Das Mysterium der Menschwerdung mit den Augen des heiligen Franz von Assisi betrachtet

Dritte Adventspredigt 2013 von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 584 klicks

Am heutigen Freitagvormittag hielt Pater Raniero Cantalamessa OFMCap, Prediger des Päpstlichen Hauses, im Vatikan die dritte und letzte traditionelle Adventspredigt für den Papst und die Kurie.

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1. Greccio und die Erfindung der Krippe

Wir alle kennen die Geschichte: Drei Jahre vor seinem Tod ruft Franziskus in Greccio die Weihnachtstradition der Krippe ins Leben. Trotzdem ist es schön, sie uns bei dieser Gelegenheit noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Thomas von Celano schreibt:

„Etwa vierzehn Tage vor der Geburt des Herrn ließ der selige Franziskus einen Mann namens Giovanni zu sich rufen und sprach zu ihm: ‚Wenn du wünschst, dass wir in Greccio das Fest des Herrn feiern, so gehe eilends hin und richte sorgfältig her, was ich dir sage. Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde, und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochse und Esel standen, und wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen.‘ […] Es kam der Tag der Freude. Franziskus legt die Gewänder eines Diakons an, denn er war Diakon, und singt mit wohlklingender Stimme das heilige Evangelium. Seine Stimme, diese starke, sanfte, klare Stimme, lädt alle dazu ein, den Herrn zu preisen. Dann predigt er dem Volk mit lieblichen Worten von der Geburt des armen Königs und von der kleinen Stadt Bethlehem.“ [i]

Die Bedeutung dieser Episode liegt nicht so sehr im Ereignis an sich und auch nicht in dem spektakulären Einfluss, den diese Geschichte auf die christlichen Traditionen nehmen sollte; sie liegt vielmehr in der Neuheit des Verständnisses, das Franziskus vom Mysterium der Menschwerdung hatte. Die allzu einseitige, manchmal geradezu zwanghafte Betonung der ontologischen Seite der Menschwerdung (Natur, Person, hypostatische Union) hatte dieses christliche Mysterium zu einer rein spekulativen Frage verkümmern lassen, die man in immer exaktere Definitionen fassen wollte, wobei die wahre Natur des Mysteriums für die einfachen Menschen, fürs Volk, immer weniger greifbar wurde.

Franziskus hilft uns, die ontologische Sicht der Menschwerdung durch eine mehr existenzielle und religiöse Betrachtung zu integrieren. Denn es genügt nicht, zu wissen, dass Gott sich zum Menschen gemacht hat; es ist auch wichtig zu wissen, zu welcher Art von Mensch er sich gemacht hat. Es ist sehr aufschlussreich, die verschiedenen und sich gegenseitig ergänzenden Ansätze zu vergleichen, mit denen Johannes und Paulus das Mysterium der Menschwerdung beschreiben. Für Johannes besteht es darin, dass das Wort Gottes Fleisch geworden ist (vgl. Joh 1,1-14); Paulus legt die Betonung hingegen auf etwas Anderes: „Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, sondern wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod“ (Phil 2,5). Für Johannes ist wichtig, dass das Wort, welches Gott ist, sich zum Menschen machte; für Paulus, dass Christus, der reich war, sich arm machte (vgl. 2 Kor 8,9).

Franz von Assisi liegt auf der Linie des Apostels Paulus. Statt die ontologische Tatsache der Menschwerdung Christi zu betonen (an die er selbstverständlich mit der ganzen Kirche fest glaubt), konzentriert er sich auf ihre Demut und Schlichtheit. Zwei Dinge, sagen die Quellen, hatten die Macht, ihn jedes Mal, wenn er von ihnen hörte, zu Tränen zu rühren: die Demut, die in der Menschwerdung zum Ausdruck kommt, und die Liebe, die in der Passion sichtbar wird[ii]. „Er konnte nicht ohne Tränen daran denken, welche Not die arme Jungfrau an jenem Tag gelitten hatte. Einmal geschah es, dass einer der Brüder ihn beim Mittagessen an die Armut der seligen Jungfrau und ihres Kindes erinnerte. Sofort stand er auf, brach in Tränen aus und verzehrte den Rest seines Brotes am Boden sitzend.“ [iii]

