartete und gefürchtete "Stunde" des letzten Gefechts mit den Mächten des Bösen, die Stunde der großen Prüfung (peirasmos) ist da. Aber der Grund für seine Angst geht noch tiefer: Er fühlt das gesamte Übel und alle Schändlichkeiten der Welt auf sich lasten. Nicht er hat dieses Übel begangen, aber das ist gleich, denn er hat es freiwillig auf sich genommen: "Er hat unsere Sünden mit seinem Leib [...] getragen" (1 Pt 2,24), das heißt (dem Sinn gemäß, den dieses Wort in der Bibel hat) mit seiner Person: Seele, Körper und Herz. Jesus ist jener Mensch, der für uns "zur Sünde gemacht" wurde, sagt der heilige Paulus (2 Kor 5,21).

3. Zwei verschiedene Arten mit Gott zu kämpfen

Um der arianischen Häresie jeglichen Anspruchs zu nehmen, erklärten einige Kirchenväter das Begebnis in Getsemani pädagogisch mit der Idee der "Bewilligung" (dispensatio): Jesus hat nicht wirklich Kummer und Angst gespürt. Er hat uns lediglich lehren wollen, wie wir mit dem Gebet unsere menschlichen Auflehnungen besiegen können. In Getsemani, schreibt der heilige Hilarius von Poitiers, "ist Christus nicht um sich selbst traurig und betet nicht für sich selbst, sondern für diejenigen, die er ermahnt, wachsam zu sein und zu beten, damit der Kelch des Leidens nicht auf sie hernieder falle" (Vgl. Hl. Hilarius von Poitiers, De Trinitate, X, 37).

Nach dem Konzil von Chalkedon und vor allem nach der Überwindung des Monothelitismus scheint es nicht mehr notwendig auf diese Erklärung zurückzugreifen. Jesus betet in Getsemani nicht nur, um uns zu ermahnen zu beten. Er betet, weil er wahrer Mensch ist, "in allem uns gleich, außer der Sünde", und weil deshalb den gleichen Kampf erfährt wie wir, angesichts dessen, was der menschlichen Natur zuwider ist (vgl. dazu Hl. Maximus der Bekenner, In Mattheum 26,39 [PG 91, 68]).

Wenn aber Getsemani nicht lediglich mit einer pädagogischen Absicht erklärt wird, so ist dennoch sicher, dass die Evangelisten, die uns dieses Geschehen übermittelt haben, auch diese verfolgten, und es ist wichtig für uns, sie zu erfassen. In den Evangelien können die Erzählung einer Tatsache und der Aufruf zur Nachahmung nicht voneinander getrennt werden. "Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt", sagt der Brief des Petrus (1Petr 2,21).

Das Wort "Agonie", das von Jesus in Getsemani ausgesagt wird (vgl. Lk 22,44), sollte in seinem ursprünglichen Sinn als Kampf verstanden werden und nicht so sehr als Agonie im heutigen Sinn. Es kommt die Zeit, in der sich das Gebet in Kampf, Mühe, Todesqual verwandelt. Ich spreche in diesem Moment nicht von dem Kampf gegen Ablenkungen, das heißt dem Kampf mit uns selbst, sondern ich spreche vom Kampf mit Gott. Das geschieht dann, wenn Gott uns um etwas bittet, was unsere Natur nicht zu geben bereit ist und wenn das Handeln Gottes für uns unverständlich wird und zur Bestürzung Anlass gibt.

Die Bibel zeigt uns einen anderen Bereich des Ringens mit Gott im Gebet, und es ist sehr aufschlussreich, die beiden Begebenheiten miteinander zu vergleichen. Es handelt sich um den Kampf Jakobs mit Gott (vgl. Gen 32,23-33). Auch die Umstände sind sehr ähnlich. Der Kampf Jakobs trägt sich in der Nacht zu, jenseits des Baches Jabbok. Auch Jesu Kampf erfolgt nachts, jenseits des Baches Kidron. Jakob verlagert Sklaven, Frauen und Kinder, um allein zu bleiben; Jesus entfernt sich von den letzten drei Jüngern, um zu beten.

Aber warum ringt Jakob mit Gott? Hier steckt die große Lektion, die uns erteilt wird. "Ich lasse dich nicht los", sagt er, "wenn du mich nicht segnest", das heißt wenn du nicht machst, worum ich dich bitte. Und: "Nenne mir doch deinen Namen!" Er ist überzeugt, dass er mit der Macht, die die Kenntnis des Namens Gottes verleiht, seinen Bruder Laban, der ihn verfolgt, besiegen können wird. Gott segnet ihn, offenbart ihm jedoch nicht seinen Namen.

