Das Gendarmeriekorps des Vatikanstaates

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 3. September 2007 (ZENIT.org).- Im vergangenen Jahr durfte die Päpstliche Schweizergarde auf eine 500jährige Geschichte zurückblicken. Das Medieninteresse an dem außergewöhnlichen Jubiläum war groß. Es zeigte vor allem: Die Leibwache des Heiligen Vaters ist in aller Welt bekannt. Über alle Konfessionen und Religionen hinweg kennt man die Schweizergarde. Sie gilt als die Schutztruppe des Papstes und des Vatikans.



Aber nicht allzu viele wissen, dass die Gardisten nicht die alleinigen Ordnungshüter im Vatikan sind, dass der Kirchenstaat neben einer „Armee“ auch über eine eigene Polizei verfügt: das „Corpo della Gendarmeria dello Stato della Città del Vaticano“ (Gendarmeriekorps des Staates der Vatikanstadt).

Auf den ersten Blick scheinen die Gendarmen des Papstes gegenüber ihren eidgenössischen Kollegen ins Hintertreffen zu geraten. Mit den pittoresken Uniformen und der eindruckvollen mittelalterlichen Bewaffnung der Schweizergarde können sie nicht mithalten. Die Gendarmen tragen eine schlichte, dunkelblaue Uniform, dazu eine Schirmmütze gleicher Farbe, auf der das päpstliche Emblem und die Farben des Vatikanstaates angebracht sind. Als Waffe verfügen sie über eine Pistole, eine „Beretta automatica“ vom Kaliber 7,65.

Die Gendarmen scheinen ihre Arbeit „in seconda fila“, in der zweiten Reihe, zu leisten. Ihre Wachtposten liegen hinter denen der Schweizergarde. Wer den Vatikan betritt, passiert zunächst die Hellebardiere, dann erst trifft er auf die Gendarmen. Der offensichtliche Eindruck jedoch täuscht. „Man muss sich ganz klar der Aufgabenstellung der beiden Korps bewusst werden“, versucht ein Offizier der Gendarmerie zu erklären. „Die Garde hat die Eingänge zur Vatikanstadt zu bewachen und den Schutz des Apostolischen Palastes und des Papstes zu gewährleisten. Unsere Leute tragen die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Öffentlichen Ordnung in der Vatikanstadt“.

Und auch was die Historie betrifft, braucht sich die Gendarmerie vor der Päpstlichen Schweizergarde nicht zu verstecken. Die Ursprünge des Korps liegen sogar mehr als ein halbes Jahrhundert vor dem Gründungsjahr der helvetischen Leibwache. Denn schon im Mittelalter gab es in Rom eine eigene schlagkräftige Polizeitruppe.

Unter Papst Eugen IV. (1431-1447) sorgte ein „Soldanus“ mit einer unbekannten Zahl bewaffneter Männer für Gesetz und Recht in Rom. Diese frühen Polizisten wurden schon bald als „sbirri“ tituliert (Wörterbücher geben als Übersetzung „Häscher“ an). In der Mitte des 16. Jahrhunderts agierten in der Ewigen Stadt an die zweihundert Sbirren, die unter dem Kommando eines „Barigèllo“ (Hauptmann) standen.

Besonders Sixtus V. (1585-1590) war es ein Anliegen gewesen, gegen das Bandenwesen im Kirchenstaat einzuschreiten. Als sich der Papst nach seiner Wahl zum ersten Mal dem Volk zeigte, riefen ihm die Römer zu: „Überfluss und Gerechtigkeit, Heiliger Vater!“ „Bittet Gott nur für den Überfluss, für die Gerechtigkeit werde ich schon sorgen“, hatte der energische Pontifex geantwortet. Sixtus hielt sein Versprechen. Eine der Silbermünzen, die man in den ersten Jahren seines Pontifikates schlug, zeigt ein Bild der Justitia mit der Umschrift „Publicae Quietis Parens – Mutter der Öffentlichen Sicherheit“.