Franziskus hat auf diese Weise dem christlichen Mysterium wieder „Fleisch und Blut“ verliehen, nachdem es auf den theologischen Hochschulen und in den Büchern zu trockenen Begriffen und Syllogismen „entfleischt“ worden war. Ein deutscher Historiker hat in Franz von Assisi den Menschen gesehen, der die Voraussetzung für die Geburt der modernen Kunst in der Renaissance schuf, indem er die Personen und Ereignisse der sakralen Geschichte aus Ihrer stilisierten Starre befreite und ihnen Leben gab[iv].

2. Weihnachten und die Armen

Die Unterscheidung zwischen der Tatsache der Menschwerdung und ihrer konkreten Art, also zwischen der ontologischen und der existenziellen Dimension, muss uns schon deshalb interessieren, weil sie ein besonderes Licht auf das immer noch aktuelle Thema der Armut und des christlichen Umgangs mit ihr wirft. Sie hilft uns, der besonderen Aufmerksamkeit für die Armen, wie sie auch das Zweite Vatikanische Konzil wieder verkündet hat, eine biblische und theologische Grundlage zu geben. Denn durch die Tatsache der Menschwerdung hat das Wort, wie manche Kirchenväter sagen, die Natur aller Menschen angenommen; doch durch die Art, wie die Menschwerdung sich konkretisierte, hat Gott den armen, schlichten, leidenden Menschen adoptiert, bis zur Identifikation mit ihm.

Gewiss ist Christus in den Armen nicht auf dieselbe Weise gegenwärtig, wie in den Sakramenten und besonders in der Eucharistie; aber dennoch handelt es sich um eine echte, reelle Präsenz. Er hat dieses „Zeichen“ eingesetzt, genau wie er die Eucharistie begründet hat. Er, der vom Brot sagte: „Das ist mein Leib“, hat dasselbe auch von den Armen gesagt. Er sagte es, als er erklärte, dass alles, was wir für den Hungrigen, den Durstigen, den Gefangenen, den Nackten und den Fremden getan oder nicht getan haben, ihm selbst getan oder unterlassen wurde. Das ist so viel, als ob er gesagt hätte: „Jener mit Lumpen bekleidete, hungernde Mensch; jener Alte, der auf dem Bürgersteig schlafend erfroren ist, war ich!“ Jean Guitton, Laienbeobachter am Zweiten Vatikanischen Konzil, schrieb: „Die Konzilsväter haben das Sakrament der Armut wiederentdeckt; die Gegenwart Christi unter der Gestalt der Leidenden.“ [v]

Wer nicht bereit ist, die Armen aufzunehmen, mit denen Christus sich identifiziert hat, nimmt Christus selbst nicht zur Gänze auf. Wer voller frommen Eifer zur Kommunion geht, in freudiger Erwartung, Christus zu empfangen, aber sein Herz den Armen verschließt, ähnelt, würde Augustinus sagen, einem Menschen, der von weitem einen Freund kommen sieht, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Er eilt ihm freudig entgegen und stellt sich auf Zehenspitzen, um ihn auf die Stirn zu küssen, merkt dabei aber nicht, dass er ihm mit Nagelsohlen auf die Füße tritt. Tatsächlich sind die Armen die nackten Füße, die Christus noch auf der Erde stehen hat.

