Das innere Leben Mutter Teresas: Seelische Trockenheit aus Liebe ertragen (Teil 1)

Postulator Pater Kolodiejchuk über die Vereinigung der Seligen mit Jesus

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ROM, 18. September 2007 (ZENIT.org).- Ob sie Liebe fühlte oder nicht – Mutter Teresa von Kalkutta hat stets gewusst, dass sie mit Jesus verbunden war, denn an ihm allein hat sie ihre Seele festgemacht. Das ergeht aus einem Schreiben der Gründerin der Missionarinnen der Nächstenliebe an ihren geistlichen Begleiter.



Dieser Brief ist zusammen mit vielen anderen vor kurzem in dem Buch Mutter Teresa. Komm, sei du mein Licht veröffentlicht worden, das von Pater Brian Kolodiejchuk herausgegeben und kommentiert wurde.

Im folgenden Interview mit ZENIT, das ein Mitarbeiter der englischsprachigen ZENIT-Redaktion führte, spricht Pater Kolodiejchuk, Priester der Missionare der Nächstenliebe und Postulator im Heiligsprechungsprozess der seligen Mutter Teresa von Kalkutta, über sein neues Buch und das innere Leben Mutter Teresas, das der breiten Öffentlichkeit bis jetzt in dieser Tiefe verborgen geblieben ist.

ZENIT: Das außergewöhnliche innere Leben Mutter Teresas offenbarte sich erst nach ihrem Tod. Wie kam es, dass insbesondere ihre dunkle Nacht der Seele – abgesehen von ihren geistlichen Begleitern –allen, die sie kannten, verborgen blieb?

Pater Kolodiejchuk: Niemand wusste etwas von ihrem inneren Leben, weil nur ihre geistlichen Begleiter diese Briefe behalten haben. Einige der Briefe sind im Besitz der Jesuiten, andere waren im Haus des Erzbischofs und wieder andere hatte Pater Joseph Neuner, ein weiterer geistlicher Beistand. Die nun veröffentlichten Briefe wurden entdeckt, als wir daran gingen, uns nach Unterlagen für den kanonischen Prozess umzuschauen.

Mutter Teresa hat zu ihren Lebzeiten darum gebeten, Informationen über ihr Leben nicht weiterzugeben. Sie bat Erzbischof Ferdinand Perier von Kalkutta, einem anderen Bischof nichts von ihrer Berufungsgeschichte zu berichten: „Bitte geben Sie ihm nichts über die Anfänge. Wenn nämlich die Menschen erst einmal etwas von den Anfängen erfahren, zum Beispiel von den innere Eingebungen, würde sich die Aufmerksamkeit auf mich richten und nicht auf Jesus.“ Und sie schrieb oft: „Gottes Werk. Dies ist Gottes Werk.“

Selbst die Mitschwestern, die ihr am nächsten standen, wussten nichts von ihrem inneren Leben. Viele stellten sich wohl vor, dass sie in einer sehr starken Vertrautheit mit Gott lebte, die es ihr ermöglichte, weiterzumachen angesichts der Schwierigkeiten, die der Orden mit sich brachte, und angesichts der materiellen Armut, die sie litt.

ZENIT: In dem neuen Buch wird vom geheimen Gelübde Mutter Teresas berichtet, das sie am Anfang ihrer Berufungsgeschichte ablegte: Sie gelobte, dass sie Gott nichts verweigern würde und dass sie, wenn sie es dennoch täte, sich einer Todsünde schuldig machen würde. Welche Rolle spielte dieses Gelübde in ihrem Leben?

Pater Kolodiejchuk: Mutter Teresa legte dieses Gelübde, Gott nie etwas zu verweigern, im Jahr 1942 ab.

Ihre beiden Briefe, in denen sie über die Eingebungen spricht, die sie von Jesus erhielt, folgten bald danach. In einem davon, wenn nicht gar in beiden, sagt Jesus, indem er sich auf ihr Gelübde bezieht: „Willst du es abschlagen, das für mich zu tun?“ Das Gelübde ist also der Hintergrund ihrer Berufung. In diesen Inspirationsbriefen sieht man auch, dass Jesus ihr ihre Berufung deutlich macht.

Mutter Teresa ergreift dann selbst die Initiative, da sie jetzt weiß, was Jesus wünscht. Sie wird angespornt von dem Gedanken an seine Sehnsucht und seinen Schmerz, weil die Armen ihn nicht kennen und daher nichts von ihm wissen wollen. Das war eine der Hauptstützen, die sie befähigte, die Prüfungen der geistlichen Nacht zu durchschreiten. Aufgrund der Gewissheit ihrer Berufung und aufgrund ihres Gelübdes schreibt sie in einem der Briefe: „Ich war an dem Punkt angelangt, an dem ich Gefahr lief aufzugeben. Da dachte ich an das Gelübde. Das richtete mich wieder auf.“

ZENIT: Es ist schon viel über Mutter Teresas dunkle Nacht gesprochen worden. In Ihrem Buch wird diese Erfahrung als ein „Martyrium der Sehnsucht“ beschrieben. Dieser Aspekt – ihr Dürsten nach Gott – wird weithin übersehen. Könnten Sie uns Näheres dazu sagen?

