Das Recht der Weigerung aus Gewissensgründen: Benedikt XVI. begegnet Apothekern

„Das Streben nach dem Wohl der Menschheit darf nicht zum Nachteil des Wohls der Patienten erfolgen“

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ROM, 21. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 29. Oktober beim Empfang der Teilnehmer des 25. Internationalen Kongresses der katholischen Apotheker gehalten hat



Der Heilige Vater rief seine Gäste dazu auf, die Frage der Weigerung aus Gewissensgründen anzugehen, und bekräftigte: „Der Apotheker muss jeden zu größerer Menschlichkeit einladen, damit jedes Leben vom Augenblick seiner Empfängnis an bis zu seinem natürlichen Tod geschützt wird und die Pharmaka tatsächlich ihre therapeutische Funktion erfüllen.“

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Herr Präsident,
liebe Freunde!


Es freut mich, Sie, die Mitglieder des Internationalen Kongresses der katholischen Apotheker, anläßlich Ihrer 25. Tagung zu empfangen, deren Thema lautet: »Die neuen Grenzen des pharmazeutischen Handelns«. Die derzeitige Entwicklung des Angebots an Medikamenten und der therapeutischen Möglichkeiten, die daraus erwachsen, führt dazu, daß die Apotheker über ihre immer umfassendere Rolle nachdenken, die sie ihrer Berufung entsprechend innehaben, besonders als Vermittler zwischen Arzt und Patienten. Sie sollen die Patienten lehren, von den Medikamenten in rechter Weise Gebrauch zu machen und sich vor allem der ethischen Folgen der Einnahme mancher Pharmaka bewußt zu sein. Auf diesem Gebiet ist es nicht möglich, die Gewissen zu betäuben, zum Beispiel in bezug auf die Auswirkungen der Moleküle, die darauf abzielen, die Einnistung eines Embryos zu verhindern oder das Leben einer Person zu verkürzen. Der Apotheker muß jeden zu größerer Menschlichkeit einladen, damit jedes Leben vom Augenblick seiner Empfängnis an bis zu seinem natürlichen Tod geschützt wird und die Pharmaka tatsächlich ihre therapeutische Funktion erfüllen. Anderseits darf keine Person bedenkenlos als Objekt benutzt werden, um therapeutische Experimente vorzunehmen; diese müssen gemäß den Protokollen unter Achtung der ethischen Grundregeln durchgeführt werden. Jede Behandlung, jedes Experiment muß ein eventuelles besseres Befinden der Person und nicht nur die Suche nach wissenschaftlichen Fortschritten zum Ziel haben. Das Streben nach dem Wohl der Menschheit darf nicht zum Nachteil des Wohls der Patienten erfolgen. Auf moralischem Gebiet ist Ihr Verband eingeladen, die Frage der Weigerung aus Gewissensgründen anzugehen, die ein Recht ist, das Ihrem Berufsstand zuerkannt werden muß, indem es Ihnen erlaubt, weder direkt noch indirekt an der Lieferung von Produkten mitzuwirken, die eindeutig unmoralischen Zwecken dienen, wie zum Beispiel der Abtreibung und der Euthanasie.

Es ist angebracht, daß sich die verschiedenen pharmazeutischen Strukturen wie Laboratorien und Krankenhäuser und alle unsere Zeitgenossen um Solidarität im therapeutischen Bereich bemühen, damit in jedem Land allen Bevölkerungsgruppen, insbesondere den ärmsten Schichten, der Zugang zu Behandlung und zu Medikamenten der Grundversorgung ermöglicht wird.

Mögen Sie als katholische Apotheker unter der Führung des Heiligen Geistes aus dem Glaubensleben und aus der Lehre der Kirche die Grundsätze schöpfen, die Sie auf Ihrem Berufsweg an der Seite der Kranken inspirieren sollen, denn diese bedürfen einer menschlichen und moralischen Stütze, um Mut zu fassen und den inneren Antrieb zu finden, der ihnen Tag für Tag helfen wird! Es liegt an Ihnen, den jungen Menschen, die sich in die verschiedenen pharmazeutischen Berufe eingliedern, zu helfen, damit sie über die immer heikleren ethischen Implikationen ihrer Tätigkeit und ihrer Entscheidungen nachdenken. Dazu ist es wichtig, daß alle Katholiken, die im Gesundheitswesen tätig sind, und die Menschen guten Willens tätig werden und sich zusammenschließen, um ihre Bildung nicht nur fachlich, sondern auch im Hinblick auf die Fragen der Bioethik zu vertiefen und um diese Weiterbildung allen anzubieten, die diesen Beruf ausüben. Der Mensch als Abbild Gottes muß immer im Mittelpunkt der Forschungen und der Entscheidungen in der Biomedizin stehen. Das natürliche Prinzip der Pflicht, den Kranken zu behandeln, ist grundlegend. Die biomedizinischen Wissenschaften sollen dem Menschen dienen; geschieht das nicht, dann werden sie unmenschlich und gefühllos. Jede wissenschaftliche Erkenntnis im Bereich der Gesundheit und jedes therapeutische Handeln sollen dem kranken Menschen in seiner Ganzheit dienen; deshalb soll er aktiv an der Therapie, die bei ihm unter Respektierung seiner Autonomie angewandt wird, teilhaben.

Indem ich Sie und die Kranken, die Sie behandeln, der Fürsprache Unserer Lieben Frau und dem hl. Albertus Magnus anvertraue, erteile ich Ihnen und allen Mitgliedern Ihres Verbandes und Ihren Familien den Apostolischen Segen.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]