Die Sbirri standen für hohe Effizienz. Ihr Vorgehen zeichnete sich durch Härte und Entschiedenheit aus. Aufgrund eines ausgeklügelten Informationswesens verstanden sie es, viele verbrecherische Vorhaben im Keim zu ersticken. Nach der Französischen Revolution wurden sie verstärkt zur Bekämpfung revolutionärer und anarchischer Bewegungen im päpstlichen Herrschaftsgebiet eingesetzt.

Giacomo Puccini (1858-1924) setzte den Sbirren in seiner Oper „Tosca“ ein Denkmal – ein wenig schmeichelhaftes. Baron Scarpia und seine Mannen werden dem Publikum als gewissenlose Büttel einer absoluten Monarchie präsentiert. Puccinis negative Darstellung der päpstlichen Polizei erklärt sich aus der Bewunderung des Komponisten für das Risorgimento, die italienische Einheitsbewegung, die 1870 mit dem Ende des alten Kirchenstaates zu ihrem Ziel kam.

Als eigentliches Gründungsdatum der Päpstlichen Gendarmerie gilt der 14. Juli 1816. Damals wurde sie unter dem Namen „Carabinieri Pontifici“ aus der Taufe gehoben. Zwei Regimenter, Fußabteilungen und Reiterschwadronen, taten Dienst in Rom und allen Provinzen des Kirchenstaates. Eine der wichtigsten Aufgaben der Gendarmerie blieb der Kampf gegen das „Brigantaggio“ (Räuberunwesen), in dem sie sich bravourös und unter großen Opfern bewährte. Als Erfolg konnte sie u.a. die Ergreifung des legendären Briganten Gasparone verbuchen.

Aufgrund ihres paramilitärischen Charakters war die Gendarmerie auch in die Verteidigung des Kirchenstaates eingebunden Sie besaß sogar die Präzedenz vor allen anderen Truppen des regulären päpstlichen Heeres. Als der Papst im September 1870 Rom und den Kirchenstaat an das Königreich Italien abtreten musste, behielt er weniger als hundert Gendarmen in seinem Dienst, nur mehr zum Schutz des Vatikans. Als sich der Hl. Stuhl 1929 mit Italien versöhnte und der souveräne Vatikanstaat entstand, wurde auch der Sollbestand der Gendarmerie wieder erhöht.

Der II. Weltkrieg und die Besetzung Roms in den Jahren 1943-44 waren für die päpstlichen Gendarmen eine Zeit erhöhter Bereitschaft und verantwortungsvollen Dienstes. Noch am Tag, an dem Italien den Alliierten den Krieg erklärte, verlegten deren beim Hl. Stuhl akkreditierte Botschafter ihre Residenz in die Vatikanstadt – im Tross das diplomatische Personal und viele Menschen, die jetzt eine der letzten Möglichkeiten sahen, sich vor den italienischen Faschisten in Sicherheit zu begeben. Der Bevölkerungszuwachs stellte den Vatikan vor erhebliche Probleme. Zu deren Bewältigung trug die Gendarmerie wesentlich bei.

Am 14. September 1970 „rüstete“ Papst Paul VI. in seinem weltlichen Herrschaftsgebiet ab. Bis dahin stellte die Gendarmerie gemeinsam mit der siebzigköpfigen, aus Aristokraten bestehenden Nobelgarde, der Palatingarde, einer 500 Mann starken Bürgermiliz, und der altehrwürdigen Schweizergarde die „Armee“ des Vatikanstaates. Bei zahlreichen Feierlichkeiten sorgte ein Großaufgebot des päpstlichen Militärs für ein farbenprächtiges Schauspiel. Kaum ein Auftritt des Papstes geschah ohne seine Soldaten. Der Montini-Papst entschied sich – nicht zuletzt unter dem Eindruck des II. Vatikanischen Konzils – zu einer einschneidenden Reform. Das Korps der Schweizer behielt er bei, Nobelgarde und Palatingarde wurden aufgelöst und die Umwandlung der Gendarmerie in eine zivile Polizeieinheit angeordnet.

