Das Lehramt hat sich das Konzil zu Eigen gemacht, die Theologie noch nicht

Tagespost-Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Komitees für die Historischen Wissenschaften

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WÜRZBURG, 13. Juni 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Das Zweite Vatikanum hatte im Jahr zuvor begonnen, als Walter Brandmüller in München den Doktorgrad erwarb. Und es war zwei Jahre vorbei, als sich der Kirchenhistoriker ebendort habilitierte. Ob das Konzil der Grund dafür war, dass Brandmüller sich auf die großen Bischofsversammlungen der Kirchengeschichte spezialisierte und zu einem der führenden deutschen Konzilienforscher wurde? Bereits seit über zehn Jahren ist er Präsident des Päpstlichen Komitees für die Historischen Wissenschaften. Als „Chefhistoriker" des Vatikans äußert er sich zur Wirkungsgeschichte des Zweiten Vatikanums. Die Fragen stellte Guido Horst.

Wo stehen wir? Haben Theologie und Lehramt die Weisungen des Zweiten Vatikanums aufgearbeitet und sich zu eigen gemacht - oder steht uns die Phase der rechten Interpretation des Konzils noch bevor?

Dazu ist zu bemerken, dass das Lehramt seit dem Ende des Konzils häufig auf dessen Texte zurückgegriffen hat und sich in vielen seiner Dokumente auf das Konzil bezieht. Man kann geradezu sagen, dass das päpstliche postkonziliare Lehramt die authentische Interpretation beziehungsweise Entfaltung der Lehren des Konzils darstellt. Von der Theologie hingegen kann dies keineswegs angenommen werden. Es genügt etwa, die Werke der meisten zeitgenössischen katholischen Neutestamentler mit der Konzilskonstitution „Dei verbum" über die göttliche Offenbarung zu vergleichen, um zwischen beiden große Widersprüche festzustellen. Eine nicht geringe Anzahl von Neutestamentlern ist davon überzeugt, dass Joseph der Vater Jesu ist und dass das leere Grab des Ostermorgens ein Interpretament und keineswegs eine historische Tatsache ist. Gleiches gilt von den im Neuen Testament berichteten Wundern Jesu. Und nach der wesenhaften Gottessohnschaft Jesu Christi befragt, würden nicht wenige ausweichende Antworten geben. All das widerspricht fundamental der Konstitution „Dei verbum", in der die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien mit Nachdruck festgehalten wird. In ähnlicher Weise hat sich auch eine breite Strömung der Moraltheologie von den Vorgaben des Konzils bezüglich der Lehre vom Sakrament der Ehe und den Normen der Sexualmoral der Kirche entfernt. Auch auf dem Gebiet der Dogmatik können ähnliche Entwicklungen nicht übersehen werden.

Gab es je eine andere Kirchenversammlung, die sich als Pastoralkonzil verstand?

Das vierte Laterankonzil (1215) und das Konzil von Trient (1546-1563) haben mit ihren Dekreten die Pastoral der Kirche auf Jahrhunderte hin maßgeblich geprägt und befruchtet. Beide Konzilien werden auch nach Jahrhunderten noch in den Texten des Zweiten Vatikanums zitiert. Dennoch aber wurden sie nie als Pastoralkonzilien bezeichnet. Was das Zweite Vatikanum betrifft, so hat zwar nicht das Konzil selbst sich ausdrücklich als Pastoralkonzil bezeichnet, wohl aber zu erkennen gegeben, dass es von unfehlbaren Lehrentscheidungen oder gar Verurteilungen absehen wolle.

Und zweitens: Es gab in der Geschichte immer offene Fragen und anstehende Lehrentscheidungen, wegen denen ein Konzil einberufen wurde. Was könnte der Anlass gewesen sein, das Zweite Vatikanum abzuhalten? Es gab ein weit verbreitetes Gefühl der Unzufriedenheit mit dem Status quo in Theologie und Kirche. Das war insofern verständlich, als man damals dachte, die durch den Zweiten Weltkrieg ausgelösten geistigen, kulturellen und religiösen Erschütterungen bedürften einer Aufarbeitung und die Kirche einer von Zuversicht getragenen Öffnung gegenüber der modernen Welt.

