Das soziale Engagement der katholischen Kirche in Deutschland für die Gesellschaft

Referat des Vorsitzenden der Kommission Weltkirche, Erzbischof Ludwig Schick

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ROM, 19. Januar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichten den Vortrag, den der Bamberger Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche, im Rahmen des Bischofssymposiums in Edéa (Kamerun) gehalten hat. Eine Delegation der Deutschen Bischofskonferenz hatte dem afrikanischen Land auf Einladung der Ortsbischöfe Anfang Januar einen Besuch abgestattet. Anlass war die 100-Jahr-Feier der Existenz der katholischen Kirche in Kamerun.


Erzbischof Schick beleuchtete das Thema „Das soziale Engagement der katholischen Kirche in Deutschland für die Gesellschaft“.

Gestalten wie „der selige Adolph Kolping, der Mainzer Bischof Emmanuel von Ketteler, die Jesuiten Gustav Gundlach und Oswald von Nell-Breuning sowie Kardinal Joseph Höfner“ hätten maßgeblich dazu beigetragen, dass das soziale Engagement zum Grundauftrag der Kirche gehöre. Aber auch „prophetische Gestalten der Kirche verpflichten zum sozialen Engagement“, fügte Erzbischof Schick hinzu.

„Vinzenz von Paul wollte sein Leben ganz den Armen weihen und sammelte Männer und Frauen um sich, die Hauskranke, Findel, Waisen und Schulkinder, Greise und Geisteskranke, Galeerensträflinge und die Armen in den Hospitälern betreuten... Petrus Claver machte sich um die Sklaven in Lateinamerika verdient. Die selige Mutter Teresa wirkte in Indien für die Ärmsten der Armen. Ihre Schwestern und Brüder setzen ihr Werk in der ganzen Welt um. Die Kirche muss diese Namen immer wieder als Zeugen und Vorbilder nennen und vorstellen.“

Die Kirche verfüge „über viele Talente und Charismen. Wo sie zusammenfinden, haben wir nicht nur genügend Potential, sondern vor allem auch die innere, geistige Kraft, auch in unserer Zeit dem Menschen in seiner vielfältigen Not beizustehen“.

 

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Eminenz, verehrte, bischöfliche Mitbrüder, meine Damen und Herren, Schwestern und Brüder!

Ich möchte zunächst Bischof Jean Mbarga für seinen Vortrag danken. Er hat uns einen umfassenden Überblick über das sehr umfangreiche soziale Engagement der katholischen Kirche in Kamerun gegeben. Im Namen der deutschen Delegation möchte ich auch unsere Bewunderung für die vielfältigen Dokumente zu sozialen Fragen, die Sie in den letzten Jahren veröffentlicht haben, zum Ausdruck bringen. Wir haben in der Diskussion bereits über die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieser Dokumente ins Leben der Kirche und der Gesellschaft Kameruns gesprochen. Das Problem der Verwirklichung der christlichen Soziallehre im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben ist uns auch in Deutschland bekannt. Darüber müssen wir weiter im Gespräch bleiben, um uns gegenseitig zu helfen, in die Praxis umzusetzen, was wir als richtig erkannt haben. Ich möchte nun in meinem Referat darlegen, wie die katholische Kirche in Deutschland das soziale Engagement sieht und es umsetzt. Folgende Themen werde ich behandeln:

I. Theologie und Philosophie des sozialen Engagements der Kirche
II. Das soziale Engagement der Kirche in Deutschland durch die Caritas und den Deutschen Caritasverband
III. Neue Herausforderungen

I. Theologie und Philosophie des sozialen Engagements der Kirche

Theologie und Philosophie in Deutschland denken seit ca. 200 Jahren intensiv über das soziale Engagement der Kirche nach. Ich nenne stellvertretend ein paar Namen: der selige Adolph Kolping, der Mainzer Bischof Emmanuel von Ketteler, die Jesuiten Gustav Gundlach und Oswald von NellBreuning sowie Kardinal Joseph Höfner. Ihr Forschen und Lehren hat folgende Ergebnisse erbracht, die kurz und thesenartig genannt werden sollen:

1. Das soziale Engagement gehört zum Grundauftrag der Kirche
Die Verkündigung der frohen Botschaft Jesu Christi, die Feier des Gottesdienstes und die Sorge um die Bedürftigen bilden im Leben der Kirche einen unauflöslichen Dreiklang. Martyria, Leiturgia und Diakonia gehören zusammen. Sie sind wechselseitig aufeinander bezogen und machen gerade so die Identität der Kirche aus. Das heißt: Ohne Caritas, ohne tätige Nächstenliebe, die die Not der Menschen lindern will, wäre die Kirche nicht Kirche im Sinne Jesu Christi. Evangelisierung ohne humanitäres und soziales Engagement gibt es nicht. Pastoral, die die soziale Komponente nicht im Blick hat, ist keine Pastoral des guten Hirten Jesus Christus.