Jakob kämpft also, damit sich Gott seinem Willen beugt; Jesus kämpft, damit sich sein menschlicher Wille Gott beugt. Er kämpft, denn "der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" (Mk 14,38). Sofort taucht die Frage auf: Wem ähneln wir, wenn wir in Schwierigkeiten beten? Wir ähneln Jakob, dem Mann des Alten Testaments, wenn wir im Gebet ringen, um Gott zu veranlassen und seine Entscheidung zu ändern,, anstatt uns selbst zu ändern und seinen Willen anzunehmen; dass er das Kreuz von uns nehmen möge, anstatt dass wir fähig sein mögen, es mit ihm zu tragen. Wir ähneln Jesus, wenn wir danach streben, uns dem Willen des Vaters hinzugeben – selbst wenn das unter Stöhnen und Ächzen und im Fleisch, das Blut schwitzt, geschieht. Die Ergebnisse dieser beiden Gebete sind sehr verschieden. Gott offenbart Jakob nicht seinen Namen, Jesus aber gibt er jenen Namen, der höher ist als jeder andere Name (vgl. Phil 2,11).
Wenn man in diesem Gebet ausharrt, geschieht manchmal etwas Merkwürdiges, und es ist gut, das zu wissen, um nicht eine wertvolle Gelegenheit zu versäumen. Die Rollen vertauschen sich: Gott wird zu demjenigen, der bittet, und du zu demjenigen, der gebeten wird. Du hast angefangen zu beten, um Gott um etwas zu bitten. Wenn du dich dann im Gebet befindest, stellst du nach und nach fest, dass Gott es ist, der dir seine Hand entgegenstreckt, um dich um etwas zu bitten. Du wolltest ihn bitten, dir jenen Stachel aus dem Fleisch zu nehmen, jenes Kreuz, jene Prüfung, dich von jener Aufgabe zu befreien, von jener Situation, von der Nähe jener Person... Und genau in diesem Punkt geschieht es, dass Gott dich bittet, jenes Kreuz, jene Situation, jene Aufgabe, jene Person anzunehmen.

Ein Gedicht von Tagore hilft uns zu verstehen, worum es geht. Ein Bettler erzählt von seiner eigenen Erfahrung, die wir so wiedergeben könnten: Ich ging den Dorfweg entlang, von Tür zu Tür, und bettelte, als in der Ferne eine goldene Kutsche erschien. Es war die Kutsche des Königssohnes. Ich dachte: Das ist die Gelegenheit meines Lebens, und ich setzte mich – den Beutel weit geöffnet – und wartete, dass mir jener Almosen geben würde, ohne dass ich auch nur darum bat; ja mehr noch, dass um mich herum die Reichtümer wie Regen auf die Erde fielen. Aber wie groß war doch meine Überraschung, als die Kutsche in meiner Nähe hielt, der Königssohn ausstieg, die Hand ausstreckte und mich fragte: "Was möchtest du mir geben?" Welch königliche Geste war es, deine Hand auszustrecken! Verlegen und zögernd nahm ich ein einziges Reiskorn aus dem Sack, das kleinste von allen, und reichte es ihm. Wie traurig war es jedoch, als ich am Abend, meinen Beutel durchstöberte und ein goldenes Reiskorn fand – aber nur ein einziges, das kleinste. Ich weinte bitterlich, dass ich nicht den Mut gehabt hatte, alles zu geben (Tagore, Gitanjali, 50).

Das erhabenste Beispiel eines solchen Rollentausches ist das Gebet Jesu in Getsemani. Er bittet den Vater, dass er den Kelch von ihm nehmen möge, und der Vater bittet ihn, dass er ihn zur Erlösung der Welt trinken möge. Jesus gibt nicht nur einen, sondern alle Tropfen seines Blutes, und der Vater entlohnt ihn dafür, indem er ihn – als Mensch – zum Herrn macht, so dass "jetzt ein einziger Tropfen jenes Blutes ausreicht, um die gesamte Welt zu erlösen" (una stilla salvum facere totum mundum quit ab omni scelere).

4. "Und er betete in seiner Angst noch inständiger"

Diese Worte sind vom Evangelisten Lukas (vgl. Lk 22,44) mit einer eindeutig pastoralen Absicht geschrieben worden: Er wollte der Kirche seiner Zeit, die selbst unter Kampf und Verfolgung litt, zeigen, was der Herr gelehrt hat, was in einer solchen Bedrängnis zu tun ist.