Auch der Arme ist ein „Stellvertreter Christi“, jemand, der Christus vertritt. Ein Stellvertreter im passiven Sinn, nicht im aktiven. Also nicht in dem Sinn, dass das, was ein Armer tut, so ist, als habe Christus es getan, sondern dass das, was man einem Armen tut so ist, als habe man es Christus getan. Es stimmt zwar, was Leo der Große schreibt, dass nach der Himmelfahrt Christi „alles, was an unserem Herrn Jesus Christus sichtbar war, in die sakramentalen Zeichen der Kirche eingegangen ist“ [vi]; doch ist es ebenso wahr, dass von der existenziellen Warte aus betrachtet seine Gestalt auf jene übergegangen ist, von denen er gesagt hat: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Lasst uns die Konsequenzen ziehen, die all das auf der ekklesiologischen Ebene hat. Johannes XXIII. hat anlässlich des Konzils den Ausdruck „Kirche der Armen“ [vii] geprägt. Damit kommt ein Gedanke zum Ausdruck, der vielleicht tiefer geht, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Die Kirche der Armen besteht nicht nur aus den Armen der Kirche! In einem gewissen Sinn gehören ihr alle Armen der Welt an, ob sie getauft sind oder nicht. Ihre Armut und ihr Leid ist ihre Bluttaufe. Wenn Christen jene Menschen sind, die „auf den Tod Christi getauft worden sind“ (vgl. Röm 6,3), wer ist dann mehr auf Christi Tod getauft worden, als gerade sie?

Wie könnte man sie nicht auch als Kirche Christi betrachten, wenn doch Christus selbst sie zu seinem Leib erklärt hat? Sie sind „Christen“, nicht weil sie sich zu Christus bekennen, sondern weil Christus sich zu ihnen bekannt hat: „Das habt ihr mir getan!“ Wenn es einen Fall gibt, in dem man den kontroversen Begriff „anonyme Christen“ anwenden kann, dann ist es dieser.

Die Kirche Christi ist daher viel, viel größer, als die Statistiken sagen. Und das in einem sehr reellen Sinn. Keiner der großen Religionsgründer hat sich so mit den Armen identifiziert, wie Jesus es getan hat. Niemand sonst hat gesagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40), wo der „geringste Bruder“ nicht nur der ist, der an Christus glaubt, sondern, nach allgemeiner Übereinstimmung, jeder Arme.

Daraus folgt, dass der Papst als Stellvertreter Christi wirklich der „Vater der Armen“ ist, der Hirte dieser riesigen Herde, und es ist eine Freude und ein Ansporn für alle Christen zu sehen, wie sehr diese Rolle den Päpsten der letzten Jahrzehnte am Herzen gelegen ist, besonders auch dem Hirten, der heute auf dem Stuhl Petri sitzt. Er ist die autoritätsvollste Stimme, die sich zu ihrer Verteidigung erhebt. Die Stimme derer, die keine Stimme haben. Er hat die Armen wahrhaftig nicht vergessen!

Was der Papst in seinem letzten Apostolischen Schreiben über die Notwendigkeit sagt, vor dem Drama der Armut in unserer globalisierten Welt die Augen nicht zu versperren, hat mir ein Bild in den Sinn gerufen. Wir neigen dazu, zwischen uns und die Armen eine doppelte Glasscheibe zu setzen. Die Wirkung der doppelten Glasscheiben ist jedem wohl bekannt, der sich für Bautechnik interessiert. Sie verhindern den Austausch von Wärme und isolieren alle Geräusche. Alles erreicht uns in abgestumpfter Form. Und in der Tat sehen wir die Armen sich bewegen, sehen sie leiden, hören sie schreien, aber das alles durch den Bildschirm eines Fernsehers oder durch die Seiten einer Tageszeitung oder einer Illustrierten. Ihr Ruf erreicht uns wie aus großer Ferne. Er dringt nicht in unser Herz. Ich sage das zu meiner eigenen Verwirrung und Beschämung. Das Wort: „die Armen!“ ruft in den reichen Ländern dieselbe Reaktion hervor, wie bei den alten Römern der Ruf: „die Barbaren!“, das heißt, Verunsicherung, Panik. Die Römer zogen Schutzwälle um ihr Reich und schickten Heere an ihre Grenzen, um die Barbaren abzuwehren; wir tun genau dasselbe, wenn auch mit anderen Mitteln. Doch die Geschichte lehrt uns, dass diese Bemühungen sinnlos sind.