2. Die Anthropologie des sozialen Engagements.
Das soziale Engagement kann an die menschliche Natur conditio humana anknüpfen. Der Mensch ist in seinem Wesen immer auch ‚ens sociale’; er ist darauf ausgerichtet, dem Mitmenschen zu helfen und sich helfen zu lassen. Die Christen bekennen darüber hinaus, dass der Mensch Abbild des dreifaltigen Gottes, das heißt: der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist, ist. Seit dem Sündenfall sündigt die Menschheit und ist hilfebedürftig. Krankheit, Hunger, Heimatlosigkeit, ungerechte Lebensbedingungen und Naturkatastrophen belasten den Menschen. Im Miteinander können sie bestmöglich gelindert und ertragen werden.

3. Für jedes soziale Engagement sind die göttlichen Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe, wichtig.
In der vielfach gestörten und zerstörten Welt bezeugt die Kirche eine unzerstörbare Hoffnung: Die Welt und die Menschen in ihr sind sich nicht selbst überlassen. Gott bleibt trotz der Sünde der Menschen in seiner Liebe der Welt zugewandt und offenbart seine barmherzige Sorge um sie in Jesus Christus. In ihm hat die Barmherzigkeit Gottes ein menschliches Gesicht bekommen. Die Kirche weiß sich gerufen, in der Kraft des Geistes Jesu diese umfassende Sorge Gottes um den Menschen fortsetzen. Die Enzykliken von Papst Benedikt XVI. „Deus Caritas est“ (Gott ist die Liebe) und „Spe Salvi“ erinnern daran.

4. Jesus Christus erneuert den Menschen zur Gottes und Nächstenliebe
Der Sohn Gottes befreit den Menschen von der Sünde, die nach dem heiligen Augustinus im „cor incurvatum in se ipsum“, im Herz, das in sich verbogen ist, besteht und deshalb egoistisch ist. Jesus öffnet durch den Dienst der Kirche das Herz des Menschen zur Liebe, in der die Gottesliebe und Nächstenliebe eine Einheit bilden. Die Gottesliebe bleibt abstrakt, ja letztlich unwirklich, wenn sie nicht in der Nächstenliebe verwirklicht wird. „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht“ (1 Joh 4,20).

5. Die Zusammengehörigkeit der Sakramentenfeier und der Sorge für die Armen
In den urkirchlichen Gemeinden waren von Anfang an Sakramente und Armenfürsorge eng miteinander verbunden. Davon geben sowohl die Apostelgeschichte als auch die Briefe des Apostels Paulus Zeugnis. Aus der christlichen Gemeinde der Stadt Rom des 3. Jahrhunderts – z. Z. des Diakons Laurentius – ist bereits eine erste Organisationsstruktur der kirchlichen Caritas bekannt, die mit und vom Gottesdienst lebte. Das Bewusstsein um die enge Verbundenheit von Sakramentenfeier und Sorge für die Armen ist in der ganzen Kirchengeschichte lebendig und ist im Dictum: “Wer den Armen nicht beisteht, ist für den Gottesdienst nicht würdig” ausgedrückt.

6. Prophetische Gestalten der Kirche verpflichten zum sozialen Engagement
Die “Liebe Gottes”, die in die Herzen der Gläubigen “ausgegossen ist durch den Heiligen Geist” (Röm 5,5), hat in der kirchlichen Praxis unterschiedliche Formen gefunden und immer neu in Menschen Gestalt angenommen. Beispielhaft sei erinnert an Franz von Assisi und Elisabeth von Thüringen, Kamillus von Lellis und Johannes von Gott, die selbst das Leben in Armut kennen gelernt hatten. Sie gründeten Werke der Nächstenliebe, gingen in die Armenspitäler ihrer Zeit und erneuerten die Krankenfürsorge von innen her.

Vinzenz von Paul wollte sein Leben ganz den Armen weihen und sammelte Männer und Frauen um sich, die Hauskranke, Findel, Waisen und Schulkinder, Greise und Geisteskranke, Galeerensträflinge und die Armen in den Hospitälern betreuten. Petrus Claver machte sich um die Sklaven in Lateinamerika verdient. Die selige Mutter Teresa wirkte in Indien für die Ärmsten der Armen. Ihre Schwestern und Brüder setzen ihr Werk in der ganzen Welt um. Die Kirche muss diese Namen immer wieder als Zeugen und Vorbilder nennen und vorstellen.

7. Das hierarchische Amt und das soziale Engagement der Kirche
Die Sendung der Kirche hat ihren Grund in der Sendung Jesu. Im Sakrament der Taufe und der Firmung wird der Heilige Geist geschenkt, damit die Christen die Sendung Jesu in Wort und Tat weitertragen – jeder mit seinen Fähigkeiten und Begabungen. Hierarchie bedeutet heilige Herrschaft und heiliger Ursprung. Vor allem die Priester und Bischöfe müssen den Zusammenhang zwischen Evangelisierung und sozialem Engagement in der Kirche bewahren und einfordern. In der Zeit der frühen Kirche wurde der Bischof “Pater pauperum” (Vater der Armen) genannt. Bei der Diakonen, Bischofs und Priesterweihe legt jeder, der zur Hierarchie gehört, das Versprechen ab: sich um die Armen, Kranken und Heimatlosen zu kümmern.

