Das Leben der Kirche in Brasilien und der bevorstehende Besuch Benedikts XVI.

Interview mit Ulrich Kny von „Kirche in Not“

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ROM, 27. April 2007 (ZENIT.org).- „Der Heilige Vater wird den Gläubigen in Brasilien Mut machen, ihren Glauben neu zu entdecken und das Bewusstsein für ihre katholische Identität zu stärken. Der Papst wird aber sicherlich auch auf die großen, scheinbar unüberwindlichen sozialen Probleme in Brasilien eingehen“, erklärt Ulrich Kny, Leiter der Abteilung Lateinamerika II von Kirche in Not.



Im Gespräch mit ZENIT ging der Experte im Vorfeld der Pastoralreise von Papst Benedikt nach Brasilien (9.-13.Mai) ausführlich auf die großen Herausforderungen und die Erwartungen der Kirche in diesem Land ein. Die vorrangige Aufgabe liegt seines Erachtens in der „Stärkung der katholischen Identität“ und in der damit verbundenen „Förderung eines vertieften Glaubenswissens“, damit die Katholiken allen Rede und antwort stehen können.

ZENIT: Könnten Sie uns im Hinblick auf den bevorstehenden Papstbesuch ein wenig mit der aktuellen Lage der Kirche in Brasilien vertraut machen? Was zeichnet sie aus, welche Aufbrüche lassen sich erkennen, welche Herausforderungen muss sie bewältigen?

-- Ulrich Kny: Brasilien darf nach wie vor als „das katholischste Land der Welt“ bezeichnet werden. Einer neuen, von der „BBC Brasil“ zitierten Statistik des Vatikans zufolge sind immer noch 84,5 Prozent der brasilianischen Bevölkerung (155,6 Millionen Menschen) Katholiken. Die Zahl der geistlichen Berufungen steigt weiter, insbesondere bei den kontemplativen Ordensgemeinschaften und bei den Priesteramtskandidaten. Viele Priesterseminare platzen aus allen Nähten, und immer wieder erhält unser Hilfswerk Anfragen, ob wir beim Bau neuer Seminare oder Klöster helfen können. Außerdem stellen unzählige junge Menschen ihr ganzes Leben in den Dienst des Evangeliums und schließen sich zu Lebensgemeinschaften zusammen, die inzwischen in vielen Diözesen zu einer bedeutenden Stütze für die Pastoralarbeit geworden sind.

Zu erwähnen ist auch die beeindruckende Marienfrömmigkeit. So kommen zum Beispiel zum jährlich am zweiten Oktobersonntag in Belém gefeierten Marienfest „Círio de Nazaré“ über 2 Millionen Besucher. Über 8 Millionen Menschen pilgern jedes Jahr zum nationalen Marienwallfahrtsort, an dem der Heilige Vater am 13. Mai die V. Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik eröffnen wird.

Ein differenzierteres Bild ergibt sich jedoch, wenn man genauer hinter die Kulissen schaut. So sind die brasilianischen Bischöfe in großer Sorge darüber, dass die Katholische Kirche in diesem Land jährlich etwa ein Prozent ihrer Gläubigen verliert, während die Zahlen derer, die sich als „evangelikal“ oder als „religionslos“ bezeichnen, dramatisch ansteigen. Die so genannte religiöse Mobilität wurde im letzten Jahr sogar zu einem der Hauptthemen der Generalversammlung der Brasilianischen Bischofskonferenz.

Doch es geht den Bischöfen nicht um die reinen Zahlen, sondern um die Frage, wie die Kirche inmitten so vieler drängender sozialer, materieller und spiritueller Nöte den Hunger der Menschen nach Gott, nach Geliebt- und Angenommensein und nach sozialer Gerechtigkeit stillen kann. Ich denke hierbei an die Korruption, die ungerechte Land- und Einkommensverteilung, die große Arbeitslosigkeit, den Mangel an Bildungsmöglichkeiten für große Bevölkerungsteile, die fehlenden Zukunftsperspektiven insbesondere für die Jugend, die zum Beispiel in Amazonien immer noch verbreitete Sklaverei, aber auch die regelmäßigen Dürrekatastrophen in Nordostbrasilien. All diese Faktoren lassen immer noch unzählige Menschen in die größeren Städte abwandern, wo sie meist im Elend der Peripherien landen und ihre Hoffnungen auf bessere Lebensverhältnisse bitter enttäuscht sehen.

