Das Gute ist der Feind des Besseren

Impuls zum 17. Sonntag im Jahreskreis

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 611 klicks

Im heutigen Sonntagsevangelium spricht Jesus das Menschliche und das Allzu Menschliche in unserem Verhalten an.

Und gleichzeitig, wie wunderbar geht der Herr auf unsere Schwächen ein und lässt sie in unserem Bemühen um das gute Verhalten sogar eine positive Rolle spielen.

Wenn ein Freund uns zu ungelegener Zeit um etwas bittet, so werden wir seiner Bitte entsprechen, unter Umständen nicht aus Freundschaft, sondern nur weil er uns mit seinem Bitten lästig fällt. Ausgerechnet diese Haltung setzt Jesus in Beziehung zu dem Verhalten Gottes, der uns die Tür aufmacht, wenn wir anklopfen. Wir werden einwenden: Gott erfüllt unsere Bitten aber doch aus reiner Güte, nicht weil wir ihm auf den Geist gehen (was man vielleicht sogar wörtlich verstehen kann). Aber der menschgewordene Gott kommt eben immer wieder auf unsere Niveau herunter.

Im Folgenden sagt er – sehr realistisch – dass ein Vater seinem Kind ja wohl nicht eine Schlange gibt, wenn es ihn um einen Fisch bittet, und nicht einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet.

Die Rede Jesu ist insgesamt tatsächlich ein wenig rätselhaft. Eigentlich muss man feststellen, dass er wieder einmal die Zuhörer – und uns – provoziert. Denn er sagt: “Wenn schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wieviel mehr wird der Vater im Himmel…” (Lk 11,13). Einleuchtend, denn der Vater im Himmel ist allemal viel besser als wir. Aber bevor der Satz zuende ist, kommt eine unerwartete Wendung: “…wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten”.

Zunächst nimmt der Herr in Kauf, dass der Zuhörer das Wort vom Bösesein übel nimmt und beleidigt reagiert. Aber ganz bewusst reizt der Herr uns mit diesem Wort, weil er möchte, dass wir jedes ichbezogene Beleidigtsein ablegen, denn es ist im Grunde nichts anderes als Stolz. Ähnlich wie an anderer Stelle in dem zunächst ärgerlichen Wort des Herrn: “So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“(Lk 17,8).

Erst wenn wir uns entschließen zu sagen, er hat ja recht, kann die Verheißung des Heiligen Geistes greifen. Der Heilige Geist kommt bei diesen Worten Jesu übrigens ganz unvermittelt ins Spiel. Aber der Herr will uns klar machen, dass der Vater uns, wenn wir ihn bitten, nicht nur eine Menge guter Gaben schenken will, sondern gleich die allerhöchste Gabe, den Heiligen Geist, sich selbst.

Sehen wir in dieser Perikope besonders diese beiden Aspekte:

der Herr zeigt uns auf eine im Grunde liebevolle Weise, dass wir mit dem Heiligen Geist nicht rechnen können, wenn wir stolz sind, und zweitens

seine Rede erinnert uns auch daran, dass er der Herr und wir die Geschöpfe sind, was für uns wichtig ist, weil wir uns sonst leicht überheben.

Wie groß aber ist seine Menschenfreundlichkeit, dass er uns die Anerkennung dieser schlichten Tatsache so leicht macht. Er könnte ja auch sagen: Bildet euch nur nichts ein, ihr seid nichts, wenn ihr auf euch selbst gestellt seid.

Das ist letztlich der Unterschied zwischen “guten” Christen und den Heiligen. Die Heiligen sehen mit äußerster Deutlichkeit, dass sie selbst nichts sind, und dass alles Gute, das sie hervorbringen, von Gott ist.

Die sog. guten Christen gehen sonntags zur Kirche und beten dann und wann und sonnen sich in dem Bewusstsein, dass sie immerhin viel mehr “machen” als die anderen, die sich um Gott gar nicht kümmern.

Hier gilt, wie so oft: das Gute ist der Feind des Besseren.

Papst Franziskus hat in diesen Tagen immer wieder davon gesprochen, dass die Menschwerdung Gottes, ja der Opfertod Christi am Kreuz nach wie vor ein Skandal ist, der uns in heilsame Unruhe versetzen soll. Er gebrauchte vor den Jugendlichen ein Wortspiel: Er wünsche sich “Lio en Rio”. Lio bedeutet soviel wie Aufruhr, Unruhe. Eine heilsame Unruhe nicht nur bei den Jugendlichen, sondern bei allen Christen. Und er beschwor die jungen Leute: “Lasst euch euren Glauben nicht verwässern!” Eine gedämpfte oder gar angepasste Jugend sei etwas Schreckliches. Die Jugend müsse kraftvoll sein, mit der Kraft des Glaubens.

Der Stellvertreter Christi mutet uns das gleiche zu wie sein Herr: sich nicht mit dem Mittelmäßigen begnügen. Sich im Glauben so stark machen lassen, dass man auf die Straße, in die Welt hinausgeht und für Christus eintritt.

Papst Franziskus hat, wie alle seine Vorgänger, ein besonders starkes Verhältnis zur Gottesmutter. Bevor er in die Begegnung mit den Jugendlichen hineinging, betete er bei der Muttergottes von Aparecida, im Nationalheiligtum Brasiliens,

und twitterte dann:

„Oft wissen wir, was wir tun sollen, aber es fehlt uns an Mut.

Lernen wir von Maria, Entscheidungen zu treffen im Vertrauen auf Gott“.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).