Das Konzil verleiht der Wahrheit Autorität

Festrede von Erzbischof Zollitsch in Würzburg über Augustinus

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WÜRZBURG, 11. Juli 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).-  Die Frage nach der Gewichtung von Konzilsbeschlüssen ist nicht neu. Mit Blick auf die Traditionalisten-Debatte lohnt es sich, einen Blick auf die frühe Kirche zu werfen. Schon Augustinus setzte sich mit der Bedeutung der Bischofsversammlungen für Wahrheit und Einheit in der Kirche auseinander.

Der folgende Beitrag dokumentiert die gekürzte Fassung der Festrede, die Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, kürzlich bei der diesjährigen Jahreshauptversammlung der Würzburger Gesellschaft für Augustinus-Forschung zum 80. Geburtstag des Herausgebers des Augustinus-Lexikons, Cornelius Petrus Mayer OSA, in Würzburg gehalten hat.

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Die Bischöfe der ersten Jahrhunderte arbeiteten in Konzilien zusammen. Der konziliare Prozess zur Zeit des Augustinus entwickelte sich wesentlich in Afrika. Partikularkonzilien wurden ein regelmäßiges Merkmal im Leben der afrikanischen Kirche; mit der Bischofsweihe von Aurelius von Karthago (391) und der Priesterweihe des Augustinus im gleichen Jahr (391) beginnt eine regelrechte Blütezeit. Zwischen den Jahren 393 und 427 sollen in Afrika 39 Konzilien, meist in Karthago, stattgefunden haben. Es wäre schwierig, eine andere Region in der katholischen Kirche des frühen fünften Jahrhunderts zu finden, in der Bischofskonzilien so wirkungsvoll organisiert waren, wie es in Afrika zwischen 393 und 411 der Fall war. Auch wenn es bereits zur Zeit Cyprians in Afrika eine rege Konzilstätigkeit gab, so trafen sich Bischöfe vorher unregelmäßiger, meist, um auf die Bedrohung durch eine konkrete Häresie zu antworten.

Wahrheit als Leitgedanke des Bischofs von Hippo

Die Herausforderungen in der afrikanischen Kirche zur Zeit des Augustinus waren gewaltig; die Desorganisation nahm überhand. Viele Kleriker erwiesen sich als schwach ausgebildet und undiszipliniert. Der Donatismus stellte eine ständige Bedrohung dar. 391/392 begann sich die Situation zu ändern, als Aurelius, Bischof von Karthago und engagierter Kämpfer gegen die Donatisten, Primas von Nordafrika wurde. Zusammen mit Augustinus versuchte er, die katholische Kirche Afrikas wiederzubeleben. Seine Impulse schlugen sich dank regionaler Konzilien in engen Beziehungen zu anderen Kirchenprovinzen und in der Beachtung kirchlicher Disziplin nieder. Der Dreh- und Angelpunkt aber wurde ein jährliches Konzil, bei dem lehrmäßige, liturgische und disziplinäre Fragen gelöst und unter den Bischöfen eine neue Zielstrebigkeit gefördert werden konnte. Wie sein Biograph Possidius berichtet, nahm Augustinus selbst, so gut es ihm möglich war, an den Konzilsversammlungen teil; das lässt sich als historisch zutreffend bestätigen. Dafür nahm er die Mühe langer Reisen auf sich. Das unterstreicht die Bedeutung, die Augustinus Synoden und Konzilien zuerkennt. Er selbst trägt zu Partikularkonzilien Wichtiges bei.