Durch die Migration werden auch viele Familien auseinander gerissen. Alkoholismus, Drogen, häusliche Gewalt und der Einfluss der Massenmedien, die Egoismus und Promiskuität propagieren, zerstören unzählige Ehen. So sind zum Beispiel in Teilen Amazoniens nur noch 10 Prozent aller Ehen intakt. Nahezu die Hälfte aller Kinder im Süden Südamerikas wird unehelich geboren.

Hier muss – und will – die Kirche eine Antwort geben, den Notleidenden nahe sein und ihnen die Begegnung mit dem lebendigen Christus ermöglichen. Dabei muss sie aber große Herausforderungen bewältigen. Denn in vielen Diözesen gibt es zu wenig Priester, Diakone, Ordensleute und Laienmitarbeiter, die eine flächendeckende Seelsorge gewährleisten könnten. Erschwerend kommt hinzu, dass manche Pfarreien bis zu über hundert weit verstreute Hinterlandsgemeinden haben und die oft enormen Entfernungen bei den schlechten Straßenverhältnissen nur schwer zu überwinden sind. Am Amazonas und seinen Nebenflüssen müssen beispielsweise die Seelsorger oft mehrere Tage für die Bootsfahrt zu einer einzigen Gemeinde einplanen.

Viele Initiativen der Kirche scheitern aber auch an fehlenden finanziellen Mitteln. Trotz großer Anstrengungen im Bereich der Eigenfinanzierung, etwa durch die so genannte „Pastoral des Zehnten“, können es sich viele Bischöfe ohne auswärtige Hilfe kaum leisten, Ordensschwestern in ihren Pfarreien einzusetzen oder weitere Seminaristen auszubilden, weil sie deren Lebenshaltungskosten nicht bestreiten können. Sie benötigen außerdem Fahrzeuge, Bibeln und katechetische Materialien, Beihilfen zum Bau von Kirchen, Gemeindezentren, Priesterseminaren oder Klöstern oder Unterstützung für Laienausbildungskurse oder religiöse Fernseh- und Radioprogramme.

In den bereits stärker säkularisierten Regionen des brasilianischen Südens sieht sich die Katholische Kirche außerdem im emotionsgeladenen Kampf um globalisierte hedonistische und individualistische Wertvorstellungen immer häufiger gezielten Attacken ausgesetzt.

Ein Beispiel: Nachdem im September 2006 in Rio de Janeiro katholische Laien Flugblätter verteilt hatten, in denen angeprangert wurde, dass die Kandidatin der Kommunistischen Partei für die Senatorenwahlen, Jandira Feghali, die Legalisierung der Abtreibung sogar bis zum neunten Schwangerschaftsmonat durchsetzen wollte, versuchte diese, mit einer polizeilichen Durchsuchung der erzbischöflichen Kurie und weiteren juristischen Maßnahmen, Kardinal Scheid und seinen Klerus zum Schweigen zu bringen.

ZENIT: Wie bereiten sich die Brasilianer auf den Besuch Benedikts XVI. vor? Welche Arten von Veranstaltungen erfreuen sich diesbezüglich besonderer Beliebtheit, was sind die Höhepunkte?

-- Ulrich Kny: Seitdem Papst Johannes Paul II. insgesamt dreimal Brasilien besucht und sein großes Interesse an den Anliegen der Menschen in diesem Land gezeigt hat, sind die Brasilianer ein zutiefst „papstbegeistertes“ Volk. Über Papst Benedikt XVI. wissen viele Brasilianer kaum etwas Näheres, aber sie lieben ihn, weil er der Papst ist. Deshalb dürfen wir davon ausgehen, dass sie den Heiligen Vater mit aller Herzlichkeit, Wärme und Begeisterung empfangen werden, die für die Menschen in diesem Kulturkreis so typisch sind.

Besonders hohe Bedeutung hat für die Brasilianer die Papstmesse am 11. Mai in São Paulo. Dort wird der Heilige Vater Frei Galvão als ersten Brasilianer heilig sprechen. Schätzungen zufolge werden zu diesem Anlass etwa 1,5 Millionen Gläubige erwartet.

