Das Geheimnis eines geglückten Lebens

Generalaudienz im Zeichen von Psalm 112

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ROM, 2. November 2005 (ZENIT.org).- In seiner Ansprache bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom kommentierte Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, Psalm 112 (\"Der Segen der Gottesfurcht\"). Anlässlich des Festes Allerseelen rief der Heilige Vater dazu auf, über das Rätsel des Todes nachzudenken. Das Thema des Todes müsse außerdem die Frage aufwerfen, wie man ein gutes und glückliches Leben führen könne.



* * *



Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt
und sich herzlich freut an seinen Geboten.
Seine Nachkommen werden mächtig im Land,
das Geschlecht der Redlichen wird gesegnet.

Wohlstand und Reichtum füllen sein Haus,
sein Heil hat Bestand für immer.
Den Redlichen erstrahlt im Finstern ein Licht:
der Gnädige, Barmherzige und Gerechte.

Wohl dem Mann, der gütig und zum Helfen bereit ist,
der das Seine ordnet, wie es recht ist.
Niemals gerät er ins Wanken;
ewig denkt man an den Gerechten.

Er fürchtet sich nicht vor Verleumdung;
sein Herz ist fest, er vertraut auf den Herrn.
Sein Herz ist getrost, er fürchtet sich nie;
denn bald wird er herabschauen auf seine Bedränger.

Reichlich gibt er den Armen,
sein Heil hat Bestand für immer;
er ist mächtig und hoch geehrt.

Voll Verdruss sieht es der Frevler,
er knirscht mit den Zähnen und geht zugrunde.
Zunichte werden die Wünsche der Frevler.



1. Nachdem wir gestern das Hochfest Allerheiligen gefeiert haben, dieses Fest aller Heiligen, die schon im Himmel sind, denken wir heute an die Verstorbenen. Die Liturgie lädt uns alle ein, für unsere lieben Verstorbenen zu beten und den Blick auf das Geheimnis des Todes zu richten, das Erbe, das allen Menschen gemein ist.

Im Licht des Glaubens betrachten wir das menschliche Rätsel des Todes gelassen und voller Zuversicht. Gemäß der Heiligen Schrift ist er nämlich nicht das Ende, sondern vielmehr eine neue Geburt, ein notwendiger Durchgang, durch den diejenigen das Leben in Fülle erreichen können, die ihre irdische Existenz an den Anweisungen des Wortes Gottes ausgerichtet haben.

Psalm 112, seiner Art nach ein Weisheitspsalm, führt uns die Gestalt dieses Gerechten vor Augen: Er fürchtet den Herrn, erkennt seine Transzendenz an und befolgt voll Vertrauen und Liebe seinen Willen, in der Hoffnung, ihm nach dem Tod zu begegnen.

Solchen Gläubigen ist eine Seligpreisung zugedacht: \"Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt\" (Vers 1). Anschließend erklärt der Psalmist genauer, worin diese Gottesfurcht besteht: in der Fügsamkeit gegenüber den Geboten Gottes. Gott preist denjenigen selig, der \"sich herzlich freut an seinen Geboten\", diese aus ganzem Herzen liebt und in ihnen Glück und Frieden findet.

2. Die Fügsamkeit gegenüber Gott ist deshalb der Ursprung von Hoffnung und innerer wie äußerer Harmonie. Die Befolgung des natürlichen Sittengesetzes ist Quelle eines tiefen Friedens im Gewissen. Ja, mehr noch: In der biblischen Sicht von \"Belohnung\" breitet sich über den Gerechten der Mantel des göttlichen Segens aus, der seinen Werken und den Werken seiner Nachkommen Stabilität und Erfolg verleiht: \"Seine Nachkommen werden mächtig im Land, das Geschlecht der Redlichen wird gesegnet. Wohlstand und Reichtum füllen sein Haus, sein Heil hat Bestand für immer\" (Verse 2-3; vgl. Vers 9). Dieser optimistischen Sicht widersprechen die bitteren Erfahrungen des gerechten Hiob, der das Geheimnis des Leidens kennen lernte und sich zu Unrecht bestraft fühlte, weil er sich scheinbar sinnlosen Prüfungen ausgesetzt sah. Hiob steht für viele gerechte Menschen auf der ganzen Welt, die sehr schweres Leid erfahren. Deshalb ist es notwendig, diesen Psalm in Zusammenhang mit dem ganzen Kontext der Heiligen Schrift zu lesen, indem man das Kreuz und die Auferstehung des Herrn mit einbezieht. Die Offenbarung umfasst nämlich alle Aspekte der Lebenswirklichkeit des Menschen.