Das menschliche Leben enthält viele solcher kleiner Nächte in Getsemani. Die Gründe dafür können sehr verschieden sein: eine Bedrohung, die sich für unsere Gesundheit abzeichnet, Unverständnis, Gleichgültigkeit von Seiten unserer Mitmenschen, die Angst vor den Konsequenzen eines begangenen Fehlers. Aber es kann auch tiefergehende Gründe geben: der Verlust des Sinnes für Gott, das erdrückende Bewusstsein der eigenen Sünde und Unwürdigkeit; der Eindruck, den Glauben verloren zu haben – kurz: Es handelt sich um das, was die Heiligen "die dunkle Nacht der Seele" genannt haben.

Jesus lehrt uns, was wir in solchen Situationen als Erstes tun sollen: Bei Gott im Gebet Zuflucht suchen. Wir dürfen uns nichts vormachen: Es ist wahr, dass Jesus in Getsemani auch nach der Gesellschaft seiner Freunde trachtet. Aber warum trachtet er danach? Nicht, um schöne Worte zu hören, sich abzulenken oder trösten zu lassen. Er bittet, dass sie ihm im Gebet beistehen, dass sie mit ihm beten: "Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen? Wacht und betet" (Mt 26,40f).

Es ist wichtig zu erwähnen, wie das Gebet Jesu in Getsemani in der ältesten Quelle, dem Markusevangelium, beginnt: "Abba, Vater, alles ist dir möglich" (Mk 14,36). Der Philosoph Kierkegaard stellt hierzu sehr Aufschluss gebende Betrachtungen an. Er sagt: "Der entscheidende Punkt ist, dass für Gott alles möglich ist." Der Mensch verfällt nur dann in wahre Verzweiflung, wenn ihm keine Möglichkeit mehr offen steht, wenn es – wie es so heißt – nichts mehr zu tun gibt. "Wenn jemand ohnmächtig wird, sucht man nach 'Kölnisch Wasser', 'Hoffmanns Tropfen'. Aber wenn jemand verzweifelt, dann muss man sagen: 'Sucht nach einer Möglichkeit, findet eine Möglichkeit für ihn!' Die Möglichkeit ist das einzige Heilmittel. Gebt ihm eine Möglichkeit, und der Verzweifelte wird wieder Kraft schöpfen, Mut fassen, denn, wenn der Mensch ohne Möglichkeit verbleibt, dann ist das so, als fehle es ihm an Luft. So manches Mal kann die menschliche Erfindungsgabe ausreichen, um eine Möglichkeit zu finden; aber letztendlich, das heißt wenn es darum geht zu glauben, dann hilft nur das Eine: dass für Gott alles möglich ist" (S. Kierkegaard, Die Krankheit zum Tod, I. Teil).

Diese Möglichkeit, die dem Gläubigen stets zur Hand ist, stellt das Gebet dar. "Beten ist wie Atmen" (vgl. ebd., 640). Und wenn jemand bereits ohne Erfolg gebetet hat? Bete weiter! Bete prolixius, mit größerer Beharrlichkeit. Wir könnten einwenden, dass Jesus aber nicht erhört worden ist. Der Hebräerbrief besagt jedoch das genaue Gegenteil: "Er wurde erhört, aufgrund seiner Frömmigkeit." Lukas drückt diese innere Hilfe, die Jesus vom Vater erhielt, mit der Erzählung vom Engel aus: "Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm neue Kraft" (Lk 22,43). Aber es handelt sich hier um eine Prolepsis, eine Vorwegnahme. Die große, wahre Erhörung, die der Vater bewirkte, war die Auferstehung Christi.

Gott erhört, wenn er nicht erhört, bemerkte Augustinus, das heißt wenn wir nicht erhalten, worum wir ihn bitten. Sein zögerndes Erhören ist bereits ein Erhören, um uns mehr geben zu können als das, worum wir ihn bitten (Hl. Augustinus, Zum ersten Brief des Johannes , 6, 6-8). Wenn wir trotz allem weiterbitten, so ist das ein Zeichen dafür, dass er uns bereits seine Gnade gibt. Wenn Jesus am Ende der Szene sein entschlossenes "Steht auf, wir wollen gehen!" (Mt 26,46) spricht, so geschieht das, weil der Vater ihm mehr als "zwölf Legionen Engel" gegeben hat, um ihn zu verteidigen. "Er hat ihm", sagt der heilige Thomas, "den Willen für uns zu leiden verliehen, indem er ihm die Liebe eingab" (Hl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, III, q.47, a.3.).