Aus allen Diözesen Brasiliens werden darüber hinaus Jugendliche nach São Paulo reisen, um in einem Fußballstadion den Papst zu erleben. Die Zahl der Eintrittskarten wurde leider viel zu knapp bemessen, so dass tausende Jugendliche den Heiligen Vater nur auf den Großleinwänden vor dem Stadion sehen werden.

Im Umkreis von über 100 Kilometer von Aparecida, wo Papst Benedikt XVI. am 13. Mai die V. Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik eröffnen wird, sind bereits seit Wochen alle Hotels ausgebucht. Aus São Paulo werden an diesem Tag ab 4:00 Uhr morgens unzählige Busse nach Aparecida fahren; in den Bussen, die von Rio de Janeiro kommen, sind kaum noch Sitzplätze zu haben.

Ein weiteres Beispiel für die große Euphorie im Hinblick auf den Papstbesuch ist die CD „Bendito o que vem em nome do Senhor“ („Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn“) mit Liedern für den Papstbesuch. Die Ende März von der Brasilianischen Bischofskonferenz herausgegebene CD hatte innerhalb eines Tages mit 75.000 verkauften Exemplaren bereits die obersten Ränge der brasilianischen Hitlisten erklommen.

Die Emotionen werden durch die Massenmedien noch weiter aufgeputscht. Tagtäglich werden Interviews zu den verschiedensten Aspekten dieses Papstbesuches ausgestrahlt.

ZENIT: Was erhoffen sich die Hirten des Landes vom Kommen des Papstes?

-- Ulrich Kny: Die Bischöfe Brasiliens sehen dem Papstbesuch mit großen Erwartungen entgegen. Vor allem wünschen sie sich, dass durch die direkte Begegnung der Gläubigen mit dem Heiligen Vater während der Papstmessen und durch die Fernsehübertragungen das katholische Identitätsbewusstsein gestärkt wird. Außerdem erhoffen sie sich von den Ansprachen des Papstes neue Impulse für die Seelsorge.

ZENIT: Eines der großen Probleme ist die Ausbreitung der Sekten, die nun nicht mehr aus den USA kommen, sondern aus Brasilien selbst stammen. Welche Sekten gibt es, welche wachsen besonders stark? Wie werben sie um Mitglieder, was macht sie attraktiv?

-- Ulrich Kny: Die evangelikalen Freikirchen und Sekten, denen inzwischen bereits über 15,6 Prozent der Bevölkerung angehören, können vor allem dort wachsen, wo die Katholische Kirche personell und infrastrukturell zu wenig Präsenz zeigen kann. Das sind insbesondere die jungen Siedlungsgebiete Amazoniens, Zentralbrasiliens und der armen Stadtrandgebiete der großen Ballungszentren. Beispielsweise gehören in manchen Stadtvierteln der Amazonasmetropole Belém inzwischen sogar 80 Prozent der Bevölkerung evangelikalen Gruppierungen an.

Besonders große Bedeutung hat die 1911 in Brasilien gegründete „Assembléia de Deus“, die mit zahlreichen Zweigen („Kongregationen“) landesweit in unzähligen größeren und kleineren Orten vertreten ist. In den anderen Armenvierteln beginnen sie mit primitiven, offenen Holzschuppen, die später ausgebaut werden. Teilweise werden auch Ladengeschäfte angemietet oder aufgekauft.

Während des Karnevals 2006 hatte die „Assembléia de Deus“ 300 neue Tempel errichtet und in ihrem riesigen Missionszentrum „Vale da Bêncao“ in Belém 850 neue Diakone geweiht. Erklärtes Ziel ist es, dass die Anhänger maximal zwei Straßenecken weit laufen müssen, um den nächsten Tempel der Assembléia zu erreichen.

Große Bedeutung hat auch die „Igreja Universal do Reino de Deus“, die in den Hauptstädten der einzelnen Bundesstaaten über gigantische, innen vollklimatisierte „Kathedralen“ und mit der „Rede Record“ über einen der wichtigsten brasilianischen Fernsehsender verfügt.

