Das Prinzip Liebe: Predigt Benedikts XVI. am Palmsonntag

Wenn wir loslassen, wird unser Leben weit und groß

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ROM, 6. April 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. gestern, am Palmsonntag, während der heiligen Messe auf dem Petersplatz gehalten hat.

Zum Auftakt der Karwoche verwies der Heilige Vater auf das „Prinzip Liebe“, das das menschliche Leben bestimme und im Letzten mit dem Geheimnis von Tod und Auferstehung ident sei, dem man in Christus begegne.

„Wer sein Leben für sich haben möchte, nur sich selber leben, alles an sich ziehen und ausschöpfen, was es gibt – gerade der verliert das Leben. Es wird öde und leer. Nur im Loslassen seiner selbst, nur in der Freigabe des Ich für das Du, nur im Ja zum größeren Leben Gottes wird auch unser Leben weit und groß. So ist dieses Grundprinzip, das der Herr aufstellt, letztlich einfach identisch mit dem Prinzip Liebe.“

 

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Liebe Brüder und Schwestern, liebe junge Freunde!

Mit einer wachsenden Schar von Pilgern war Jesus zum Osterfest hinaufgestiegen nach Jerusalem. Auf dem letzten Wegstück, bei Jericho, hatte er den blinden Bartimäus geheilt, der ihn als Davidssohn um Erbarmen angerufen hatte. Nun reihte er sich – sehend geworden – dankbar in die Pilgergruppe mit ein. Als Jesus an den Toren Jerusalems einen Esel, das Symboltier des davidischen Königtums besteigt, bricht in den Pilgernden spontan die freudige Gewißheit auf: Er ist es, der Sohn Davids. Sie grüßen Jesus mit dem messianischen Jubelruf: „Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn“, und sie fügen hinzu: „Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt. Hosanna in der Höhe“ (Mk 11, 9f). Was sich die begeisterten Pilger unter dem nun kommenden Reich Davids näherhin vorstellten, wissen wir nicht. Aber haben wir eigentlich die Botschaft Jesu, des Davidssohns verstanden? Haben wir begriffen, was sein Reich ist, von dem er im Verhör bei Pilatus gesprochen hat? Verstehen wir, was das heißt, dies Reich sei nicht von dieser Welt? Oder möchten wir nicht doch, daß es von dieser Welt sei?

Der heilige Johannes hat in seinem Evangelium an die Geschichte vom Einzug in Jerusalem eine Reihe von Jesusworten angeschlossen, in denen er das Wesentliche dieser neuen Art von Reich deutet. Beim ersten Lesen dieser Texte können wir drei verschiedene Bilder des Reichs unterscheiden, in denen sich in je verschiedener Weise das gleiche Geheimnis spiegelt. Da erzählt Johannes zunächst, daß zu den Pilgern, die beim Fest „Gott anbeten wollten“, auch einige Griechen gehörten (vgl.12, 20). Beachten wir, daß das eigentliche Ziel dieser Pilger war, Gott anzubeten. Das entspricht genau dem, was Jesus bei der Tempelreinigung sagt: „Mein Haus soll ein Gebetshaus für alle Völker genannt werden“ (Mk 11, 17). Das eigentliche Ziel der Pilgerschaft muß es sein, Gott zu begegnen; ihn anzubeten und so die Grundbeziehung unseres Lebens in die rechte Ordnung zu bringen. Diese Griechen sind Menschen, die nach Gott Ausschau halten, mit ihrem Leben zu Gott unterwegs sind. Nun lassen sie durch zwei griechischsprechende Apostel, über Philippus und Andreas, den Herrn wissen: „Wir möchten Jesus sehen“ (Joh 12, 21). Ein großes Wort. Liebe Freunde, dazu sind wir hier zusammengekommen: Wir möchten Jesus sehen. Dazu sind viele Tausende junger Menschen im vergangenen Jahr nach Sydney gepilgert. Gewiß, vielerlei mögen sie sich von dieser Pilgerfahrt erwartet haben. Aber das eigentliche Ziel war doch dieses: Wir möchten Jesus sehen.