Die Fähigkeit zu beten ist unsere große Hilfsquelle. Viele Christen, die wahrhaft engagiert sind, erfahren angesichts der Versuchungen und der Unmöglichkeit, sich den hohen Forderungen der Moral der Evangelien anzupassen, ihre Ohnmacht und schließen bisweilen daraus, dass sie es nicht schaffen und dass es unmöglich ist, das christliche Leben vollständig zu leben. In einem gewissen Sinn haben sie Recht. Allein ist es tatsächlich unmöglich, die Sünde zu vermeiden – wir brauchen Gnade. Aber auch Gnade, so heißt es, ist unentgeltlich und kann nicht verdient werden. Was sollen wir also tun? Verzweifeln, aufgeben? Das Konzil von Trient sagt: "Indem Gott dir die Gnade schenkt, befiehlt er dir, das zu tun, was du kannst, und darum zu bitten, was du nicht kannst" (Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion Symbolorum, 1536).

Der Unterschied zwischen dem Gesetz und der Gnade besteht im Folgenden: Im Gesetz sagt Gott zum Menschen: "Tu, was ich dir befehle!" In der Gnade sagt der Mensch zu Gott: "Gib mir, was du mir befiehlst!" Das Gesetz befiehlt, Gnade bittet. Als Augustinus, der bislang vergebens darum gekämpft hatte, enthaltsam zu leben, dieses Geheimnis herausfand, änderte er seine Strategie: Anstatt gegen seinen Körper anzukämpfen, begann er mit Gott zu kämpfen. Er sagte: "Du befiehlst uns Enthaltsamkeit. Dann gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst" (Hl. Augustinus, Bekenntnisse, X, 29). Und wir wissen, dass er die Enthaltsamkeit schließlich erlangte!

Jesus hat im Voraus seinen Jüngern das Mittel und die Worte gegeben, mit denen sie sich mit ihm in der Prüfung vereinen können: Das Vaterunser. Es gibt keinen Gemütszustand, der sich nicht im Vaterunser reflektierte und der in ihm nicht die Möglichkeit fände, zu Gebet zu werden: Freude, Lobpreis, Anbetung, Danksagung, Reue. Aber das Vaterunser ist vor allem das Gebet in der Stunde der Prüfung. Es gibt eine offensichtliche Ähnlichkeit zwischen dem Gebet, das Jesus seinen Jüngern hinterließ, und jenem, das er selbst in Getsemani zum Vater erhob. Er hat uns tatsächlich sein Gebet hinterlassen.

Das Gebet Jesu beginnt – wie das Vaterunser – mit einem Ausruf: "Abba, Vater" (Mk 14,36) oder "mein Vater" (Mt 26,39); wie das Vaterunser fährt es mit der Bitte, dass sein Wille geschehen möge, fort; er bittet, dass der Kelch an ihm vorbeigehen möge, wie auch wir im Vaterunser den Vater bitten: "Erlöse uns von dem Bösen"; er sagt den Jüngern, dass sie beten sollen, um nicht in Versuchung zu geraten, und er lässt uns das Vaterunser mit den Worten beenden: "Und führe uns nicht in Versuchung."

Welch ein Trost ist in der Stunde der Prüfung und der Dunkelheit die Gewissheit, dass der Heilige Geist in uns das Gebet Jesu in Getsemani fortsetzt, dass in jenen Momenten das "unaussprechliche Stöhnen und Ächzen", mit dem der Heilige Geist für uns Fürsprache hält, den Vater erreicht, vermischt mit den "Gebeten und Bitten mit lautem Schreien und unter Tränen", die der Sohn zu ihm erhob, als "seine Stunde" gekommen war (vgl. Heb 5,7).