Weitere evangelikale Gruppierungen von größerer Verbreitung sind die „Igreja Quadrangular“, „Igreja Renascer“, „Deus é Amor“ und die „Congregação Cristã do Brasil“. Darüber hinaus gibt es – vor allem in den größeren Städten – etliche andere Denominationen neopfingstlerischer Sekten.

Da sich die Menschen nach mystischen, transzendentalen Erfahrungen sehnen, nehmen sie gerne das erstbeste spirituelle Angebot in Anspruch. Die Sekten, die sowohl infrastrukturell (zahlreiche Tempel) als auch durch regelmäßige Veranstaltungen und in den Medien sichtbare Präsenz zeigen, berichten rund um die Uhr von angeblichen Wunderheilungen und bieten für alle Lebenslagen Sofortlösungen an. Nach der alttestamentlichen Auffassung vieler Sekten segnet Gott durch materiellen Wohlstand. Diese Wohlstandstheologie wird gemischt mit angeblichen Dämonenaustreibungen. Dabei nutzen die Sekten geschickt die Ängstlichkeit der Bevölkerung aus. So gaukeln sie beispielsweise einem Arbeitslosen vor: „Du hast keine Arbeit, weil der Teufel wirkt. Bekehre dich, und du wirst Arbeit finden.“ Jugendliche werden auf der Straße abgefangen mit dem Versprechen: „Gott wird dir helfen.“ Auch Hausbesuche sind dafür ein wirksames Mittel. Aber die Sekten ködern ihre Anhänger auch mit Suppenküchen, Kleider- und Lebensmittelspenden oder mit anderen Geschenken.

Die Sekten sind gegenüber der Katholischen Kirche weit im Vorteil, zumal sie durch ihre Finanzkraft – von ihren Anhängern fordern sie mindestens den zehnten Teil des Einkommens – und durch die meist minimale theologische Ausbildung ihrer Pastoren wesentlich schneller neue Stützpunkte erschließen können.

Zur Stärkung der Sekten hat auch beigetragen, dass nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die spirituelle Seite der Seelsorge – ebenso wie eine solide religiöse Ausbildung – angesichts der einseitigen Ausrichtung der (inzwischen weitgehend überholten) Befreiungstheologie auf die sozialen Bedürfnisse der Gläubigen völlig in den Hintergrund geraten war.

ZENIT: Wie reagiert die Ortskirche? Welche Schritte setzt sie? Wie kann Ihrer Meinung nach der Glaube gestärkt werden, um Verlockungen zu widerstehen?

-- Ulrich Kny: Inzwischen sind sich die meisten Bischöfe darüber einig, dass sich die Sekten nicht durch Kampagnen bekämpfen lassen. Vielmehr hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass die Gläubigen automatisch zur Katholischen Kirche zurückkehren, wenn sie dort die Möglichkeit haben, echte Glaubenserfahrungen zu machen.

Da sich die Begegnung mit dem „lebendigen Christus, dem Weg der Umkehr, der Gemeinschaft und der Solidarität“ (vgl. Ecclesia in America, 47) in besonderer Weise in der Eucharistie vollzieht, ermuntern viele Bischöfe ihre Gläubigen dazu, die Sonntagsmesse und den Sonntag als „Tag der christlichen Identität“ wieder aufzuwerten.

Dringend notwendig ist auch die Förderung eines vertieften Glaubenswissens. Oft wehren sich die Katholiken nur emotional gegen den aggressiven Proselytismus der Sekten, zum Beispiel dann, wenn diese die Gottesmutter oder die Heiligenverehrung kritisieren. Es ist aber auch wichtig, dass die Katholiken über Argumentationshilfen verfügen, wenn sie von Sektenanhängern auf vermeintliche Fehler im katholischen Glauben angesprochen werden. Zur Stärkung der katholischen Identität möchte jetzt die Brasilianische Bischofskonferenz – mit Unterstützung von „Kirche in Not“ – über eine Millionen Exemplare eines Büchleins mit dem Titel „Katholisch sein“ verteilen.

Ein weiteres wichtiges Mittel zur Bekämpfung des Sektenwachstums sind die so genannten „Volksmissionen“, bei denen Laienmissionare von Haus zu Haus gehen, den Familien ein offenes Ohr schenken, mit ihnen beten und sie zur Messe einladen. So werden große Mengen von Gläubigen mobilisiert und für das Evangelium begeistert, so dass sie diese Botschaft verstärkt in ihrem Alltag leben und weitertragen.

