Das Heilige Land, das „fünfte Evangelium"

„Ja, Gott ist auf diese Erde gekommen, er hat mit uns in dieser Welt gewirkt"

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ROM, 18. Mai 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, zum Mariengebet des „Regina caeli" gehalten hat.

Der Heilige Vater blickte auf seine Pilgerreise ins Heilige Land zurück, das er das „fünfte Evangelium" nannte, und erklärte erneut ihre großen Ziele: die Stärkung der dort lebenden Gläubigen; die Förderung der Einheit der Christen; die Vertiefung des Dialogs mit Juden und Muslimen sowie die Förerung des Friedensprozesses.

Die deutschsprachigen Pilger ermutigte Benedikt XVI., immer aus der Kraft des Heiligen Geistes zu leben, des Geistes der Liebe.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Vorgestern bin ich aus dem Heiligen Land zurückgekehrt. Ich habe vor, euch am kommenden Mittwoch bei der Generalaudienz ausführlicher über diese Pilgerreise zu erzählen. Jetzt möchte ich vor allem dem Herrn danken, der er mir gewährt hat, diese so wichtige apostolische Reise zum Abschluss zu bringen. Ich danke auch all denen, die ihre Zusammenarbeit angeboten haben: dem lateinischen Patriarchen und den Hirten der Kirche in Jordanien, in Israel und in den Palästinensergebieten, den Franziskanern der Kustodie des Heiligen Landes, den zivilen Obrigkeiten von Jordanien, Israel und den Palästinensergebieten, den Organisatoren und den Sicherheitskräften. Ich danke den Priestern, den Ordensleuten und den Gläubigen, die mich so herzlich empfangen und mich mit ihrem Gebet begleitet und unterstützt haben. Allen meinen Dank aus tiefstem Herzen!

Diese Reise zu den heiligen Orten war auch ein Pastoralbesuch bei den Gläubigen, die dort leben; ein Dienst an der Einheit der Christen, am Dialog mit Juden und Muslimen und am Aufbau des Friedens. Das Heilige Land, ein Symbol der Liebe Gottes für sein Volk und für die ganze Menschheit, ist auch ein Symbol für die Freiheit und den Frieden, die sich Gott für alle seine Kinder wünscht. Tatsächlich aber zeigen die vergangene und die aktuelle Geschichte, dass gerade dieses Land auch Symbol für das Gegenteil geworden ist, das heißt für Spaltungen und unendliche Brüderkonflikte. Wie ist das möglich? Es ist richtig, dass diese Frage unser Herz beschäftigt, auch wenn wir wissen, dass es einen geheimnisvollen göttlichen Plan für dieses Land gibt, zu dem Gott, wie der heilige Johannes schreibt, „seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat" (1 Joh 4,10). Das Heilige Land ist als „fünftes Evangelium" bezeichnet worden, da wir dort die Wirklichkeit der Geschichte sehen, ja berühren können, die Gott mit den Menschen verwirklicht hat: Angefangen bei den Orten des Lebens Abrahams bis hin zu den Stätten des Lebens Jesu, von der Menschwerdung bis zum leeren Grab, Zeichen seiner Auferstehung. Ja, Gott ist auf diese Erde gekommen, er hat mit uns in dieser Welt gewirkt. Hier aber können wir noch mehr sagen: Das Heilige Land kann aufgrund seiner Geschichte als ein Mikrokosmos betrachtet werden, der den mühseligen Weg Gottes mit der Menschheit zusammenfasst; einen Weg, der mit der Sünde auch das Kreuz einschließt, mit der Fülle der göttlichen Liebe jedoch immer auch die Freude des Heiligen Geistes, die bereits begonnene Auferstehung. Und es handelt sich dabei um einen Weg, der durch die Täler unseres Leidens hin zum Reich Gottes führt - ein Reich, das nicht von dieser Welt ist, sondern das in dieser Welt lebt und sie mit seiner Kraft der Gerechtigkeit und des Friedens durchdringen muss.

Die Heilsgeschichte beginnt mit der Erwählung eines Menschen - Abraham - und der Erwählung eines Volkes - Israel. Ihre Absicht aber ist die Universalität, das Heil aller Völker. Die Heilsgeschichte ist immer von diesem Geflecht von Besonderheit und Universalität gekennzeichnet. In der ersten Lesung des heutigen Tages sehen wir diese Verbindung gut: Als der heilige Petrus im Haus des Kornelius den Glauben der Heiden und ihr Verlangen nach Gotte sieht, sagt er: „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist" (Apg 10,34-35). Gott fürchten und tun, was recht ist - dies zu lernen und so die Welt für das Himmelreich zu öffnen: das ist das tiefste Ziel jedes interreligiösen Dialogs.

Ich kann dieses Mariengebet nicht beschließen, ohne an Sri Lanka zu denken und der Zivilbevölkerung, die sich auf dem Kriegsschauplatz im Norden des Landes befindet, meiner Zuneigung und geistlichen Nähe zu versichern. Es handelt sich um Tausende von Kindern, Frauen und alten Menschen, die der Krieg um Jahre des Lebens und der Hoffnung beraubt hat. Diesbezüglich ist es mein Anliegen, noch einmal einen dringlichen Aufruf an die Krieg führenden Parteien zu richten, damit sie die Evakuierung dieser Menschen erleichtern. Zu diesem Zweck schließe ich mich der Stimme des UNO-Sicherheitsrates an, der erst vor einigen Tagen Garantien für die Unversehrtheit und Sicherheit der Zivilbevölkerung gefordert hat. Ich bitte außerdem alle humanitären Einrichtungen, einschließlich der katholischen, nichts unversucht zu lassen, um dem dringenden Bedarf der Flüchtlinge nach Nahrungsmitteln und Medizin zu begegnen Ich vertraue jenes teure Land der mütterlichen Obhut der heiligen Jungfrau von Madhu an, die von allen Einwohnern Sri Lankas geliebt und verehrt wird, und ich erhebe meine Gebete zum Herrn, auf dass er den Tag der Versöhnung und des Friedens rasch anbrechen lassen möge.

[Nach dem Mariengebet begrüßte der Papst die Pilgergruppen. Auf Deutsch sagte Benedikt XVI.:]

Einen frohen Gruß richte ich an die Brüder und Schwestern deutscher Sprache. Mit reichen Eindrücken bin ich soeben aus dem Heiligen Land zurückgekehrt. In Jerusalem habe ich auch den Abendmahlssaal besucht, wo Jesus den Aposteln, seinen Freunden, das Neue Gebot gegeben hat: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe" (Joh 15,12). Im selben Obergemach sind die Jünger dem auferstandenen Herrn begegnet und haben sich mit Maria im Gebet versammelt. Bitten auch wir darum, dass Gott den Heiligen Geist, den Geist der Liebe, in unsere Herzen und über die ganze Kirche ausgieße, damit wir reiche und bleibende Frucht bringen. Der Herr segne euch und eure Familien.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]