Das monastische Herz des Abendlandes

Benediktinisches Mönchtum und die Kultur des christlichen Europa – Katalog und Aufsatzband der Europaausstellung in der Benediktinerabtei St. Paul im Lavanttal

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Von Harm Klueting

WÜRZBURG, 15. Oktober 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- „Das Mönchthum ist eine ägyptische Pflanze, welche dort, wo sie sich jetzt noch befindet, nicht mehr die Früchte trägt, welche ihre Anpflanzer von ihr erwarteten. Der Genius der Zeit hat sie auch ohnehin unbrauchbar gemacht.“ Das sind Worte aus dem Jahre 1802. Der Verfasser, Domkapitular in Hildesheim und Münster und einer der Repräsentanten der katholischen Aufklärung und ihrer Gegnerschaft gegen Mönchtum und Klosterwesen, fährt – bezogen auf die Klöster der Benediktiner – fort: „Die Geschichte der Vorwelt spricht diesen Instituten das Lob; ohne sie würden Teutschlands öde Gegenden ungebauet seyn; ohne sie würde das Licht des Christenthums später zu uns gedrungen seyn; ohne sie wäre so manches classische Werk der Alten nicht auf uns gekommen. Es lässt sich also von ihnen sagen: es war eine Zeit, wo sie nützlich, wo sie nothwendig waren; diese ist nicht mehr, und so dürfen sie sich dann mit dem Schicksal aller Dinge und Wesen trösten, die die Zeit nur so lange bestehen lässt, als die Vorsehung sie nothwendig hält, und sie aufhören lässt, so bald der Zweck ihres Daseyns nicht mehr vorhanden ist.“


Erst der Verlust rückte den Wert des Verlorenen ins Bewusstsein

So dachten viele am Ende des 18. Jahrhunderts, gerade auch in der katholischen Kirche, als man sich viel einbildete auf den „Genius der Zeit“, die Aufklärung, die alles vor das Forum der Vernunft und des Nützlichkeitsdenkens meinte zerren zu können und alles verwarf, was in ihren Augen vor diesem Gericht nicht zu bestehen vermochte. Das trug dazu bei, dass die katholische Bevölkerung bei der Säkularisation von 1803 die Mönche und Nonnen nicht ungern fortgehen sah, denen man als Bauer noch gestern Hand- und Spanndienste zu leisten und Pachtzinsen zu zahlen hatte. Als aber der Chorgesang der Mönche und der Nonnen verstummt und die Klosterkirchen abgerissen oder in Fabriken oder Lagerhallen verwandelt waren, ließ der Verlust das Verlorene wertvoll erscheinen. So kam es, dass im 19. Jahrhundert neue Klöster entstanden – oft an der alten Stelle wie in St. Paul im Lavanttal, wo Kaiser Joseph II. die Benediktinerabtei 1787 säkularisiert hatte, bevor sie 1809 von Benediktinern aus St. Blasien wiederbesiedelt wurde, deren Kloster im Schwarzwald 1806 aufgehoben und als Gewehrfabrik genutzt worden war. Ähnlich war es in Beuron, wo das Augustiner-Chorherren-Stift 1803 säkularisiert wurde, bevor Beuron 1863 als Benediktinerkloster wieder erstand. Das Verlangen nach Spiritualität lässt auch in der entkirchlichten und entchristlichten Gesellschaft unserer Gegenwart den Chorgesang der Mönche und Nonnen immer neu erklingen und führt auch heute viele Menschen in Klöster – auch für kurze Aufenthalte, die als „Kloster auf Zeit“ bekannt sind.

Das ist der Hintergrund einer großartigen Ausstellung in der Benediktinerabtei St. Paul im Kärntner Lavanttal, die im April begann und am 8. November 2009 endet, aber 2011 im Museum für Klosterkultur im ehemaligen Augustiner-Chorherren-Stift Kloster Dalheim bei Paderborn noch einmal gezeigt wird.

Der Abtprimas des Benediktinerordens mit dem Sitz in der Abtei San Anselmo in Rom, der deutsche Benediktinerpater Notker Wolf OSB, schreibt in seinem Grußwort: „Europa ist geprägt durch das Christentum, es wurde geformt durch Mönche. Ohne arrogant sein zu wollen: Auf diesem Boden haben sich Wissenschaft und Technik entwickelt wie sonst nirgendwo auf der Welt. Das gilt auch für die Kunst. Wenn-gleich in anderen Kulturkreisen großartige Werke zu besichtigen sind, dort ist die Kunst statisch geblieben. Kunstepochen wie die Romanik, Gotik, Renaissance und der Barock wurden möglich durch das Ja des Christentums zur Geschichtlichkeit des Menschen.“ Die Fülle der Ausstellungsstücke von der Antike bis ins 19 Jahrhundert bestätigt diese Einschätzung. In der Ausstellung gezeigt und in dem hervorragend illustrierten Katalog kompetent beschrieben werden mehr als 630 Objekte, unter anderem zu Benedikt von Nursia und der „Regula Benedicti“, zur Abtei Montecassino und zur Geschichte des benediktinischen Mönchtums, zur spätmittelalterlichen Kirchenausstattung, zur Liturgie in Mittelalter und Barockzeit. Andere Themenfelder sind Choral und Psalmengesang, Handwerk, Wissenschaft, Gemälde- und Graphiksammlungen, Kunst- und Wunderkammern, Musik, Theater, Literatur und Architektur. Am Ende stehen die Gestalt des 1793 gestorbenen Fürstabts Martin II. Gerbert von St. Blasien, eines der großen Gelehrten des Benediktinerordens im 18. Jahrhundert, und das Thema „Untergang und Erbe“.

