Das Grabtuch, „sichtbares Bild“ der Passion

Prof. Baima Bollone, herausragender Experte für Gerichtsmedizin, im päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“

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ROM, Dienstag, 3. Mai 2011 (ZENIT.org). – Das Grabtuch stand schon immer im Zentrum großen Interesses in der Welt der Wissenschaft. Es ist vielleicht eines der am meisten erforschten Objekte der Welt, aus verschiedenen Perspektiven: historisch, archäologisch, chemisch und auch botanisch und numismatisch.

Um dieses Thema noch zu vertiefen, hat das Institut „Scienza e Fede“ (Wissenschaft und Glaube) des päpstlichen Athenäums „Regina Apostolorum“ in Rom Prof. Pierluigi Baima Bollone eingeladen, einen der bekanntesten Gerichtsmediziner Italiens und im Ausland, Autor zahlreicher wissenschaftlichen Studien zum Grabtuch und einer der größten Experten auf diesem Gebiet.

„Ich erinnere daran,“ so der Gerichtsmediziner während seines Vortrags, „dass ich im Verlauf von Untersuchungen im Jahr 1978 versucht und im Sinn gehabt hatte, auf dem Tuch jeden Faden zu untersuchen, auf dem ich die Existenz menschlichen Blutes sichtbar machen konnte. Diese Resultate wurden von vielen Forschern, die sich danach mit der Frage beschäftigt haben, bestätigt.“

„Ein anderes Beispiel der Forschungsergebnisse zu Spuren auf dem Tuch“, fügte er hinzu, „sind Hinweise auf Pollen, die sich darauf fanden und die den langen Weg wissenschaftlich nachweisen, den das Tuch genommen hat, von Judäa durch Anatolien, Konstantinopel und am Ende bis nach Europa.“

„Die Gerichtsmedizin“, erzählte er, „lieferte noch wichtige Beiträge zum Wissen bezüglich des Tuches und zur Prüfung seiner Authentizität durch klinische und anatomische Studien. Vor einigen Jahren habe ich versucht, die anatomisch–klinischen Besonderheiten der Passion, des Leidens und des Sterbens Jesu am Kreuz ausschließlich auf Basis der schriftlichen neutestamentarischen Zeugnisse vor Augen zu führen, absolut unabhängig von den Bildern des Grabtuchs.“

„Das Ziel“, erklärte er, „war, danach herauszufinden, ob das Grabtuch mit den Forschungsergebnissen übereinstimmte. Das hieß, Jesus vom letzten Abendmahl bis nach Golgota zu folgen, durch die psychischen Leiden in Getsemani hindurch, das Trauma der Verhaftung, Essens-, Trinkens- und Schlafentzug, durch die fünf Prozesse vor dem Rat hindurch, bis hin zum Hohepriester Kaifas, dem zweiten Hohepriester und Schwiegervater Hannas, von Pontius Pilatus bis Herodes Antipas.“

„Es folgten die Geißelung, die Dornenkrönung, körperliche und verbale Gewalt, der Kreuzweg, die Kreuzigung und der schnelle Tod am Kreuz. Auf Basis dieser Studie, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht von Mondadori unter dem Titel ‚Gli ultimi giorni di Gesù‘(Die letzten Tage Jesu), heute präsent unter den Oskargewinnern, kann man zusammenfassen, dass der Tod Jesu nach allem, was man über Kreuzigungen weiß, wirklich durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt war.“

„Zur Müdigkeit, dem Schmerz und der Dehydratation“, berichtet er weiter, „kommen das mechanische Ersticken durch die Kreuzigung und am Ende eine kardiale, terminale Ischämie hinzu. Höchstwahrscheinlich tritt bei einer Person, die lange unter solchen Bedingungen leidet, Dehydratation auf und danach, unter dem Einfluss von ‚inspissatio sanguinis‘, wird das Blut dickflüssig, zähflüssig und ist sehr sauerstoffarm.“

„Auf dem Grabtuch finden sich all diese Elemente einer physiopathologischen Vernetzung in ‚materialisierter Ikonographie‘ wieder“; es ist tatsächlich „ein sichtbares Bild alles Beschriebenen, nur ohne erzählerische Intention wie bei Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.“ 

[Aus dem Italienischen übersetzt von Anna Christine Finkbeiner]