Das innere Leben Mutter Teresas: Seelische Trockenheit aus Liebe (Teil 2)

Pater Kolodiejchuk über die Freude im Leiden

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ROM, 19. September 2007 (ZENIT.org).- Ohne Leiden wäre unser Wirken nur ein soziales Werk, nicht das Werk Jesu Christi, nicht Teil der Erlösung, schreibt Mutter Teresa von Kalkutta.



Im diesem zweiten Teil des ZENIT-Interviews mit Pater Brian Kolodiejchuk, Missionar der Nächstenliebe und Postulator für den Heiligsprechungsprozess der 2003 selig gesprochenen Ordensgründerin aus Albanien, geht es wieder um die dunkle Nacht der Seele, die Mutter Teresa zu durchleiden hatte. In Briefen an ihren Begleiter, die in dem neuen, bei Pattloch erschienenen Buch Komm, sei du mein Licht veröffentlicht worden sind, gibt Mutter Teresa Auskunft über ihr inneres Leiden, das sie allerdings auch mit freudigem Gesicht zu durchleben verstand.

Der erste Teil dieses Interviews wurde am Dienstag veröffentlicht.

ZENIT: Der Titel Ihres Buches „Komm, sei du mein Licht!“ ist die Bitte Jesu an Mutter Teresa. Wie passt das miterlösende Leiden, das sie in einer so extremen Dunkelheit und geistigen Trockenheit für andere ertragen hat, mit ihrem besonderen Charisma zusammen?

Pater Kolodiejchuk: In den fünfziger Jahren hat Mutter Teresa diese „Dunkelheit“ aufgeopfert und angenommen. Pater Neuner [einer ihrer geistlichen Begleiter, Anm. d. Red.] half ihr, diese Dunkelheit zu verstehen, indem sie sie mit ihrem Charisma in Verbindung brachte, das darauf abzielt, Jesu Dürsten nach Seelen zu stillen.

Sie pflegte zu schreiben, dass die größte Armut darin besteht, sich ungeliebt, unerwünscht und vernachlässigt zu fühlen. Und genau das war es auch, was sie in ihrer Beziehung zu Jesus innerlich erlebte. Ihr wiedergutmachendes Leiden, das heißt ihr Leiden für die Sünden der anderen, war Teil der Verwirklichung ihres Charismas an den Ärmsten der Armen. So bestand das Leiden für sie nicht nur darin, sich mit der physischen und materiellen Armut zu identifizieren, sondern auch – in ihrem inneren Leben – mit den Ungeliebten, den Einsamen, den Ausgestoßenen.

Sie verzichtete auf ihr eigenes inneres Licht des Glaubens zugunsten all derer, die in Dunkelheit leben. „Ich weiß, dass das nur Empfindungen sind“, schreibt sie diesbezüglich.

In einem ihrer Briefe an Jesus heißt es: „Jesus, höre auf mein Gebet. Wenn es Dir gefällt, wenn mein Schmerz und mein Leiden, meine Dunkelheit und mein Getrenntsein von Dir Dir auch nur einen Tropfen Trost spenden sollten, dann Jesus, der Du ganz mein bist, tu mit mir, was Du willst, solange Du willst, ohne auch nur einen einzigen Blick auf meine Empfindungen und meinen Schmerz zu werfen. Ich gehöre ganz Dir. Präge meiner Seele und meinem Leben die Leiden Deines Herzens ein. Achte nicht auf meine Gefühle -- achte auch nicht auf meinen Schmerz.

Wenn meine Trennung von Dir andere zu Dir bringt und Du in ihrer Liebe und im Umgang mit ihnen Freude und Glück findest, warum sollte ich dann nicht von ganzem Herzen bereit sein, all das zu erleiden, was ich leide – nicht nur jetzt, sondern in alle Ewigkeit, wenn das möglich wäre.“

In einem anderen Brief, der an ihre Mitschwestern gerichtet ist, erklärt sie das Charisma des Ordens noch deutlicher, indem sie schreibt: „Meine lieben Kinder! Ohne Leiden wäre unser Wirken nur ein soziales Werk, wohl sehr gut und hilfreich, aber nicht das Werk Jesu Christi, nicht Teil der Erlösung. – Jesus wollte uns zu Hilfe kommen, indem er an unserem Leben, unserer Verlorenheit, unserer Seelenangst und unserem Tod Anteil hatte.

All das hat er auf sich genommen und hat es in der dunkelsten Nacht der Seele getragen. Nur dadurch, dass er eins mit uns war, hat er alles abgezahlt.

