Das Geheimarchiv von Paolo Gabriele

Insgesamt zweiundachtzig Schachteln mit vertraulichen Dokumenten wurden von dem ehemaligen Kammerdiener des Papstes im Vatikan entwendet

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VATIKANSTADT, 4. Oktober 2012 (ZENIT.org).- Im Folgenden wird die von Radio Vatikan durchgeführte Berichterstattung über die dritte Verhandlung im Verfahren gegen den mit schwerem Diebstahl von vertraulichen Dokumenten beschuldigten Paolo Gabriele im Vatikan dokumentiert.

„Paolo Gabriele ist von niemandem je misshandelt worden. Er selbst hat der Gendarmerie stets seine Dankbarkeit für die erfahrene Behandlung erwiesen“, so Luca Cintia, der Verantwortliche für die Untersuchungshaft Gabrieles während seiner Zeugenvernehmung im Rahmen der dritten Verhandlung im Prozess im Vatikan wegen erschwerten Diebstahls vertraulicher Dokumente. Cintia wurde gemeinsam mit drei weiteren  Zeugen am 3. Oktober 2012 angehört. Sie und die Zeugen vom Vortag waren allesamt auf Veranlassung der Verteidigung geladen worden.  

Am Samstag, dem 29. September 2012, wird der Prozess zum Abschluss kommen. Gegenstand sind höchst vertrauliche Dokumente mit der Unterschrift des Papstes, von denen einige zur Vernichtung gekennzeichnet sind, Dokumente der römischen Kurie, zur  Organisation der Kirche, verschlüsselte Akten des Staatssekretariates. Radio Vatikan berichtet konkret von   „Dokumenten, die die absolute Privatsphäre und das Familienleben Benedikts XVI. betreffen, an den Papst gerichtete Briefe von Kardinälen zur Unterbreitung von Vorschlägen oder mit der Bitte um Ratschläge, Antworten des Papstes auf die Anfragen der Kardinäle, vom Papst unterschriebenen Dokumenten, verschlüsselten Dokumenten, auf Deutsch zur Vernichtung gekennzeichneten Dokumenten“.

Laut Radio Vatikan handle es sich dabei um weit mehr Dokumente als von Gianluigi Nuzzi in seinem kürzlich erschienenen Buch „Sua Sanità“ (Seine Heiligkeit) erwähnt ist. Die Zeugenaussagen waren in der Rekonstruktion der Beschlagnahmung vom vergangenen 23. Mai 2012 in der Wohnung Paolo Gabrieles im Vatikan vollkommen übereinstimmend.

Radio Vatikan zufolge wurde ein umfangreiches, hunderttausende von Blättern umfassendes Archiv entdeckt. Das Militär gab an, die Untersuchungen „ausschließlich zur Auffindung des von Nuzzi veröffentlichten Materials“ eingeleitet zu haben und erst später „den Ernst der Lage“ erkannt zu haben.   Die etwa tausend beschlagnahmten und zwischen Blättern versteckten Originaldokumente und Kopien betreffen unter anderem die Themen Freimaurerei, Esoterik, die Logen P2 und P4, wobei Papiere zu den Fällen Bisignani und Calvi sowie zu Berlusconi und Vatileaks zum Vorschein kamen, das Institut für religiöse Werke IOR, Recherchen über Yoga, den Buddhismus und das Christentum.

Ferner wurden Dokumente auf elektronischen Datenträgern gefunden (durchsucht wurden ein PC, zwei bis drei Laptops, ein iPad, eine Festplatte, eine Play Station und eine Speicherkarte) sowie Unterrichtsmaterial der drei Kinder Paolo Gabrieles.

Im Archiv befanden sich auch Anleitungen zum Verstecken von Dokumenten oder Fotografien in elektronischer Form, zur Aufnahme und Aufzeichnung von Videofilmen und zur „verschleierten Handybenützung“.

Von Seiten der Befragten wurde auch die Echtheit vieler der Dokumente bestätigt. Mehrmals wurden sie vom Präsidenten des Tribunals, Dalla Torre, gefragt, ob sie selbst während der Durchsuchung oder nach der Beschlagnahme des in 82 Schachteln verwahrten Materials in gedruckter oder elektronischer Form Originaldokumente zu Gesicht bekommen hatten.

Angaben von Radio Vatikan zufolge hatte Domenico Giani, der Chef der vatikanischen Gendarmerie sofort Maßnahmen zum Schutz Gabrieles und dessen Familie angeordnet. Der Präsident des Gerichtes wies darauf hin, dass die Ermittlung allfälliger Verstöße im Zusammenhang mit den Haftbedingungen Gegenstand eines anderen Verfahrens sei, in dem die Vorfälle und etwaige Falschaussagen festgestellt werden. Dalla Torre betonte, dass Gabriele laut  den bereits aktenkundigen Dokumenten eine Reihe von Zusicherungen erhalten hat, unter anderem Familienbesuche, Seelsorge und medizinische Leistungen.

Nach der Verhandlung wurde Gabrieles Anwältin Cristina Arru von den Journalisten mit der Frage konfrontiert, wie die Aussage vom 2. Oktober 2012 über eine Unterdrucksetzung Gabrieles, über die in einer winzigen  Zelle verbrachten ersten Tage der Haft, in der man die Arme nicht ausstrecken kann und das Licht ständig brennt, mit den Anfang Juli im Rahmen einer Pressekonferenz von ihr selbst im Gespräch mit Radio Vatikan getätigten Aussagen vereinbar sein sollen, die die gute Behandlung und den guten Gesundheitszustand während der ersten Tage der Haft betont hatten.

Cristina Arru gab darauf folgende Antwort: „Diese Aussagen bezogen sich auf diesen bestimmten Tag, genau auf diesen Zeitpunkt“. Unterdessen werden mit Spannung die Anklagerede des „Promotore della Giustizia“ (Förderer der Gerechtigkeit), das Plädoyer und allfällige Einwendungen und ein mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfindende Vorsprache Gabrieles in nichtöffentlicher Sitzung vom Samstag erwartet.  

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]