Erlesener Beitrag über den gregorianischen Choral

Neben dem Katalog mit den Objektbeschreibungen bietet der ebenfalls vorzüglich bebilderte Essayband 42 Aufsätze zur Geschichte und Kunstgeschichte, aber auch zur Spiritualität des benediktinischen Mönchtums. Dazu zählen die Beiträge von Burkhard Ellegast OSB über das Leben des heiligen Benedikt anhand der Dialoge Gregors des Großen und der Benediktsregel, Gerfried Sitar OSB über die frühen syrischen Mönchskolonien, Bruno Rader OSB über das monastische Stundengebet und Heinrich Ferenczy OSB über die Liturgie im klösterlichen Leben. Die Benediktsregel ist Gegenstand der Beiträge von Mirko Breitenstein und Thomas Petutschnig OSB, der die von der Regel unterschiedenen vier Arten von Mönchen – die Gyrovagen oder Wandermönche, die Sarabaiten, die Anachoreten oder Eremiten und die Zönobiten, also die – wie die Benediktiner – in Gemeinschaft lebenden Mönche, herausstellt. Die Sarabaiten weisen auf ein Problem hin, das auch heute nicht immer ganz ausgeschlossen ist, denn auch heute kann ein Männerkloster „leicht zu einer Art Männerwohnheim mit religiösem Anstrich entarten. Sarabaismus in einem heutigen Kloster würde zum Beispiel bedeuten, dass die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft an ihren Karrieren basteln, ohne das Ganze im Blick zu behalten“.

Jens Reiche behandelt frühe Klosterbauten in Italien seit dem vierten Jahrhundert. Barbara Schedl führt den St. Galler Klosterplan vor und Uwe Lobbedey die karolingische Klosterkirche von Corvey an der Weser. Franz Neiske und Maria Hillebrandt machen dem Leser die Reformen von Cluny und Hirsau verständlich, während Stefan Weinfurter die Frühzeit von St. Blasien und sein Aufblühen in der jungcluniazensischen Reform erörtert und Werner Rösener Agrarwirtschaft und Gewerbe von Benediktinerklöstern behandelt. Als erlesen bezeichnen darf man den Beitrag von Michael Hermes OSB über die Gregorianik, der die Entstehung des gregorianischen Chorals aus der in Rom gesungenen „cantilena Romana“ und seine Umformung im Frankenreich verfolgt, den gregorianischen Gesang als „er-lesenen Gesang“ und Gregorianik als eine „Form des (lauten) Lesens“ auffasst und sie mit Fulvio Rampi nicht als Rezitation eines Textes, sondern als Exegese versteht.

Als unglücklich gewählt erscheint der Obertitel „Macht des Wortes“ des zweibändigen Werkes und der Ausstellung. „Macht des Wortes“ weckt protestantische Assoziationen – Kirche des Wortes als evangelisch, Kirche des eucharistischen Geheimnisses als katholisch. Doch bezieht sich der Titel „Macht des Wortes“ auf die „Verbreitung des Wortes“ durch die Germanenmissionare Willibrord und Bonifatius in dem Beitrag von Lutz E. von Padberg über Willibrord und Bonifatius: „Sie vertrauten auf die Macht des Wortes, wohl wissend, dass der Glaube entscheidend war und dass die Christianisierung des Volkes immer ein Prozess ohne Ende sein würde.“ Fehler im Griechischen gab es nicht nur im 9., sondern gibt es auch im 21. Jahrhundert. So schreibt der Autor des Katalogartikels zu dem Reichenauer Schülerheft aus dem 9. Jahrhundert: „Im Griechischen verwechselt der Schüler Omega und Sigma, Epsilon und Eta, Theta und Tau etc.“. Tatsächlich hat der Klosterschüler Omega (langes O) und Omikron (kurzes O) verwechselt, während unser moderner Autor Omikron mit dem ähnlich aussehenden Sigma (S) verwechselt.

Es klingt wie eine Antwort auf das Wort des katholischen Aufklärers und Klosterfeindes von 1802, wenn Maximilian Tuschel OSB am Ende schreibt: „Auch über 1500 Jahre nachdem der heilige Benedikt seine Mönchsregel verfasst hat, gibt es zahlreiche Männer, die den von ihm geschilderten Weg der Gottsuche folgen. Die Zahl mag geringer geworden sein, doch von einem ,Aussterben‘ der Mönche und Klöster kann man heute nicht sprechen“.

[© Die Tagespost vom 15.10.2009 - Macht des Wortes. Benediktinisches Mönchtum im Spiegel Europas, 2 Bde., hrsg. von Gerfried Sitar OSB und Martin Kroker unter Mitarbeit von Holger Kempkens, Bd. 1: Essays, Bd. 2: Katalog. Schnell & Steiner, Regensburg 2009, 423 und 480 Seiten, ISBN 978-3-7954-2125-0, 49,90 Euro.]