Das „himmlische Werk“ der Liturgie ist der Ort der wahren Begegnung mit Gott

Katechesenzyklus zur Generalaudienz behandelt Petrus Venerabilis (1094-1156)

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ROM, 14. Oktober 2009 (ZENIT.org).- In einer Zeit, die von Konflikten und Spaltungen gezeichnet ist, ist es notwendig, die Beziehungen der Brüderlichkeit und der Versöhnung neu zu knüpfen. Mit diesem Aufruf wandte sich Papst Benedikt XVI. an die Pilger und Besucher während seiner Katechese zur heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz. Der Papst setzte seinen Katechesenzyklus über die großen Gestalten der Kirche des Mittelalters fort und stellte den Theologen und Klosterreformator Petrus Venerabilis (* um 1094 in Montboissier; † 25. Dezember 1156 in Cluny) in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Wir veröffentlichen den vollständigen Text der Katechese.

 

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Der heilige Petrus Venerabilis (* um 1094 in Montboissier; † 25. Dezember 1156 in Cluny)

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Gestalt des Petrus Venerabilis, die ich in der heutigen Katechese vorstellen möchte, führt uns zurück zur berühmten Abtei von Cluny, zu ihrer „Würde“ (decor) und zu ihrem „Glanz“ (nitor) – um die in den cluniazensischen Texten wiederkehrenden Begriffe zu verwenden – Würde und Glanz, die vor allem in der Schönheit der Liturgie bewundert werden, dem bevorzugten Weg, um zu Gott zu gelangen. Mehr noch aber als diese Aspekte ruft uns die Persönlichkeit des Petrus die Heiligkeit der großen cluniazensischen Äbte in Erinnerung: In Cluny „gab es nicht einen einzigen Abt, der kein Heiliger gewesen wäre“, sagte 1080 Papst Gregor VII. Zu diesen gehört Petrus Venerabilis, der in sich gleichsam alle Tugenden seiner Vorgänger vereinte, obwohl Cluny angesichts der neuen Orden wie jenem von Cîteaux bereits mit ihm einige Symptome de Krise zu verspüren beginnt. Petrus ist ein bewundernswertes Beispiel eines Asketen, der streng mit sich selbst und verständig mit den anderen ist. Er wurde um 1094 in der französischen Region Auvergne geboren und trat als Kind in das Kloster von Sauxillanges ein, wo er die Mönchsgelübde ablegte und später Prior wurde. 1122 wurde er zum Abt von Cluny gewählt und verblieb in diesem Amt bis zu seinem Tod, der ihn, wie er es ersehnt hatte, am Weihnachtstag 1156 ereilte. „Der Freund des Friedens – schrieb sein Biograph Rudolf – hat am Tag des Friedens in der Herrlichkeit Gottes seinen Frieden gefunden“ (Vita, I, 17; PL 189,28).

Wer ihn gekannt hatte, hob seine vornehme Sanftmut, innere Ausgeglichenheit, Selbstbeherrschung, Rechtschaffenheit, Redlichkeit und besondere Neigung zum Vermitteln hervor. „Es liegt in meinem Wesen – schrieb er –, sehr für die Nachsicht begabt zu sein; dazu regt mich meine Gewohnheit zu vergeben an. Ich bin süchtig danach, zu ertragen und zu vergeben“ (Ep. 192, in: The Letters of Peter the Venerable, Harvard University Press, 1967, S. 446). Und er sagte: „Mit denen, die den Frieden hassen, möchten wir, so es möglich ist, immer friedvoll sein“ (Ep. 100, l.c., S. 261). Weiter sagte er: „Ich gehöre nicht zu denen, die mit ihrem Los nicht zufrieden sind, ... deren Geist sich stets in Angst oder Zweifel befindet und die sich beklagen, weil alle anderen sich ausruhen und sie die Einzigen sind, die arbeiten“ (Ep. 182, S. 425). Mit seinem sensiblen und liebevollen Charakter verstand er es, die Liebe zum Herrn mit der Zartheit gegenüber den Familienangehörigen, besonders der Mutter, sowie den Freunden zu verbinden. Er pflegte die Freundschaft, dies in besonderer Weise zu seinen Mönchen, die sich ihm gewöhnlich in der Sicherheit anvertrauten, angenommen und verstanden zu werden. Laut dem Zeugnis des Biographen „verachtete er keinen und wies niemanden zurück“ (Vita, I,3: PL 189,19); „allen erschien er liebenswert; in seiner angeborenen Güte war er offen für alle“ (ebd., I,1: PL, 189,17).

