"Das Leben muss unverfügbar bleiben": Ansprache von Papst Benedikt XVI. an die Teilnehmer des Internationalen Stammzellen-Kongresses (16. September 2006)

"Der gute Zweck kann nie Mittel rechtfertigen, die ihrem Wesen nach unrechtmäßig sind"

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ROM, 19. September 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Samstag vor den Teilnehmern der Internationalen Konferenz "Stammzellen und die Zukunft der Therapie – wissenschaftliche Aspekte und bioethische Probleme" gehalten hat.



Auf Einladung der Internationalen Föderation katholischer Ärzteverbände (FIAMC) und der Päpstlichen Akademie für das Leben hatten vom 14. bis zum 16. September Ärzte und Experten aus der ganzen Welt in Rom über das nachgedacht, "was gemeinhin als 'Heiliger Gral des Lebens' bezeichnet wird" (vgl. ZENIT vom 22. August).

Papst Benedikt XVI. würdigte im Schweizersaal des Apostolischen Palasts in Castel Gandolfo das wissenschaftliche Engagement seiner Gäste und bekräftigte mit Blick auf die Forschung mit embryonalen Stammzellen, die unweigerlich zur Vernichtung menschlichen Lebens führt, dass es hier "eine Grenze unseres Machens, Könnens und Dürfens und des Experimentierens" geben müsse. "Der Mensch ist nicht eine Sache für uns, sondern jeder einzelne Mensch repräsentiert Gottes eigene Gegenwart in der Welt."

Der Heilige Vater wies darauf hin, dass das Wohl des Menschen nicht nur in allgemein gültigen Zielsetzungen zu suchen sei, "sondern auch in den Methoden, die zu ihrer Erlangung verwendet werden". Gute Absichten könnten Mittel, "die ihrem Wesen nach unrechtmäßig sind", niemals rechtfertigen, so Benedikt XVI. "Es ist nicht nur eine Frage des gesunden Kriteriums für die Verwendung der begrenzten Geldmittel, sondern auch und vor allem eine Frage der Achtung der Grundrechte des Menschen im Bereich der naturwissenschaftlichen Forschung."

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Verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
sehr geehrte Damen und Herren!

An alle richte ich meinen herzlichen Gruß. Die Begegnung mit Wissenschaftlern und Gelehrten, die sich wie Sie der Forschung widmen, welche die Behandlung von die Menschheit schwer plagenden Krankheiten zum Ziel hat, ist für mich Grund besonderen Trostes. Ich bin den Veranstaltern dankbar für die Ausrichtung dieses Kongresses zu einer Thematik, die in diesen Jahren wachsende Bedeutung angenommen hat. Das spezifische Thema des Symposiums ist auf angemessene Weise in Form einer Frage formuliert, die offen ist für die Hoffnung: »Stammzellen: welche Zukunft für die Therapie?« Ich danke dem Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben, Bischof Elio Sgreccia, für die freundlichen Worte, die er auch im Namen der Internationalen Föderation katholischer Ärztevereinigungen (FIAMC) an mich gerichtet hat. Die Föderation hat an der Organisation des Kongresses mitgearbeitet und ist hier durch den scheidenden Präsidenten Prof. Gianluigi Gigli und durch den neugewählten Präsidenten Prof. Simon de Castellvi vertreten.

Wenn die Wissenschaft sich der Linderung des Leidens zuwendet und auf diesem Weg neue Ressourcen entdeckt, erweist sie sich in zweifacher Weise als reich an Menschlichkeit: hinsichtlich der Intelligenz, die in die Forschung investiert wird, und hinsichtlich der Besserung, die den unter der Krankheit leidenden Menschen in Aussicht gestellt wird. Auch diejenigen, die die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen und die notwendigen Forschungseinrichtungen fördern, haben Anteil am Verdienst dieses Fortschritts auf dem Weg der Zivilisation. Ich möchte bei dieser Gelegenheit wiederholen, was ich vor kurzem bereits gesagt habe: »Fortschritt kann nur Fortschritt sein, wenn er dem Menschen dient und wenn der Mensch selber wächst: wenn in ihm nicht nur das technische Können wächst, sondern auch seine moralische Potenz« (Interview mit Papst Benedikt XVI. in Castelgandolfo am 5. August 2006; in O.R. dt., Nr. 34, 25.8.2006, S. 10). In diesem Licht verdient auch die Forschung an somatischen Stammzellen Zustimmung und Ermutigung, wenn sie die naturwissenschaftlichen Kenntnisse, die modernste Technologie im Bereich der Biologie und die Ethik, die die Achtung des Menschen in jedem Stadium seiner Existenz fordert, glücklich miteinander verbindet. Die von diesem neuen Kapitel der Forschung eröffneten Perspektiven sind an sich faszinierend, weil sie die Möglichkeit erkennen lassen, Krankheiten zu heilen, die eine Degeneration der Gewebe verursachen, mit den sich daraus ergebenden Risiken der Invalidität und des Todes für die Betroffenen.