5. Im Todeskampf bis zum Ende der Welt

Bevor wir uns von Jesus in Getsemani verabschieden, noch eine letzte Anregung: Der heilige Leo der Große sagt, dass "das Leiden des Herrn bis zum Ende der Welt dauert" (Hl. Leo der Große, Sermo 70, 5). Das spiegelt sich in der bekannten Meditation des Philosophen Pascal über die Agonie Jesu wieder:

"Christus wird im Todeskampf bis zum Ende der Welt verweilen. Während dieser Zeit dürfen wir nicht schlafen. Ich dachte an dich in meiner Agonie: Jene Blutstropfen habe ich für dich vergossen. Willst du stets das Blut meines Menschseins kosten, ohne dass du eine Träne vergießt?
Ich bin dir mehr Freund als dieser oder jener, denn ich habe für dich mehr getan als sie, und sie würden niemals das von dir erleiden, was ich von dir ertragen habe. Sie würden niemals für dich sterben in der Zeit deiner Untreue und Grausamkeit, so wie ich es für dich getan habe und so wie ich bereit bin, es in meinen Auserwählten und im Allerheiligsten Sakrament zu wiederholen"
(B. Pascal, Gedanken, 553).

All das ist nicht einfach eine Redensart oder eine verzerrte psychologische Auslegung; es entspricht geheimnisvoll der Wahrheit. Im Geiste ist Jesus auch jetzt in Getsemani, im Prätorium, am Kreuz. Und zwar nicht nur in seinem mystischen Leib – in denen, die leiden, die gefangen oder ermordet werden – sondern auf eine Weise, die wir nicht erklären können, auch in seiner Person. Das ist nicht "trotz" der Auferstehung wahr, sondern gerade "wegen" ihr, die den Gekreuzigten "in Ewigkeit lebendig" gemacht hat. Die Offenbarung zeigt uns das Lamm im Himmel "aufrecht", das heißt auferstanden und lebendig, aber mit den immer noch sichtbaren Zeichen seiner Opferung (vgl. Offb 5,6).

Der bevorzugte Ort, wo wir Jesus in seinem Todeskampf "bis zum Ende der Welt" antreffen können, ist die Eucharistie. Jesus hat sie, bevor er zum Ölberg ging, gerade deshalb eingesetzt, damit seine Jünger in jedem Zeitalter "Zeitgenossen" seiner Passion werden könnten. Wenn der Heilige Geist uns in dieser Fastenzeit eingibt, eine Stunde an Jesu Seite in Getsemani zu verbringen, dann ist es am besten, Donnerstagabends eine Stunde vor dem Allerheiligsten Sakrament zu verbringen.

Wir dürfen dabei natürlich nicht die andere Art vergessen, in der Christus "bis zum Ende der Welt" im Todeskampf verharrt –in den Gliedern seines mystischen Leibes. Im Gegenteil, wenn wir unsere Gefühle ihm gegenüber konkretisieren wollen, dann ist der verbindliche Weg derjenige, einem Mitglied seines mystischen Leibes das zu tun, was wir ihm, der bereits in die Herrlichkeit eingegangen ist, nicht direkt tun können.

Das Wort Getsemani ist Symbol für jeglichen moralischen Schmerz geworden. Jesus hat noch keine physische Qual erlitten; sein Schmerz ist vollkommen innerlich, und doch schwitzt er nur hier Blut, in diesem Augenblick, als sein Herz – und noch nicht sein Fleisch – gepeinigt wird. Die Welt ist körperlichem Leiden gegenüber sehr empfindlich; nicht jedoch in Anbetracht moralischer Qualen, die sie manchmal sogar verhöhnt und für Überempfindlichkeit, Autosuggestion oder Wahnvorstellungen hält.

Gott nimmt den Schmerz des Herzens sehr ernst, und das sollten auch wir tun. Ich denke dabei an diejenigen, die das stärkste Band, das sie im Leben hatten, verletzt sehen und sich allein wiederfinden (häufiger handelt es sich hierbei um Frauen); an diejenigen, die in ihrer Zuneigung betrogen werden und bekümmert sind demgegenüber, was ihr Leben oder das Leben einer geliebten Person bedroht; an diejenigen, die zu Recht oder zu Unrecht (von diesem Gesichtspunkt aus macht das nicht viel Unterschied) von einem Tag auf den anderen vor der spottenden Öffentlichkeit bloßgestellt werden. Wie viele versteckte Getsemani gibt es auf der Welt – vielleicht unter unserem eigenen Dach, in der Tür oder am Arbeitstisch neben uns! Es liegt an uns, in dieser Fastenzeit ein Getsemani zu erkennen und demjenigen, der sich dort aufhält, nah zu sein.

Auf dass Jesus durch diese seine Glieder nicht sagen muss: "Umsonst habe ich auf Mitleid gewartet, auf einen Tröster, doch ich habe keinen gefunden" (Ps 69,21), sondern dass wir im Gegenteil im Herzen das Wort, das alles entlohnt, hören mögen: "Das habt ihr mir getan."