Das Hohe Lied auf die Wahrheit

Aus seinen Kriegstagebüchern schuf Wassili Grossman den Roman „Leben und Schicksal“

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Von Ingo Langner

WÜRZBURG, 3. Juni 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- „Es gibt nur eine Wahrheit. Zwei Wahrheiten gibt es nicht. Es ist schwer, ohne Wahrheit zu leben oder nur mit einem Splitter, einem Teilchen, mit beschnittener oder frisierter Wahrheit. Ein Teil der Wahrheit ist keine Wahrheit.“ Diese vier Sätze stehen in „Leben und Schicksal“. Sie sind die Herzkammer des Romans. Nur von diesem Hohen Lied auf die Wahrheit aus kann man dieses Buch richtig verstehen. Es stammt aus der Feder eines Offiziers und Propagandisten Stalins. Denn eben das ist Wassili Grossman gewesen. Seine Reportagen in der Armeezeitung „Roter Stern“ haben die Sowjetsoldaten verschlungen. Sein Kriegsroman „Dies Volk ist unsterblich“ hat Grossman in ganz Russland berühmt gemacht. Seine geheimen Tagebuchaufzeichnungen hätten ihn das Leben kosten können.

Das Manuskript von „Leben und Schicksal“ basierte auf Grossmans Kriegstagebüchern. Es wurde 1961 vom KGB beschlagnahmt. Grossmans Hoffnung, Nikita Chruschtschow würde es für den Druck freigeben, erfüllten sich zu Lebzeiten des Autors nie. Für Chruschtschow, dem Nachfolger und Kritiker Stalins an der Spitze der KPdSU, muss der Inhalt von „Leben und Schicksal“ ein Albtraum gewesen sein, und Grossmans Hoffnung auf Publikation war wohl das, was man die Wahnidee eines Unbelehrbaren nennen muss.

Bis zum 9. November 1989 war nicht nur Berlin durch eine tödliche Grenze geteilt, sondern im Grunde die ganze Welt. Freiheit oder Kommunismus, hieß es im Westen. Antikommunismus führt zum Faschismus, brachte man den Kindern im Osten bei. Weil die westliche Jugend sich 1968 aus der Pandorabüchse der Roten bediente und begann, an die marxistische Propaganda zu glauben, wurde die Lage einigermaßen unübersichtlich. Der Mauerfall löste das Dilemma auf seine Weise und doch nicht vollständig auf. Denn der Herr der Fliegen hat viele Knechte. Nachdem den Kommunismus der Orkus verschlungen hat, ist ein Relativismus der Werte an seine Stelle getreten und zum Banner der Atheisten geworden. Zu Stalins Lebzeiten hätte ein Werterelativismus wie ihn weltvernarrte Gesundbeter der sogenannten liberalen Demokratie heute predigen, geradewegs in den Gulag geführt. Heute führt er in einen anderen Abgrund. Obwohl Wassili Grossmans Opus Magnum Zeile für Zeile den Totalitarismus der Sowjetunion entlarvt, hoffte der Autor bis zuletzt auf seine Veröffentlichung in Russland. Obwohl „Leben und Schicksal“ auf eintausend Seiten mit dem Terror- und Mordsystem der Roten Zaren abrechnet, war der Schöpfer dieses Stücks Weltliteratur fest davon überzeugt, dass der Freiheit seines Wortes ein legitimer Platz in den Wohnstuben und Bibliotheken seiner sozialistischen Heimat gebührt.

Welch ein gewaltiger, ja, grotesker Irrtum. Aber damit stand Grossman nicht allein. Millionen Verblendete haben sich mit ihm geirrt. Millionen Menschen haben an das Gute im Kommunismus geglaubt. Millionen Menschen waren selbst noch unter Stalins Galgen bereit, die Faust für den endgültigen Sieg der Weltrevolution zu ballen. Denn die Partei, die Partei, die hat immer Recht!

Als gute Materialisten haben die Bolschewisten die Erbsünde als Mumpitz verlacht, um sie dann jedoch über die eigene Hintertür zu reaktivieren. Denn nach Stalins Willen war die Partei wie ein Gott, vor dem jedermann schuldig war, wenn der mächtige Arm seiner Geheimdienste es so wollte. Unter Stalins blutiger Knute waren selbst die Gedanken nicht frei. Das kommunistische Endziel war es, „Neue Menschen“ nach der Parteilinie zu formen. Der finale Erfolgsfall sollte das Paradies auf Erden sein.

Wie so viele Gehirne kluger und oft genug liebenswürdiger Männer und Frauen vernebelt werden konnten, lässt sich vielleicht nicht wirklich zufriedenstellend erklären. Doch wer „Leben und Schicksal“ liest, weiß wie die rote Gehirnwäsche funktionierte. Und wenn man den Literaturwissenschaftlern trauen darf, dann trägt Grossmans Buch autobiographische Züge. In jedem Fall hat er den Krieg, von dem er schreibt, persönlich hautnah erlebt.

Als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angriff, wurde das rote Riesenreich bis in seine Grundfesten erschüttert. Stalin hatte alle Warnungen vor einen deutschen Angriff in den Wind geschlagen. Als das für ihn Undenkbare Wirklichkeit wurde, griff Stalins persönliche Panik auf das ganze Land über. In der Ukraine, deren Bewohner unter der sowjetischen Kolchoswirtschaft beinahe verhungert wären, wurden die deutschen Soldaten als Befreier begrüßt. Aus Moskau wurden der Parteiapparat und Kriegswichtiges weit in den Osten evakuiert.

