Das Grab Petri in der Vatikan-Nekropole (Zweiter Teil)

Die Reliquien des Apostelfürsten

Rom, (ZENIT.org) Paolo Lorizzo | 476 klicks

Am Ende dieser zehnjährigen Ausgrabungen blieben noch viele Fragen offen. Tatsächlich war der Name Petri, trotz der zahlreichen antiken Inschriften, die man entdeckt (aber anfangs nur sehr oberflächlich untersucht) hatte, nirgends aufgetaucht und, was viel schwerwiegender war, man hatte dort, wo sie hätten sein sollen (also im „Erdgrab“) keine Knochen gefunden.

Mit der Deutung des Grabungsbefunds befasste sich ab 1952 die Archäologin Margherita Guarducci. Ihr gelang es, den Namen des Apostels nicht nur an einem Grab der Nekropole zu identifizieren, das ursprünglich der „Gens Valeria“ gehört hatte, sondern auch an zahlreichen Graffiti auf der als „muro g“ eingetragenen Mauer.

Um das Bild zu vervollständigen fehlte nur noch eines: die Auffindung des wichtigsten Elements, der Reliquien des Apostels Petrus. Dass das „Erdgrab“ leer gewesen war, hatte die Forscher nicht wenig frustriert. Nach Entdeckung der Ädikula hatte man als sicher angenommen, dass die Reliquien dort und nur dort liegen konnten. Aber bekanntlich ist Archäologie keine exakte Wissenschaft. Das einzige, worauf man sich bei dieser Art von Forschung verlassen kann, ist oft, dass man auf Ungereimtheiten stoßen wird. Während der Ausgrabungen der vierziger Jahre hatte man in der Mauer aus Konstantins Zeiten eine Nische entdeckt, die man zunächst nicht weiter beachtet hatte. In dieser Nische war man auf Knochen gestoßen, die man in einer Holzschachtel unterbrachte und zusammen mit zahllosen anderen Fundstücken etwa zehn Jahre lang in einem Kellerraum deponierte. Im September 1953 fand Guarducci sie wieder und brachte sie in einen Raum, der zu ihrer Aufbewahrung besser geeignet war, denn die Feuchtigkeit an ihrem ersten Aufbewahrungsort hatte ihnen sehr zugesetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Archäologin noch keine Vorstellung von der Bedeutung dieser Gebeine. Erst als sie anfing, sich näher mit ihnen und der Geschichte ihrer Auffindung zu befassen, stieß sie auf interessante Details.

Laut Grabungsbericht hatte man jene Reliquien in einer Nische der konstantinischen Mauer gefunden, die ganz mit kostbaren Steinen (Porphyr) verkleidet war, wie man es sonst nur von den Gräbern bedeutender Personen kennt. Da nun klar war, dass die Knochen aus jener kostbar verkleideten Nische stammten, beschloss man, sich die Gebeine genauer anzuschauen. Der Fund wurde von einem Wissenschaftlerteam um den Anthropologen Venerando Correnti untersucht. Dass diese Gebeine tatsächlich als Reliquien des Apostels Petrus zu identifizieren seien, gab Papst Paul VI. 1968 bekannt. Die wissenschaftlichen Untersuchungen hatten ergeben, dass die Gebeine etwa die Hälfte des Skeletts eines Mannes ausmachten, der im Alter von etwa 60 bis 70 Jahren gestorben war (was ungefähr dem entspricht, was wir über das Alter Petri zum Zeitpunkt seines Martyriums wissen) und dass man sie in ein golddurchwirktes Purpurtuch eingewickelt hatte. Außer den Resten dieses Tuchs konnte man an den Knochen noch Erdkrumen nachweisen, die dem Boden im Inneren des „Erdgrabs“ entsprachen. Das ließ den Schluss zu, dass die Reliquien bis zu ihrer Überführung in die Nische unter Kaiser Konstantin tatsächlich im „Erdgrab“ gelegen hatten.

Dieser Sachverhalt weist klar darauf hin, dass es sich bei den besagten Gebeinen um die Reliquien des heiligen Petrus handelt. Da es hier aber um eine der wichtigsten Fragen in der Geschichte der Christenheit und der katholischen Kirche geht, kann es nützlich sein, noch weitere Beweise anzuführen. Die genaue epigraphische Auswertung der Nische im „muro g“ führte zur Identifizierung einer griechischen Inschrift, die als „Petrus (ist) hier“ gedeutet wurde. Ganz eindeutig aber verweist die Lage der Basilika selbst auf das Grab des Apostelfürsten. Die Nische im „muro g“, der die Reliquien entnommen wurden, ist nämlich der Punkt, um den herum die konstantinische Basilika errichtet wurde. Dieser Bau wiederum beeinflusste die späteren Erweiterungen und Umbauten, so dass die Kuppel des Michelangelo und der Baldachin des Bernini ebenfalls genau über der Grabnische stehen.

Die endgültige Zuordnung der Reliquien ist ein Ergebnis, zu dem man gelangte, indem man die Hinweise in den literarischen Quellen mit dem Befund der archäologischen Grabung kombinierte. Sie schenkt jedem, der diese an Geschichte so reichen Orte besucht, eine zusätzliche starke Emotion. Dem Inhalt unseres Glaubens kann sie allerdings nichts hinzufügen. Trotzdem fordern die Reliquien des Apostels Petrus uns dazu auf, den Geboten der Liebe, des Friedens und der Geschwisterlichkeit unter allen Menschen zu folgen; jenen Geboten, für die zahlreiche Märtyrer ihr irdisches Leben geopfert haben.

[Der erste Teil wurde gestern, am Donnerstag, dem 21. November veröffentlicht]