II. Das soziale Engagement der Kirche in Deutschland durch die Caritas und den Deutschen Caritasverband

Der Deutsche Caritasverband: eine Antwort der Kirche auf die Soziale Frage des 19. Jahrhunderts

Die heutige Gestalt des sozialen Engagements der Kirche in Deutschland durch den Caritasverband hat seine Ursprünge in der Auseinandersetzung mit der Sozialen Frage, die sich in Europa mit der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert stellte. Die Umwälzung der Wirtschaft führte damals zu großen Umbrüchen im sozialen Gefüge, zu Wanderungsbewegungen und Entwurzelung, Arbeitslosigkeit, Armut und neuen Formen des sozialen Elends in bislang unbekanntem Ausmaß. In der katholischsozialen Bewegung des 19. Jahrhunderts sammelten sich Christen, die die Herausforderung der Sozialen Frage erkannten und sich ihr stellten. Bischof Emmanuel von Ketteler oder Adolf Kolping habe ich schon genannt. (Adolf Kolping prägte bekanntlich auch den jungen Heinrich Vieter, bevor er Priester wurde und nach Kamerun ging).

Auch die katholische Frauenbewegung der damaligen Zeit verstand sich als eine Sozialbewegung, die Nächstenliebe mit politischem Engagement verbanden. In Elisabeth und Vinzenzvereinen trafen sich Frauen und Männer, die der Not von Kindern, Kranken und Alten wehren wollten. Es ist dies auch die Zeit, in der viele karitative Ordensgemeinschaften entstanden; charismatische Persönlichkeiten, z. B. Franziska Schervier und Pauline von Mallinckrodt oder Paul Josef Nardini sammelten Menschen, die aus dem Geist des Evangeliums Antwort geben wollten auf die Not der Zeit. Oft war es die tagtäglich erlebte Not der Menschen vor Ort, die Christen veranlasste, eine Ordensgemeinschaft oder einen Verein zu gründen, bzw. bestehende um Hilfe zu bitten. Es gibt viele Zeugnisse, die zeigen, wie Gemeinden oder Pfarreien selbst initiativ wurden, indem sie Grund und Boden bereitstellten und die Gründung eines Armen oder Krankenhauses veranlassten. In dieser Zeit entstand ein beachtliches Netzwerk von Krankenhäusern, Schulen, Schwesternsozialstationen und Kindergärten, die eine Antwort auf die Herausforderung der Zeit darstellten.

Gründung des Deutschen Caritasverbandes

Aus diesen Wurzeln heraus hat sich der Deutsche Caritasverband entwickelt. 1897 schlossen sich unter der Initiative und Inspiration von Prälat Lorenz Werthmann eine Vielzahl von Trägern karitativer Einrichtungen im “Charitasverband für das katholische Deutschland” zusammen. Er ruhte auf drei Säulen:

• Vereinigungen, die sich entsprechend dem Zug der Zeit als zivile Vereine organisierten
• Anstalten, gegründet aus einer Stiftung
• und Ordensgemeinschaften.

Der Zusammenschluss dieser Einrichtungen im Deutschen Caritasverband wurde von hellsichtigen Bischöfen, Priestern und Laien vorangetrieben. Er sollte garantieren, dass den Nöten der Menschen überall begegnet werden könnte. Er verfolgte aber auch das Ziel, dass die karitative Tätigkeit der Kirche in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen würde. Zugleich sollte ein Instrument geschaffen werden, das die Sozialpolitik aus christlicher Verantwortung mitgestalten könnte. Die Gründung des Caritasverbandes verstärkte auch die Professionalisierung in den verschiedenen Bereichen kirchlicher Caritas. Der Caritasverband sollte das Feld der Caritas erforschen, den Informationsaustausch unter den verschiedenen Einrichtungen und Diensten ermöglichen und zugleich eine qualifizierte Aus und Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Selbstverständnis der kirchlichen Caritas sicherstellen.

Struktur und Aufgaben des Deutschen Caritasverbandes heute

Der Deutsche Caritasverband ist bis heute das Herzstück des sozialen Engagements der Kirche in Deutschland. Er hat seine Zentrale in Freiburg und Hauptvertretungen in Berlin, Brüssel und München. Unter seinem Dach gliedert sich die verbandliche Caritas in 27 DiözesanCaritasverbände, 18 anerkannte karitative Fachverbände, 543 Orts und Kreisverbände, 262 karitative Ordensgemeinschaften sowie sechs karitative Vereinigungen. Der Deutsche Caritasverband unterhält heute insgesamt mehr als 24.000 Einrichtungen, in denen über 490.000 Personen hauptberuflich tätig sind. Dazu zählen Kindergärten, Krankenhäuser, Heime für Jugendliche, Senioren und Gefährdete, Sozialstationen und Beratungsstellen. Etwa 1,2 Millionen bedürftige Menschen werden in den Einrichtungen betreut. Der Caritasverband ist Träger von fast 550 Krankenhäusern und über 1.200 Sozialstationen in der Gesundheitshilfe.

