Das Grabtuch, Objekt des Glaubens und des wissenschaftlichen Studiums

Experten berichten in Rom

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ROM, Donnerstag, 19. Mai 2011 (ZENIT.org).- Das heilige Grabtuch, welches für die Gläubigen das Leichentuch ist, in welchen der Leib des gekreuzigten Jesus gewickelt wurde, war das Thema zweier Konferenzen, die vergangenen Montag vom Institut für Wissenschaft und Glauben des päpstlichen Athenäums „Regina Apostolorum“ im Rahmen des Diploms der Spezialisierung auf Grabtuch-Studien abgehalten wurde.

Bruno Barberis, Dozent für mathematische Physik an der Universität von Turin, und Leiter des Internationalen Zentrums für Grabtuch-Studien, legte dar, dass „das Lesen, das Studium und das Nachdenken über das sichtbare Bild des Grabtuches von Turin grundsätzlich die Überlegungen auf zwei verschiedene Ebenen konzentriert.

Auf der einen Seite „ist das Studium des Bildes vom wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus von höchstem Interesse“.

Besonders in den letzten vierzig Jahren, erklärte er, war das Grabtuch „der Mittelpunkt einer weiten, strukturierten und erregten wissenschaftlichen Debatte auf interdisziplinärer Ebene“, und die Wissenschaftler „haben versucht, seinen Eigenheiten und seinem Ursprung auf den Grund zu gehen, indem sie Arbeiten in den verschiedensten Sektoren der Wissenschaft begonnen haben: Physik, Chemie, Biologie, Informatik, Rechtsmedizin, Statistik etc.“.

Auf der anderen Seite „erkannte die Tradition das Grabtuch immer als das Leichentuch des Jesus von Nazareth an, und in den letzten Jahren wurde diese Erkenntnis unterstützt von modernen bibelauslegenden Studien mit bedeutenden Ergebnissen“, betreffe damit den Bereich des christlichen Glaubens und eröffne eine Debatte über das Verhältnis zwischen Grabtuch und Glauben.

„Die beiden Arten, das Grabtuch zu verstehen, sind natürlich oft zusammentreffend oder entgegensetzt und spalteten dadurch nicht nur die Forscher, sondern auch das Volk“, unterstrich Barberis.

„Das Grabtuch, Objekt des Glaubens und der Verehrung oder des wissenschaftlichen Interesses und Studiums?“, fragte er, und betonte dass „in den vergangenen Jahren diese beiden Gesichtspunkte des Grabtuches oft gegeneinander gestellt wurden und so eine besonders bewegte Diskussion eröffneten, wie vielleicht nie zuvor in der Vergangenheit, begünstigt natürlich von der herausragenden Resonanz, die durch die modernen Kommunikationsmitteln geboten wird“.

Laut dem Experten sind die beiden Arten, sich dem Grabtuch zu nähern, nicht wirklich gegensätzlich. Die Überlegungen vieler Gelehrter bewiesen nämlich, dass „sie sehr wohl koexistieren können, unter der Bedingung, dass die verschiedenen Kompetenzbereiche respektiert werden und man nicht um jeden Preis versucht, sie zu vermischen und dadurch  Ergebnisse zu erzwingen, ohne die jeweiligen Eigenarten zu respektieren“.

„Die einzig ernsthafte und ehrliche Verhaltensweise ist die des Gelehrten, der sich, ausschließlich von dem Wunsch beseelt, die Wahrheit zu erkennen, bescheiden der Forschung widmet, ohne sich anzumaßen, irgendeine vorgefasste Meinung beweisen zu müssen und alles ablehnt, was nicht ernsthaft und wissenschaftlich bewiesen werden kann“.

In dieser Hinsicht sagte der selige Johannes Paul II., dass „die Kirche [die Wissenschaftler] auffordert, das Studium des Grabtuches ohne vorgefasste Meinungen zu beginnen oder solche Ergebnisse als sicher zu erklären, die es nicht sind; sie lädt dazu ein, mit innerer Freiheit und aufmerksamer Achtung sowohl der wissenschaftlichen Methoden als auch der Sensibilität der Gläubigen zu handeln“.

„Es bleibt nichts anderes übrig, als das Studium und die Forschung gemäß diesen weisen Richtlinien fortzuführen“, schlussfolgerte Barberis.

Paolo Di Lazzaro, promovierter Physiker und Seniorforscher bei dem Forschungszentrum ENEA in Frascati, unterstrich seinerseits, dass das Bild des Grabtuches „noch nicht mit wissenschaftlichen Begriffen erklärt worden ist“.

Die „wissenschaftliche Arbeitsweise“ nämlich, „behauptet, dass nur, nachdem ein Phänomen sich wiederholt hat, man dessen Natur und Ursprung erkennen kann“, und bisher „niemand im Stande war, das Bild des Grabtuches in allen seinen chemischen und physischen Eigenarten nachzubilden, trotz aller Bemühungen in dieser Richtung und verschiedener immer wiederkehrender Versuche, Kopien zu erstellen“.

„Eine unerwartete Fehlerquelle in der Bewertung seitens des Beobachters des Bildes“, stellte er fest, ist die „Pareidolie“, „ein unterbewusstes Phänomen, durch welches man tendiert, zufällige Objekte oder Profile auf bekannte Formen zurückzuführen“.

In dem Forschungszentrum ENEA in Frascati erläuterte Di Lazzaro, „führte eine Gruppe von Wissenschaftlern mit international anerkannter Erfahrung im Bereich der Lasersysteme und der Interaktion von Licht-Materie Experimente durch, die die Verfärbung von Leinenstoff mittels kürzester Impulse ultravioletten Lichtes untersucht“.

„Nach langen Jahren der Forschungen wurde herausgefunden, dass eine Grabtuch ähnliche Verfärbung nur in einem engen Bereich der Dauer des Impulses (tausendstel Sekunden), der Intensität (tausende Watt pro Quadratzentimeter) und des Spektrum (tiefes Ultraviolett) des Lichtes erreicht werden kann. Außerdem wurden sogenannte ‚latente' Bilder gewonnen, die ungefähr ein Jahr nach der Bestrahlung auftauchen, während sie im ersten Moment keine Verfärbung des Leinens erzeugen.

Die Experimente ermöglichten zuletzt „chemische und photo-chemische Reaktionen zu erkennen, die möglicherweise bei der Bildung des Bildes des Grabtuches eine Rolle spielen“.

Auf der Basis der gewonnenen Ergebnisse zog Di Lazzaro die Bilanz, „dass es nicht möglich ist, sichere und endgültige Schlussfolgerungen über den Ursprung des Bildes auf dem Grabtuch zu liefern“.

„Dennoch sind es dieselben Ergebnisse, die es uns als Wissenschaftlern nicht erlauben, die Möglichkeit eines starken und extrem kurzem ultravioletten Lichtblitzes zum Entstehen des Bildes auf dem Grabtuch auszuschließen“.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Josef Stolz]