Wir klagen und demonstrieren – zu recht! – für die Kinder, denen nicht erlaubt wird, zur Welt zu kommen; aber sollten wir nicht dasselbe auch für die Millionen Kinder tun, die zur Welt kommen und dann an Hunger oder Krankheiten sterben oder gezwungen sind, sich im Krieg untereinander zu töten, für Interessen, denen wir Bürger der reichen Länder nicht ganz fremd sind? Macht es denn einen Unterschied, dass die ersten unserem Kontinent angehören und unsere selbe Hautfarbe haben, während die zweiten einem anderen Kontinent angehören und anders gefärbt sind? Wir protestieren – zu recht! – darüber, dass alten, kranken, behinderten Menschen geholfen wird, zu sterben; dass sie durch die sogenannte Sterbehilfe manchmal geradezu in den Tod getrieben werden; aber müssten wir nicht auch darüber protestieren, dass so viele alte Menschen erfrieren und ihrem Schicksal überlassen werden? Das alte liberale Motto „Leben und leben lassen“ sollte sich nie in „Leben und sterben lassen“ verwandeln; und doch geschieht dies auf der ganzen Welt.

Gewiss, das Naturgesetz ist heilig, aber um es anzuwenden müssen wir von unserem Glauben an Jesus Christus ausgehen. Paulus schreibt: „Weil das Gesetz, ohnmächtig durch das Fleisch, nichts vermochte, sandte Gott seinen Sohn“ (Röm 8,3). Die ersten Christen halfen durch ihr Lebensbeispiel dem Staat dazu, seine Gesetze zu ändern; wir Christen von heute dürfen nicht annehmen, dass das Gegenteil geschieht und der Staat mit seinen Gesetzen die Bräuche und das Leben der Menschen verändert.

3. Die Armen lieben, aufnehmen, evangelisieren

Das Erste, was wir für die Armen tun müssen, ist daher, unsere doppelte Glasscheibe einzuschlagen. Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit überwinden. Wir müssen, wie schon der Papst sagte, die Armen „bemerken“, eine gesunde Unruhe darüber verspüren, dass es sie unter uns gibt, oft gleich vor unserer Haustür. Man kann in drei Worten zusammenfassen, was wir konkret für sie tun müssen: lieben, aufnehmen, evangelisieren.

Die Armen lieben. Die Liebe zu den Armen ist einer der typischsten Züge der katholischen Heiligkeit. In Franz von Assisi kommt die Liebe zu den Armen, ausgehend von Christus, wie wir gesehen haben, vor der Liebe zur Armut; aus Liebe zu den Armen machte Franziskus sich arm. Für manche Heilige, zum Beispiel Vincenzo de’ Paoli, Mutter Teresa und zahllose andere, war die Liebe zu den Armen geradezu ihr Weg zur Heiligkeit, ihr Charisma.

Die Armen lieben bedeutet an erster Stelle, sie zu achten und ihre Würde anzuerkennen. Gerade weil ihnen andere Titel und Auszeichnungen fehlen, leuchtet in ihnen die Würde des Menschen in einem reineren und radikaleren Licht. In einer Weihnachtshomilie, die Kardinal Montini in Mailand hielt, sagte er: „Die ganzheitliche Vision des menschlichen Lebens im Licht Jesu Christi sieht in den Armen mehr als nur Bedürftige: Sie sieht in ihnen Brüder, die auf geheimnisvolle Weise mit einer Würde bekleidet sind, die uns zwingt, ihnen mit Ehrfurcht entgegenzutreten, sie mit Liebe aufzunehmen und ihnen ein Mitleid entgegenzubringen, das über ihre Verdienste hinausgeht.“ [viii]

Doch die Armen verdienen nicht nur unser Mitleid, sie verdienen auch unsere Bewunderung. Sie sind die wahren Meister der menschlichen Möglichkeiten. Jedes Jahr werden Pokale und goldene, silberne, bronzene Medaillen verteilt, um die Sieger sportlicher Leistungen zu ehren. Und das nur, weil sie es geschafft haben, ein Sekundenbruchteil schneller als andere die hundert, zweihundert oder vierhundert Meter mit oder ohne Hürden zu laufen, oder einen Zentimeter höher gesprungen sind als andere, oder weil sie einen Marathonlauf oder ein Wettrennen gewonnen haben.

