Das Herz für den Herrn freimachen

Eine Einführung in die Augustinusregel als spiritueller Wegweiser

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Von Willigis Eckermann OSA



WÜRZBURG, 17. September 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Augustinus hat bedeutende theologische Werke verfasst, die auch in unserer Zeit noch aktuell sind. Er hat aber auch eine Regel geschrieben, die für zahlreiche Ordensgemeinschaften durch die Jahrhunderte hindurch bis heute zur Richtschnur wurde. Damit sich seine Regel einprägt und umgesetzt wird, hat Augustinus ans Ende der Regel die Bestimmung gesetzt, dass sie einmal in der Woche vorgelesen werden soll. So können sich die Hörer in ihr wie in einem Spiegel betrachten und, wenn nötig, korrigieren.

Diese Vorschrift wird in manchen Ordensgemeinschaften entweder nur lässig beobachtet oder ganz vernachlässigt. Es geschieht mit dem Hinweis, dass man vom vielen Vorlesen den Inhalt bereits kenne. Die Worte seien schon so abgegriffen, dass sie einfach am Hörer vorbeirauschen und in ihm nichts mehr bewegen.

Diese Tendenzen kennt auch Hermann Josef Kugler, Prämonstratenserabt von Windberg und Administrator der Abtei Speinshart in der Oberpfalz. Er hat diese Schwierigkeiten aufgegriffen und sucht ihnen in seinem Regelkommentar zu begegnen.

Einer seiner Ausgangspunkte lautet, dass die Augustinusregel kein Gesetzbuch ist, sondern ein Wegweiser für Ordensleute und für Menschen in der Welt, denen Augustinus etwas bedeutet. Die Regel ist als Wegweisung für einen Freundeskreis entstanden und kann deshalb sachgerecht nur als Regelung für Freunde ausgelegt werden. Sie richtet sich als Lebensregel an all jene, die einander freundschaftlich verbunden sind, an Ordens- und Weltleute.

Damit die Regel diese Aufgabe erfüllen kann, zeigt Abt Kugler ihre heutige Bedeutung auf. Dafür greift er nicht nur einzelne Aspekte der Regel heraus und kommentiert sie, sondern er behandelt sie ganz, ihre acht Kapitel. Er tut es in Form von Betrachtungen, die von den einzelnen kürzeren oder längeren Abschnitten der Kapitel ausgehen.

Die Gottesbeziehung der Gemeinschaft vor Augen

Den Zugang zum Inhalt des Regeltextes hat sich Abt Kugler dadurch erschlossen, dass er in ihm etwas Persönliches, Bekenntnishaftes erblickt. In der Regel verfährt Augustinus ähnlich wie in den Bekenntnissen, in denen er über seine persönliche Gottesbeziehung nachdenkt. In der Regel hat er dagegen die Gottesbeziehung der Gemeinschaft vor Augen und fragt sich, wie sie ist, wie sie war und wie sie sein wird. Unter diesem Gesichtspunkt bekommen die einzelnen Themen der Regel, wie der Vorgesetzte, aber auch jedes Mitglied in der Gemeinschaft einen neuen Stellenwert. Die Beziehungen zueinander und die Aufgaben des Oberen werden in der Förderung des Fortschritts der Gemeinschaft auf dem Weg zu Gott gesehen, und nicht in der Maßregelung der Mitglieder.

In der Regel stehen verschiedene Bestimmungen, welche die Kleider und deren Reinigung betreffen, die Ausgabe von Büchern, das Verlassen des Hauses zu Zweit, der Umgang mit Personen des anderen Geschlechts und so weiter. Manches davon kann heute nicht mehr wörtlich umgesetzt werden. Solche zeitgebundenen Aussagen entwerten aber weder die Bedeutung der ganzen Regel, noch dürfen sie einfach vernachlässigt werden. Wer sie hört, muss sich vielmehr fragen, was sie dem Einzelnen und der Gemeinschaft auf dem Weg zu Gott in der heutigen Situation sagen können.

Es werden in dieser Besprechung einzelne Punkte benannt, die der Regelkommentar herausgestellt hat und die zur Lektüre jeden Freund der Lehre und des Gemeinschaftsverständnisses des heiligen Augustinus verlocken. Als wichtigste Aufgabe wird die Verwirklichung der Liebe zu Gott und zum Nächsten genannt. Sie ist auch das Herzstück der Thora und des Evangeliums. Nicht nur an dieser Stelle, sondern auch an vielen anderen kommt die Prägung der Regel durch die Heiligen Schrift zum Ausdruck.

Augustinus hat sein Gemeinschaftsideal in dem Satz zusammengefasst, man solle einmütig zusammenwohnen wie ein Herz und eine Seele auf dem Weg zu Gott. Für die Bewältigung dieses Weges braucht es Mut und die Bereitschaft zum lebenslangen Umkehren und Sich-verändern.

Der Mut wächst durch das Vertrauen zum Anderen, der ebenfalls auf sein Vermögen verzichtet hat, um in der Gemeinschaft für Gott frei zu sein. In dieser Freiheit und Ungebundenheit für Gott soll sich der gemeinsame Weg verwirklichen. Wie schwer dies zuweilen ist, kommt in der Reservierung von Dingen für den eigenen Gebrauch zum Ausdruck, die eigentlich für die Gemeinschaft bestimmt sind. Als Beispiel wird das Auto angeführt, das man nicht jedem anvertrauen will.

Der Einzelne muss den Mut aufbringen, täglich sein Herz frei zu machen von allem, woran es hängt, und es auf Gott auszurichten. Dies wird dadurch erleichtert, dass die Gemeinschaft für die Versorgung des Einzelnen aufkommt. Im Gegenzug muss sich der Einzelne bei seinen Ansprüchen an die Gemeinschaft fragen, was er wirklich braucht und auf was er verzichten kann, weil es überflüssig ist.

