Das Problem des Priesternachwuchses

Junge Menschen fühlen sich von der Tradition angezogen

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ROM, 12. Juni 2009 (ZENIT.org).- Am 19. Juni wird Papst Benedikt XVI. das von ihm ausgerufene Priesterjahr mit einer feierlichen Vesper in der vatikanischen Basilika eröffnen. Der Papst möchte dieses besondere Jahr des Gebetes und der Reflexion dazu zu nutzen, um auf den Spuren des heiligen Pfarrers von Ars zu einer Vertiefung des Amtes und der Aufgabe des Priesters zu gelangen.



Aufgabe der Kongregation für den Klerus wird es dabei sein, in Zusammenarbeit mit den Ortskirchen verschiedene Initiativen zu koordinieren, durch die es dem Volk Gottes ermöglicht werden soll, sich in eingehender Weise mit dem Wesen des Priestertums und dessen konkreter Verwirklichung auseinanderzusetzen.

Die zentrale Bedeutung des Priestertums für das Leben der Kirche macht ebenso eine erneuerte Auseinandersetzung mit dem Bereich der Priesterausbildung notwendig. Dieser untersteht nicht der Kongregation für den Klerus, sondern der Kongregation für das Katholische Bildungswesen (für die Seminare und Studieneinrichtungen). Es wird somit auch Aufgabe dieses Dikasteriums sein, dass das von Benedikt XVI. stark gewünschte Priesterjahr für die Zukunft wegweisende Früchte tragen wird. Damit verbunden ist vor allem der dramatisch Rückgang der Priesterberufungen nach dem II. Vatikanischen Konzil in Europa und Amerika.

In diesem Zusammenhang ist auch die Ansprache zu sehen, die der Sekretär der Kongregation, Erzbischof Jean-Louis Bruguès, vor den Rektoren der päpstlichen Seminaren bei einer ihrer Tagungen Anfang Juni in Rom gehalten hat. Die vatikanische Zeitung „L’Osservatore Romano“ veröffentlichte die Worte des Erzbischofs in ihrer Ausgabe vom 3. Juni 2009.

Erzbischof Bruguès ging vor den Rektoren auf die Problematik und Entwicklung der Priesterausbildung in der Zeit nach dem Konzil ein und beklagte angesichts des dramatischen Rückgangs der Berufungen grundlegende Fehler, die sich aufgrund von Gewohnheiten eingebürgert hätten, die aus einer anderen und vergangenen Zeit stammten. Dazu gehört für den Erzbischof vor allem auch die große Unkenntnis von elementaren Lehrinhalten, die bei den heutigen Seminaristen festzustellen sei. Als eines der Gegenmittel gegen diese Unkenntnis forderte Bruguès eine vermehrte Präsenz des Katechismus der katholischen Kirche als wesentlichen Baustein der Priesterausbildung. Diesbezüglich erinnerte er daran, dass der Katechismus „ad parochos“ (für die Pfarrer) eine bestimmende Neuerung dargestellt habe, die für die Reform des Konzils von Trient kennzeichnend gewesen sei. Heute stehe die Kirche wieder vor einer ähnlichen Situation.

Der Erzbischof betonte, dass bei den Seminaristen eine Änderung festzustellen sei, der oft von den Ausbildern nicht Rechnung getragen werde, insofern sie Ausdruck einer nunmehr überholten Nachkonzilszeit des Umbruches seien.

Der Erzbischof kritisierte die Beschränkungen, die den neuen, mehr nach der Tradition ausgerichteten und strebenden Seminaristen „aufgrund von Interpretationen des II. Vatikanischen Konzils auferlegt werden, die sich sei dem Ende der 60er-Jahre und im darauf folgenden Jahrzehnt eingebürgert haben“. Der Erzbischof sieht ein derartiges Handeln im Zusammenhang mit dem, was Papst Benedikt XVI. sowohl in seiner Weihnachtsansprache 2005 als auch in seiner Ansprache zur Einführung des Kongresses der Diözese Rom als „Hermeneutik des Bruches“ bei der Interpretation des Konzils gebrandmarkt hatte.

Die Krise der Berufungen ist für den Erzbischof vor allem auf einen Verlust der katholischen Identität zurückzuführen, die immer schwieriger wahrnehmbar werde. Dabei sei vor allem festzustellen, dass es in den Teilkirchen in Europa und Amerikas mittlerweile eine „Trennlinie“ gebe, die oftmals eine „Bruchlinie“ werde. Diese unterscheide eine „Strömung des Kompromisses“ von einer „Strömung des Protests“.

Erstere wolle zur Sicht veranlassen, dass es in der Säkularisierung auch Werte stark christlicher Prägung gebe (etwa Gleichheit, Freiheit, Solidarität, Verantwortlichkeit), die als Voraussetzung einer Zusammenarbeit und eines Übereinkommens mit der säkularisierten Welt gesehen werden könnten.

Die zweite Strömung hingegen fordere dazu auf, von der säkularisierten Welt Abstand zu nehmen und schlage somit ein alternatives Modell vor. Dabei akzeptiere es diese Strömung, die Rolle der „Minderheit des Protests“ einzunehmen.

Erzbischof Bruguès betonte, dass die erstgenannte Strömung die nach dem Konzil vorherrschende gewesen sei und den ideologischen Hintergrund für die in den 60er- und 70er-Jahren folgenden Interpretationen des Konzils geliefert hätte. Sei den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts sei ein Wende festzustellen - „vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, unter dem Einfluss von Johannes Paul II.“

„Die Strömung des Kompromisses ist gealtert, aber ihre Anhänger nehmen noch immer Schlüsselpositionen in der Kirche ein“, so Bruguès. Die Strömung des alternativen Modells sei sehr gestärkt, aber noch nicht zur vorherrschenden geworden. So würden sich die Spannungen erklären, die im Moment in der Kirche festzustellen seien.

Diese Auseinandersetzung spiegle sich auch bei jenen wider, die heute ins Priesterseminar eintreten wollen. Die Kandidaten der ersten Tendenz würden immer weniger werden, während die Kandidaten, die der zweiten Strömung entspringen, heute die Mehrzahl darstellten, aber noch zögerlich die Schwelle der Seminare überschreiten würden. „Denn oft finden sie dort nicht das, was sie suchen.“

Der Erzbischof forderte abschließend, dass sich die Ausbilder nicht an Zulassungskriterien klammern dürften, die auf ihre Zeit zurückgehen, sondern dem Streben der jungen Männer von heute entsprechen sollten.

„Mir wurde vom Fall eines französischen Seminars berichtet, in dem es seit 20 Jahren keine eucharistische Anbetung mehr gab, da diese Praxis als zu fromm erachtet wurde. Die neuen Seminaristen haben viele Jahre lang für die Wiedereinsetzung der eucharistischen Anbetung kämpfen müssen, während einige Dozenten es vorgezogen haben, angesichts einer Tatsache, die sie als eine ‚Rückkehr zur Vergangenheit“ werteten, ihren Rücktritt einzureichen.“

Der Sekretär der Kongregation für das Katholische Bildungswesen (für die Seminare und Studieneinrichtungen) brachte gegenüber den Rektoren der Seminaren sein Verständnis für die Schwierigkeiten zum Ausdruck, denen sie begegnen würde.

„Mehr als den Übergang von einer Generation zur anderen müssen Sie einträchtig den Übergang von einer Interpretation des II. Vatikanischen Konzils zur anderen sicherstellen, ja vielleicht von einem Kirchenmodell zu einem anderen.“

Von Armin Schwibach