Das Geheimnis einer Geburt hat die Welt verändert

Pater Pietro Messa erläutert die Gründe für die Geburt des Jesuskindes

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Von Antonio Gaspari

ROM, 20. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Hat die Geburt Jesu wirklich die Geschichte der Menschheit verändert? Ist es wahr, dass die Mächtigen und das Volk sofort die Wichtigeit dieser Geburt erkannten? Warum beginnt unsere Zeitrechnung mit dieser Geburt? Und welche Bedeutung hat die Weihnachtskrippe im Leben der Menschen?

Um diese und andere Fragen zu beantworten, interviewte ZENIT Pater Pietro Messa, den Dekan der höheren mittelalterlichen und franziskanischen Studien an der Päpstlichen Universität Antonianum.

Welche Bedeutung hat die Figur des Jesuskindes in der Geschichte und in der Krippe des hl. Franziskus?

Pater Pietro Messa: Wir wissen, dass die ersten Christen, die allesamt dem jüdischen Glauben angehörten, den Sabbat ehrten, sich aber am darauf folgenden Tag, also am Sonntag, versammelten, um die Auferstehung zu feiern. Das bedeutet, dass Ostern der zuerst gefeierte Festtag und somit das oberste christliche Fest ist. Später begann man, auch andere Ereignisse aus dem Leben Jesu zu feiern, so auch seine Geburt, die auf den 25. Dezember festgelegt wurde. An diesem Datum wurde zuvor der Festtag des „Sol Invictus“ begangen, d.h. der unbezwungenen Sonne, die nicht von der Dunkelheit besiegt worden war, denn, ist die Wintersonnenwende einmal vorüber, werden die Tage wieder länger, und die Helligkeit gewinnt die Oberhand über die Dunkelheit der Nacht. Von dem Festtag ausgehend entwickelten sich die Darstellungen der Geburt Jesu sowie die Pilgerfahrten nach Bethlehem, der Stadt des Königs David, aus dessen Geschlecht auch Jesus abstammt.

Insbesondere die Pilgerfahrten, die die Bindung an die Orte des irdischen Lebens Jesu zum Ausdruck bringen und diese gleichzeitig verstärken, sind das antreibende Element in Hinblick auf die Erzählung und die Darstellung der Menschlichkeit Jesu gewesen. In diesem Zusammenhang ist der Wunsch des hl. Franz von Assisi zu sehen, als er die Menschen in Greccio im Jahre 1223 dazu aufforderte, „mit den Augen des Leibes“ zu sehen, wie das Jesuskind in eine Krippe zwischen einen Ochsen und einen Esel gelegt wurde. Und so wurde an Heiligabend die Eucharistie über einer Krippe gefeiert, an der sich der Tradition nach die beiden Tiere befanden, so dass man „mit den Augen des Leibes" das konsekrierte Brot und den konskrierten Wein sehen und dank des Heiligen Geistes an die Anwesenheit des Leibs und des Bluts Christi glauben könne (zur Vertiefung vgl. U. Occhialini - P. Messa, Il primo presepio del mondo[Die erste Krippe der Welt], Porziuncula Verlag, Assisi 2011).

ZENIT: In einem säkularisierten Umfeld wie dem modernen wird die Geburt des Jesuskindes trivialisiert und einem „Mythos" gleichgesetzt, an den nur noch Kinder glauben können. Weshalb hat den Christen zufolge diese Geburt die Welt verändert?

Pater Pietro Messa: Die schlimmste Entmystifizierung von Weihnachten ist nicht so sehr zu glauben, dass es sich um einen Mythos handelt, sondern vielmehr dessen Herabsetzung auf das Fest der Güte, des Altruismus und der Unterstützung der Bedürftigen. Nicht dass diese Dinge nicht wichtig sind oder nicht im Evangelium vorkommen, allerdings ist es von zentraler Bedeutung, dass an Weihnachten Jesus zu uns kommt, weil er sich für unsere Armut entschieden hat. Er reicht uns seine Hand, bis hin zu dem Tage, an dem sein Arm ans Kreuz genagelt ist. Wie die Klarissenschwester Chiara Tarcisia vom Ordenshaus der hl. Klara von Assisi in den letzten Monaten ihres Lebens zu sagen pflegte: „Das Wichtigste im Leben ist es zu lieben, aber vor allem geliebt zu werden!" Das Weihnachtsfest ist eine passende Gelegenheit, um geliebt zu werden und dies führt keineswegs zu Passivität, denn Jesus liebt uns, wie wir sind, aber es lässt uns nicht, wie wir sind, vielmehr verwandelt er uns und verleiht uns die Fähigkeit, auf kluge und wirkungsvolle Art und Weise zu lieben. Somit vollzieht sich mit der Begegnung mit Ihm eine Veränderung, und es beginnt eine neue Menschheit.

