"Das Gewissen ist der innere Ort des Hörens auf die Wahrheit"

Die Worte des Papstes beim heutigen Angelus-Gebet

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 561 klicks

Um 12.00 Uhr zeigte sich der Heilige Vater Franziskus heute am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast des Vatikans, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern das Angelus-Gebet zu sprechen.

Zur Einführung in das Mariengebet sprach der Papst die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren:

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das Evangelium vom heutigen Sonntag (Lk 9,51-62) führt uns einen wichtigen Abschnitt im Leben Jesu vor Augen: jenen Augenblick, in dem sich Jesus – nach den Worten des hl. Lukas – dazu „entschloss […], nach Jerusalem zu gehen“ (9,51), seinem letzten Ziel, wo er starb und auferstand, um so seine Sendung des Heils zu erfüllen.

Nach jenem Entschluss richtet sich Jesus auf dieses Ziel aus und gibt auch jenen Menschen, die ihm nachfolgen wollen, in aller Klarheit die von ihm gestellten Bedingungen bekannt: keinen festen Wohnsitz zu haben, sich von den menschlichen Bindungen lösen zu können und sich nicht einer Nostalgie nach Vergangenem hinzugeben.

Seinen Jüngern, die ihm auf dem Weg nach Jerusalem vorausgehen, um die Kunde von seiner Ankunft zu verbreiten, erteilte Jesus gleichzeitig den Auftrag, niemandem etwas aufzuzwingen: Wenn die Bereitschaft für seine Aufnahme nicht gegeben ist, sollten sie weitergehen. Jesus zwingt nie etwas auf. Er ist demütig und spricht eine Einladung aus. Wenn du es willst, dann komme. So ist die Demut Jesu: Er lädt stets ein und zwingt sich niemals auf.

Diese Aussagen regen zum Nachdenken an. Sie lassen beispielsweise erkennen, welche Bedeutung das Gewissen für Jesus hatte: die Stimme des Vaters in seinem Herzen zu vernehmen und ihr zu folgen. Jesus verhielt sich in seinem irdischen Dasein nicht „ferngesteuert“: Er war das fleischgewordene Wort, der menschgewordene Sohn Gottes. Irgendwann fasste er den Entschluss, zum letzten Mal nach Jerusalem zu gehen. Diesen Entschluss traf er in seinem Gewissen, aber nicht alleine, sondern gemeinsam mit dem Vater, in vollkommener Einheit mit ihm! Er entschloss sich im Gehorsam dem Vater gegenüber, im tiefen und innigen Hören auf seinen Willen. Der Entschluss war fest, weil er gemeinsam mit dem Vater gefasst worden war. Im Vater findet Jesus die Kraft und das Licht für seinen Weg. Jesus war frei in dieser Entscheidung und möchte, dass wir Christen ebenso frei sind wie er und jene Freiheit besitzen, die dem Dialog mit dem Vater, dem Dialog mit Gott, entspringt. Jesus will weder egoistische Christen, die dem eigenen Ich folgen, nicht mit Gott sprechen; noch schwache Christen, Christen, die keinen Willen haben, „ferngesteuerte“ Christen, die unfähig sind zur Kreativität, die immer versuchen, sich mit dem Willen eines anderen zu verbinden und nicht frei sind. Jesus will uns frei, und wie ist diese Freiheit zu verwirklichen? Man realisiert sie im Gespräch mit Gott im eigenen Gewissen. Wenn ein Christ nicht mit Gott zu sprechen vermag, kann er Gott nicht im eigenen Gewissen spüren und ist nicht frei. Er ist nicht frei.

Wir müssen daher lernen, mehr auf unser Gewissen zu hören. Aber Vorsicht! Das bedeutet nicht, dem eigenen Ich zu folgen und das zu tun, was mich interessiert, mir nutzt, mir gefällt … Das bedeutet es nicht! Das Gewissen ist der innere Ort des Hörens auf die Wahrheit, auf das Gute, des Hörens auf Gott. Es ist der innere Ort meiner Beziehung zu ihm, der zu meinem Herzen spricht und mir hilftzu unterscheiden, den von mir zu begehenden Weg zu verstehen, und wenn die Entscheidung einmal getroffen ist, vorwärtszugehen und treu zu bleiben.

Vor Kurzem hat uns Papst Benedikt XVI. ein großes, wunderbares Beispiel für diese Beziehung mit Gott im eigenen Gewissen gegeben, als der Herr ihn im Gebet verstehen ließ, welchen Schritt er setzen solle. Er ist mit großem Sinn für Unterscheidung und Mut seinem Gewissen gefolgt; das heißt, dem Willen Gottes, der zu seinem Herzen sprach. Dieses Beispiel unseres Vaters tut uns allen so gut als Beispiel, dem zu folgen ist.

Die Gottesmutter hat mit großer Einfachheit in ihrem Inneren das Wort Gottes und die Erfahrungen Jesu vernommen und betrachtet. Sie folgte ihrem Sohn mit inniger Überzeugung und fester Hoffnung nach. Möge uns Maria dabei helfen, immer mehr zu Männern und Frauen des Gewissens, des freien Gewissens, zu werden, denn das Gewissen ist der Ort des Gesprächs mit Gott. Mögen wir zu Männern und Frauen werden, die fähig sind, die Stimme Gottes zu vernehmen und ihr entschlossen zu folgen.

[Nach dem Gebet des Angelus]

Liebe Brüder und Schwestern,

heute wird in Italien der „Giornata della carità del Papa“ (Welttag der Barmherzigkeit des Papstes) begangen. Ich danke den Bischöfen und allen Pfarrgemeinden, insbesondere den ärmsten unter ihnen, für die Gebete und Spenden zugunsten zahlreicher pastoraler und karitativer Initiativen des Nachfolgers Petri in allen Teilen der Welt. Ich danke euch allen!

Von Herzen heiße ich alle anwesenden Pilgern willkommen; ganz besonders die vielen Gläubigen aus Deutschland. Ebenso begrüße ich die Pilger aus Madrid, Augsburg, Sonnio, Casarano, Lenola, Sambucetole und Montegranaro, die dominikanische Laiengruppe, die apostolische Bruderschaft der göttlichen Barmherzigkeit aus Piazza Armerina, die Freunde der Missionsschwestern vom Kostbaren Blut, Vertreter der UNITALSI Ischia di Castro und die Jugendlichen aus Latisana.

Bitte betet für mich. Ich wünsche allen einen schönen Sonntag und gesegnete Mahlzeit.Auf Wiedersehen!