Das Miteinander ist die Zukunft

Botschaft des Heiligen Vaters an den Erzbischof von Vrhbosna-Sarajewo anlässlich des internationalen Weltgebetstreffen für den Frieden in Sarajewo vom 9.-11. September 2012

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ROM, 11. September 2012 (ZENIT.org). - Vom 9. - 11. September findet in Sarajewo das von der Gemeinschaft Sant’Egidio durchgeführte XXVI. Internationale Weltgebetstreffen für den Frieden unter dem Motto „Living Together is the Future“ („Das Miteinander ist die Zukunft“) statt.

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone übersandte Kardinal Vinko Puljić, den Erzbischof von Vrhbosna-Sarajewo, im Namen des Heiligen Vaters Benedikt XVI. folgende Botschaft:

[Wir veröffentlichen die offizielle Botschaft in eigener Übersetzung:]

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Verehrter Herr Kardinal,

es ist mir eine besondere Freude, einen herzlichen Gruß und die Wertschätzung des Heiligen Vaters Benedikt XVI. an die geschätzten Vertreter der christlichen Kirchen und Gemeinschaften sowie der großen Weltreligionen, an die ihm sehr am Herzen liegende Bevölkerung von Sarajewo, und an all jene zu überbringen, die sich zur Feier des von der Gemeinschaft Sant’Egidio veranstalteten XXVI. Internationalen Weltgebetstreffens für den Frieden versammelt haben.

Die Früchte, die uns heute noch aus dieser im Oktober 1986 vom Seligen Johannes Paul II. in Assisi begonnenen Pilgerschaft des Friedens erwachsen, geben uns Grund zur Freude und sind Spender des Trostes. 25 Jahre später begab sich der Papst zum Zeichen der einzigartigen Bedeutung des Treffens im vergangenen Jahr selbst als Pilger in die Stadt des hl. Franziskus. Mit ihm kamen zahlreiche Gläubige und viele Männer und Frauen guten Willens, die sich als aufrichtig nach der Wahrheit Suchende dem Einsatz für den Frieden widmen. Bei diesem Anlass betonte der Heilige Vater, dass die Bemühung um den Frieden heute in zweierlei Hinsicht bedroht werde. Zum einen wird die Religion als Motiv von Gewalt instrumentalisiert. Zum anderen liegt im „Nein“ zu Gott, das einem vollkommen säkularisierten Menschenbild entspringt, das Potenzial für maßlose Gewalt. Welch dramatische Folgen das  Zusammenwirken dieser beiden negativen Kräfte haben kann, hat sich unter anderem in der Stadt Sarajewo  gezeigt, wo vor 20 Jahren ein Krieg begonnen hat, der Tod und Zerstörung in den Balkan gebracht hat.

Als Gegenmittel zu dieser stets gegenwärtigen Bedrohung hat Papst Benedikt XVI. in Assisi erneut zur Allianz zwischen religiösen Menschen und Menschen, die sich keiner religiösen Tradition zugehörig fühlen, jedoch aufrichtig auf der Suche nach der Wahrheit sind. Dieser Allianz liegt die Überzeugung zugrunde, dass einem tiefgehenden und ehrlichen Dialog folgende Früchte erwachsen können: ersteren der Einsatz für die stets notwendige Reinigung der gelebten Religion; letzteren ein Offenbleiben für die großen Fragen der Menschheit und für das Mysterium, von dem das menschliche Leben umgeben ist.

Auf diese Weise kann aus der gemeinsamen Pilgerschaft zur Wahrheit auch eine gemeinsame Pilgerschaft zum Frieden werden. Symbole hierfür sind die von der Gemeinschaft Sant’Egidio geförderten Internationalen Weltfriedenstreffen. Besonders bedeutungsvoll ist die diesjährige Begegnung in Sarajewo. Nach den Worten des Seligen Johannes Pauls II., der sich dieser Stadt sehr eng verbunden fühlte, darf nicht vergessen werden, „dass Sarajewo in diesem Jahrhundert zum Symbol des Leidens von ganz Europa geworden ist. Am Beginn des 20. Jahrhunderts nahm dort der Erste Weltkrieg seinen Anfang; auf andere Art zeigte sich dies beim zweiten Mal, als ein Konflikt zur Gänze in dieser Stadt ausgetragen wurde“ („Omelia a Sarajevo“, 13 aprile 1997, eigene Übersetzung).

