„Das Ohr am Herzen Gottes, die Hand am Pulsschlag der Zeit“: 180 Nachbildungen der Gnadenkapelle der Schönstatt-Bewegung weltweit

Interview mit dem Postulator für den Seligsprechungsprozess des Gründers

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ROM, 12. Februar 2007 (ZENIT.org).- Die Internationale Schönstatt-Bewegung verfügt heute weltweit über 180 Kapellen, die die „Geografie des Glaubens“ der Kirche bereichern, erklärte Pater Ángel Lorenzo Strada, Vizegeneral der Schönstatt-Patres und Postulator im Seligsprechungsprozess für den Gründer, Pater Josef Kentenich (1885-1968), im Gespräch mit ZENIT.



In allen Fällen handle es sich um Nachbildungen des Original-Heiligtums in Deutschland, dem Ursprungsort der apostolischen Bewegung.

Pater Ángel Lorenzo Strada (* 1939, Córdoba, Argentinien) lebt seit 1984 in Deutschland. Im Seligsprechungsprozess des Gründers soll laut Pater Strada bald die diözesane Etappe in Trier zu ihrem Abschluss kommen, an die sich dann die römische Phase anschließen werde. Die Anzahl der nicht veröffentlichten Schriften Pater Kentenichs, die von Gutachtern und Experten gesammelt worden seien, betrage rund 25.000.

Pater Strada sprach mit ZENIT über die marianische Dimension der Bewegung und der Neuaufbrüche in der Kirche.

ZENIT: Was motivierte Pater Kentenich zur Gründung der Schönstatt-Bewegung?

--P. Strada: Schon in seiner frühen Jugend hat Pater Kentenich wahrgenommen, dass der christliche Glaube vor neuen, großen Herausforderungen steht, die sich durch die moderne Welt, die Entwicklung von Wissenschaft und Technik, einen wachsenden Pluralismus und die fortschreitende Säkularisierung ergeben. 1910 zum Priester geweiht, regt er die seiner geistlichen Führung anvertrauten Jugendlichen an, sich selbst zu erziehen, in Freiheit und aus eigener Initiative ihre originelle Persönlichkeit zu entfalten und sich aktiv am Aufbau der Gemeinschaft miteinander zu beteiligen.

Wenige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, am 18. Oktober 1914, schlägt er ihnen vor, die Gottesmutter zu bitten, sie möge sich in der kleinen Kapelle, wo sie sich versammeln, niederlassen, dort als Erzieherin wirken und ihre Gnaden schenken. Die Jugendlichen sollen dabei mitwirken durch ein intensives Gebetsleben und durch die Heiligung ihres Alltags. Darin besteht der Gründungsvorgang der Schönstatt-Bewegung. Jahre später wird man ihn als „Liebesbündnis“ mit Maria bezeichnen, das den Kern der Spiritualität Schönstatts bildet.

„Das Ohr am Herzen Gottes, die Hand am Pulsschlag der Zeit“ – diese Grundhaltung war und blieb charakteristisch für Pater Kentenich bis zu seinem Tod im September 1968. Mit ganzer Kraft setzte er sich ein für die Erziehung eines „neuen Menschen in einer neuen Gemeinschaft“, der fähig ist, die frohe Botschaft des Evangeliums zu verkörpern und inmitten einer Zeit des großen Umbruchs zu verkünden, den Kirche und Welt erleben.

ZENIT: In welcher Phase befindet sich der Seligsprechungsprozess?

--P. Strada: Der Prozess wurde im Februar 1975 in der Diözese Trier eröffnet. Viele Zeugnisse für den Ruf der Heiligkeit sind seither gesammelt worden. Tausende von Menschen aus 87 Ländern aller fünf Kontinente haben zum Ausdruck gebracht, dass sie auf die Fürsprache Pater Kentenichs vertrauen und sich am Vorbild seines Lebens orientieren. Rund 150 Zeugen haben vor dem kirchlichen Gericht ausgesagt. Die zahlreichen veröffentlichten Schriften sind bereits geprüft worden. Von mehr als 110 zivilen und kirchlichen Archiven wurden Akten eingeholt.

Eine Kommission von Kirchenhistorikern und Archivaren hat sich damit befasst, die rund 25.000 nicht veröffentlichten Schriftstücke zu sammeln, zu ordnen und auszuwerten. Wenn der Abschlussbericht dieser Kommission vorliegt, was in den nächsten Monaten erwartet wird, fehlen nur wenige Schritte bis zum Abschluss der diözesanen Etappe des Seligsprechungsprozesses.