• In der Behindertenhilfe unterhält er rund 450 Rehabilitationszentren und Heime sowie gut 350 Tagesstätten und Schulen für behinderte Kinder und Jugendliche. • Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Kinder und Jugendhilfe: Mehr als 850 Heime und nahezu 9.800 Kindergärten, krippen und horte stehen in der Gesamtverantwortung des Caritasverbandes. Dazu kommen über 330 Erziehungsberatungsstellen. • Im Bereich der Familienhilfe unterhält der Caritasverband fast 40 Müttergenesungsheime und knapp 70 Familienferienstätten, über 400 Familienpflegestationen, mehr als 300 Eheberatungsstellen und über 250 Beratungsstellen für Schwangere.

• Das Engagement in der Altenhilfe umfasst die Trägerschaft von knapp 1.600 Seniorenheimen und fast 500 AltenTagesstätten.


• Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten eine hohe Zuwanderung erlebt. Der Caritasverband unterhält deshalb für Flüchtlinge und deutschstämmige Aussiedler aus Osteuropa 34 Förderschulen und knapp 600 spezielle Beratungsstellen. Ausländischen Arbeitnehmern und ihren Familien stehen über 300 Sozialberatungsstellen und über 200 Kultur und Freizeitzentren zur Verfügung.

• Der Caritasverband bietet darüber hinaus vielfältige Hilfen bei besonderen sozialen Notlagen an. Krankenhäuser, Heime, 240 Beratungsstellen und fast 1.500 Selbsthilfegruppen nehmen sich Suchtkranker und Drogenabhängiger an. Über 100 Einrichtungen kümmern sich um allein stehende Wohnungslose. Fast 150 Projekte werden in sozialen Brennpunkten durchgeführt. Über 100 Beratungsstellen helfen Menschen, denen ihre Schulden über den Kopf gewachsen sind. Fast 50 Beschäftigungsbetriebe geben jenen, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben, neue Möglichkeiten der Arbeit.

Um den Nachwuchs für diese Dienste zu sichern, hat der Caritasverband ein Netz von Aus und Fortbildungseinrichtungen für soziale Berufe geschaffen. Dazu gehören 690 Fachschulen, acht Fachhochschulen und 22 Fortbildungsinstitute.
Staat und Kirche

Dieser enorme Umfang des sozialen Engagements der katholischen Kirche durch den Deutschen Caritasverband wäre ohne die Besonderheiten des deutschen Staatskirchenrechts und des deutschen Sozialstaates nicht vorstellbar.

Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland sieht die Trennung von Staat und Kirche vor. Beide sind in ihren eigenen Sphären frei und unabhängig voneinander. Als solche pflegen Staat und Kirche in Deutschland das Prinzip des partnerschaftlichen Zusammenwirkens, ohne dass die unterschiedlichen Verantwortungsebenen verwischt werden. Dies bedeutet konkret, dass die katholische Kirche und andere Religionsgemeinschaften gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen und dabei vom Staat unterstützt werden. Insofern die Kirchen staatliche Finanzmittel in Anspruch nehmen, unterliegen sie den Gesetzen und bestimmten Vorgaben des Staates. Gleichwohl haben sie das Recht, ihren sozialen Dienst in eigener Verantwortung – d. h. den Vorstellungen und Werten der katholischen Kirche gemäß – auszugestalten.