Wenn wir aber betrachten, welche Sprünge, welche Ausdauer, welche Hürdenläufe die Armen der Welt manchmal bewältigen, und das nicht nur einmal, sondern oft ihr Leben lang, dann erscheinen uns die Leistungen der größten Sportler wie Kinderspiele. Was ist schon ein Marathonlauf, nur um ein Beispiel zu nennen, im Vergleich zur Leistung, die ein durchschnittlicher Rickscha-Läufer in Kalkutta erbringt, der während seines Lebens eine Strecke zurücklegt, die einem Vielfachen des Erdumfangs entspricht, und das mit einem oder zwei Passagieren im Schlepptau, in brütender Hitze, über kaputte Straßen, zwischen Löchern und Pfützen, im dichten Stadtverkehr?

Franz von Assisi hilft uns, einen noch stärkeren Grund zu entdecken, um die Armen zu lieben: die Tatsache, dass sie nicht nur „unseresgleichen“ und unsere „Nächsten“ sind, sondern unsere Brüder! Jesus hatte gesagt: „Nur einer ist euer Vater, der im Himmel; ihr alle aber seid Brüder“ (vgl. Mt 23,8-9), doch hatte man bis Franziskus dieses Wort so aufgefasst, dass es nur an die Apostel gerichtet sei. In der christlichen Tradition ist ein „Bruder“ im engeren Sinn ein Mensch, der denselben Glauben teilt und dieselbe Taufe erhalten hat.

Franziskus greift dieses Wort Jesu wieder auf und verleiht ihm eine universale Bedeutung, die sicher dieselbe ist, die auch Jesus im Sinn hatte. Franziskus hat wirklich „die ganze Welt verbrüdert“[ix]. Er nennt nicht nur seine Ordens- und Glaubensbrüder so, sondern auch die Aussätzigen, die Räuber, die Sarazenen; das heißt, Christen und Nichtchristen, Gute und Böse, vor allem aber: Arme. Und, was unerhört neu ist, er dehnt den Begriff „Bruder“ oder „Schwester“ sogar auf die unbelebten Geschöpfe aus: Sonne, Mond, Erde, Wasser, sogar auf den Tod. Das ist natürlich eher Poesie als Theologie. Der Heilige weiß sehr wohl, dass zwischen ihnen und den Menschen, die als Gottes Abbilder geschaffen wurden, derselbe Unterschied besteht, wie zwischen dem Sohn eines Künstlers und seinen Werken. Aber es ist halt so, dass der Sinn einer weltumspannenden Brüderlichkeit, der Franziskus erfüllt, einfach keine Grenzen kennt.

Dieses Thema der Brüderlichkeit ist der spezielle Beitrag, den der christliche Glaube zur Sicherung des Weltfriedens und zur Bekämpfung der Armut geben kann, wie auch das Motto des nächsten Weltfriedentags besagt: „Brüderlichkeit: Fundament und Weg zum Frieden“. Wenn man es recht bedenkt, handelt es sich hier um das einzige Fundament, das echt und nicht sinnentleert ist. Welchen Sinn hätte es, von Frieden und menschlicher Solidarität zu sprechen, wenn man von einem rein materialistischen Weltbild ausginge, das als einzige in der Welt wirkende Kräfte „den Zufall und die Notwendigkeit“ kennt? Wenn man in anderen Worten eine philosophische Weltanschauung hätte, wie Nietzsche sie hatte, der alles Weltgeschehen als Willen zur Macht und jeden Versuch, sich dem zu widersetzen, als Ressentiment der Schwachen gegen die Starken auffasste? Zu Recht ist gesagt worden: „Wenn das Seiende nur Chaos und Gewalt ist, bleibt jede Handlung, die nach Frieden und Gerechtigkeit strebt, ohne Fundament.“[x] Es gäbe keinen hinreichenden Grund mehr, den uneingeschränkten Freiheitskult und die „Ungleichheit“ zu bekämpfen, die der Papst in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ beklagt.

