„Das Herz Jesu stellt uns das Feuer der göttlichen Liebe vor Augen“

Predigt von Bischof Scheuer zum Herz-Jesu-Fest 2008

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INNSBRUCK, 14. Juni 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer zum diesjährigen Herz-Jesu-Fest gehalten hat.

Im Monat Juni wird tradionell die Andacht zum Herzen Jesu besonders gepflegt. Deshalb erklärte Benedikt XVI. zu Beginn dieses Monats vor dem Angelus-Gebet: „Ich lade daher jeden dazu ein, im Monat Juni seine Verehrung des Herzens Christi zu erneuern“ (vgl. Ansprache).

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„Drum geloben wir auf’s Neue, Jesu Herz, dir unsre Treue.“ Die Verehrung des Herzens Jesu hat Tirol kulturell, politisch, sozial und auch religiös stark geprägt. Das Herz Jesu gehört zur Identität des Landes und zum Selbstbewusstsein der Tiroler. Herz Jesu - das ist nicht selten aber der Inbegriff von Sentimentalität. Herz-Jesu-Bilder gelten als Beispiel religiösen Kitsches, Herz-Jesu-Gebete als Musterbeispiel übertriebener Devotion. Wir verbinden mit den Liedern, mit den Statuen, mit den Bildern und mit der Volksfrömmigkeit etwas Liebliches oder etwas ganz Politisches. Für die einen ist das Bild zu weich, zu lieblich, zu weltfremd, für die anderen zu stark von Bildern des Krieges besetzt. Die Stile sind doch sehr unterschiedlich. „Auf zum Schwur“ ist anders gefärbt als eine rein innerliche fromme Jesusbeziehung.

Kommt alle zu mir

Das Herz Jesu wird in der Hl. Schrift und in der christlichen Tradition verbunden mit der Vorstellung von Ruhe, von Zuflucht und Asyl: den Frommen sei es eine Stätte der Ruhe, den Büßenden stehe es als rettende Zuflucht offen. „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,28). Oder nach anderen Übersetzungen: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ – „Kommt her zu mir alle, ihr Mühenden und Überbürdeten: Ich werde euch aufatmen lassen.“ Das Herz Jesu ist die Ruhestatt in der ungeheuren Beschleunigung der Zeit.
Es eröffnet Schonräume, wo Menschen nicht mehr aus und ein wissen, es erschließt Freiräume, wo vielfältige Zwänge belasten, es ist Zufluchtsort, wenn unheimlicher Druck und Stress in die Enge treiben und zum „burnt out“ führen.

Feuer der Liebe

Wir kennen alle Herz-Jesu Bilder mit einer Flamme im Strahlenkranz. Der emotionale Kern der Offenbarung an Margaretha Maria Alacoque ist die verschmähte Liebe, die durch Steigerung ihrer Liebe die „Kälte und Verachtung“ der anderen zu sühnen und dafür Genugtuung leisten will. Es ist das Bild des brennenden Feuers, des Glutofens. „Am Anfang standen nicht die Kälte und die Finsternis; am Anfang stand das Feuer.“ (Teilhard de Chardin)
Kälte oder Feuer: Mit Blicken und mit der Gestik des Gesichtes können Kälte, Gleichgültigkeit und Verachtung signalisiert werden. Ohne Worte sagt da einer: Du bist für mich überflüssig, reiner Abfall und Müll, den zu verwerten und dann zu entsorgen gilt, du bist eine Null, ein Kostenfaktor, den wir uns in Zukunft nicht mehr leisten wollen. Blicken können kontrollieren, überwachen, fixieren und lähmen. Wenn Blicke töten könnten, heißt es nicht umsonst in der Alltagssprache.
Und Kälte? Es entwickelt sich eine Gesellschaft der Zuschauer, die sich aus der Distanz am Elend anderer begeilen, eine Gesellschaft der Passanten, die sich nicht zuständig fühlen. Wenn Mitleid und Barmherzigkeit eigentlich nicht sein sollen und dieses Urteil allmählich ins Bewusstsein aller einsickert, dann entspringen neue Kälteströme (Ernst Bloch). Der Kult des schönen, starken, gesunden und erfolgreichen Lebens macht die Erbarmungslosigkeit zum Prinzip. Es gibt keine Sorge mehr für die, denen der Atem ausgeht; die Alten, Kranken, Behinderten werden auf Institutionen delegiert; die anderen sind verantwortlich. Wir sind in Gefahr, eine Anspruchsgesellschaft zu werden, in der sich eine wachsende Versorgungsmentalität breit macht.
Das Herz Jesu stellt uns das Feuer der göttlichen Liebe vor Augen: Gott befreit die Menschen vom egozentrischen Blick auf sich und von der Angst, sich ständig selbst behaupten zu müssen. „Eine Gesellschaft, die denen nicht aufhilft, die aus eigener Kraft nicht durchs Leben gehen können, und eine Weltordnung, die eigensüchtig unter wenigen aufteilt, was Gott in Liebe für alle Menschen geschenkt hat, werden zerbrechen.“ (Robert Zollitsch) Die Substanz, die es vom Herzen Jesu her wiedergewinnen zu gilt, ist es, dass die Liebe Wärmecharakter hat, aber natürlich keine physische Wärme, sondern soziale Wärme. Menschen sehen und doch übersehen, Not vorgeführt bekommen und doch ungerührt bleiben, das gehört zu den Kälteströmen der Gegenwart. - Im Blick der Anderen, gerade des armen Anderen erfahren wir den Anspruch: Du darfst mich nicht gleichgültig liegen lassen, du darfst mich nicht verachten, du musst mir helfen. Jesu Sehen führt in menschliche Nähe, in die Solidarität, in das Teilen der Zeit, das Teilen der Begabungen und auch der materiellen Güter.