ZENIT: Weshalb sprechen Christen von Jesus als dem Erlöser?

Pater Pietro Messa: Jesus von Nazareth – einem Dorf, aus dem vielen zufolge nichts Gutes kommen konnte – wanderte auf den Straßen Palästinas ,und man fragte sich, was auch für viele andere Personen galt, wer er denn sei. Die Antworten auf diese Frage waren sehr unterschiedlich, aber wer sich nicht in ein bestimmtes Schema einordnen lässt, nimmt zur Kenntnis, dass jede Antwort unzureichend bzw. nicht erschöpfend ist. Und so wurde langsam immer mehr seine Wirklichkeit als Messias, als der Gesalbte des Höchsten und als Erlöser anerkannt. Doch gibt die Person Jesu, auch wenn man einige Gewissheiten erreicht und diese in den Dogmen festhält, Anlass zu weiteren Fragen, und wie wir es am Beispiel der Heiligen sehen, gibt es immer Grund zur Verwunderung, zum Einhalten und zur erstaunten Betrachtung seiner Person.

ZENIT: Das Datum, der Komet, die Heiligen drei Könige: sind dies die Argumente dafür, dass sich die geschichtlichen Fakten tatsächlich ereignet haben?

Pater Pietro Messa: Das Leben Jesu hat im Rahmen der Geschichte stattgefunden, das heißt, in realen Raum- und Zeitkoordinaten: Der Raum ist Palästina und die Zeit ist - wie man im Glaubensbekenntnis sagt „unter Pontius Pilatus". Aber das ist nicht genug, denn viele sahen seine Menschlichkeit, lauschten seinen Worten, waren Zeuge seiner Wunder, aber nur wenige glaubten an seine Göttlichkeit. Wie der hl. Franziskus von Assisi in der ersten Ermahnung sagt, sahen die Jünger seine Menschlichkeit „mit den Augen des Leibes", doch glaubten sie an seine Göttlichkeit. So gibt es in Jesus sicherlich eine Geschichte, aber auch etwas, was über die Geschichte hinaus geht; deshalb ist es wichtig, woran uns auch Papst Benedikt XVI. erinnert, dass man einen für Geheimnisse offenen Verstand und ein vernünftigen Glauben bewahren soll. Andernfalls würden wir in Rationalismus oder Fideismus verfallen.

Jesus ist eine tasächliche Begebenheit, die jedoch den Verstand übertrifft, und wenn der Verstand alles verstehen möchte bzw. den Anspruch erhebt, alles begreifen zu wollen, verfällt man in Rationalismus. Ebenso wird der Glaube zu Fideismus, wenn man die Geschichte und eine vernunftbasierte Untersuchung ausschließt.

ZENIT: Wer außer den Christen hat die Bedeutung dieser vor mehr als 2000 Jahren stattgefundenen Geburt erkannt?

Pater Pietro Messa: Viele Menschen einschließlich der Muslime, die in Jesus einen großen Propheten erkennen. Msgr. Luigi Padovese sagte, dass die Christmette in der Türkei auch von Muslimen besucht werde, und in einer seiner beispiellosen Predigten zu diesem Anlass ergriff er die Anwesenheit der Muslime mit großer Weisheit. Tatsächlich erklärte er, dass alle die Geburt Jesu feierten; für einige sei er ein großer Prophet, für die Christen sei er die Verkörperung der Barmherzigkeit, ja sogar der Gegenwart Gottes unter den Menschen, denn er ist der Sohn Gottes.

ZENIT: Warum beginnt die Zeitrechnung des Großteils der Erde mit der Geburt Jesu?

Pater Pietro Messa: Im Jahre 313 wurde das Edikt Konstantins erlassen, welches in einem gewissen Sinne das Ende der Verfolgungen markierte; später wurde das Christentum dann zur offiziellen Religion ernannt. Und so wurde auch die Zeitrechnung mit seiner Geburt begonnen,  denn man erkannte darin die Erfüllung früherer Prophezeiungen und Verheißungen und den Beginn einer neuen Ära. Um es mit den Worten des seligen Johannes Paul II. zu sagen, er ist „der Mittelpunkt des Kosmos und der Geschichte.“

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sabrina Toto]