Das neue Dokument der Glaubenskongregation in den Augen des russisch-orthodoxen Bischof von Wien

„Das Streben nach Einheit sollte für beide Kirchen den gleichen Stellenwert haben“

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WIEN, 11. Juli 2007 (ZENIT.org).- „Der Bruch der eucharistischen Gemeinschaft zwischen Ost und West ist eine Tragödie, die uns gemeinsam ist; sie zieht sowohl die katholische als auch die orthodoxen Kirchen in Mitleidenschaft“, erklärt der russisch-orthodoxe Bischof von Wien und Österreich, Hilarion Alfeyev, in einem ZENIT-Beitrag zum Dokument „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ der Kongregation für die Glaubenslehre.



Bischof Hilarion ist Repräsentant der russisch-orthodoxen Kirche bei den Europäischen Institutionen in Brüssel und hat sich wiederholt für eine „Allianz“ der Kirchen zur Förderung der christlichen Werte ausgesprochen.

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Die „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“, die von den Büros der Kongregation für die Glaubenslehre am 29. Juni 2007 erstellt [und am 10. Juli veröffentlicht, Anm. d. Red.] wurden, legen die Auffassung des katholischen Lehramts von den Kirchen und religiösen Gemeinschaften dar, die sich nicht in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom befinden. Meiner Meinung nach erbringen sie nichts Neues, verglichen mit ähnlichen, früher veröffentlichten Dokumenten wie zum Beispiel Dominus Iesus.

Das Dokument basiert auf dem Glauben, dass die Kirche Christi eins ist und dass sie in der katholischen Kirche subsistiert. Das Wort „subsistiert“ wird dem Dokument zufolge „nur der katholischen Kirche allein zugeschrieben, denn es bezieht sich auf das Merkmal der Einheit, das wir in den Glaubensbekenntnissen bekennen“.

Die Unterscheidung zwischen „subsistiert“ und „ist gegenwärtig und wirksam“ ist wahrscheinlich aus lateinischer, theologischer Sicht von großer Bedeutung, hat jedoch in den Augen eines orthodoxen Theologen nicht viel Sinn. Für uns bedeutet „subsistieren“ eben „gegenwärtig und wirksam sein“, und wir glauben, dass die Kirche Christi in der orthodoxen Kirche subsistiert und gegenwärtig und wirksam ist.

Bezüglich der orthodoxen Kirchen erklärt das Dokument, dass „diese Kirchen trotz ihrer Trennung [von Rom] wahre Sakramente besitzen, und zwar vor allem kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie“. Somit werden die apostolische Sukzession und die Sakramente als wesentliche Kennzeichen der Kirche angegeben.

Die Orthodoxen glauben ebenfalls, dass die apostolische Sukzession und die Sakramente wesentliche Kennzeichen der Kirche sind. Deshalb werden die Orthodoxen dem zustimmen, dass jene kirchlichen Gemeinschaften, die über keine apostolische Sukzession verfügen und die das ursprüngliche Verständnis der Eucharistie und der anderen Sakramente nicht beibehalten haben, nicht „Kirchen“ im eigentlichen Sinne genannt werden können.

Die Spaltung zwischen Orthodoxen und Protestanten geht daher viel tiefer und sie ist viel grundlegender als die Spaltung zwischen Orthodoxen und Katholiken.

Gemäß dem Dokument ist „die Gemeinschaft mit der katholischen Kirche, deren sichtbares Haupt der Bischof von Rom und Nachfolger des Petrus ist, nicht eine bloß äußere Zutat zur Teilkirche..., sondern eines ihrer inneren Wesenselemente“. Daher leidet „das Teilkirchesein“ der orthodoxen Kirchen, da sie sich nicht in Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom befinden, „unter einem Mangel“.

Wir, die Orthodoxen, glauben, dass die römisch-katholische Kirche „unter einem Mangel“ leidet, weil sie sich nicht in Kommunion mit den Teilkirchen befindet. Die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit der orthodoxen Kirche muss für die katholische Kirche genauso wichtig sein wie für die orthodoxe Kirche die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit der Kirche von Rom.

Die orthodoxe Kirche erkennt den Bischof von Rom nicht als „Pontifex maximus“ der Weltkirche an. Im Fall einer Wiederherstellung der eucharistischen Gemeinschaft wird die orthodoxe Kirche den Bischof von Rom als den ersten unter gleichen („primus inter pares“) in der Familie der Primate der Ortskirchen anerkennen. Die Vorrangstellung des Bischofs von Rom ist für die Orthodoxen eine Vorrangstellung der Ehre und nicht der Jurisdiktion.

Der Bruch der eucharistischen Gemeinschaft zwischen Ost und West ist eine Tragödie, die uns gemeinsam ist; sie zieht sowohl die katholische als auch die orthodoxen Kirchen in Mitleidenschaft. Das Streben nach Einheit sollte für beide Kirchen den gleichen Stellenwert haben.

[ZENIT-Übersetzung des englischen Originals]