Es folgt dann die entscheidende Etappe in Rom. Wann sie enden wird, kann man unmöglich voraussagen. Unter anderem auch deshalb nicht, weil für eine Seligsprechung ein Wunder vorliegen muss. Und niemand kann ein Wunder „planen“, es kann nur erbeten werden.

ZENIT: Warum werden Nachbildungen der Original-Kapelle von Schönstatt überall dort gebaut, wo die Bewegung existiert? Steht diese Praxis nicht im Gegensatz zu einer Inkulturation des Glaubens in die jeweilige Kultur eines Landes?

--P. Strada: Die erste Nachbildung der Gnadenkapelle wurde im Oktober 1943 erbaut, und zwar in Nueva Helvecia, einer kleinen Stadt in Uruguay. Pater Kentenich befand sich zu dieser Zeit als Gefangener im Konzentrationslager Dachau und wurde später darüber informiert. Im Kontakt mit den Gefangenen anderer Nationen, die sich für Schönstatt interessierten, war er auf dieselbe Frage gestoßen wie diejenigen, die beim Bau der Kapelle in Uruguay die Initiative ergriffen hatten: Wenn die Kapelle die Gnadenquelle und das geistliche Zentrum der Bewegung ist, wie können dann Menschen anderer Nationen mit einem Ort verbunden sein, der nur auf deutschem Boden existiert? Die Vervielfältigung der kleinen Kapelle erschien als eine unumgängliche Notwendigkeit. Die architektonisch getreue Nachbildung geschah spontan, und Pater Kentenich erkannte darin den Willen Gottes.

Heute bereichern etwa 180 solcher Schönstatt-Kapellen die „Geografie des Glaubens“ in der katholischen Kirche auf den verschiedenen Kontinenten. Tatsächlich ist es so, dass jede Bewegung oder Gruppierung klare Zeichen ihrer Identität braucht und hervorbringt.

Schönstatt braucht sie noch mehr als andere, wegen der Vielfalt der Mitglieder und der unterschiedlichen Arten der Zugehörigkeit. Ebenso, weil es sich um eine internationale Bewegung handelt, die dennoch keine zentrale Leitung hat. Das schließt wiederum vielfältigere Möglichkeiten der Inkulturation auf anderen Ebenen ein.

ZENIT: Die Schönstatt-Bewegung ist sehr stark mit der Jungfrau Maria verbunden. Wo liegen die Gründe dafür, dass die neuen Bewegungen der Gottesmutter Maria besondere Aufmerksamkeit schenken?

-- P. Strada: Bei der Vielfalt der Charismen und Spiritualitäten der neuen kirchlichen Bewegungen beeindruckt tatsächlich, dass Maria eine Art gemeinsamen Nenner darstellt. Bei dem Dienst, den sie für die Evangelisierung des neuen Jahrtausends übernehmen wollen, steht Maria für ein ganzes Programm.

Wie es scheint, hat der Heilige Geist im 20. Jahrhundert vielen Gründern und Gründerinnen eine ähnliche Inspiration geschenkt: Maria darf nicht fehlen in einer Kirche, die dazu berufen ist, noch mehr Familie zu sein, einladendes Zuhause für die Menschen, eine Kirche, die die Frau und ihren Beitrag in der Kultur der Völker fördert, die das Leben und die Würde jedes Menschen schützt und sich als Anwältin der Armen und Bedürftigen zeigt. Wenn der Erlöser in der Fülle der Zeit durch Maria Fleisch angenommen hat, dann brauchen wir sie ebenso in dieser neuesten Zeit der Menschheitsgeschichte, damit sie uns erneut den „Gott-mit-uns“ schenkt.

Diese Realität leuchtete in Lehre und Leben von Johannes Paul II. auf. Dasselbe gilt für Papst Benedikt XVI. Natürlich kann sich die besondere Hinwendung zur Gottesmutter nicht auf fromme Übungen, Andachten oder außergewöhnliche Phänomene beschränken. Eine authentische marianische Spiritualität muss, so die Überzeugung Pater Kentenichs, hinführen zu einer tiefen christologischen und trinitarischen Spiritualität, zu ernstem Streben nach Heiligkeit und großmütigem Einsatz für die Sendung der Kirche im Dienst des Evangeliums.