Im Bereich der sozialen Aufgaben gibt es jedoch nicht nur eine Zusammenarbeit zwischen dem Staat und der Kirche. Auch andere so genannte „freie Träger“ – z. B. Wohlfahrtsorganisationen, die in der Geschichte der Arbeiterbewegung entstanden sind – kommen hier in analoger Weise zum Zuge. Das System der sozialen Hilfen in der Bundesrepublik Deutschland ist somit geprägt vom Zusammenwirken freier (d. h. im Raum der Gesellschaft beheimateter) und staatlicher Hilfsträger. Damit kommt zum Ausdruck, dass soziale Aufgaben sowohl in der Verantwortung des Staates als auch der gesellschaftlichen Kräfte liegen. Hier kommt das in der Katholische Soziallehre entwickelte Subsidiaritätsprinzip zur Geltung: Der Staat soll erst tätig werden, wenn die gesellschaftlichen Gruppen diese Aufgaben nicht erfüllen können. Aufgrund dieses Vorrangs der freien Träger der Wohlfahrtspflege haben sich die Verhältnisse in Deutschland so entwickelt, dass zum Beispiel 69 Prozent der Kindergartenplätze, 67 Prozent der Altenheimplätze und 36 Prozent der Krankenhausbetten von freien Trägern der Sozialarbeit, von denen die katholische Kirche der größte ist, getragen werden. Der Deutsche Caritasverband ist somit zum einen Teil der wichtigste Träger des sozialen Engagements der katholischen Kirche, zum anderen die bedeutendste selbständige Säule im sozialen Hilfesystem des Staates. Er ist der von den deutschen Bischöfen anerkannte Zusammenschluss der kirchlichen Caritas und nimmt zugleich als freier Wohlfahrtsverband seine Funktion im gesellschaftlichen Bereich wahr. Der Caritasverband bringt die Lebens und Glaubenserfahrung der Kirche mit der fachlichen Qualität, welche er im Dienst an den Menschen entwickelt hat, in die sozialpolitische Diskussion ein. Er ist Ausdruck der Mitverantwortung der Kirche für die Gestaltung der sozialen Verhältnisse in Deutschland. So steht er an einer entscheidenden Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft bzw. Kirche und Staat und hat hier eine wesentliche Brückenfunktion.

Der Deutsche Caritasverband arbeitet im gesellschaftlichen Bereich und gegenüber der Politik in enger Weise mit den anderen großen Wohlfahrtsverbänden zusammen. Eine besonders ausgeprägte Kooperation hat sich im Laufe der Jahre mit dem Diakonischen Werk der ‚Evangelischen Kirche’ herausgebildet. Caritas und Diakonie sind zu einem bewährten Feld der Ökumene geworden. Jede für sich, aber auch gemeinsam tragen die großen Kirchen auf diese Weise dazu bei, dass der Geist des Christentums in die Strukturen der Gesellschaft Eingang findet.

Finanzen

Die Beteiligung des Staates an der Finanzierung der sozialen Einrichtungen der Caritas ist eine Voraussetzung für die Breite des kirchlichen Angebots. Die staatlichen Zuschüsse belaufen sich je nach Art der Einrichtung und Hilfen auf 20 bis fast 100 Prozent. Diese Prozentzahlen machen zugleich auch deutlich, dass die Caritaseinrichtungen in den Diözesen, die karitativen Orden und die katholischen Verbände, die sich dem sozialen Engagement verschrieben haben, ihrerseits einen erheblichen personellen und finanziellen Einsatz für die sozialen Belange der deutschen Gesellschaft erbringen. Berechnungen zeigen: Die kirchlichen Eigenleistungen für den laufenden Unterhalt der Einrichtungen, für Investitionen und für Personalausbildung sowie durch unbezahlte Arbeit von Freiwilligen entlasten den Staat im Bereich seiner sozialen Aufgaben jährlich um mehr als 5 Milliarden Euro.

Politische Diakonie

Schon im 19. Jahrhundert verband sich mit dem Aufbau karitativer Einrichtungen das kirchliche Engagement für eine durchgreifende „Zuständereform“ in Staat und Gesellschaft. Blickt man auf den Deutschen Caritasverband, so gehören seit dessen Anfängen die persönliche Hilfe und das sozialpolitische, öffentliche Handeln zugunsten gerechterer gesellschaftlicher Strukturen untrennbar zusammen. Sie sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die Caritas ist jedoch nur ein Teil jener katholischsozialen Bewegung, die sich im Zuge der Industrialisierung entwickelt hat. Vor allem sind hier die christlichen Arbeitervereine, die katholische Frauenbewegung und eine große Zahl katholischer Verbände zu erwähnen. Ebenso wie der Caritasverband sind sie Träger des sozialpolitischen Engagements der Katholiken in Deutschland und haben – vor allem in der Weimarer Republik (19181933) und nach dem Ende des 8 Zweiten Weltkrieges – die Entwicklung des deutschen Sozialstaates entscheidend mitgeprägt. Diese gesellschaftlichpolitische Arbeit der Kirche, ihrer Verbände und Organisationen, aber auch vieler einzelner Katholiken erhielt durch die seit dem 19. Jahrhundert entwickelte Katholische Soziallehre inhaltliche Orientierung. Die großen päpstlichen Sozialenzykliken seit „Rerum Novarum“ (1896) entfalteten ein ordnungspolitisches Denken eigener Art, das sich pointiert von einem LaissezFaireKapitalismus wie von der marxistischen Ideologie in ihren verschiedenen Spielarten absetzte. Man sagt sicher nicht zuviel, wenn man feststellt, dass die Soziallehre der Weltkirche, jedenfalls bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, viele Impulse aus der Kirche in Deutschland empfangen hat. Im Raum der Kirche entfaltete sich ein wissenschaftlicher Diskurs, der sich mit den zeitgenössischen Weltanschauungen – Liberalismus, Sozialismus und Faschismus – auseinandersetzte und eine christliche Gesellschaftslehre als Antwort auf die Möglichkeiten und Krisen der Moderne entwarf. Erfahrungen und Praxis der katholischen Sozialverbände und vereinigungen gingen in die Entwicklung der Soziallehre der Kirche ein.