Pater Kolodiejchuk: Ein Buch, das einigermaßen zum Verständnis dieser Dinge beitragen kann, ist Pater Thomas Dubays Fire Within („Inneres Feuer“). Pater Dubay unterscheidet in seinem Buch den wirklichen Schmerz darüber, Gott verloren zu haben, von einem Schmerz der Sehnsucht – wobei der Schmerz der Sehnsucht noch tiefer ist.

Wie Pater Dubay erläutert, gibt es auf dem Weg zur echten Vereinigung („unio mystica“) mit Gott eine Phase der Läuterung: die Phase der Reinigung, die „dunkle Nacht“ genannt wird. Nach dieser gelangt die Seele zu einer Phase der Ekstase und zur echten Vereinigung mit Gott. Die Phase der Läuterung ist wohl bei Mutter Teresa während ihrer Ausbildungszeit in Loreto anzusetzen.

Zur Zeit ihrer Profess erklärt sie die Dunkelheit zu ihrer häufigsten Gefährtin. Die Art von Briefen, die dieser Zeit der dunklen Nacht entstammen, sind typisch für jemanden, der sich in der dunklen Nacht der Sinne befindet.

Pater Celeste Van Exem, ihr geistlicher Leiter zur damaligen Zeit, hat erklärt, dass sie in den Jahren 1946 oder 1945 bereits der Ekstase nah war. Darüber hinaus gibt es einen Hinweis darauf, dass die Inspirationen und inneren Eingebungen sich ereigneten, als die Widerstände gegen den Glauben aufhörten.

Später schrieb sie an Pater Neuner: „Sie wissen ja, was dann geschah. Da war es, als ob unser Herr sich mir vollkommen schenkte. Die Süßigkeit und Tröstung und Vereinigung jener sechs Monate gingen nur zu bald vorüber.“

Also erlebte Mutter Teresa nach den Eingebungen und der Ekstase sechs Monate intensiver Vereinigung. Sie war bereits in einer echten verwandelnden Vereinigung. An diesem Punkt kehrte die Dunkelheit zurück.

Nun aber war die Dunkelheit, die sie erlebte, eine Dunkelheit innerhalb der Gottesvereinigung – sie hat also nicht die Vereinigung mit Gott erst erreicht und dann wieder verloren. Sie verlor nur die Tröstung, die diese Vereinigung mit sich bringen kann, und wechselte ständig zwischen dem Schmerz des Verlustes und einer tiefen Sehnsucht, einem wirklichen Durst, so wie das Pater Dubay in seinem Buch beschreibt: „Zeitweise ist die Gottesschau beglückend, zu anderen Zeiten ist sie eine starke Sehnsucht nach ihm.“ Aber im Fall von Mutter Teresa war es so, dass sie, abgesehen von einem Monat im Jahr 1958, diese Tröstung der Vereinigung nicht hatte.

Es existiert ein Brief, in dem sie schreibt: „Nein, Pater, ich bin nicht allein. Ich habe Seine Dunkelheit, ich habe Seinen Schmerz, ich habe eine entsetzlich schmerzhafte Sehnsucht nach Gott – zu lieben und nicht geliebt zu werden. Ich weiß, ich besitze Jesus in der ständigen Vereinigung, denn ich habe meine Seele festgemacht an ihm, an ihm allein.“

Solch ein Erleben der Dunkelheit innerhalb der mystischen Vereinigung ist sehr selten, selbst unter den Heiligen; denn für die meisten steht die Vereinigung ohne Dunkelheit am Schluss.

Ihr Leiden gilt daher, um die Bezeichnung des dominikanischen Theologen Pater Reginald Garrigou-Lagranges zu verwenden, eher der Wiedergutmachung der Sünden anderer als der Reinigung von ihren eigenen Sünden. Sie ist mit Jesus in ausreichender Weise in Glaube und Liebe vereint, um Anteil an seinem Todesleiden im Ölgarten und an seiner Marter am Kreuz zu haben.

Mutter Teresa erwähnt, dass das Leiden am Ölberg schlimmer war als das Leiden am Kreuz. Und nun verstehen wir, woher das kommt. Es kommt daher, dass sie wahrhaft verstanden hat, was Jesu Dürsten nach Seelen bedeutet.

Wichtig dabei ist, dass es ein Einssein ist und dass – wie Carol Zaleski in ihrem Artikel in „First Things“ hervorgehoben hat – diese Art von Prüfung neu ist. Es handelt sich um eine moderne Erfahrung der Heiligen der letzen hundert Jahre: das Gefühl zu haben, keinen Glauben zu besitzen, und zu meinen, dass die Religion nicht wahr wäre.

[Am Mittwoch: Mutter Teresas Freude im Leiden]