Es entstand das „Ufficio Centrale di Vigilanza“ als Polizeibehörde der Regierung des Staates der Vatikanstadt. Das neue Wachkorps („Corpo di Vigilanza“) erhielt für das Territorium der Vatikanstadt und die exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhles die Funktionen einer Staats-, Justiz- und Verkehrspolizei. Die 130 Vigili (Wachmänner) wurden einem Generalinspektor unterstellt. Bei den Vollzugsbeamten wurden als Dienstgrade geschaffen: „Agenti“, „Agenti scelti“, „Assistenti“ und „Vice-Assistenti“.

Am 1. Februar 2002 benannte man das „Corpo di Vigilanza“ in „Corpo della Gendarmeria dello Stato della Città del Vaticano – Gendarmeriekorps des Staates der Vatikanstadt” um. Als Begündung hieß es, dass in der Benennung des Korps dessen „Natur und hoheitliche Aufgaben“ deutlich zum Ausdruck kommen müssen.

Die Rückgabe des alten Namens hat bei den Gendarmen auch die Hoffnung geweckt, in ihrer alten Uniform wieder „bella figura“ machen zu dürfen. Schon im vergangenen Jahr präsentierte man sich bei diversen Gelegenheiten in den prachtvollen Uniformen, die vor 1970 üblich waren. Bei der Eröffnung des vatikanischen Gerichtsjahres 2007 stellten Gendarmen in „gran gala“ und „gala“ die Ehrenwache, ebenso als Papst Benedikt XVI. im Frühjahr dem Governatorat des Vatikanstaates einen Besuch abstattete.

Ihren Ruf, „unerbittliche“ Ordnungshüter zu sein, haben die Gendarmen aus den vergangenen Jahrhunderten in die heutige Zeit hinübergerettet. „Wir stehen nicht so sehr im Fokus der Fernsehkameras und der Gläubigen wie die Päpstliche Schweizergarde. Die Garde hat, so wollen es auch die zuständigen Autoritäten, ein Sympathieträger des Vatikans zu sein. Freundlichkeit ist auch für uns Verpflichtung und Tugend, aber an erster Stelle steht die Erfüllungen unserer Aufgaben, die nicht immer sehr populär sind, aber getan werden müssen“, heißt es bei der Gendarmerie.

So erweisen sich die Gendarmen bei der Verkehrsüberwachung im Vatikan als unbestechlich. Violett gesäumte Soutanen und Ordensgewänder beeindrucken bei Verstößen nicht im Geringsten. „Rang oder Stand sind kein Freibrief“, kommentiert ein Gendarm. Die vatikanischen Ordnungshüter sorgen dafür, dass auch Prälaten und Ehrwürdige Schwestern das im Kirchenstaat seit dem 1. September 1970 geltende Tempolimit von 30 km/h beachten und kein Bischof mit einem leicht ramponierten Fiat den Zugang zum vatikanischen Supermarkt, der „Annona“, versperrt.

Am 1. Juli 2002 wurde den Gendarmen des Papstes eine weitere, äußerst unpopuläre Aufgabe übertragen. An diesem Tag erließ die Päpstliche Kommission für den Staat der Vatikanstadt ein Gesetz, mit dem im Vatikan ein umfassendes Rauchverbot in Kraft trat (das Gesetz gilt auch für vatikanische Dienstfahrzeuge und die exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhls). Die Gendarmerie wurde angewiesen, die Einhaltung des Verbotes zu überwachen. Die Übertretung des Gesetzes soll in der Regel mit 30 Euro geahndet werden. Die „multa“ (Geldstrafe) muss innerhalb von fünf Tagen in einem der Wachbüros der Gendarmerie beglichen werden. Säumigen „Tätern“ und solchen, die sich weigern, die Geldstrafe zu entrichten, droht die Vorladung vor den Einzelrichter des Stadtstaates.