Dennoch bleibt das Vertrauen gerechtfertigt, das der Psalmist demjenigen vermitteln und erfahrbar machen will, der sich für den Weg des moralisch einwandfreien Verhaltens und gegen jede Form von trügerischem Erfolg entschieden hat, der durch Ungerechtigkeit und Sittenlosigkeit erreicht wird.

3. Im Mittelpunkt dieser Treue zum göttlichen Wort steht eine fundamentale Entscheidung, nämlich die Liebe zu den Schwachen und Bedürftigen: \"Wohl dem Mann, der gütig und zum Helfen bereit ist … Reichlich gibt er den Armen\" (Verse 5.9). Der Gläubige ist somit großzügig. Weil er die biblische Norm respektiert, leiht er den Not leidenden Brüdern Geld, ohne Zinsen zu verlangen (vgl. Deut 15, 7-11) und ohne in schändlichen Wucher zu verfallen, der das Leben der Armen vernichtet.

Der Gerechte, der die ständige Mahnung der Propheten ernst nimmt, stellt sich auf die Seite jener Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, und er hilft ihnen im Übermaß. \"Reichlich gibt er den Armen\", heißt es in Vers 9 und drückt eine enorme Großzügigkeit aus, die vollkommen uneigennützig ist.

4. In Psalm 112 wird neben dem Bild des treuen und karitativen Menschen – \"der Gnädige, Barmherzige und Gerechte\" – in nur einem Vers (vgl. Vers 10) am Ende das Profil des bösen Menschen gezeigt. Voller Unbehagen sieht dieser den Erfolg des Gerechten, weil er ihn nicht leiden kann und ihn beneidet. Er erfährt die Qual desjenigen, der ein schlechtes Gewissen hat, im Unterschied zum Großzügigen, dessen Herz \"fest\" und \"getrost\" ist (Verse 7-8).

Schauen wir zum Abschluss unserer Betrachtung auf das heitere Antlitz des gläubigen Menschen, der den Armen reichlich gibt, und wenden wir uns den Worten von Clemens von Alexandrien zu. Dieser Kirchenvater aus dem dritten Jahrhundert hat eine Aussage des Herrn kommentiert, die schwer verständlich ist. Im Gleichnis über den ungerechten Verwalter taucht ein Wort auf, gemäß dem wir mit dem \"ungerechten Reichtum\" das Gute tun müssen (vgl. Lk 16, 9). Von daher ergibt sich die Frage: Sind Geld und Reichtum in sich ungerecht, oder was möchte der Herr uns sonst damit sagen?

Clemens von Alexandrien erklärt dieses Gleichnis in einer seiner Predigt sehr gut. In dem Text, der den Titel trägt: \"Welcher Reiche kann gerettet werden?\", erklärt er, dass Jesus mit diesem Wort \"jeden Besitz seiner Natur nach ungerecht erklärt, den jemand um seiner selbst willen besitzt, als eigenes Gut, und den er nicht den Bedürftigen zur Verfügung stellt. Der Kirchenvater erklärt außerdem, dass es möglich ist, aus dieser Ungerechtigkeit ein gerechtes und wohltätiges Werk zu machen, indem man einem dieser Kleinen, die schon jetzt eine ewige Wohnstätte im Angesicht des Vaters besitzen, Erleichterung verschafft (vgl. Mt 10, 42; 18, 10)\" (31, 6: \"Patristische Textsammlung\" – \"Collana di Testi Patristici\", CXLVIII, Rom 1999, 56-57).

