Das Programm von Benedikt XVI. besteht nicht im Kampf gegen den Relativismus

Interview mit dem italienischen Journalisten Andrea Tornielli

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ROM, 24. Mai 2005 (ZENIT.org).- Benedikt XVI. wird sich in seinem Pontifikat vor allem darum bemühen, "die Einfachheit, Reinheit und Schönheit Jesu Christi zu bezeugen und zu verkünden". Das ist die Meinung des Vatikanexperten Andrea Tornielli.



In seinem vor kurzem von "Piemme" herausgegebenem Buch "Benedetto XVI. Il custode della fede" ("Benedikt XVI., der Glaubenshüter") legt der Journalist der Italienischen Tageszeitung "Il Giornale" eine Sammlung von Zeugnissen und Erinnerungen über Joseph Ratzinger vor, die auf eindrucksvolle Weise die facettenreiche Persönlichkeit des gebürtigen Deutschen zeigen, der am 19. April dieses Jahres zum Nachfolger von Papst Johannes Paul II. gewählt wurde.

Um den 265. Stellvertreter Christi besser kennen zu lernen, führte ZENIT das folgende Interview mit dem italienischen Autor.

ZENIT: Was wird das Pontifikat Benedikts XVI. auszeichnen?

Tornielli: So, wie er es bereits in den ersten Stunden nach seiner Wahl getan hat, wird sich der neue Papst sicherlich darum bemühen, die Aufmerksamkeit, die seiner Person entgegengebracht wird, soweit als möglich abzuwenden, um sie voll auf denjenigen hinzulenken, dessen Stellvertreter er ist.

Das ist auch der Grund dafür, weshalb Benedikt XVI. die bedeutende Entscheidung getroffen hat, Seligsprechungen nicht mehr persönlich zu feiern, sondern sich selbst nur mehr die Heiligsprechungen vorzubehalten. Außerdem hat es mich tief beeindruckt, dass er betonte, der Papst sei in erster Linie Bischof von Rom.

Am Samstag, dem 14. Mai, blieb der Heilige Vater zum ersten Mal der Feier einer Seligsprechungen fern, aber am darauf folgenden Sonntag weihte er 21 neue Priester seiner Diözese Rom. Ich glaube, dass damit bedeutende Zeichen gesetzt worden sind. Vor allem anderen steht aber natürlich das ökumenische Engagement des Heiligen Vaters.

ZENIT: Man hört, Benedikt XVI. werde für den Relativismus das sein, was Johannes Paul II. für den Kommunismus war. Ist das zutreffend?

Tornielli: Weil ich nicht die Karikatur von Joseph Ratzinger heranziehen möchte, die in den vergangenen 20 Jahren bei gewissen progressive Kreisen in Umlauf gewesen ist, bemühe ich mich auch, gegen andere Irrtümer auf der Hut zu sein, nämlich zu denken, dass Joseph Ratzinger als Papst eine ebensolche Persönlichkeit sein werde wie während der Zeit, in der er noch Kardinal war und die Kongregation für die Glaubenslehre leitete.

Ich glaube nicht, dass das "Programm" von Benedikt XVI. darin besteht, den Relativismus zu bekämpfen. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass er sich vor allem darum bemühen wird, die Einfachheit, Reinheit und Schönheit des Glaubens an Jesus Christus öffentlich zu bezeugen und zu verkünden.

Das Gegenmittel zum Relativismus ist nicht ein Programm oder eine Theorie. Nie kann ein Programm in einer Ablehnung oder einer Anklage bestehen. Gegenüber dem Kommunismus war eine Abwertung und eine Anklage natürlich sehr angebracht. Nein, das Gegenmittel für den Relativismus sind die Menschen selbst, auch wenn es nur sehr wenige sein mögen, die ihren Glauben leben und von der Fülle des Lebens Zeugnis geben.

ZENIT: Papst Johannes Paul II. füllte die öffentlichen Plätze. Wird Benedikt XVI. die Kirchen füllen können?

Tornielli: Ich weiß nicht, ob das geschehen wird. Persönlich hoffe ich, dass Kirchen und öffentliche Plätze voll werden. Aber wenn Johannes Paul II. mit seinem Charisma und seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit diese Plätze füllen konnte, dann wird es für Benedikt XVI. genauso schwer sein wie für jeden anderen, die Kirchen zu füllen.