Wir dürfen dasselbe tun: All die Verlassenheit und Trostlosigkeit der armen Menschen, nicht allein ihre materielle Armut, sondern ihre seelisch-geistige Armut muss entschädigt und vergütet werden, und wir müssen unseren Teil dazu tun. Wenn es euch schwer fällt, betet: ‚Ich will in dieser Welt, die fern von Gott ist, die sich so sehr vom Licht Jesu Christi abgekehrt hat, leben, um ihnen zu helfen, um etwas von ihrem Leiden auf mich nehmen.‘“

Die folgenden Worte fangen das ein, was ich für die Schlüsselaussage ihrer Sendung halte: „Wenn ich je eine Heilige werde, dann ganz gewiss eine ‚Heilige der Dunkelheit‘. Ich will ständig außerhalb des Himmels sein, um denen ein Licht anzuzünden, die auf Erden in Dunkelheit leben…“ o verstand sie also ihre „Dunkelheit“, ihre „dunkle Nacht der Seele“. Vieles von dem, was sie zu Lebzeiten gesagt hat, ergibt jetzt, da wir diese Dinge wissen, mehr Sinn und erhält eine tiefere Bedeutung.

ZENIT: Was würden Sie denen sagen, die Mutter Teresas mystische Erfahrungen als Glaubenskrise deuten; die meinen, dass sie nicht wirklich an Gott geglaubt habe oder dass ihre Dunkelheit nichts anderes sei als ein Zeichen für psychische Instabilität?

Pater Kolodiejchuk: Es war keine Glaubenskrise, auch kein Mangel an Glauben. Vielmehr hatte sie eine schmerzvolle Glaubensprüfung, in der sie das Gefühl erlebte, dass sie nicht an Gott glaube.

Diese Prüfung erforderte eine große menschliche Reife. Sonst wäre sie nicht in der Lage gewesen, sie durchzustehen. Sie hätte ihr seelisches Gleichgewicht verloren.

Wie Pater Garrigou-Lagrange schreibt, ist es möglich, einander scheinbar entgegengesetzte Gefühle zur selben Zeit zu haben. Demnach ist es möglich, eine „objektive christliche Freude“, wie es Carol Zaleski nennt, zu empfinden, während man gleichzeitig die Prüfung, das Gefühl der Glaubenslosigkeit durchlebt. Es handelt sich also nicht um zwei verschiedene Menschen, sondern um eine einzige Person, mit Empfindungen auf zwei verschiedenen Ebenen.

Wir können wirklich das Kreuz erleben. Es ist wirklich schmerzhaft und tut wirklich weh. Der Schmerz verschwindet jedoch nicht, nur weil wir es geistlich deuten. Trotzdem können wir voller Freude sein, weil wir mit Jesus leben. Beides ist wahr und echt. Auf diese Weise und aus diesem Grund lebte Mutter Teresa ein von Freude erfülltes Leben.

ZENIT: Wann denken Sie – als Postulator des Heiligsprechungsprozesses – werden wir Mutter Teresa eine „Heilige“ nennen dürfen?

Pater Kolodiejchuk: Wir brauchen noch ein weiteres Wunder. W ir haben einige geprüft, aber keines war eindeutig genug. Wir haben eines für die Seligsprechung, aber wir warten auf das zweite.

Vielleicht hat Gott zunächst gewartet, bis das Buch herauskommt. Denn die Menschen wissen zwar, dass Mutter Teresa heilig ist, aber aufgrund ihres unscheinbaren und schlichten Lebens wissen sie nicht, wie heilig sie ist.

Ich hörte neulich zufällig, wie sich zwei Priester unterhielten. Der eine sagte, er sei nie ein großer Fan von Mutter Teresa gewesen, weil er gedacht habe, dass sie einfach nur gottesfürchtig und fromm wäre und gute, bewundernswerte Werke der Nächstenliebe ins Leben gerufen hätte. Als er aber über ihr inneres Leben hörte, habe das für ihn alles geändert.

Jetzt haben wir eine genauere Vorstellung davon, wie weit sie in ihrem geistlichen Leben fortgeschritten war; jetzt kommt etwas von ihren verborgenen Eigenschaften zutage.

Wenn sich erst einmal das erwartete zweite Wunder ereignet, könnte es noch einige Jahre dauern. Der Papst könnte jedoch auch den Heiligsprechungsprozess beschleunigen, wenn er sich das wünscht.

ZENIT: Wie ging es mit dem Orden nach dem Tod der Mutter weiter?

Pater Kolodiejchuk: Der Orden wuchs um fast 1.000 Schwestern, von rund 3.850 zur Zeit ihres Todes auf 4.800 heute. Und wir haben über 150 Häuser in 14 weiteren Ländern neu errichtet. Gottes Werk geht weiter.