Dann richtet sich Clemens direkt an den Leser, um ihm folgenden Rat zu geben: \"Denke vor allem daran, dass er dir nicht geboten hat, dich lange bitten zu lassen oder auf einen Hilferuf zu warten, sondern dass du selbst diejenigen suchen musst, die würdig sind, gehört zu werden, insofern sie Jünger des Erlöser sind\" (31, 7: ebd., 57).

Anschließend zitiert er eine andere Stelle aus der Heiligen Schrift und sagt: \"Deshalb ist das, was der Apostel sagt, so schön: \'Gott liebt einen fröhlichen Geber\' (2 Kor 9, 7) – denjenigen, der frohen Herzens gibt und nicht spärlich aussäht, damit er nicht eine entsprechend Ernte bekommt. Gott liebt denjenigen, der unterschiedslos teilt, ohne sich zu beklagen und ohne dass es ihn reut: Genau das heißt wirklich, das Gute zu tun\" (31, 8: ebd.).

Heute, an diesem Tag, an dem wir der Verstorbenen gedenken, sind wir alle, wie ich bereits zu Beginn gesagt habe, dazu aufgerufen, uns mit dem Rätsel des Todes auseinanderzusetzen und aus diesem Grund auch mit der Frage, wie man gut lebt und wie man glücklich sein kann. Auf diese Fragen antwortet der Psalm: Wohl dem Mann, der gibt. Wohl dem Mann, der nicht für sich lebt, sondern sein Leben hingibt. Wohl dem Mann, der gnädig, barmherzig und gerecht ist. Wohl dem Mann, der in der Liebe zu Gott und den Nächsten lebt. Auf diese Weise leben wir gut und müssen uns vor dem Tod nicht fürchten, da wir in der Glückseligkeit leben, die von Gott kommt und die kein Ende kennt.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals. Im Anschluss verlas der Heilige Vater in verschiedenen Sprachen eine Zusammenfassung seiner Ansprache. Auf Deutsch sagte er:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute, am Tag nach dem Hochfest Allerheiligen, begeht die Kirche das Gedächtnis Allerseelen. Die Liturgie lädt uns in besonderer Weise ein, für das Seelenheil unserer Verstorbenen zu beten. Im Licht des Glaubens sehen wir das Geheimnis des Todes als einen Übergang zum Leben in Fülle, das denen bereitet ist, die ihr irdisches Dasein nach dem Wort und der Weisung Gottes ausgerichtet haben.

Von dieser gläubigen Zuversicht spricht auch Psalm 112, den die heutige Katechese zum Inhalt hat. Darin wird der Mensch selig gepriesen, \"der den Herrn fürchtet und ehrt und sich freut an seinen Geboten\" (Vers 1). Gottesfurcht und Folgsamkeit gegenüber den Geboten des Herrn sind ihm Grund unerschütterlicher Hoffnung und verschaffen seinem Gewissen Frieden. Dieses Vertrauen bleibt aufrecht, selbst wenn der Gerechte wie Hiob die Erfahrung des Leides macht. Die Treue gegenüber Gottes Wort bringt schließlich die Frucht der Nächstenliebe hervor: \"Wohl dem Mann, der gütig und zum Helfen bereit ist ... Reichlich gibt er den Armen\" (Verse 5.9). Als ein von Gott Beschenkter zeigt der Gläubige sich großherzig und selbstlos gegenüber den Menschen in Not.

Herzlich grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher, insbesondere die Romwallfahrer aus meiner Heimat. Gott gibt unserem Leben Richtung und Halt. Sein Wort und sein Gebot sind keine Last; sie machen frei und öffnen unser Herz für den Nächsten. Schaut auf das Vorbild der Heiligen und ahmt ihren Glaubensmut nach! Der Herr helfe euch dabei mit seiner Gnade.