Das Kreuz Christi tragen: Benedikt XVI. über den christlichen Sinn des Leidens

„Bevor wir mit den anderen sprechen, müssen wir das Geheimnis des Kreuzes verstehen“

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ROM, 27. Februar 2007 (ZENIT.org).- Die Freude des Christen ist nach Worten Papst Benedikts XVI. keine oberflächliche, kurzzeitige Freude, sondern eine Freude, die einer tiefen Liebe entspringt. „Die Liebe aber ist immer auch ein Prozess des Sich-Verlierens“, führte der Papst aus, als er vor zehn Tagen das römische Priesterseminar aufsuchte.



Der römische Priesteramtskandidat Francesco Annesi, der das dritte Jahr des Theologiestudiums absolviert, sprach in seiner Frage an den Bischof von Rom das Apostolische Schreiben Salvifici doloris von Papst Johannes Paul II. über den christlichen Sinn des menschlichen Leidens an, aus dem klar hervorgehe, dass Leiden und Schmerz für diejenigen, „die es in Verbindung mit dem Leiden Christi annehmen“, zu einer „Quelle geistlichen Reichtums“ werden könne. „Wie kann der Priester heute – inmitten einer Welt, die mit allen erlaubten oder unerlaubten Mitteln versucht, jede Form des Leidens auszuschalten – Zeuge des christlichen Sinns des Leidens sein, und wie muss er sich im Umgang mit Leidenden verhalten, ohne Gefahr zu laufen, rhetorisch oder pathetisch zu sein?“

Benedikt XVI. wies in seiner umfassenden Antwort darauf hin, dass es richtig sei, „alles in unserer Kraft Stehende zu tun, um die Leiden der Menschheit zu besiegen und den leidenden Menschen zu helfen, ein gutes Leben zu führen und von den Übeln befreit zu werden, die wir uns oft selbst bereiten: Hunger, Epidemien usw.“ Zugleich müsse man allerdings den Sinn dafür schärfen, „dass das Leiden wesentlich zur Reifung als Mensch dazugehört“.

Es gehe immer darum, „wie das Weizenkorn in die Erde zu fallen und zu sterben, sich zu verwandeln und Werkzeug Gottes zu werden, um Frucht zu bringen“. Deshalb unterstrich der Papst: „Bevor wir mit den anderen sprechen, müssen wir das Geheimnis des Kreuzes verstehen.“

Die christliche Freude erwachse aus der Hingabe seiner selbst: „Das Christentum macht uns froh, weil die Liebe froh macht. Die Liebe aber ist immer auch ein Prozess des Sich-Verlierens und somit ein Prozess des Aus-sich-Herausgehens, und in diesem Sinn auch ein schmerzhafter Prozess.“ Aber nur durch diesen Prozess könne man reifen und wahrhaft froh werden, fuhr der Heilige Vater fort. „Wer behauptet, dass das Leben nur heiter und bequem ist, und wer ein solches Leben verspricht, der lügt, weil das nicht die Wahrheit über den Menschen ist. Die Folge ist, dass man dann in falsche Paradiese flüchten muss. Und so wird man eben gerade nicht froh, sondern man zerstört sich selbst.“

Das Christentum verkünde die Freude, aber eine Freude, die nur auf dem Weg der Liebe wachsen könne. „Und dieser Weg der Liebe hat mit dem Kreuz zu tun, mit der Gemeinschaft mit dem gekreuzigten Christus.“

Wenn man beginne, dieser Tatsache jeden Tag neu ins Auge zu sehen; wenn man „diese Schule der Nachfolge Christi“ akzeptiere, werde man – wie die Apostel – imstande sein, den Leidenden beizustehen.

Immer sei es schwierig, wenn man als relativ gesunder Mensch einen anderen, der viel zu leiden habe, trösten müsse. Angesichts schwerer Krankheiten hätten alle Worte und Taten den Anschein, rein rhetorisch und pathetisch zu sein.

„Wenn diese Menschen aber spüren können, dass wir mit ihnen leiden und mit ihnen zusammen ‚Patienten‘ sind; dass wir mit ihnen zusammen das Kreuz in Gemeinschaft mit Christus tragen wollen…, können wir glaubhaft sein.“

Wenn man wirklich „in diesem Geist der wahren Nachfolge Christi“ lebe, finde man auch Worte und Wege, kranken Menschen nahe zu sein und ihnen seine Sympathie zu bekunden, so Benedikt XVI. „Sympathie im etymologischen Sinn will heißen: Mit-Leid für den Menschen.“