Die gesellschaftliche und politische Anwaltschaft für die Würde des Menschen bleibt auch in unserer Zeit eine unverzichtbare Aufgabe der Kirche und ihrer Caritas. Hier stellen sich in Deutschland neue Herausforderungen. Wachsende Armut, besonders auch unter den Jüngeren, Arbeitslosigkeit, der drohende Ausschluss ganzer Gruppen von der gesellschaftlichen Teilhabe und eine spürbare Verhärtung der gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber den Schwachen sind heute wesentliche Themen einer zeitgemäßen „politischen Diakonie“. Die katholische Kirche ist herausgefordert, ihr öffentliches Gewicht für jene in die Waagschale zu werfen, deren Kräfte nicht reichen, um selbst auf ihre Not aufmerksam zu machen und auf Abhilfe zu drängen. Dazu gehört das entschiedene Eintreten für das eigenständige Lebensrecht des ungeborenen Kindes und besonders auch des Kindes mit einer Behinderung. Wir müssen unser Augenmerk darauf richten, dass Kinder und junge Menschen voll Vertrauen und Hoffnung in ihre Lebenswelt hineinwachsen können. Und wir müssen uns als Kirche dafür einsetzen, dass Achtung und Ehrfurcht vor der Würde des behinderten, altersverwirrten und schwerstpflegebedürftigen Menschen trotz aller ökonomischen Zwänge gewahrt bleiben.

Gerade der an den Rand gedrängte und in Not geratene „Mensch ist der Weg der Kirche“, wie Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Redemptor hominis“ (1979, Nr. 14) unterstrichen hat. Dieser Gedanke ist die bleibende Mitte auch des öffentlichen Auftrages der Kirche. Er bestimmt die politische Dimension unseres sozialen und karitativen Dienstes. „Knoten“ im Netz der Caritas – Hilfe zur Selbsthilfe Der Deutsche Caritasverband ist die zentrale Trägerstruktur des sozialen Engagements der katholischen Kirche in Deutschland. Man versteht diesen kirchlichen Dienst und auch den Ort des Caritasverbandes allerdings nur dann in angemessener Weise, wenn man den Blick auf das gesamte Netz der Caritas richtet. Dieses Netz besteht aus vielen Knoten, die zuinnerst zusammenhängen.

Familien


Von besonderer und bleibender Bedeutung ist die Familie, in der auf Dauer konkrete Verantwortung füreinander übernommen wird. Ehepartner stehen einander bei, Eltern ihren Kindern, Kindern ihren Eltern und Großeltern. In gewissem Sinne ist die in der Familie eingeübte Solidarität die Grundlage aller Solidarität in der Gesellschaft. Eltern legen das Fundament an Humanität, ohne das der einzelne wie die Gesellschaft nicht existieren können. In einer Zeit, in der in der westlichen Welt Bindungen stark in Frage gestellt werden, ist dies von herausragender Bedeutung. Immer noch gibt es auch ein erstaunliches Maß an Verantwortung vieler erwachsener Kinder für ihre Eltern, wenn diese kein selbständiges Leben mehr führen können. Ganz zu schweigen von Familien, die viele Jahre oder sogar lebenslang behinderten oder chronisch kranken Familienmitgliedern ein Leben in Geborgenheit und Zuwendung ermöglichen. Die Familie ist Fundament und Nährboden des sozialen Engagements der Kirche und muss ihr erster Adressat sein.

Selbsthilfegruppen

Besondere Beachtung verdienen auch Selbsthilfegruppen, in denen sich Menschen zur gegenseitigen Unterstützung zusammenschließen. Es sind z. B. anonyme Alkoholiker, an Gliedmaßen Amputierte, Heimatvertriebene, Kriegsgeschädigte. Von ähnlichem Lebensschicksal Betroffene gewinnen gemeinsam am besten ihre Selbstbestimmung und Selbstachtung zurück. Sie erleben, dass sie zusammen mehr erreichen können als jeder einzelne für sich. Unmittelbar erfahren sie, dass sie beim Helfen Empfangende und Beschenkte, Gebende und Nehmende sind. Ehrenamtliche Dienste

Durch diese wachsende Vielfalt solidarischer Selbsthilfe ist der helfende ehrenamtliche Dienst füreinander nicht überflüssig geworden. Im Gegenteil! Auch ohne eigene, unmittelbare Betroffenheit entdecken Menschen im anderen die Schwester oder den Bruder, die jetzt jene Hilfe brauchen, die sie morgen vielleicht selbst benötigen. Im Engagement für andere sehen sie eine Chance, ihr Leben bewusst zu gestalten, so dass es dadurch reicher und sinnvoller wird. Viele von ihnen suchen auch die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, um in ihrem Engagement Rückhalt und Bestätigung zu erfahren. Zahlreiche Menschen nehmen dauerhaft Ehrenämter wahr, andere lassen sich für zeitlich befristete Aufgaben in Dienst nehmen. Aktuelle Not ist oft der Anlass, der zum Engagement und zur Überwindung einer passiven Zuschauerrolle beiträgt.