Was hat nun Jesus in jener Stunde, auf diese Bitte hin, gesagt und getan? Aus dem Evangelium geht nicht klar hervor, ob es zu einer Begegnung zwischen diesen Griechen und Jesus gekommen ist. Der Blick Jesu reicht viel weiter. Der Kern seiner Antwort auf die Bitte dieser Menschen lautet: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht“ (12, 24). Das bedeutet: Es kommt nicht jetzt auf ein mehr oder weniger zufälliges und kurzes Gespräch mit einigen Wenigen an, die dann wieder heimkehren. Als gestorbenes und auferstandenes Weizenkorn werde ich ganz neu über die Grenze des Augenblicks hinaus zur Welt der Griechen kommen. Durch die Auferstehung überschreitet Jesus die Grenzen von Raum und Zeit. Als Auferstandener ist er auf dem Weg in die Weite der Welt und der Geschichte. Ja, als Auferstandener kommt er zu den Griechen und spricht mit ihnen, zeigt sich ihnen, so daß sie, die Fernen, nahe werden und gerade in ihrer Sprache, in ihrer Kultur sein Wort neu weitergeführt, neu verstanden wird – sein Reich kommt. Zwei wesentliche Merkmale dieses Reiches können wir so erkennen. Zum einen geht dieses Reich durch das Kreuz hindurch. Weil er sich ganz gibt, kann er als Auferstandener allen gehören und allen gegenwärtig werden. In der heiligen Eucharistie empfangen wir die Frucht des gestorbenen Weizenkorns, die Brotvermehrung, die bis ans Ende der Welt und aller Zeiten reicht. Die zweite Erkenntnis lautet: Sein Reich ist universal. Die alte Hoffnung Israels erfüllt sich: Dieses Königtum Davids kennt keine Grenzen mehr. Es reicht „von Meer zu Meer“, wie der Prophet Sacharja sagt (9, 10), das heißt es umspannt die ganze Welt. Aber das ist nur möglich, weil es kein Königtum politischer Macht ist, sondern einzig und allein auf der freien Zustimmung der Liebe beruht, die wiederum auf die Liebe Jesu Christi antwortet, der sich für alle gegeben hat. Mir scheint, beides müssen wir immer neu erlernen – zunächst die Universalität, die Katholizität. Sie bedeutet, daß keiner sich und seine Kultur, seine Zeit und seine Welt absolut setzt. Dies verlangt, daß wir alle einander annehmen und auf Eigenes verzichten. Universalität schließt das Geheimnis des Kreuzes ein – die Selbstüberschreitung, den Gehorsam zum gemeinsamen Wort Christi in der gemeinsamen Kirche. Universalität ist immer Selbstüberschreitung, Verzicht auf das Eigene. Universalität und Kreuz gehören zusammen. Nur so wird Friede.

Das Wort vom gestorbenen Weizenkorn gehört noch zur Antwort Jesu an die Griechen, es ist seine Antwort. Dann aber formuliert er noch einmal das Grundgesetz menschlicher Existenz: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringschätzt, wird es bewahren bis ins ewige Leben hinein“ (Joh 12, 25). Das heißt: Wer sein Leben für sich haben möchte, nur sich selber leben, alles an sich ziehen und ausschöpfen, was es gibt – gerade der verliert das Leben. Es wird öde und leer. Nur im Loslassen seiner selbst, nur in der Freigabe des Ich für das Du, nur im Ja zum größeren Leben Gottes wird auch unser Leben weit und groß. So ist dieses Grundprinzip, das der Herr aufstellt, letztlich einfach identisch mit dem Prinzip Liebe. Denn Liebe heißt sich loslassen, sich geben, nicht sich selber wollen, sondern frei werden von sich: nicht auf sich selber zurückschauen – was aus mir wird –, sondern vorwärts schauen, auf den anderen – auf Gott hin und auf die Menschen, die er mir schickt. Und dieses Prinzip Liebe, das den Weg des Menschen definiert, ist wiederum identisch mit dem Mysterium des Kreuzes, mit dem Geheimnis von Tod und Auferstehung, dem wir in Christus begegnen. Liebe Freunde – es ist wohl verhältnismäßig leicht, dies als große Grundvision des Lebens zu bejahen. Aber es geht in der Wirklichkeit gerade darum, daß wir nicht ein Prinzip anerkennen, sondern daß wir seine Wahrheit, die Wahrheit von Kreuz und Auferstehung leben. Dazu wiederum reicht nicht ein einmaliger großer Entscheid. Es ist freilich wichtig, wesentlich, einmal den großen Grundentscheid zu wagen, das große Ja zu wagen, das der Herr in einem Augenblick unseres Lebens von uns erfragt. Aber das große Ja des entscheidenden Augenblicks in unserem Leben – das Ja zu der Wahrheit, die der Herr vor uns hinstellt – muß dann auch täglich neu eingeholt werden in den Situationen des Alltags, in denen wir immer wieder neu uns loslassen, uns freigeben müssen, wo wir eigentlich an uns festhalten möchten. Zum rechten Leben gehört das Opfer, gehört Verzicht. Wer ein Leben ohne diese immer neue Freigabe unserer selbst verspricht, der betrügt den Menschen. Geglücktes Leben ohne Opfer gibt es nicht. Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue, dann muß ich sagen, daß gerade die Augenblicke, in denen ich ja gesagt habe zu einem Verzicht, die großen und wichtigen Augenblicke meines Lebens waren.