Zurück zur Frage der Interpretation: Schon auf dem Konzil waren gewisse Kreise bemüht, dieser Bischofsversammlung eine bestimmte Richtung zu geben. So heißt es, beim Konzil sei „der Rhein in den Tiber geflossen". Können Sie erklären, was damit gemeint ist?


Sie beziehen sich offenbar auf den Titel eines Buchs, das der Konzilsbeobachter und Journalist Ralph Wiltgen im Jahr 1988 veröffentlicht hat. Er ist es, der aufweist, dass eine Allianz von Konzilsvätern aus Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden nahezu von Anfang an mit wachsendem Erfolg versucht hat, den Gang des Konzils im Sinne des ebenso vielgenannten wie missverstandenen „aggiornamento" zu steuern. Dies war dadurch erleichtert, dass die Kardinäle Julius Döpfner, Léon-Joseph Suenens, Joseph Frings und Paul-Émile Léger dem Konzilspräsidium angehörten beziehungsweise als Moderatoren tätig waren.

Würden Sie der Meinung des italienischen Philosophen Massimo Cacciari zustimmen, dass sich die Kirche seit dem Konzil in zwei Strömungen vorwärts bewegt - eine, die über die Neuerungen des Zweiten Vatikanums hinausgehen will und mit Berufung auf den sogenannten Konzilsgeist weitere Reformen verlangt, und eine andere, die Missstände in Liturgie und Theologie nach dem Konzil beklagt und dieses wieder stärker in die Tradition der Kirche eingebunden sehen will?

Die beiden Strömungen, von denen Sie sprechen, existierten schon längst vor dem Konzil. Ich erinnere mich, dass schon zu meiner Studentenzeit im Seminar zwischen sogenannten Orthodoxen und Liberalen unterschieden wurde. Im Grunde genommen wurzelte diese Unterscheidung wie schon vor dem Ersten Vatikanischen Konzil in einer verschiedenen Sicht der Stellung der Kirche zur Welt. Das war im Jahre 1962/1965 ebenso wie schon 1869/70 weniger in theologischer Reflexion als in einer emotionalen Gestimmtheit der damaligen Gesellschaft begründet. In beiden Fällen ging es und geht es auch heute wieder um eine eher optimistische oder eher kritische Sicht der Welt vom Standpunkt des Glaubens aus. Also um die Frage: Soll die Kirche durch die Welt oder die Welt durch die Kirche verändert werden?

Wenn es um den sogenannten Konzilsgeist oder die Frage der rechten Interpretation der Konzilstexte geht, ist immer wieder von der „Hermeneutik des Bruchs" im Gegensatz zur „Hermeneutik der Kontinuität" die Rede. Was ist damit gemeint?


Schon nach der Ankündigung des Konzils herrschte in nicht wenigen Kreisen eine geradezu euphorische Aufbruchsstimmung. Immer wieder wurde in Predigten der Anruf Gottes an Abraham zitiert: „Der Herr sprach zu Abraham: Zieh weg aus Deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werden." Mit anderen Worten: Das Schifflein Petri sollte beherzt die Anker lichten, die Segel setzen und zu neuen unbekannten Ufern aufbrechen. So wurde denn aus dem Aufbruch allzu leicht ein Bruch mit Vergangenheit und Überlieferung. Kardinal Döpfner sprach damals gerne von der Kirche als einer Baustelle, in der es notwendigerweise auch Unruhe gebe. Demgegenüber galt es natürlich festzuhalten, dass sowohl Lehre als auch sakramental-hierarchische Verfasstheit der Kirche niemals einen Bruch erleiden durften, sollte die Kirche ihre Identität nicht verlieren. Deshalb setzten andere auf organische, den Zusammenhang mit der Überlieferung wahrende Entfaltung.

Also sorgen diese beiden Interpretationsschlüssel - Bruch und Kontinuität - immer noch für unterschiedliche Auslegungen des Konzils?


Das ist nicht zu übersehen.

Was halten Sie dem entgegen?


Das Zweite Vatikanum ist weder das erste seiner Art gewesen, noch wird es nach menschlichem Ermessen das letzte Konzil der Kirche sein. Jedes Konzil ist Glied einer Kette, die die Kirche des jeweiligen Heute mit den Ursprüngen verbindet. Insofern kann kein Konzil dem widersprechen, was bis dahin authentische Lehre der Kirche war. Die Entwicklung ist immer nur nach vorwärts, nie nach rückwärts offen.

