Das Grab Petri in der Vatikan-Nekropole (Erster Teil)

Die Reliquien des Apostelfürsten

Rom, (ZENIT.org) Paolo Lorizzo | 892 klicks

Wiege der Christenheit. So wird der Petersdom mit allem, was ihn umgibt, genannt. Es handelt sich um das wohl imposanteste Denkmal der christlichen Welt, und zahllose Pilger und Touristen erfreuen sich täglich seines Anblicks. Aber nur wenige denken dabei auch daran, dass seine Errichtung, schon ab der ersten Gründung unter Kaiser Konstantin, im unmittelbaren Zusammenhang mit der antiken Nekropole steht, die die sterblichen Überreste des Apostels Petrus aufgenommen haben soll. Dass Petrus im Zirkus des Caligula oder Nero, dessen Überreste man unter dem linken Seitenschiff des Petersdoms identifiziert hat, den Märtyrertod starb und in der unmittelbaren Nähe seines Sterbeortes beerdigt wurde, gilt heute als gesichert (auch wenn manche immer noch glauben, er sei gar nie nach Rom gekommen).

Der flache „Ager Vaticanus“, ungefähr der Schwemmlandebene zwischen den Hügeln Vatikan, Gianicolo und Monte Mario entsprechend, scheint seit frühester Zeit als Begräbnisstätte benutzt worden zu sein. Sein monumentaler Teil besaß Denkmäler wie die „Meta Romuli“ und den „Terebinthus Neronis“. Die „Meta Romuli“ war ein pyramidenförmiges Grab aus der Zeit von Kaiser Augustus, das auch als „Vatikanische Pyramide“ bekannt war. Es wurde 1499 auf Befehl Papst Alexanders VII. abgerissen, um dadurch den Bau der Via Alessandrina und damit die Verbindung zwischen dem Vatikan und dem Ufer des Tibers zu ermöglichen. Neben der Pyramide stand der „Terebinthus Neronis“, ein Mausoleum mit rundem Grundriss und aufgesetztem Turm, das schon im siebten Jahrhundert abgerissen wurde. Die Pflastersteine des Platzes, der das Mausoleum umgab, wurden für die Stufen des Petersdomes wiederverwendet. Laut Überlieferung fand das Martyrium des Apostels Petrus irgendwo zwischen diesen beiden Denkmälern statt, und aus diesem Grund wurde die Pyramide jahrhundertelang als Symbol für seinen Märtyrertod verwendet.

Eine wesentliche Hilfe bei der schwierigen Aufgabe, die historischen Ereignisse zu rekonstruieren, kommt von den schriftlichen Quellen, die wichtige Zeugnisse der Vergangenheit darstellen. Gegen Ende des ersten Jahrhunderts beschreibt Clemens, damals Oberhaupt der römischen Christengemeinde, die Verfolgung der Christen unter Kaiser Nero, der auch Petrus zum Opfer fiel, und die blutigen Schauspiele, die im Zirkus am Vatikanhügel stattfanden. Beides wird auch vom heidnischen Historiker Tacitus bestätigt.

Nur wenig jünger (zweites Jahrhundert) sind zwei apokryphe Schriften, die als „Himmelfahrt des Jesaja“ und „Petrusapokalypse“ bekannt sind. Sie bestätigen, dass Petrus in Rom starb und, dass er der Verfolgung unter Kaiser Nero im Jahr 64 n.Chr. zum Opfer fiel. Dass der Apostel wirklich nach Rom kam, darf man schon allein aus der Tatsache schließen, dass keine andere Stadt jemals den Anspruch erhoben hat, sein Grab zu besitzen, und, dass die einzigen Hinweise auf seine letzten Lebensjahre aus Quellen kommen, die sein Wirken in Rom beschreiben. Die älteste Erwähnung seines Grabes, die wie besitzen, stammt aus der Spätantike (zweites bis drittes Jahrhundert). Es handelt sich um einen Text des Kirchenhistorikers Eusebius, der einen römischen Priester namens Gaius zitiert, der das Grab als „Trophäe“ Petri im Vatikan bezeichnet haben soll.

Diese schriftlichen Quellen waren viele Jahrhunderte lang das Einzige, woran man sich beim Versuch, längst vergessene Ereignisse zu rekonstruieren, halten konnte. Glücklicherweise kommt den Historikern seit einigen Jahren auch die Archäologie zur Hilfe. Sie erbrachte, wie wir sehen werden, nicht nur den Beweis für die Existenz des Grabes Petri, sondern führte sogar zu seiner Wiederentdeckung. So unglaublich es klingt: Erst 1939, unter dem Pontifikat von Pius XII., wurden systematische Nachforschungen begonnen, um die alten Textquellen zu überprüfen. Im Laufe der 40er Jahre fanden daher Ausgrabungen statt, die allerdings nur schleppend vorangingen und lange Zeit keine befriedigenden Antworten geben konnten. Trotzdem trugen sie allmählich eine Fülle von Materialien zusammen, die der Historikerin Margherita Guarducci kostbare Hinweise für eine schlüssige Rekonstruktion des historischen Rahmens der Ereignisse lieferten.

Wir wissen, dass Kaiser Konstantin Anfang des vierten Jahrhunderts befahl, die alte Nekropole zu verschütten, um den Boden zu ebnen und damit Platz für den Bau der ersten Basilika zu schaffen. Dieser Vorgänger des Petersdoms wurde über einem genau festgelegten unterirdischen Punkt errichtet.

Die Ausgrabungen ergaben, dass unter dem „Altare della Confessione“, der heute für die Feier der heiligen Messe verwendet wird, die Reste einer ganzen Reihe älterer Altäre liegen, deren erster über einem Denkmal errichtet wurde, von dem man annimmt, dass es in den Jahren 321 bis 326 zu Ehren Petri erbaut worden sei. Das Denkmal aus Konstantins Epoche umschloss seinerseits drei ältere Gebäudereste: eine Mauer aus der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts (von den Archäologen „muro g“ genannt), eine Grabädikula, die an einer mit rotem Putz verkleideten Wand lehnt (und in der man wohl die schon erwähnte „Trophäe des Gaius“ sehen darf) und ein sogenanntes „Erdgrab“ (das also in der nackten Erde angelegt wurde) im Inneren der Ädikula. Bei der Öffnung dieses Grabes entdeckte man, dass der archäologische Kontext gestört war und keine Knochen mehr im Inneren des Grabes lagen.

 [Der zweite Teil folgt morgen, am Freitag, dem 22. November]