Einen starken Impuls für das missionarische Bewusstsein der Laien geben darüber hinaus die zahlreichen neuen geistlichen Bewegungen wie zum Beispiel Schönstatt, die Legion Mariens, die Fokolarbewegung, die Cursillo-Bewegung oder auch die erst vor kurzem päpstlich anerkannte, in Brasilien gegründete Bewegung Shalom.

ZENIT: Was ist Ihre eigene Erfahrung mit dem Leben der Kirche in Brasilien? Was können wir von den Christen in diesem Land lernen?

-- Urlich Kny: Besonders faszinierend ist für mich die große Freude, die viele Brasilianer an ihrem Glauben haben. Ganz besonders spürbar ist dies zum Beispiel in den Gottesdienstfeiern, wenn eine Gemeinde nach dem Evangelium spontan Beifall zu klatschen beginnt. Da wird spürbar, dass die Frohe Botschaft etwas in den Menschen bewegt, dass sie aufgefangen wird wie die ersten Regentropfen, die nach langer Trockenheit auf den ausgetrockneten Boden fallen. Ein wenig mehr „Begeisterung“ würde unseren Gemeinden in Europa manchmal nicht schaden.

Auf meinen Reisen bin ich immer wieder auch überrascht, welche Opfer manche Gläubigen auf sich nehmen, um einer Heiligen Messe mit einem Priester oder mit dem Bischof beiwohnen zu können. In der Seen- und Inselwelt Amazoniens beispielsweise legen manche Familien drei Stunden und mehr mit ihrem Kanu zurück, um rechtzeitig zum Gottesdienst zu kommen. Sie empfinden den Gottesdienstbesuch nicht als Pflicht, sondern als große Gnade.

Einen großen Eindruck machen auf mich aber auch die unzähligen jungen Menschen, die alles aufgeben und ihr ganzes Leben radikal in den Dienst des Evangeliums stellen. Ein Beispiel dafür sind zum Beispiel die Missionarinnen und Missionare der Gemeinschaft „Aliança da Misericórdia“, die in den Elendsquartieren von São Paulo leben und sich dort um Straßenkinder, Drogenabhängige, Prostituierte, Gefangene, straffällig gewordene Jugendliche, Obdachlose und allein erziehende Mütter kümmern, hygienische, medizinische, psychologische, juristische und materielle Hilfe für Obdachlose anbieten, Kinderheime sowie eine Alphabetisierungs- und Weiterbildungsschule leiten und sich darüber hinaus mit der Organisation von Jugendtreffen, mit der gut besuchten christlichen Disko „Cristoteca“, mit Missionseinsätzen in besonders armen Gebieten, mit Fernseh- und Radioprogrammen oder auch mit künstlerischen Darbietungen für die Evangelisierung einsetzen.

ZENIT: Welche Themen wird der Papst in Brasilien Ihrer Einschätzung nach hervorheben?

-- Ulrich Kny: Der Heilige Vater wird sicherlich den Gläubigen in Brasilien Mut machen, ihren Glauben neu zu entdecken und das Bewusstsein für ihre katholische Identität zu stärken. Der Papst wird aber sicherlich auch auf die großen, scheinbar unüberwindlichen sozialen Probleme in Brasilien eingehen, auf die soziale Gerechtigkeit, auf das Dauerthema der Gewalt, auf den Schutz des ungeborenen Lebens und auf die weit verbreitete Drogenproblematik. Schließlich wollte er unbedingt einen Besuch auf der Fazenda da Esperança („Bauernhof der Hoffnung“) in Pedrinhas in sein umfangreiches Reiseprogramm aufnehmen. Dort und auf weiteren Bauernhöfen, die schon viel Unterstützung durch unser Hilfswerk erhielten, haben inzwischen Tausende ehemaliger Drogenabhängiger allein durch den gemeinschaftlichen Versuch, das Evangelium im Alltag zu leben, und durch Gemeinschaftsarbeit den endgültigen Ausstieg aus der Drogenabhängigkeit gefunden. Sie sind zu engagierten Missionaren und Zeugen dafür geworden, dass Gottes Heilswirken auch in unseren Tagen noch weitergeht.