In seiner Ansprache vor der römischen Kurie Weihnachten 2005 hat Benedikt XVI. das Prinzip der „Hermeneutik der Kontinuität" mit Verweis auf Paul VI. bekräftigt, aber auch auf Aussagen des Zweiten Vatikanums hingewiesen, die man als Ausdruck der Diskontinuität auffassen könnte, als ein Bruch im Vergleich zur bisherigen Kirchenlehre. Benedikt XVI. nannte unter anderem zwei Felder: die Religionsfreiheit und das Verhältnis zu den Juden. Hat das Konzil da wirklich Neuland beschritten?


Benedikt XVI. hat in der Tat nicht von einer Hermeneutik der Kontinuität, sondern von einer Hermeneutik der Reform gesprochen. Aber zwischen beiden Begriffen - Kontinuität und Reform - besteht kein Widerspruch. Denn: Was ist Reform?! Reform hat jedenfalls nichts mit Veränderung zu tun. Etwas, das reformiert werden soll, kann nicht etwas anderes werden, es muss es selbst bleiben. Reform bedeutet deshalb, dass - sprechen wir gleich von der Kirche - diese ihr eigenes Wesen authentischer verwirklichen soll. Insofern ist eine Diskontinuität mit Reform nicht vereinbar. Dies gilt selbstverständlich auch von den beiden diskutierten Erklärungen über die Religionsfreiheit und das Verhältnis zu den Juden. Bei der Religionsfreiheit ging es nicht, wie manche meinten, darum, dem Irrtum gleiche Rechte einzuräumen wie der Wahrheit. Vielmehr geht das Konzil von der Würde der Person und ihrem Recht aus, bezüglich ihres Gewissens und ihres Glaubens von niemandem beeinträchtigt zu werden. Dies ist klassische Lehre der Kirche. Ähnliches gilt von den Juden. Auch hier wird theologisch nichts Neues gelehrt, wohl aber werden Wege zum versöhnten Zusammenleben zwischen Juden und Christen aufgezeigt.

Das Zweite Vatikanum und die Glaubenskrise, die die Kirche zumindest im Westen nach dem Konzil erfasst hat: Sehen Sie da einen Zusammenhang?


Das Zweite Vatikanische Konzil kann für die nachkonziliare Glaubenskrise in keinem Fall verantwortlich gemacht werden. Es war die sich schon vor 1968 anbahnende Kulturrevolution, die mit dem Ende des Konzils zusammentraf und sich im innerkirchlichen Raum des Konzils bemächtigte.

An die Priesterbruderschaft Pius X. wird immer wieder die Forderung gerichtet, sie müsse die Aussagen des Konzils in vollem Umfange anerkennen. Kann man das überhaupt, wenn das Konzil noch nicht abschließend interpretiert und in die ordentliche Verkündigung integriert ist, sondern verschiedene Schulen um die Auslegung der Konzilstexte streiten?


Bei der Beantwortung dieser Frage ist vom Selbstverständnis des Konzils selbst auszugehen. Die einzelnen vom Konzil verabschiedeten Texte besitzen unterschiedlichen Charakter. Das drückt sich schon in der Bezeichnung aus. Da gibt es dogmatische Konstitutionen über die Kirche und die Offenbarung, dann gibt es Dekrete etwa über die Bischöfe und die Ausbildungen der Priester und schließlich gibt es Erklärungen über die Erziehung oder über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen. Es ist selbstverständlich, dass mit der unterschiedlichen Bezeichnung ein unterschiedliches Gewicht in der lehr- beziehungsweise hirtenamtlichen Verbindlichkeit zum Ausdruck kommt. Ebensolche Unterschiede ergeben sich logischerweise dann auch für den Grad und die Notwendigkeit der Zustimmung zum Konzil.

Brauchen wir ein Drittes Vatikanum, um die heute offenen Fragen definitiv zu klären?


Das überlassen wir dem Geist des Herrn, der seine Kirche durch die Zeiten führt.

© Die Tagespost vom 30. Mai 2009