So Gott will, werden die Kirchen durch das Zeugnis des Papstes, vor allem aber durch das Zeugnis aller Christen voll werden. "Ich bin nicht allein", hat Benedikt XVI. während der Messe [zum offiziellen Beginn seines Pontifikats, Anm. d. Red.] gesagt. Der Papst ist kein "Überherrscher" der Kirche und auch kein absoluter Monarch. Er ist der "Diener der Diener Gottes". Und die Aufgabe der Verkündigung und des Zeugnisses verpflichtet alle.

ZENIT: War es etwas Einmaliges, dass der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre zum Papst gewählt wurde? Auf welche Herausforderungen möchte die Kirche mit dieser Wahl antworten?

Tornielli: Die Wahl hat nicht so sehr mit dem Amt als solchem, sondern eher mit der Persönlichkeit Ratzingers zu tun gehabt, mit seiner Vorbereitung und seiner Tiefe. Ich glaube, die Kirche möchte mit dieser Wahl vor allem wieder das vorzeigen, was im christlichen Glauben wesentlich ist.

ZENIT: Als Kardinal zeigte Joseph Ratzinger offen seine Vorliebe für die lateinische Sprache in der Liturgie. Wie wird er als Papst mit liturgischen Fragen umgehen?

Tornielli: Schauen wir auf das, was er bereits getan hat. Die liturgischen Zeremonien, die er gefeiert hat, waren außergewöhnlich schlicht und schön.

Ich hoffe, dass nach und nach dieser Geschmack für eine gut gefeierte Liturgie ohne Spaltungen oder Traumata wieder Einzug hält. Dieser Geschmack ermöglicht es, die Großartigkeit des Geheimnisses wahrzunehmen, das wir in der Messe feiern und bei dem Gott der Hauptakteur ist, weil er ja in unsere Mitte kommt und zu uns spricht. Das ist wichtiger als die Klugheit oder die Kreativität des Priesters oder der Gemeinschaft.

In seiner programmatischen Ansprache am ersten Tag nach seiner Wahl sprach Benedikt XVI. von der zentralen Bedeutung der Eucharistie und des richtigen liturgischen Feierns. Das ist meiner Meinung nach ein Hauptanliegen seines Dienstes, obwohl ich jetzt nicht voraussehen kann, welche konkreten Schritte dahingehend unternommen werden könnten. Ich glaube auch, dass es gegenüber den Traditionalisten eine größere Toleranz geben wird. Vielleicht könnten die nächsten Monate auch für die Beilegung des winzigen Schismas von Msgr Lefebvre entscheidend sein.

ZENIT: Während des Zweiten Vatikanischen Konzils soll der Konzilstheologe Joseph Ratzinger immer wieder die Frage gestellt haben: "Und die Lehre?" Wie wird Papst Benedikt XVI. vierzig Jahre nach dem Konzil im Klerus und unter den Gläubigen die Treue zum gesunden Glauben festigen?

Tornielli: Besonders beeindruckt hat mich die Art, auf die der Heilige Vater am Tag nach der Amtsübernahme [seines Bischofssitzes in den Lateranbasilika, Anm. d. Red.] über die Lehre und den Heiligen Stuhl gesprochen hat. Dabei hat er keine Lehre betont, noch irgendjemanden darum gebeten, ihm zu gehorchen. Er erklärte, dass jeder, gerade auch der Papst, Christus folgen müsse, und dass das Charisma des Petrusamts genau in diesem Gehorsam bestehe.
Die Brüder im Glauben zu stärken, das ist etwas, was nicht von Liebe und Dienst getrennt werden kann.

Je mehr man erkennt, dass der Glaube des Christen die Begegnung mit etwas Großem und Schönem ist, desto mehr kann man verstehen, dass das "depositum fidei", die Glaubenslehre, nicht unseren Vorstellungen oder Interpretationen entspringt, sondern ein Schlüssel ist, mit dem man in dieses Geheimnis eintauchen kann.

ZENIT: Dürfen wir von Benedikt XVI. Reformen erwarten?

Tornielli: Ich möchte nur daran erinnern, dass Joseph Ratzinger einige Male gesagt hat, dass er sich eine Reform der römischen Kurie wünsche, die er für zu groß und bürokratisch hält. Ich würde nicht ausschließen, dass der Papst einen diesbezüglichen Schritt unternehmen wird.