Der Gedanke der Wahrheit ist leitend, wenn man dem augustinischen Wortgebrauch von „Konzil" folgt: Es bedeutet für ihn eine Versammlung, in der es um eine gemeinsame Entscheidung, um ein indicium, geht, eine Art bischöfliches Urteils- oder Gerichtsverfahren. So hatte er im Herbst 396 auf einer Reise mehrere Begegnungen mit Donatisten in Thiave (Numidia), Thubursicu Numidarum (Numidia) und anderen Orten. Nach seiner Rückkehr verfasst er zwei Schreiben an eine Gruppe von Laien in Thiave, zu der Eleusius, Felix, Glorius und Grammaticus gehören. Er erinnert an das vor kurzem stattgefundene Streitgespräch in Thiave und bekräftigt seine Ermahnung an alle Donatisten, endlich den Irrtum einzugestehen und zur katholischen Kirche zurückzukehren. Er schreibt von der Konzilsentscheidung als einen über allen Zweifel erhabenen Richterspruch, einem iudicium episcoporum. Das Konzil bestärkt und bekräftigt die in vielfacher Diskussion und verschiedenen Konferenzen erkannte Wahrheit.

Darüber hinaus lassen sich in De baptismo, der (...) grundlegendsten antidonatistischen Schrift Augustins (verfasst frühestens 405), im Zusammenhang der Tauffrage weitere Aussagen zu Konzilien finden. So stellt er, auf frühere Zeiten zurückblickend, fest: „Aber es [ein allgemeines Konzil] hatte noch nicht stattgefunden, denn der Erdkreis wurde noch von der Kraft der Tradition beherrscht, und sie allein wurde denen entgegengehalten, die eine Neuerung einführen wollten, weil sie die Wahrheit nicht zu erblicken vermochten. Später jedoch, als sich viele von beiden Seiten mit ihr beschäftigten und sie suchten, wurde sie nicht nur gefunden, sondern auch zur Autorität und Kraft eines Plenarkonzils geführt".

Es genügt nicht, an Althergebrachtem festzuhalten, ohne den Blick auf die Wahrheit zu richten. Wenn sich dann Wahrheit gezeigt hat, bekommt sie durch ein Konzil nicht allein Bestärkung, sondern auch Autorität. Veritas wird durch das Konzil auctoritas und gelangt so zu allgemeiner Geltung. Augustinus äußert sich so auch zum „homoousios" beim Konzil von Nizäa: „... durch die Autorität der Wahrheit und durch die Wahrheit der Autorität ist es bekräftigt worden."

Universalkonzilien ihrerseits erhalten ihre auctoritas von der catholica, der Gesamtkirche. „Denn die Spitze der Autorität und das Licht der Vernunft sind in jenem einen heilsamen Namen und in seiner einen Kirche festgesetzt ..." Sie manifestiert sich im Universal- oder Plenarkonzil. Die Katholizität steht noch über dem Alter, der Tradition, der Lehre. Im Dienst an der Wahrheit und Einheit ist es wichtiger, zu sehen, was überall auf der Welt gelehrt wird, als das Alter der Lehre anzuführen. Während die Donatisten sich bezüglich der Wiedertaufe auf Cyprian berufen, antwortet Augustinus mit der Lehre der Gesamtkirche. Nicht jede Praxis also, die als traditionell gesehen werden kann, darf, wenn sie im Konflikt mit dem allumfassenden Denken der Kirche steht, über die universalitas gestellt werden. Konzilien bleiben somit nicht nur rein äußere kirchliche Veranstaltungen; Sie sind „innere" Momente der Glaubenserkenntnis. Wie für jede Art von Erkenntnis, besonders die religiöse, gilt: Es möge der Vernunft die Autorität voranschreiten.