Wir könnten sagen, dass dieser heilige Abt ein Beispiel auch für die Mönche und Christen unserer Zeit darstellt, die durch einen frenetischen Lebensrhythmus charakterisiert ist, wo Episoden von Intoleranz und Kommunikationsunfähigkeit, von Spaltungen und Konflikten nicht selten sind. Sein Zeugnis lädt uns ein, es zu verstehen, die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Nächsten zu vereinen und es nicht müde zu werden, Beziehungen der Brüderlichkeit und der Versöhnung neu zu knüpfen. So nämlich handelte Petrus Venerabilis, der sich dem Umstand ausgesetzt sah, das Kloster von Cluny in nicht sehr ruhigen Jahren zu führen, was auf verschiedene äußere und der Abtei innewohnende Gründe zurückzuführen war, wobei es ihm gelang, gleichzeitig streng und mit tiefer Menschlichkeit begabt zu sein. Er sagte gern: „Von einem Menschen wird man mehr erreichen können, indem man ihn toleriert, als wenn man ihn mit den Klagen verunsichert“ (Ep. 172, l.c., S. 409). Bedingt durch sein Amt musste er häufige Reisen nach Italien, England, Deutschland und Spanien auf sich nehmen. Das erzwungene Verlassen der kontemplativen Stille fiel ihm schwer. Er gestand ein: „Ich gehe von einem Ort zum anderen, atemlos hetze ich mich ab, ich bekümmere mich, ich quäle mich, hin und her geschleppt; einmal richtet sich mein Geist auf meinen Angelegenheiten, dann auf die der anderen, nicht ohne dass meine Seele dabei sehr aufgewühlt wird“ (Ep. 91, l.c., S. 233). Obwohl er sich zwischen den Mächten und Herrschaften, die Cluny umgaben, durchringen musste, gelang es ihm dank seines Sinnes für das Maß, dank seiner Großherzigkeit und seines Realismus dennoch, eine gewohnheitsmäßige Ruhe zu bewahren. Unter den Persönlichkeiten, mit denen er Umgang hatte, befand sich Bernhard von Clairvaux, mit dem er trotz der Unterschiedlichkeit im Temperament und in den Erwartungen eine wachsende Beziehung der Freundschaft unterhielt. Bernhard bestimmte ihn als „einen Mann, der mit wichtigen Angelegenheiten beschäftigt ist“, und hatte große Achtung vor ihm (Ep. 147, ed. Scriptorium Claravallense, Mailand 1986, VI/1, S. 658-660), während Petrus Venerabilis Bernhard „Leuchte der Kirche“ nannte (Ep. 164, S. 396), „starke und glänzende Säule des Mönchsstandes und der ganzen Kirche“ (Ep. 175, S. 418).

Mit lebendigem kirchlichen Sinn bekräftigte Petrus Venerabilis, dass die Angelegenheiten des christlichen Volkes von allen „im Innersten des Herzens“ verspürt werden müssen, die sich „zu den Gliedern des Leibes Christi“ zählen (Ep. 164, l.c., S. 397). Und er fügte hinzu: „Nicht genährt vom Geist Christi ist, wer nicht die Wunden des Leibes Christi spürt“, wo auch immer diese zugefügt werden (ebd.). Er erwies darüber hinaus denen Sorge und Aufmerksamkeit, die außerhalb der Kirche standen, insbesondere den Juden und den Muslimen: Um die Kenntnis Letzterer zu begünstigen, gab er die Übersetzung des Koran in Auftrag. Dazu merkt ein zeitgenössischer Historiker an: „Inmitten der Unnachgiebigkeit der Menschen des Mittelalters – auch der Größten unter ihnen – bewundern wir hier ein hohes Beispiel an Feinfühligkeit, zu der die christliche Nächstenliebe führt“ (J. Leclercq, Pierre le Vénérable, Abbaye S. Wandrille 1946). Weitere ihm teure Aspekte des christlichen Lebens waren die Liebe zur Eucharistie und die Verehrung der Jungfrau Maria. Zum Allerheiligsten Sakrament hat er uns Seiten hinterlassen, die „eines der Hauptwerke der eucharistischen Literatur aller Zeiten“ darstellen (ebd.), und über die Muttergottes hat er erhellende Gedanken niedergeschrieben, wobei er sie stets in enger Verbindung mit Jesus, dem Erlöser, und seinem Heilswerk betrachtete. Es genüge, diese einzigartigen inspirierten, hohen Worte wiederzugeben: „Gegrüßt seist du, gebenedeite Jungfrau, die du den Fluch in die Flucht geschlagen hast. Gegrüßt seist du, Mutter des Höchsten, Braut des sanftesten Lammes. Du hast die Schlange besiegt, ihr hast du den Kopf zertreten, als der von dir gezeugte Gott sie vernichtet hat. Glänzender Morgenstern, der du die Schatten des Westens in die Flucht schlägst. Morgenröte, die der Sonne vorangeht, Tag, der die Nacht nicht kennt. Bitte den Gott, der aus dir geboren ist, auf dass er unsere Sünde auflöse und uns nach der Vergebung Gnade und Herrlichkeit gewähre“ (Carmina, PL 189, 1018-1019).