Pfarreien

Die Pfarreien sind ein besonderer Ort des ehrenamtlichen sozialen Dienstes. Das Ziel der Kirche, Menschen hinzuführen zur Gemeinschaft mit Gott und untereinander, wird Wirklichkeit in der Pfarrei, die sich aufbaut und lebt aus der Verkündigung des Glaubens, aus der Feier der Sakramente und der tätigen Caritas gegenüber dem Nächsten. Es gehört darum zum Leben jeder Pfarrei, dass sie sensibel ist für die Not vor Ort und sich in konkreten Initiativen um Abhilfe bemüht. Gerade auf dem Weg praktischer Caritas gelingt es auch vielen, den Glauben für ihr Leben neu zu entdecken und den Zugang zur Kirche zu vertiefen oder auch wiederzufinden.
In Pfarreien und Verbänden in Deutschland engagieren sich nach Schätzungen rund eine Million Katholiken ehrenamtlich. Sie leisten Nachbarschaftshilfe. Sie besuchen Familien oder Alleinstehende, kranke und alte Menschen zu Hause oder im Krankenhaus und im Pflegeheim. Sie schenken Begegnung und vermitteln Hilfe. Ehrenamtliche Helfer kümmern sich um behinderte und sozial schwache Menschen, um benachteiligte und drogenabhängige Jugendliche, um Ausländer, Asylbewerber und ihre Familien. Viele Initiativen nehmen sich der Arbeitslosen, vor allem der arbeitslosen Jugendlichen an.

Pfarreien entwickeln Projekte wie Wärmestuben für Wohnungslose, Mittagstische für Alleinstehende, Kochkurse für Flüchtlinge und Asylbewerber. Erwachsene und Jugendliche sind in der Schulaufgabenhilfe tätig und bemühen sich, Zuwanderer mit der deutschen Sprache vertraut zu machen. – Im humanen Umgang mit Sterben und Tod hat sich mit der Hospizbewegung eine neue Form von Hilfe und Unterstützung herausgebildet.

Im ehrenamtlichen Engagement dieser vielen Frauen und Männer wird die Caritas als Lebensvollzug der Kirche und der kirchlichen Gemeinde geübt und sichtbar. Die Gemeinde wäre nicht vollständig, wenn sie nicht immer wieder konkret in den Armen und Hilfsbedürftigen das Antlitz Jesu Christi suchte.

III. Neue Herausforderungen

Den Zusammenhang von Pfarrei und Caritas stärken

Bedauerlicherweise wird in vielen Pfarreien die Sorge um die notleidenden Menschen nicht mehr als Auftrag aller verstanden, sondern eher als Dienst einiger Personen und Gruppen gesehen – oder aber sie wird ganz dem Caritasverband überlassen. Bisweilen hat auch der Auf und Ausbau der professionellen Strukturen der Hilfe dazu beigetragen, dass Pfarreien ihre eigene Verantwortung für die Hilfebedürftigen ganz abgegeben haben. Nicht selten fühlte man sich von der komplexen Not überfordert und war froh, wenn langjährig geleistete Dienste von hauptamtlichen Mitarbeitern übernommen wurden. Diese Entwicklung ist gefährlich. Sie nützt niemandem und schadet allen.

• So droht die professionelle Caritas aus der Verankerung der Kirche herausgelöst zu werden. Als Caritas der Kirche bedarf sie des Kontakts zu den Pfarreien, um die geistlichen Wurzeln nicht zu verlieren, aus denen die christliche Caritas lebt.
• Wo die Pfarreien sich ihrer karitativen Verantwortung nicht mehr stellen, werden sie ihrer eigenen Identität nicht mehr gerecht. Wie eine von den Pfarreien getrennte Caritas ihre „sakramentale Seele“ verlieren kann, so eine Pfarrei ohne Caritas ihre „karitative Seele“. Tatsächlich ist vielen in unseren Pfarreien heute das Bewusstsein von der Zusammengehörigkeit von Sakrament und Armenfürsorge undeutlich geworden.