Für die Gestaltung der Gemeinschaft ist die Verehrung Gottes unverzichtbar. Es ist offensichtlich, dass Augustinus in seiner Regel nur wenige Anordnungen für das Gebet trifft. Stattdessen stellt er eine andere Form der Gottesverehrung in den Vordergrund. Sie besteht in der Verehrung Gottes im Nächsten. Er schreibt: „Ehrt in euch gegenseitig Gott, dessen Tempel ihr geworden seid.“ Die Verehrung Gottes soll also in der liebevollen Beziehung zum Nächsten geschehen, der sich um die Verwirklichung des gleichen Gemeinschaftsideals bemüht. Diese Sicht des Bruders als Tempel Gottes bestimmt dann Augustins Aussagen zum Verhalten der Brüdern untereinander und zum jeweiligen Oberen. Sie soll zur Geltung kommen bei der Beilegung von Streit und Feindschaft.

Augustinus hat die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Mitmenschen gleichgesetzt. Nach ihm besteht deshalb das Lob Gottes in einem liebevollen Miteinander der Angehörigen einer Klostergemeinschaft. Durch ihren liebevollen Umgang miteinander ehren sie Gott im Nächsten. Der Mitbruder soll deshalb wie eine Monstranz angesehen werden, in der das Allerheiligste, der im Nächsten anwesende Gott, ausgesetzt ist.

Für die Entwicklung der Gemeinschaft ist nach Augustinus auch die Pflege des gemeinschaftlichen und persönlichen Gebetes erforderlich. In der Übung beider Gebetsarten darf die Gemeinschaft nicht nachlassen. Sie muss sich davor hüten, ihre Gebete nach Stimmungslage zu verrichten. Vielmehr soll sie zu festgesetzten Stunden und Zeiten in einem dafür bestimmten Raum beten. Das gemeinsame Gebet mag manchmal unvollkommen sein, weil das äußere und innere Sprechen auseinanderklaffen, aber es hat in Gemeinschaft verrichtet auch die Kraft, den Einzelnen über Durststrecken zu tragen. Damit das im Herzen lebendig ist, was der Mund ausspricht, muss sich der Einzelne auch dem persönlichen Gebet widmen. Er muss es pflegen, damit ihm eine unmittelbare Gotteserfahrung als Geschenk zuteil werden kann.

Ein Argument, das man gegen die Tischlektüre der ganzen Regel hören kann, lautet, Augustins Aussagen über die Begegnung und den Umgang mit Frauen passe nicht mehr in unsere Zeit und stelle eine Beleidigung der Frau dar.

Dazu einige Stichpunkte aus dem Kommentar. Es trifft zu, dass Augustinus als älterer Mann sich stärker bewusst war, dass die Sexualität zum Leben gehört und ein Teil der Schöpfung ist. Dies stellt die Regel nicht in Abrede. Es heißt aber auch, dass eine Liebesbeziehung, die mit Blicken beginnen kann, die einmal getroffene Entscheidung für das Leben in der Gemeinschaft aufs Spiel setzen kann. Damit die Entscheidung für ein Leben in Keuschheit tragfähig ist, muss der Einzelne seine Sexualität annehmen. Der Verzicht auf ihre Ausübung muss umfangen sein von einer tiefen, lebendigen Beziehung zu Gott. Ohne diese wird kaum ein ungezwungener Umgang mit dem anderen Geschlecht möglich sein. Damit der Einzelne nicht in ein verwerfliches Doppelleben abgleitet, muss er seine Blicke hüten und seine Phantasie im Zaum halten. Auch im sensiblen sexuellen Bereich hat die Gemeinschaft eine Verantwortung für den Einzelnen auf seinem Weg zu Gott. Augustinus nennt als ersten Schritt, dass der Einzelne zunächst an Gott, den „superinspector“ denkt, dem nichts verborgen bleiben kann. Er mahnt ihn, er solle Gott in der Zurücknahme seiner Liebe nicht enttäuschen.

Wenn diese Mahnung nicht beachtet wird und aus dem lüsternen Blick ein sexuelles Begehren geworden ist, dann soll die Gemeinschaft, der solche Zeichen nicht verborgen bleiben, mit persönlichem Gespräch, mit dem Heranziehen noch anderer Mitglieder und schließlich des Oberen gegenüber dem Mitbruder tätig werden. In einer solchen Situation muss sich der Mitbruder entscheiden, ob er sich der Gemeinschaft wieder zuwenden will oder ob er seinen Weg außerhalb derselben suchen möchte. An dieser Stelle wird zweierlei deutlich, einmal dass die Klostergemeinschaft ein Ort ist, an dem ein Mitbruder sich immer wieder zur Nächstenliebe in der Gemeinschaft bekehren kann und soll, dann aber auch ein Ort, an dem der Ausschluss aus der Gemeinschaft auszusprechen ist.

Die Regel des heiligen Augustinus will das Verlangen nach geistlicher Schönheit wecken und den Einzelnen dazu veranlassen, dass er im Hören auf das Wort Gottes und in seiner Befolgung die klösterliche Gemeinschaft mitverwirklicht. Die Augustinusregel als spiritueller Wegweiser lädt zu einem solchen Wagnis ein.

[Abt Hermann Josef Kugler: Über allem die Liebe. Die Augustinusregel als spiritueller Wegweiser, Sankt Ulrich Verlag GmbH, Augsburg 2008, ISBN: 978-3-86744-060-8, EUR 19,90;
© Die Tagespost vom 9. September 2008]