Auch beim Schutz des Heiligen Vater verweigert man sich nicht notwendiger Härte. „Wir haben Verständnis für den Enthusiasmus der Gläubigen“, heißt es aus den Kreisen der Gendarmerie, „aber wir müssen Grenzen setzen, wenn es um die Sicherheit des Heiligen Vaters geht“. So fand sich vor einigen Jahren ein Prälat, der den Ärmel des Papstes nicht loslassen wollte, unversehens auf dem Boden wieder!

Bei der Gendarmerie ist man stolz darauf, dass ihr ehemaliger Generalinspektor Camillo Cibin, der im vergangenen Jahr in den wohlverdienten Ruhestand ging, noch als 80jähriger mit dem Wagen des Papstes Schritt hielt – ohne dass sich ein einziger Schweißtropfen auf der Stirn zeigte. Auch der neue Chef der Gendarmerie, Dr. Domenico Giani, weicht bei öffentlichen Auftritten des Heiligen Vaters nicht von dessen Seite.

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben auch im Vatikan zu neuen Sicherheitskonzepten geführt, so u. a. zu einer „Unità Antisabotaggio“ (Antiterroreinheit). In sie wurde die Gendarmerie federführend eingebunden. Das Quartier der Vatikanpolizei beim St.-Anna-Tor birgt eine hochmoderne Überwachungszentrale. Auf über fünfzig Monitoren können die Beamten fast jeden Winkel des Kirchenstaates beobachten; Videokameras erfassen alle Personen, die den Vatikanstaat betreten oder verlassen. Die Anlage ist fähig Verdächtige in Echtzeit zu scannen und von ihnen umgehend digitale Bilder anzufertigen. Die vatikanischen Ordnungshüter wurden zudem mit einem der modernsten tragbaren digitalen Kommunikationssysteme ausgestattet. Um sich gegen den internationalen Terrorismus zu schützen, möchte sich der Vatikan auch dem „Schengen-Abkommen“ anschließen, das nicht nur die Grenzkontrollpraxis regelt, sondern auch einen intensiveren Informations- und Planungsaustausch über polizeiliche Erkenntnisse und Personenschutz behandelt.

Das notwendige Zusammenspiel von Schweizergarde und Gendarmerie ließ in der Vergangenheit zu wünschen übrig. Das Verhältnis zueinander ist auch in unseren Tagen nicht ganz ungetrübt. Gründe dafür sind in der Geschichte zu finden oder erklären sich durch Kompetenzstreitigkeiten. Nicht vergessen darf man, dass beide Korps verschiedene „Dienstherren“ haben: Die Päpstliche Schweizergarde ist eine Institution des Heiligen Stuhles und vom Staatssekretariat abhängig, das Gendarmeriekorps ist eine Einrichtung des Vatikanstaates und untersteht der Päpstlichen Kommission für den Staat der Vatikanstadt.

Im Wissen um die gemeinsame Verantwortung für den Schutz des Heiligen Vaters und des Vatikans bemühen sich heute Schweizergarde und Gendarmerie um eine konstruktive Zusammenarbeit. Auch im säkularen Herrschaftsgebiet des Papstes weiß man, dass die Sicherheitslage in aller Welt immer unsicherer zu werden scheint, dass mit Attentaten und Terroranschlägen gerechnet werden muss.

Dass man das Wohlwollen des Papstes besitzt, dessen ist man sich bei der vatikanischen Gendarmerie sicher. Der Heilige Vater, selbst Sohn eines Gendarmen, hatte am Silvestertag 2005 das Korps in Audienz empfangen und den Ordnungshütern für das gedankt, „was ihr zusammen mit der Schweizergarde jeden Tag voll Hochherzigkeit und Treue tut, um dem Papst und seinen Mitarbeitern zu dienen, um Frieden und Ordnung in der Vatikanstadt zu gewährleisten und die Pilger zu empfangen, die die Gräber der Apostel besuchen oder dem Nachfolger Petri begegnen wollen ... Ihr leistet eine schwierige und höchst notwendige Arbeit, die Hingabe, Umsicht und große Hilfsbereitschaft erfordert“.