Es kommt deshalb darauf an, dass sich Pfarreien und professionelle Caritasdienste, ehrenamtliche und hauptamtliche Kräfte wieder stärker aufeinander beziehen. Die Dienste des Caritasverbandes müssen wieder deutlicher als unterstützendes Angebot an die Pfarreien begriffen werden. Professionelle und freiwillige, unentgeltliche soziale Arbeit sind als gemeinsamer Zusammenhang zu gestalten. Das heißt: Hauptberufliche CaritasMitarbeiter sollen ihre hohe fachliche Qualifikation einbringen, ehrenamtliche Mitarbeiter ihre Fähigkeiten aus Ausbildung, Beruf und Familie, die Kenntnis von den Lebensbedingungen der Pfarrei sowie ihre Nähe zu den Hilfesuchenden vor Ort. Um nur ein Beispiel zu geben: Jedes Krankenhaus, auch das kirchliche, braucht hoch qualifiziertes medizinisches und pflegerisches Personal. Aber: Was wäre ein katholisches Hospital ohne die menschliche Zuwendung, die nicht allein von den professionellen Kräften geleistet werden kann? Was wäre es ohne Menschen, die die Kranken besuchen, ihnen Zeit schenken, ihnen vorlesen und zuhören? Fachliche Arbeit und ehrenamtlicher Dienst der Pfarrei können und müssen hier ineinander greifen.

Hier ist an die Wegweisung von Papst Benedikt XVI. zu denken, die er in seiner Enzyklika „Deus Caritas Est“ (2005) gegeben hat: „Berufliche Kompetenz ist eine erste, grundlegende Notwendigkeit, ab sie allein genügt nicht. Es geht ja um Menschen, und Menschen brauchen immer mehr als eine bloß technisch richtige Behandlung. Sie brauchen Menschlichkeit. Sie brauchen die Zuwendung des Herzens“ (Nr. 31).

Das Profil stärken

Eine zweite große Herausforderung für die Entwicklung der kirchlichen Caritas ist durch den zunehmenden Wettbewerb im Bereich der sozialen Dienste gegeben. Besonders durch Entwicklungen auf der Ebene der Europäischen Union haben sich die Rahmenbedingungen für die kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen in Deutschland stark verändert. Eine Art offener Markt für soziale Dienstleistungen ist entstanden, und die Vorstellungen der Kirche vom menschengemäßen Dienst an den Bedürftigen drohen dem Diktat einer verschärften Kosteneffizienz zu unterliegen.

Will sich die kirchliche Caritas in dieser Situation behaupten, so darf sie sich den gängigen Trends gerade nicht anschließen. Ihr Angebot darf nicht abgeschliffen und dem „Mainstream“ angepasst werden. Im Gegenteil: Die Kirche und ihre Caritas müssen mit klar profilierten Angeboten auf die Menschen zugehen. Wenn medizinische Betreuung, Alten und Behindertenpflege unter dem Druck von Zeit und damit Kostenersparnis immer seelen und herzloser zu werden drohen, müssen wir als Kirche der menschlichen Zuwendung besondere Aufmerksamkeit widmen. Wenn Abtreibung als probates Mittel gilt, um den Eltern und der Gesellschaft behinderte Kinder zu ersparen, müssen wir als Kirche die Eltern und vor allem die Frauen zum Leben ermutigen und ihnen konkrete Hilfe anbieten. Viele weitere Beispiele ließen sich nennen.

Die christliche Vorstellung von Humanität ist in Europa heute nicht unangefochten. Auf die Einrichtungen des Staates können wir uns in mancher Hinsicht nur wenig verlassen und andere gesellschaftliche Kräfte gehen ihre eigenen, der Kirche manches Mal entgegengesetzten Wege. Zunehmend kommt es deshalb auf unsere eigenen kirchlichen Dienste an, um eine christlich verstandene Menschlichkeit in unserer Gesellschaft aufleuchten zu lassen.

Auch hier ist das Zusammenwirken von Pfarreien und professioneller Caritas, von ehrenamtlich und hauptamtlich Tätigen und darüber hinaus auch die Kooperation von Laien, Ordensleuten und Priestern von großer Bedeutung. In der Kirche verfügen wir über viele Talente und Charismen. Wo sie zusammenfinden, haben wir nicht nur genügend Potential, sondern vor allem auch die innere, geistige Kraft, auch in unserer Zeit dem Menschen in seiner vielfältigen Not beizustehen.

Die Globalisierung als Herausforderung

Einige weitere heutige Herausforderungen für die Evangelisierung und das soziale Engagement der Kirche sollen für die weitere Diskussion nur genannt werden:

1. Die weltweit fortschreitende Säkularisation und der Atheismus einerseits sowie andererseits die Ausbreitung fundamentalistischer Religionsströmungen, von Sekten und neuen Formen diffuser Religiosität
2.Die rasante Globalisierung in Wirtschaft, Technik, Markt, Kapital und Medien und der Mangel an weltweit verbindlichen Wertvorstellungen
3.Die Bevölkerungsverschiebung von Nord nach Süd und die Migration
4.Der Klimawandel und die Verknappung der Rohstoffe

Angesichts dieser heutigen Herausforderungen muss Evangelisation und soziales Engagement der Kirche noch einmal neu bedacht und weltweit gemeinsam diskutiert werden.
Dafür bleibt nicht viel Zeit. Es ist daher gut, dass wir hier in Edéa als Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz und Bischofskonferenz von Kamerun einen kleinen Anfang machen.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]