Dank der Begegnung vieler Männer und Frauen unterschiedlicher Religionen soll heute soll eine Botschaft des Friedens von Sarajewo ausgehen. Der Frieden muss von den Herzen und vom Geist nach der Wahrheit suchender Menschen gestärkt werden, die sich für das Wirken Gottes öffnen und den anderen ihre Hand reichen. Es ist daher wichtig, den Blick auf die gesamte Welt zu richten und den nach wie vor vorhandenen  Problemen des Zusammenlebens, bei der Versöhnung und beim Frieden mit Hoffnung zu begegnen: tatsächlich sind wir nach wie vor der Bedrohung des Terrorismus ausgesetzt, viele blutige Kriege toben auf unserer Erde, die Gewalt gegen den Bruder scheint kein Ende zu nehmen. Unsere Welt hat den Frieden dringend notwendig!  Vielmehr noch erhebt unsere Welt immer lauter den Ruf:„Friede!“ . Die Gedanken des Heiligen Vaters sind dieser Tage ganz besonders im mittleren Osten, bei der dramatischen Lage in Syrien, und bei seiner bevorstehenden Apostolischen Reise in den Libanon. Mögen in diesen Ländern und in allen Teilen der Erde, die nach Versöhnung und Frieden rufen, bald ein Zusammenleben herrschen, das von Ruhe und Frieden und einem Klima der Stabilität und der Achtung der Menschenrechte geprägt ist.

Die lange Tradition des Dialoges, in die sich die Weltgebetstreffen einfügen, zeigt uns, wie trügerisch die Kultur der Auseinandersetzung ist. Umso mehr führt sie uns den Wert des Dialoges vor Augen, der sich auf dem festen Grund der Wahrheit bewegt, die wiederum die Pflanze des Friedens wachsen lässt: „Dieses Miteinander ist zunächst einfach eine Vorgabe, die aus dem Menschsein selber stammt. Es ist dann unsere Aufgabe, dem einen positiven Gehalt zu geben. Das Miteinander kann zum Gegeneinander, kann zur Hölle werden, wenn wir einander nicht annehmen lernen, wenn jeder nur er selber sein will. Es kann aber auch ein Geschenk sein, wenn wir uns füreinander öffnen, wenn wir uns einander geben.“ (BENEDIKT XVI., Botschaft an den Erzbischof von München und Freising zum Internationalen Weltgebetstreffen für den Frieden am 1. September 2011). Es handelt sich um eine Erkenntnis, die in das Bewusstsein der Menschen und der Völker eingepflanzt werden soll. „Das Miteinander ist die Zukunft“! Diese Einsicht wurzelt für uns Christen im Glauben: „Der Gott, dem wir Christen glauben, ist der Schöpfer und Vater aller Menschen, von dem her alle Menschen Brüder und Schwestern sind und eine einzige Familie bilden. Das Kreuz Christi ist für uns das Zeichen des Gottes, der an die Stelle der Gewalt das Mitleiden und das Mitlieben setzt“ (Benedikt XVI., Ansprache in Assisi am 27. Oktober 2011).

In der Hoffnung auf eine fruchtbringende Begegnung vereint sich der Heilige Vater im Geiste mit allen Anwesenden; in der Gewissheit, dass der Herr, der Vater aller Menschen, uns weiterhin auf dem Weg des Friedens und der friedlichen Begegnung zwischen den Völkern führen wird, und unserem Einsatz seinen Segen zuteilwerden lässt.

Ich schließe mich dem Wunsch des Papstes an und ergreife die Gelegenheit, um Ihnen, Herr Kardinal, meine Wertschätzung auszusprechen und Christus meine Verehrung zu erweisen.

Tarcisio Kard. Bertone
Staatssekretär

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[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]