Das Kreuzzeichen und die Dreifaltigkeit

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ROM, 5. Mai 2009 (ZENIT.org).- Gewöhnlich machen wir am Beginn jeder heiligen Messe das Kreuzzeichen. Oft machen wir dieses Kreuzzeichen unandächtig, mechanisch. So möchte ich Sie einladen, ganz bewusst den dreifaltigen Gott zu grüßen, mit der Bitte, uns zu segnen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.



Bei einer Form des Kreuzzeichens berühren wir mit unserer Hand
1) unsere Stirn,
2) unseren Mund und
3) unsere Brust.

Hinter diesen drei Körperteilen stehen drei verschiedene Kräfte und Fähigkeiten; wir haben
1) einen Verstand, mit dem wir denken;
2) einen Mund, mit dem wir reden, und
3) ein Herz, mit dem wir fühlen und lieben.

Es sind drei verschiedene Fähigkeiten, aber es ist ein und derselbe Mensch, der denkt, redet und liebt.

In Gott sind drei Personen:
1) der Vater,
2) der Sohn und
3) der Heilige Geist, und es ist doch nur ein Gott.

Der Vergleich führt uns noch tiefer.

1) Beim Nennen des Vaters bezeichnen wir unsere Stirn, in der wir den Sitz des Verstandes sehen. Am Anfang all unsres Tuns soll das Denken, die Überlegung stehen. Wir ehren in besonderer Weise den Vater, wenn wir nachdenkliche Menschen sind und uns darum bemühen, richtig zu denken.

Gönnen Sie sich wenigstens fünf Minuten, in denen sie innerlich ruhig werden und ganz bewusst  zu Gott beten und auf ihn hören.

Wenn wir uns gegenüber ehrlich sind, dann werden uns unsere Gedankenlosigkeit und unsere Oberflächlichkeit immer wieder auffallen. Wir gehen nicht nur mit Gott gedankenlos um. Wie wenig mitdenkend gehen wir oft auch mit den liebsten Menschen um!

Wir sind ein Ebenbild des göttlichen Vaters. Das Alte Testament lehrt uns, dass wir nach dem Bilde Gottes geschaffen sind: „Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn“ (Gen 1,26.27). Hier zeigt sich die Würde jedes Menschen. Unser ewiges Ziel ist Gott, unser Vater, nach dessen Bild wir geschaffen wurden.

Jesus will uns zum Vater führen. „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“ (Joh 14, 23). Dies ist grundlegend: So sind in der Liturgie alle alten Gebete der heiligen Messe nicht an Christus, sondern an Gott Vater gerichtet, und am Ende des Gebetes heißt es dann: „Durch Christus unsren Herrn“. „Jesus aber rief aus: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat, und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat“ (Joh 12,44).

Der heilige Thomas von Aquin erklärt uns die Dreifaltigkeit folgendermaßen: „Jesus ist der Gesandte des Vaters: Das ‚Gesendetwerden’ schließt den Ursprung der gesendeten Person ein und die Inwohnung durch die Gnade; so wird, wenn wir von der Sendung sprechen mit Rücksicht allein auf den Ursprung, die Sendung des Sohnes unterschieden von der des Heiligen Geistes wie die Zeugung vom ‚Ausgehen’“ (Bd. I, Frage 43, 5. Artikel; vgl. auch: „Jesus, der Gesandte des Vaters, die Brücke zu Gott. Ein Beitrag zur Würde des Priestertums und des Petrusamtes“, unter: www.pater.bernhard.de)

2) Wir bezeichnen dann mit dem Kreuzzeichen unseren Mund und nennen dabei den Sohn. Wir Menschen äußern uns im Reden und im Wort und offenbaren uns dabei selbst. Das Wort ist die Brücke, auf der wir aufeinander zugehen und miteinander in Berührung kommen. Im Gespräch können wir uns austauschen und gegenseitig bereichern. Im schlechten Reden vermögen wir andere und sogar Gott herabzusetzen und in den Schmutz zu ziehen. Jeder, der die Fähigkeit zum Reden hat, hat auch die Macht des Wortes und kann sie zum Guten wie auch zum Gegenteil benützen.

Im Johannesevangelium wird Jesus das „Wort“ genannt. Wir ehren Jesus, wenn wir mit unserem Mund wahr und gut reden; wenn unsere Worte Licht, Wärme und Freude schenken. Wir kommen Jesus näher, wenn wir uns im Glauben austauschen und vor allem seine Worte bedenken.

Unser Reden mit- und untereinander hat mit Jesus zu tun und damit, dass er das Wort des Vaters an uns ist – jener Zuspruch an Liebe und Geborgenheit, den nichts in der Welt überbieten kann und auch nichts zu übertreffen vermag. Jesus sagt: „Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und Leben“ (Joh 6,63). Petrus sieht nur einen Ausweg: „Herr zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68).

3) Wir nennen beim dritten Kreuzzeichen den Heiligen Geist. Um ihn müssen wir immer wieder beten und ihn anrufen. „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26).

Wenn wir bei diesem dritten Kreuzzeichen unsere Brust bezeichnen, meinen wir damit das Herz. Die Gabe des Heiligen Geistes ist die Liebe. Das Herz steht für die Kraft zu fühlen, zu lieben, zu wollen.

Ein herzloser Mensch ist ein gefühlloser und liebloser Mensch. Alle tiefen Gefühle und Regungen gehen zum Herzen und kommen vom Herzen. Wo wir echte Trauer und Schmerz empfinden, wo wir Freude haben, da ist ebenso der Heilige Geist am Werk wie in unseren Denken und Reden.

Unsere Empfindungen sind nicht religiös neutral und unbedeutend, sie sind Werke des Heiligen Geistes, der oft weht, wo wir es gar nicht wollen. Zuwendung, Mitgefühl und Anteilnahme am Leben anderer sind daher nicht der Luxus der Verliebten und Verheirateten, sondern Grundausstattung derer, die sich einen Tempel des Heiligen Geistes nennen. Manche Mitmenschlichkeit, der liebevolle Umgang miteinander, könnte eine Überprüfung von dieser Seite her gut vertragen.

Ich möchte Ihnen raten, die Anrufung der Dreifaltigkeit auch als immerwährendes Gebet zu pflegen. Die Dreifaltigkeit nimmt im Beten der Kirche eine überragende Bedeutung bei. So betet man nach jedem Psalm beziehungsweise beim Rosenkranz: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.“ Ähnlich ist es beim Lobpreis bei der heiligen Messe vor dem Vaterunser: „Durch Christus und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre, jetzt und in Ewigkeit.“

Vielleicht können diese täglichen Gebete und der Aspekt „Jesus ist der Gesandte des Vaters“ zur Einigung von Ost- und Westkirche beitragen, zur Entspannung der Kontroversen um die Meinungsverschiedenheiten mit dem „filioque“. Das Gebet der Kirche ist auch die Glaubensquelle, die uns vereint.

Wenn wir das Kreuzzeichen machen, dann ist dies eine Kurzformel unseres Glaubens, ein Bekenntnis unsres Glaubens und ein Programm für jeden Tag; ein Gebet, mit dem wir jeden Tag unseres Lebens beginnen und beschließen können.

Wir empfangen dieses Zeichen bei unserer Taufe, bei der wir Kinder Gottes werden, und beschließen unsere Leben mit diesem Zeichen. Mit dem Kreuzzeichen und der Anrufung der Dreifaltigkeit erbitten wir Segen und Heil für uns und andere.

Von Schaller Adelbert und Pater Bernhard Sirch OSB