Das Rätsel von Schmerz und Tod: Ansprache von Papst Benedikt XVI.

In Christus liegt die Antwort

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ROM, 24. Februar 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 11. Februar, dem Gedenktag Unserer Lieben Frau von Lourdes, an dem auch der Weltkrankentag begangen wird, nach der Feier der heiligen Messe im Petersdom gehalten hat.

„Dieser Tag lädt dazu ein, die Kranken die geistliche Nähe der Kirche noch stärker spüren zu lassen", so der Heilige Vater. „Der Glaube hilft uns, das menschliche Leben auch dann schön und vollkommen lebenswert zu finden, wenn es von der Krankheit geschwächt ist. Gott hat den Menschen für die Glückseligkeit und für das Leben geschaffen, während Krankheit und Tod als Folge der Sünde in die Welt gekommen sind. Aber der Herr hat uns nicht uns selbst überlassen. Er, der Vater des Lebens, ist der Arzt des Menschen schlechthin; er beugt sich ohne Unterlaß liebevoll über die leidende Menschheit."

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Liebe Kranke,
liebe Brüder und Schwestern!

Diese Begegnung hat einen besonderen Wert und eine besondere Bedeutung, denn sie findet am Welttag der Kranken statt, der heute, am Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes, begangen wird. Meine Gedanken gehen zu jenem Heiligtum, dem auch ich anläßlich des 150. Jahrestages der Erscheinungen vor der hl. Bernadette einen Besuch abgestattet habe. Diese Pilgerreise ist mir lebhaft in Erinnerung, besonders die Begegnung mit den Kranken, die bei der Grotte von Massabielle versammelt waren. Ich bin sehr gern gekommen, um euch zum Abschluß der Eucharistiefeier zu begrüßen, bei der Kardinal Javier Lozano Barragán, der Präsident des Päpstlichen Rats für die Pastoral im Krankendienst, den Vorsitz hatte: An ihn richte ich einen herzlichen Gruß. Zusammen mit ihm begrüße ich die anwesenden Bischöfe, die Priester, die Ordensmänner und Ordensfrauen, die freiwilligen Helfer, die Pilger und besonders die lieben Kranken sowie alle, die tagtäglich für sie sorgen. Es ist immer ergreifend, bei dieser Gelegenheit hier in der Petersbasilika jene typische Atmosphäre des Gebets und der marianischen Spiritualität, die das Heiligtum von Lourdes kennzeichnet, nachzuempfinden. Ich danke euch für diesen Ausdruck des Glaubens und der Liebe zu Maria; ich danke allen, die dieses Ereignis gefördert und organisiert haben, insbesondere der »UNITALSI« und der »Opera Romana Pellegrinaggi«.

Dieser Tag lädt dazu ein, die Kranken die geistliche Nähe der Kirche noch stärker spüren zu lassen. Die Kirche ist, wie ich in der Enzyklika Deus caritas est geschrieben habe, Gottes Familie in der Welt, in der niemand Not leiden darf, vor allem nicht aus Mangel an Liebe (vgl. Nr. 25b). Gleichzeitig wird uns heute die Gelegenheit geschenkt, über die Erfahrung der Krankheit und des Schmerzes nachzudenken und ganz allgemein über den Sinn des Lebens, das vollkommene Verwirklichung finden muß, auch wenn es dem Leiden unterworfen ist. In der Botschaft zum heutigen Weltgebetstag habe ich die kranken Kinder in den Vordergrund gestellt, die schwächsten und wehrlosesten Geschöpfe. Wahrhaftig, wenn man bereits angesichts eines leidenden Erwachsenen keine Worte findet, was soll man dann sagen, wenn ein kleines, unschuldiges Kind von der Krankheit betroffen ist? Wie kann man auch in so schwierigen Situationen die barmherzige Liebe Gottes spüren, der seine Kinder in der Prüfung nie verläßt?