Petrus Venerabilis hegte auch eine Vorliebe für die literarische Tätigkeit und besaß das Talent dazu. Er schrieb seine Gedanken auf, überzeugt von der Wichtigkeit, die Feder gleichsam als einen Pflug zu benutzen, um „auf dem Papier den Samen des Wortes auszubreiten“ (Ep. 20, S. 38). Obgleich er kein systematischer Theologe war, war er ein großer Forscher nach dem Geheimnis Gottes. Seine Theologie ist im Gebet verwurzelt, besonders im liturgischen, und unter den Geheimnissen Christi hegte er eine Vorliebe für das Geheimnis der Verklärung, in dem bereits die Auferstehung vorweggenommen wird. Er war es, der in Cluny ein derartiges Fest eingeführt und dazu ein besonderes „Officium“ zusammengestellt hat, in dem sich die charakteristische theologische Frömmigkeit des Petrus und des cluniazensischen Ordens widerspiegelt, die ganz auf die Betrachtung des glorreichen Antlitzes (gloriosa facies) Christi ausgerichtet ist und in ihm die Gründe für jene glühende Freude findet, die ihren Geist auszeichnete und in die Liturgie des Klosters ausstrahlte.

Liebe Brüder und Schwestern, dieser heilige Mönch ist gewiss ein großes Vorbild an monastischer Heiligkeit, die sich an den Quellen der benediktinischen Tradition nährt. Für ihn bestand des Ideal des Mönchs darin, „hartnäckig Christus nachzufolgen“ (Ep. 53, l.c., S. 161), in einem Leben in Klausur, das von der „monastischen Demut“ (ebd.) und der Arbeitsamkeit (Ep. 77, l.c., S. 211) wie auch von einer Atmosphäre der stillen Kontemplation und des steten Lobes Gottes gezeichnet ist. Die erste und wichtigste Beschäftigung des Mönchs ist für Petrus von Cluny die würdevolle Feier des Gottesdienstes – „himmlisches Werk, und von allen das nützlichste“ (Statuta, I, 1026) –, der mit Lesungen, Betrachtungen, persönlichen Orationen und der mit Mäßigung befolgten Buße zu begleiten ist (vgl. Ep. 20, l.c., S. 40). Auf diese Weise wird das ganze Leben von tiefer Liebe zu Gott und von Liebe zu den anderen durchdrungen sein, von einer Liebe, die in der aufrechten Offenheit für den Nächsten, in der Vergebung und in der Suche nach Frieden zum Ausdruck kommt. Abschließend könnten wir sagen: Obschon dieser mit der täglichen Arbeit verbundene Lebensstil für den heiligen Benedikt das Ideal des Mönchs bildet, so betrifft er auch uns alle; er kann in großem Maß der Lebensstil des Christen sein, der echter Jünger Christi werden will und sich gerade durch seine hartnäckige Anhängerschaft an ihn, durch die Demut, die Arbeitsamkeit und die Fähigkeit zu Vergebung und Frieden auszeichnet.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Bei der heutigen Generalaudienz möchte ich den heiligen Petrus Venerabilis vorstellen, der 1122, mit nicht einmal 30 Jahren, zum Abt von Cluny gewählt wurde. Bis zu seinem Tod am Weihnachtstag des Jahres 1156 trug er die Verantwortung für das berühmteste Benediktinerkloster des Hochmittelalters und seine zahlreichen Tochtergründungen in ganz Europa. Sein Biograph kommentiert treffend: „Der Freund des Friedens hat am Tag des Friedens in der Herrlichkeit Gottes seinen Frieden gefunden“. Die innere Ausgeglichenheit, die Sanftmut und die Rechtschaffenheit machten Abt Petrus in Cluny und auf seinen vielen Reisen zu einem Mann der Eintracht und zu einem Mittler in Spannungen und Konflikten. Er besaß zugleich eine bewundernswerte Standhaftigkeit und eine große Offenheit im Umgang mit anderen. Die Sorgen und Nöte der Kirche fühlte er in seinem eigenen Herzen und – entgegen der verbreiteten Mentalität seiner Zeit – wollte Petrus Venerabilis auch das Judentum und den Islam mit aufrichtigem Interesse kennenlernen, wozu er sogar den Koran übersetzen ließ. Bei all dem schöpfte er aus einer tiefen liturgisch geprägten Frömmigkeit, in der die Betrachtung des glorreichen Antlitzes des verklärten Christus eine zentrale Rolle spielte

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:

Von Herzen heiße ich die über zehntausend deutschsprachigen Pilger und Besucher hier auf dem Petersplatz willkommen. Besonders begrüße ich die Teilnehmer der Diözesanwallfahrt des Bistums Limburg in Begleitung von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst mit dem Orchester und den Chören des Limburger Doms. Petrus Venerabilis lädt uns ein, Christus in der Schönheit der Liturgie – dem „himmlischen Werk“ – zu begegnen und seine Liebe im Alltag nachzuahmen. So können auch wir in unserer oft hektischen Zeit zu geistlichen Ruhepolen und Quellen der Freundschaft und Gemeinschaft werden. Dabei bestärke euch der Allmächtige Gott mit seinem Segen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 – Libreria Editrice Vaticana]