Der Pflicht, die Armen zu lieben, folgt die Pflicht, sie aufnehmen. Hier hilft uns der heilige Jakobus weiter. Was nützt es, schreibt er, Mitleid zu haben mit einem Bruder oder einer Schwester, denen Kleidung und tägliches Brot fehlen, und ihnen zu sagen: „Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!“, wenn man ihnen nicht auch gibt, was sie brauchen, um sich aufzuwärmen und satt zu werden? Das Mitleid, genau wie der Glaube, ist ohne Werke ein totes Ding (vgl. Jak 2,15-17). Jesus wird im Weltgericht nicht sagen: „Ich war nackt und ihr habt mich bemitleidet“, sondern „Ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben.“ Angesichts der Armut in der Welt darf man nicht Gott beschuldigen, sondern nur uns selbst. Eines Tages sah ein Mann ein Kind, das vor Kälte zitterte und vor Hunger weinte; da spürte er Zorn in sich aufsteigen und rief: „O Gott, wo bist du? Warum tust du nicht etwas für dieses unschuldige Kind?“ Da antwortete ihm eine innere Stimme: „Natürlich tue ich was. Ich habe dich geschickt.“ Da verstand er sofort.

Doch heute ist ein einfaches Almosen nicht mehr genug. Das Problem der Armut ist ein weltumspannendes Problem geworden. Wenn die Kirchenväter von den Armen sprachen, dachten sie dabei an die Armen ihrer Stadt oder eventuell noch an die der Nachbarstadt. Etwas anderes kannten sie nicht, oder sie hatten nur einen sehr vagen Begriff davon, und auch wenn sie davon gewusst hätten, wäre es mit den Mitteln ihrer Zeit kaum möglich gewesen, in fernen Ländern Hilfe zu leisten. Heute wissen wir, dass diese Hilfe im kleinen Maßstab nicht mehr genug ist, was natürlich nicht bedeuten soll, dass wir nicht trotzdem auch auf der individuellen Ebene tun müssen, was in unserer Macht liegt.

Das Beispiel zahlreicher Männer und Frauen unserer Zeit zeigt uns, dass es viele Möglichkeiten gibt, wie wir den Armen helfen können, jeder nach seinen Mitteln. Indem er in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelica Testificatio“ vom „Ruf der Armen“ sprach, richtete Paul VI. besonders an uns Ordensleute die Worte: „Dieser Ruf führt einige unter euch dazu, die Armen in ihrer Stellung einzuholen und mit ihnen ihre Not zu teilen. Andererseits führt er nicht wenige von euch dazu, die Werke ihrer Institute den Armen als Hilfestellung zur Verfügung zu stellen.“ [xi]

Die ungerechte und schändliche Kluft zu schließen oder wenigstens zu verringern, die zwischen den Armen und den Reichen dieser Welt klafft, ist die dringendste und zugleich größte Aufgabe, die das vor kurzem beendete Jahrtausend dem neuen Jahrtausend, in das wir eingetreten sind, überreicht hat. Wir wollen hoffen, dass es nicht auch zum Haupterbe wird, das dieses Jahrtausend dem nächsten hinterlässt.

Und schließlich: die Armen evangelisieren. Das ist die Mission, die Jesus als seine Hauptaufgabe beschreibt: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe“ (Lk 4,18) und die er den Jüngern des Täufers als Zeichen dafür nannte, dass das Reich Gottes gekommen war: „den Armen wird das Evangelium verkündet“ (Mt 11,5). Wir dürfen nicht zulassen, dass unser schlechtes Gewissen uns dazu bringt, die große Ungerechtigkeit zu begehen, die frohe Botschaft jenen vorzuenthalten, an die sie in erster Linie gerichtet ist, womöglich, indem wir uns zu unserer Entschuldigung auf das alte Sprichwort berufen, dass „ein hungriger Bauch keine Ohren“ hat.

Jesus vermehrte das Brot und teilte gleichzeitig das Wort aus; manchmal verteilte er zuerst das Wort und dachte dann auch noch ans Brot. Der Arme lebt nicht nur von Brot, sondern auch von Hoffnung und von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Die Armen haben ein heiliges Recht darauf, das Evangelium in seiner Gesamtheit zu vernehmen, nicht in einer gekürzten oder gar polemischen Ausgabe; jenes Evangelium, das von der Liebe zu den Armen, nicht aber vom Hass auf die Reichen spricht.