Partikularsynoden dienen der Wahrheitssuche und stellen Stufen in deren Prozess dar; im Universalkonzil kommt die Suche zu einem gewissen Abschluss. Augustinus weist darauf hin, dass bereits vor dem Schisma des Donatus bei aller Wahrung des Friedens so sehr miteinander gestritten und in Meinungen hin und her geschwankt wurde, dass die Konzilsbeschlüsse in den jeweiligen Regionen lange Zeit in verschiedene Richtungen gingen, bis endlich durch ein Plenarkonzil des gesamten Erdkreises festgelegt wurde, was nach Beseitigung auch aller Zweifel als das Zuträglichste galt. „Wer weiß nicht, ... dass dieselben Konzilien, die durch einzelne Regionen und Provinzen geschehen, vor der Autorität der Plenarkonzilien, die aus der ganzen christlichen Welt entstehen, ohne irgendwelche Ausflüchte weichen und selbst frühere Plenarkonzilien von späteren verbessert werden, wenn durch irgendeine sachliche Erfahrung geöffnet wird, was verschlossen war, und erkannt wird, was verborgen war, und das ohne durch irgendeinen Stolz gottlosen Hochmuts, ohne durch irgendeine Dreistigkeit aufgeblasene Anmaßung, ohne durch einen Wettstreit missgünstigen Hasses, mit heiliger Demut, mit katholischem Frieden, mit christlicher Liebe?" Augustinus spricht also eine grundsätzliche Verbesserbarkeit von Konzilien, in einem allerdings näher zu bestimmenden Sinn, an. Eine hochaktuelle Frage!

Auch regionale Versammlungen festigen das Band der Einheit

Während häufig Partikularsynoden Etappen im Prozess der Wahrheitssuche bilden, darf zugleich aber nicht vergessen werden, dass Universalkonzilien von der Arbeit der Partikularsynoden nicht minder abhängen. Denn regionale Versammlungen bringen die Wahrheit und Einheit der gesamten Kirche voran und tragen zu deren Klärung bei. Beispielhaft hierfür lässt sich die Festlegung des Kanons der Heiligen Schrift für die Kirche in Afrika beim Konzil von Hippo (393) und dessen Mitteilung an die Kirche in Rom nennen. Diese Festlegung der Schriften des Alten und Neuen Testaments geht zwar von einer Partikularsynode aus, hat aber Bedeutung für die richtige Lehre der Gesamtkirche. Wegen der unitas wird der Kanon zur Ratifizierung nach Rom geleitet und dort bestätigt; die auf Synoden gefassten Resolutionen wurden nämlich in der Regel allen übrigen Zentren der damaligen catholica zugesandt. Das „Band der Einheit" untereinander muss erhalten bleiben, „damit in keinem abgetrennten Teil eine unheilbare Wunde des Irrtums zurückbleibt".

Mit großer Geduld verteidigt Augustinus Wahrheit und Einheit. Ganz in diesem Sinn erinnert Papst Benedikt XVI. in seinem Brief anlässlich des 1 600. Todestages des heiligen Johannes Chrysostomus (2007) daran, dass dieser Zeitgenosse Augustins und Bischof von Konstantinopel dieselbe Art bewies: „Und er unterließ es nicht, sich auch den Andersdenkenden zuzuwenden. Er zog im Umgang mit ihnen Geduld der Aggressivität vor, denn er glaubte, dass, um einen theologischen Irrtum zu überwinden, ,nichts wirksamer ist als die Mäßigung und die Freundlichkeit‘."

Mit der Einrichtung jährlicher Bischofssynoden gelang es Augustinus, in der afrikanischen Gesellschaft das Licht Christi aufleuchten zu lassen. Dass dies schrittweise und nur mit der Hilfe des Heiligen Geistes möglich ist, ist seine Erkenntnis, die uns heute deutlich vor Augen führt, wie modern unsere Tradition ist. Für Augustinus sind die Konzilien Schritte auf dem Weg der Wahrheitssuche. Die Gemeinschaft des Glaubens ist die „Kirche unterwegs", die gemeinsam mit dem Heiligen Geist durch die Zeit wandert und durch seine Hilfe in der Erkenntnis fortschreiten und auch die Tradition weiterentwickeln kann. Auf unserem Weg zusammen mit Priestern und Laien, Theologen und Wissenschaftlern, vertrauen wir Bischöfe auf den Geist, der mit uns geht, wenn wir, wie das Zweite Vatikanische Konzil uns aufgibt: „das Volk des Neuen Bundes auf seiner Pilgerschaft zur ewigen Seligkeit" leiten.

[© Die Tagespost vom 7. Juli 2009]