Werke der Barmherzigkeit

Bischof Joachim Wanke hat beim Kongress für die Pfarrgemeinde- und Pfarrkirchenräte in Innsbruck (März 2008) die Werke der Barmherzigkeit auf die Gegenwart übersetzt.

Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu
Was unsere Gesellschaft oft kalt und unbarmherzig macht, ist die Tatsache, dass in ihr Menschen an den Rand gedrückt werden: die Arbeitslosen, die Ungeborenen, die psychisch Kranken, die Ausländer usw. Das Signal, auf welche Weise auch immer ausgesendet: „Du bist kein Außenseiter!“ „Du gehörst zu uns!“ das ist ein sehr aktuelles Werk der Barmherzigkeit.

Ich höre dir zu
Eine oft gehörte und geäußerte Bitte lautet: „Hab doch einmal etwas Zeit für mich!“; „Ich bin so allein!“; “Niemand hört mir zu!“ Die Hektik des modernen Lebens, die Ökonomisierung von Pflege und Sozialleistungen zwingt zu möglichst schnellem und effektivem Handeln. Es fehlt oft - gegen den Willen der Hilfeleistenden - die Zeit, einem anderen einfach einmal zuzuhören. Zeit haben, zuhören können - ein Werk der Barmherzigkeit, paradoxerweise gerade im Zeitalter technisch perfekter, hochmoderner Kommunikation so dringlich wie nie zuvor!

Ich rede gut über dich
Jeder hat das schon selbst erfahren: In einem Gespräch, einer Sitzung, einer Besprechung – da gibt es Leute, die zunächst einmal das Gute und Positive am anderen, an einem Sachverhalt, an einer Herausforderung sehen. Natürlich: Man muss auch manchmal den Finger auf Wunden legen, Kritik üben und Widerstand anmelden. Was heute freilich oft fehlt, ist die Hochschätzung des anderen, ein grundsätzliches Wohlwollen für ihn und seine Anliegen und die Achtung seiner Person. Gut über den anderen reden - ob nicht auch Kirchenkritiker manchmal barmherziger sein könnten?

Ich gehe ein Stück mir dir
Vielen ist mit einem guten Rat allein nicht geholfen. Es bedarf in der komplizierten Welt von heute oft einer Anfangshilfe, gleichsam eines Mitgehens der ersten Schritte, bis der andere Mut und Kraft hat, allein weiterzugehen. Das Signal dieses Werkes der Barmherzigkeit lautet: „Du schaffst das! Komm, ich helfe dir beim Anfangen!“ Aber es geht hier nicht nur um soziale Hilfestellung. Es geht um Menschen, bei denen vielleicht der Wunsch da ist, Gott zu suchen. Sie brauchen Menschen, die ihnen Rede und Antwort stehen und die ein Stück des möglichen Glaubensweges mit ihnen mitgehen.

Ich teile mit dir
Es wird auch in Zukunft keine vollkommene Gerechtigkeit auf Erden geben. Es braucht Hilfe für jene, die sich selbst nicht helfen können. Das Teilen von Geld und Gaben, von Möglichkeiten und Chancen wird in einer Welt noch so perfekter Fürsorge notwendig bleiben. Ebenso gewinnt die alte Spruchweisheit gerade angesichts wachsender gesellschaftlicher Anonymität neues Gewicht: „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude!“

Ich besuche dich
Den anderen in seinem Zuhause aufsuchen ist besser, als darauf warten, dass er zu mir kommt. Der Besuch schafft Gemeinschaft. Er holt den anderen dort ab, wo er sich sicher und stark fühlt. Die Besuchskultur in unseren Gemeinden ist sehr kostbar. Lassen wir sie nicht abreißen! Gehen wir auch auf jene zu, die nicht zu uns gehören. Sie gehören Gott, das sollte uns genügen.

Ich bete für dich
Wer für andere betet, schaut auf sie mit anderen Augen. Er begegnet ihnen anders. Auch Nichtchristen sind dankbar, wenn für sie gebetet wird. Ein Ort in der Stadt, im Dorf, wo regelmäßig und stellvertretend alle Bewohner in das fürbittende Gebet eingeschlossen werden, die Lebenden und die Toten – das ist ein Segen. Sag es als Mutter, als Vater deinem Kind: Ich bete für dich! Tun wir es füreinander, gerade dort, wo es Spannungen gibt, wo Beziehungen brüchig werden, wo Worte nichts mehr ausrichten. Gottes Barmherzigkeit ist größer als unsere Ratlosigkeit und Trauer.

Gib deinem Knecht ein hörendes Herz
„Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz.“ (1 Kön 3,9) Das ist die Bitte des Salomo auf die Aufforderung Gottes nachts im Traum in Gibeon, eine Bitte auszusprechen, die Gott ihm gewähren will. Er bittet nicht um langes Leben, nicht um Reichtum, nicht um den Tod der Feinde, auch nicht um den Sieg. Das hörende Herz sieht er als Voraussetzung dafür, das Volk zu regieren und das Gute vom Bösen unterscheiden zu können.

Manfred Scheuer
Bischof von Innsbruck

[Von der Diözese Innsbruck veröffentlichtes Original]