Wie sollte man nicht die Pflicht spüren, diejenigen zu loben, die sich dieser Forschung widmen, sowie diejenigen, die deren Organisation und Kosten übernehmen? Im besonderen möchte ich die wissenschaftlichen Einrichtungen, die in ihrer Ausrichtung und Organisation auf die katholische Kirche Bezug nehmen, dazu auffordern, diese Art der Forschung zu fördern und untereinander sowie mit allen, die auf angemessene Weise die Linderung des menschlichen Leidens als Ziel verfolgen, engste Kontakte zu knüpfen. Angesichts der gegen die Kirche häufig vorgebrachten ungerechtfertigten Vorwürfe mangelnder Sensibilität sei es mir auch gestattet, die fortwährende Unterstützung zu betonen, die sie im Laufe ihrer 2000jährigen Geschichte der Forschung hat zukommen lassen, die auf die Behandlung von Krankheiten und auf das Wohl der Menschheit ausgerichtet ist. Wenn es Widerstand gegeben hat – und immer noch gibt –, so bestand und besteht dieser gegenüber jenen Formen der Forschung, die die planmäßige Vernichtung von bereits existierenden, wenngleich noch nicht geborenen Menschen vorsehen. In solchen Fällen stellt sich die Forschung, abgesehen von den therapeutisch nützlichen Ergebnissen, nicht wirklich in den Dienst der Menschheit. Sie vollzieht sich nämlich durch die Vernichtung des menschlichen Lebens, das dieselbe Würde besitzt wie das der anderen Menschen und der Forscher selbst. Die Geschichte selbst hat in der Vergangenheit eine derartige Wissenschaft verurteilt, und sie wird sie auch in Zukunft verurteilen – nicht nur, weil sie des Lichtes Gottes entbehrt, sondern auch, weil sie der Menschlichkeit entbehrt. Ich möchte hier wiederholen, was ich schon vor einiger Zeit geschrieben habe: »Hier gilt unumstößlich: Das Leben muss unverfügbar bleiben. Es muss hier eine Grenze unseres Machens, Könnens und Dürfens und des Experimentierens aufgerichtet bleiben. Der Mensch ist nicht eine Sache für uns, sondern jeder einzelne Mensch repräsentiert Gottes eigene Gegenwart in der Welt« (Joseph Kardinal Ratzinger, „Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit“, S. 115–116).

Angesichts der direkten Vernichtung des Menschen darf es weder Kompromisse noch Ausflüchte geben; man darf nicht denken, dass eine Gesellschaft wirksam Kriminalität bekämpfen kann, wenn sie selbst das Verbrechen am ungeborenen Leben legalisiert. Anlässlich der jüngsten Kongresse der Päpstlichen Akademie für das Leben hatte ich Gelegenheit, die an alle Menschen guten Willens gerichtete Lehre der Kirche über den menschlichen Wert des empfangenen Lebens – auch vor der Einnistung in der Gebärmutter – zu bekräftigen. Die Tatsache, dass Sie auf diesem Kongress das Bemühen und die Hoffnung zum Ausdruck gebracht haben, durch die Nutzung von erwachsenen Körperzellen zu neuen therapeutischen Ergebnisse zu gelangen, ohne auf die Vernichtung empfangenen Lebens zurückzugreifen, sowie die Tatsache, dass die Ergebnisse Ihre Arbeit mit Erfolg belohnen, bestätigen die Gültigkeit der ständigen Aufforderungen von Seiten der Kirche zu einer vollen Achtung des Menschen von seiner Empfängnis an. Das Wohl des Menschen ist nicht nur in allgemeingültigen Zielsetzungen zu suchen, sondern auch in den Methoden, die zu ihrer Erlangung verwendet werden: Der gute Zweck kann nie Mittel rechtfertigen, die ihrem Wesen nach unrechtmäßig sind. Es ist nicht nur eine Frage des gesunden Kriteriums für die Verwendung der begrenzten Geldmittel, sondern auch und vor allem eine Frage der Achtung der Grundrechte des Menschen im Bereich der naturwissenschaftlichen Forschung.

Ihr Einsatz wird gewiss von Gott getragen, der in jedem Menschen guten Willens und zum Wohle aller wirkt. Er möge gewähren, das ist mein Wunsch, dass dieser Einsatz einhergehe mit der Freude der Entdeckung der Wahrheit, der Weisheit in der Beachtung und Achtung eines jeden Menschen sowie mit dem Erfolg bei der Suche nach wirksamen Mitteln gegen das menschliche Leid. Als Bestätigung dieses Wunsches erteile ich von Herzen Ihnen allen, Ihren Mitarbeitern und Familienangehörigen sowie den Patienten, denen der Einsatz Ihrer Intelligenz und die Frucht Ihrer Arbeit zugute kommen werden, meinen Segen und versichere Sie eines besonderen Gebetsgedenkens.

[© Copyright 2006 – Libreria Editrice Vaticana]