Das neue iPhone 5 von Apple: Förderung einer technologischen Klassengesellschaft?

Italienische Bischofskonferenz warnt vor neuer sozialer Ungleichheit durch Prestigeobjekte der Kommunikationstechnologie

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Von Tanja Schultz

ROM, 20. September 2012 (ZENIT.org). - Apple ist unbestritten Trendsetter in der Kommunikationstechnologie. Es vergeht kein Jahr, in dem der ‚angebissene Apfel’ nicht irgendeine Neuheit auf den Markt lanciert, die als große Revolution gefeiert wird, als entscheidender Fortschritt in der Geschichte der Menschheit. Die dem neuen Produkt vorangestellte raffinierte Werbestrategie verbreitet den Glauben, dass man nur mit den neuesten Geräten in der Welt des Social Network Schritt halten kann. Wer teilhaben will an den neuen Kommunikationsformen, „muss“ das jüngst entwickelte Smartphone oder Tablet besitzen. Es handelt sich nicht nur um ein äußeres Elite-Abzeichen wie bei bestimmten Textil- und Automarken. Dem stolzen Käufer der neuesten Apple-Gadgets wird suggeriert, direkt Protagonist des aktuellen Evolutionsprozesses zu sein. Und wer möchte schon am Rande der menschlichen Evolution zurückbleiben?

Zum Nachdenken über den Sinn und die soziale Auswirkungen dieser technologischen Prestigeobjekte ruft nun die italienische Bischofskonferenz auf. In ihrer Tageszeitung Avvenire (15. September) lassen sie die Kommunikationswissenschaftlerin Chiara Giaccardi von der katholischen Universität in Mailand zu Wort kommen. Unmittelbaren Anlass zu dem Aufruf gab die Ankündigung des iPhone 5 in den italienischen Verkaufsregalen für den 28. September. Obwohl es auch in den USA schon heute im Handel erhältlich sein wird, hat es weltweit einen Nachfrageboom ausgelöst hat, der alle bisherigen Rekorde zu brechen scheint. Allein in den ersten 24 Stunden sind zwei Millionen Vorbestellungen bei Apple eingegangen, doppelt so viele bei dem letzten Modell.

„Nach den jüngsten Studien in den USA scheinen die Jagd nach dem letzten Modell und die symbolische Vorherrschaft von Apple eine neue soziale Kluft und eine Art technologischen Rassismus zu bewirken, der diejenigen diskriminiert, die nicht dabei sind: Wer sich kein iPhone (ca. 700 Euro) leisten kann und auf billigere Geräte ausweichen muss, leidet häufig unter dem Gefühl sozialer Unterlegenheit.“

Die Professorin, selbst eifrige Benutzerin von Apple Hightech, warnt darüber hinaus vor einer „Verherrlichung“ der Technologie und vor einem unkritischen Konsumverhalten. Das Netz sei die letzten Tage regelrecht überschwemmt worden mit post, tweet und Artikeln, die Hymnen singen auf das neue Smartphone. Nicht nur Apple-Fans hätten in ihren Blogs unbezahlte Werbung für den Marktführer gemacht. Auch die Journalisten seien durch die unreflektierte Übernahme der von Apple kreierten Werbesprache in Form und Inhalt zu unfreiwilligen Marketing-Personen mutiert. Der Pluralismus der Medien hätte angesichts der geschickten Werbepsychologie des Unternehmens komplett versagt.

Interessant ist, dass das im Vorfeld des eigentlichen Verkaufs geschieht. Schließlich ist das Produkt noch gar nicht im Handel. Die Neuheiten werden gepriesen wie ein revolutionärer Fortschritt: In der offiziellen Präsentation wird das iPhone 5 als „das größte Ereignis in der Geschichte des iPhone“ gefeiert. Beim genaueren Hinschauen scheinen die Unterschiede zu dem Vorgängermodell iPhone 4s vom letzten Jahr (2011!) weniger epochemachend. Als wesentlicher Vorteil wird „das um 18 Prozent dünnere und um 20 Prozent leichtere Design“ hervorgehoben. Giaccardi fragt sich, ob die paar reduzierten Gramm und Millimeter den Begeisterungssturm im Web tatsächlich rechtfertigen. Das leisten ihrer Meinung auch nicht das größere Display (4“retina display statt 3,5“) oder die zusätzliche Möglichkeit Panoramafotos schießen zu können. Als besonderer Vorteil wird des weiteren der leistungsfähigere Prozessor gelobt, mit dem man nun „noch schneller surfen, laden und streamen“ könne.

Aber gerade in dem Streben nach immer größerer Schnelligkeit sieht die Kommunikationswissenschaftlerin die Gefahr einer großen Illusion und schließt eine anthropologische Betrachtung an: „Das neue iPhone gibt vor, den prometheischen Traum zu realisieren, die Wirklichkeit mithilfe der Technologie kontrollieren zu können. In einer Welt, deren Hauptströmung dazu tendiert, die Religion im Namen der Vernunft abzulehnen, lassen paradoxerweise gerade diese Geräte das Vertrauen an die Magie neu entflammen. Wie der Zauberstab (touch, Verlängerung des menschlichen Arms) blitzschnell Erscheinungen, Verwandlungen oder Eliminierungen bewirken konnte, so nun das Smartphone, die allgegenwärtige und stets funktionierende Prothese, die, immer leichter und handlicher, ja geradezu unsichtbar, den Abstand zwischen Wunsch und Realisierung zu löschen vermag.“

Dabei streitet Giaccardi die technischen Vorzüge des neuen Verkaufsknüllers nicht grundsätzlich ab, wenn sie auch in der Werbung aufgebauscht würden. Ihr geht es darum, dass die Heranwachsenden und die städtische Arbeitswelt, die wichtigsten Apple-Kunden, sich vor dem teuren Kauf hinterfragen, ob sie die neue Technologie wirklich brauchen und ausschöpfen oder sich einfach nur von einem Trend konditionieren lassen.