4. Freude im Himmel und Freude auf Erden

Wir wollen diese Predigt in einem anderen Ton beenden. Für den heiligen Franz von Assisi war Weihnachten nicht nur eine Gelegenheit, die Armut Christi zu beweinen; es war auch das Fest, das die Macht besaß, alle Freude zum Ausbruch zu bringen, derer sein Herz fähig war, und das war wirklich viel. Zu Weihnachten brachte ihn die Freude buchstäblich an den Rand des Wahnsinns.

„Er wollte, dass an diesem Tag die Armen und die Bettler von den Reichen gespeist wurden, dass alle Ochsen und Esel eine Extraportion Heu erhielten, die üppiger sein musste, als sonst. Wenn ich mit dem Kaiser sprechen könnte, sagte er, dann würde ich ihn bitten, ein Gesetz zu erlassen, wonach alle, die die Möglichkeit dazu haben, Korn auf den Straßen ausstreuen sollen, damit an einem so hohen Feiertag die Vöglein und besonders unsere Schwestern, die Lerchen, im Überfluss leben können.“ [xii]

Er wurde, wie jene Kinder, die mit staunenden Augen vor der Krippe stehen. Während der Weihnachtsmesse in Greccio, erzählt sein Biograph, hob er die Stimme jedes Mal, wenn er „Betlehem“ sagte, so sehr an, das sie zitterte; und so klang es wie das Blöken eines Schafes. Und immer, wenn er „das Kind von Betlehem“ oder „Jesus“ sagte, fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen, als wolle er die Süße dieser Worte schmecken und festhalten.

Es gibt ein Weihnachtslied, das die Gefühle des heiligen Franz vor der Krippe besonders gut darstellt, und das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass dieses Lied ebenfalls von einem Heiligen geschrieben wurde, dem heiligen Alfonso Maria de’ Liguori. Wenn wir dieses Lied in den Weihnachtstagen hören, wollen wir uns von seiner einfachen und klaren Botschaft rühren lassen:

Du steigst herab von Sternen, o König der himmlischen Macht,

und wirst in einer dumpfen Grotte zur Welt gebracht…

Dir, der die Welt erschaffen und gemacht,

fehlt es an Kleid und Feuer in dieser Nacht.

Du Auserwählter, du Gequälter,

wie deine Not das Herz mir macht so warm!
Denn die Liebe, die Liebe machte dich arm.

Heiliger Vater, ehrwürdige Patres, Brüder und Schwestern! Frohe Weihnachten!

(Übersetzt von Alexander Wagensommer, ZENIT)

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FUSSNOTEN

[i] Thomas von Celano, Erste Lebensbeschreibung, 84-86 (Franziskanische Quellen, 468-470).

[ii] Ebd. 30, (FF 467).

[iii] Thomas von Celano, Zweite Lebensbeschreibung, 151 (FF 788).

[iv] H. Thode, Franz von Assisi und die Anfänge der Kunst der Renaissance in Italien, Berlin 1885.

[v] J. Guitton, zit. in R. Gil, Presencia de los pobres en el concilio, in “Proyección” 48, 1966, S. 30.

[vi] Hl. Leo der Große, Discorso 2 sull’Ascensione, 2 (PL 54, 398).

[vii] In AAS 54, 1962, S. 682.

[viii] Vgl. Il Gesú di Paolo VI, a cura di  V. Levi, Milano 1985, S. 61.

[ix] P. Damien Vorreux, Saint François d’Assise, Documents, Paris 1968, S. 36.

[x] V. Mancuso, in La Repubblica, Venerdì 4 Ottobre 2013.

[xi] Paul VI., Evangelica Testificatio, 18 (Ench. Vatic., 4, S. 651).

[xii] Thomas von Celano, Zweite Lebensbeschreibung,  151 (FF  787-788).