Wer diesen Feldzug nur unter dem Blickwinkel der deutschen Niederlage betrachtet, der greift entschieden zu kurz. Denn zunächst stellte das „Unternehmen Barbarossa“ für die Sowjetunion ein Desaster ohnegleichen dar. Die Truppen der sowjetischen Südwestfront mit vier Armeen, sowie starke Teile von zwei weiteren Armeen waren vernichtet, und die sowjetische Front war in einer Breite von über 400 Kilometern zerrissen. Am 26. September 1941 endete um Kiew die größte Kesselschlacht der Geschichte mit einem Sieg der Wehrmacht. Über 660 000 Rotarmisten gingen in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Kein Kriegskorrespondent hatte so viel Fronterfahrung wie Wassili Grossman. Er hat im Sommer 1941 den Einmarsch der Wehrmacht erlebt, die russische Desorientierung und Massenflucht und die apokalyptischen Verluste der Roten Armee. Er lag bei der Schlacht um Stalingrad in den vordersten Schützengräbern und hat nach der kriegsentscheidenden Kapitulation der deutschen 6. Armee unter Generalfeldmarschall Paulus die bewaffnete Sowjetmacht bis nach Berlin begleitet.

Wenn einer weiß, wie dieser deutsch-russische Krieg wirklich war, dann ist es Wassili Grossman gewesen. Wenn einer weiß, wie die Soldaten, Kommissare und Zivilisten gefühlt haben, dann er. Deshalb kann Grossman ihre Gedanken, Wünsche und Leiden beschreiben wie kaum einer sonst. Sein Vorbild war „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi. Darum ist auch sein erzählerischer Mittelpunkt eine russische Familie. Wie diese Familie lebt, wie sie liebt, wie sie hasst und wie sie ums Überleben gegen den äußeren, aber auch inneren Feind kämpft, breitet dieser Autor mit dem langen Atem eines geborenen Epikers vor seinen Lesern aus. Was für Tolstoi die Schlachten von Austerlitz, Smolensk und Borodino waren, ist für Grossman der Kessel von Stalingrad: nämlich Schicksalsstunde. An diesem Ort an einer Biegung der Wolga zeigt der Krieg sein wahrstes Gesicht. Hier offenbart sich für Grossman auch das Geheimnis des Menschen.

Wie bei Tolstoi Napoleon nicht von der russischen Armee, sondern vom russischen Klima, der russischen Erde und einem unsagbar leidensfähigen russischen Volk besiegt wird, widerfährt bei Wassili Grossman dem deutschen Eroberer das Nämliche. Kurz vor der Eroberung Moskaus stoppt der russische Herbst mit seinen Schlammwüsten den Vormarsch der deutschen Panzer. Danach ist es die Eiseskälte des Winters und ein schier unendliches Hinterland, das immer neue Soldaten der Roten Armee an die Front wirft.

Grossman sucht und findet die Wahrheit im kleinsten Detail. Denn in jedem einzelnen Tropfen Menschenblut fließt Sternenstaub, und auch wenn der Jude Wassili Grossman dem Gott seiner Väter untreu geworden ist, und seine Seele an eine irdische Utopie verkauft hat, so weiß er gleichwohl noch sehr genau, was eine Menschenseele ist: „Alles, alles wird die Maschine reproduzieren! Doch die Fläche der ganzen Erde wird nicht ausreichen, um diese Maschine aufzustellen, die sich in Umfang und Gewicht in dem Maße bis ins Unendliche vergrößert, wie sie die Besonderheiten des Verstandes und der Seele des durchschnittlichen Menschen nacherschafft.“

Während der poststalinistischen „Tauwetter-Periode“ hat Wassili Grossman einen langen Brief an den Parteichef Chruschtschow geschrieben. Darin heißt es: „Was nützt es mir, wenn ich physisch frei bin und das Buch, dem ich mein Leben gewidmet habe, verhaftet ist. Ich verzichte nicht. Ich verlange Freiheit für mein Buch.“ Ob der Adressat darüber gelacht oder geweint hat, wissen wir nicht. Doch Suslow, der Chefideologe des sowjetischen Politbüros, ließ Grossman ausrichten, sein Buch könne frühestens in 200 Jahren erscheinen. Doch Suslow irrte sich. „Leben und Schicksal“ kam mit Hilfe von russischen Dissidenten 1980 in der Schweiz ans Licht der freien Welt.

Dank der Glasnost-Politik von Michail Gorbatschow konnten 1988 endlich auch Grossman Landsleute „Leben und Schicksal“ in ihrer Sprache lesen. Bald darauf ist die rote Sowjetunion kollabiert und mit ihr ein System, das Menschen erschuf, die Wahnsinnssätze wie diesen aussprachen und der den ganzen Irrsinn der kommunistischen Ideologie und ihre absurde Gleichsetzung mit Gott vollständig enthüllt: „Ich glaube, im Kommunismus wird das Staatssicherheitsministerium insgeheim alles Gute über die Menschen sammeln, jedes gute Wort. Alles, was mit Treue, Ehrlichkeit, Güte zusammenhängt, werden die Agenten am Telefon mithören, aus den Briefen her-auslesen, aus offenen Gesprächen entnehmen und in die Lubjanka melden, eine Akte anlegen. Nur das Gute! Hier wird der Glaube an den Menschen gestärkt werden und nicht, wie jetzt, zerstört.“

[Wassili Grossman: Leben und Schicksal. Roman. Claassen Verlag 2007, 1084 Seiten, ISBN-13: 978-3546004152, EUR 24,90; © Die Tagespost vom 31. Mai 2008]