Schließlich hat der heilige Johannes in seine Komposition der Palmsonntagsworte des Herrn auch eine abgewandelte Form von Jesu Ölberggebet aufgenommen. Da steht zuerst das Wort: „Meine Seele ist erschüttert“ (12, 27). Hier erscheint das ausführlich von den drei anderen Evangelisten geschilderte Erschrecken Jesu vor der Macht des Todes, vor dem ganzen Abgrund des Bösen, den er sieht, in den er hinabsteigen soll. Der Herr leidet unsere Ängste mit, er begleitet uns durch die letzte Angst hindurch ins Licht hinein. Darauf folgen dann bei Johannes die zwei Bitten Jesu. Die erste, nur bedingt ausgesprochen: „Soll ich sagen – Vater, errette mich aus dieser Stunde?“ (12, 27). Auch Jesus als Mensch fühlt sich gedrängt zu bitten, daß ihm das Furchtbare der Passion erspart bleibe. Auch wir dürfen so bitten. Auch wir dürfen wie Ijob klagen vor dem Herrn, ihm all unsere Fragen vorbringen, die angesichts des Unrechts in der Welt und der Nöte unseres eigenen Ich in uns aufsteigen. Wir dürfen uns ihm gegenüber nicht in fromme Phrasen, nicht in eine Scheinwelt flüchten. Beten heißt immer auch: Ringen mit Gott, und wie Jakob dürfen wir zu ihm sagen: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“ (Gen 32, 27). Aber dann kommt die zweite Bitte Jesu: „Verherrliche deinen Namen“ (Joh 12, 28). Bei den Synoptikern lautet die Bitte: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Lk 22, 42). Am Ende ist die Herrlichkeit Gottes, sein Herrsein, sein Wille immer wichtiger und wahrer als mein Denken und Wollen. Und darum geht es in unserem Beten und in unserem Leben: Diese rechte Ordnung der Wirklichkeit zu erlernen, sie von innen her anzunehmen; Gott zu trauen, daß er das Rechte tut. Daß sein Wille die Wahrheit ist und die Liebe. Daß mein eigenes Leben gut wird, wenn ich in diese Ordnung einzuwilligen lerne. Jesu Leben und Sterben und Auferstehen ist uns die Gewähr dafür, daß wir Gott wirklich trauen dürfen. So verwirklicht sich sein Reich.

Liebe Freunde! Am Ende dieser Liturgie wird die Jugend von Australien den jungen Menschen aus Spanien das Kreuz des Weltjugendtags übergeben. Das Kreuz wandert von einem Ende der Welt zum anderen, von Meer zu Meer. Und wir begleiten es. Wir gehen seinen Weg mit und finden so unseren Weg. Wenn wir das Kreuz anrühren und mehr – es tragen, dann berühren wir das Geheimnis Gottes, das Geheimnis Jesu Christi. Das Geheimnis, daß Gott die Welt – uns – so geliebt hat, daß er seinen eingeborenen Sohn für uns hingab (vgl. Joh 3, 16). Wir berühren das wunderbare Geheimnis der Liebe Gottes, das die einzig wirklich erlösende Wahrheit ist. Aber wir berühren auch das Grundgesetz, die Grundform unseres Lebens: daß ohne das Ja zum Kreuz, ohne die Weggemeinschaft mit Christus Tag um Tag das Leben nicht gelingen kann. Je mehr wir um der großen Wahrheit und Liebe – um der Wahrheit und Liebe Gottes willen – auch verzichten können, desto größer und reicher wird das Leben. Wer sein Leben für sich haben will, der verliert es. Wer sein Leben schenkt – täglich in den kleinen Gebärden, die zum großen Entscheid gehören – der findet es. Das ist die anspruchsvolle, aber auch zutiefst schöne und befreiende Wahrheit, in die wir mit der Wanderung des Kreuzes durch die Kontinente hineinwandern wollen. Möge der Herr diese Wanderung segnen. Amen.

 

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