Diese manchmal sehr beunruhigenden Fragen stellen sich oft. Auf rein menschlicher Ebene gibt es in der Tat darauf keine angemessenen Antworten, denn Schmerz, Krankheit und Tod sind in ihrer Bedeutung für unseren Verstand unergründlich. Das Licht des Glaubens kommt uns jedoch zu Hilfe. Das Wort Gottes offenbart uns, daß auch diese Übel auf geheimnisvolle Weise vom göttlichen Heilsplan »umschlossen« werden; der Glaube hilft uns, das menschliche Leben auch dann schön und vollkommen lebenswert zu finden, wenn es von der Krankheit geschwächt ist. Gott hat den Menschen für die Glückseligkeit und für das Leben geschaffen, während Krankheit und Tod als Folge der Sünde in die Welt gekommen sind. Aber der Herr hat uns nicht uns selbst überlassen. Er, der Vater des Lebens, ist der Arzt des Menschen schlechthin; er beugt sich ohne Unterlaß liebevoll über die leidende Menschheit. Jesus, so das Evangelium, »trieb mit seinem Wort die Geister aus und heilte alle Kranken« (Mt 8,16). Das zeigt uns den Weg der Umkehr und des Glaubens als Voraussetzungen, um die Heilung an Leib und Geist zu erlangen. Dies ist die Heilung, die der Herr immer will, die Heilung an Leib und Seele in ganzheitlicher Liebe; daher treibt er mit seinem Wort die Geister aus. Sein Wort ist Wort der Liebe, reinigendes Wort: Es vertreibt die Geister der Furcht, der Einsamkeit, des Widerstands gegen Gott, weil es so unsere Seele reinigt und inneren Frieden schenkt. So schenkt es uns den Geist der Liebe und die Heilung, die von innen heraus beginnt. Aber Jesus hat nicht nur gesprochen: Er ist das fleischgewordene Wort. Er hat mit uns gelitten, er ist gestorben. Durch sein Leiden und seinen Tod hat er unsere Schwachheit bis ins Letzte angenommen und verwandelt. Eben darum »heißt leiden besonders empfänglich und offen werden für das Wirken der heilbringenden Kräfte Gottes, die der Menschheit in Christus dargeboten werden«, wie der Diener Gottes Johannes Paul II. im Apostolischen Schreiben Salvifici doloris schrieb (Nr. 23).

Liebe Brüder und Schwestern, wir werden uns immer mehr bewußt, daß das Leben des Menschen kein uns zur Verfügung stehendes Gut ist, sondern ein kostbarer Schatz, den es mit jeder nur möglichen Sorgfalt zu bewahren und zu pflegen gilt, vom seinem ersten Augenblick an bis zu seinem letzten natürlichen Ende. Das Leben ist ein Geheimnis, das in sich selbst schon Verantwortung, Liebe, Geduld, Wohltätigkeit verlangt, von seiten aller und eines jeden Menschen. Noch notwendiger ist es, die Kranken und Leidenden mit Fürsorge und Achtung zu umgeben. Das ist nicht immer einfach; wir wissen jedoch, wo wir den Mut und die Geduld schöpfen können, um den Wechselfällen des irdischen Lebens zu begegnen, insbesondere den Krankheiten und jeder Art von Leiden. Für uns Christen liegt in Christus die Antwort auf das Rätsel des Schmerzes und des Todes. Die Teilnahme an der heiligen Messe – ihr habt gerade daran teilgenommen – nimmt uns hinein in das Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung. Jede Eucharistiefeier ist das fortdauernde Gedächtnis des gekreuzigten und auferstandenen Christus, der die Macht des Bösen durch die Allmacht seiner Liebe besiegt hat. In der »Schule« des eucharistischen Christus können wir also lernen, das Leben immer zu lieben und unsere scheinbare Machtlosigkeit angesichts der Krankheit und des Todes anzunehmen.

Mein verehrter und geliebter Vorgänger Johannes Paul II. wollte, daß der Welttag der Kranken mit dem Gedenktag der Unbefleckten Jungfrau in Lourdes zusammenfällt. An jenen heiligen Ort ist unsere himmlische Mutter gekommen, um uns daran zu erinnern, daß wir nur vorübergehend auf dieser Erde sind und daß die wahre und endgültige Wohnstatt des Menschen der Himmel ist. Nach diesem Ziel müssen wir alle streben. Das Licht, das »aus der Höhe« kommt, möge uns helfen, auch die Erfahrung des Leidens und des Sterbens zu verstehen und ihr Sinn und Wert zu verleihen. Bitten wir Unsere Liebe Frau, ihren mütterlichen Blick auf jeden Kranken und auf seine Familie zu richten, um ihnen zu helfen, mit Christus die Last des Kreuzes zu tragen. Ihr, der Mutter der Menschheit, wollen wir die Armen, die Leidenden und die Kranken der ganzen Welt anvertrauen und dabei besonders an die leidenden Kinder denken. Mit diesen Empfindungen ermutige ich euch, stets auf den Herrn zu vertrauen, und segne euch von Herzen.

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