Das Urbild des priesterlichen Dienstes ist Jesus, der Bischof der Seelen

Predigt von Papst Benedikt XVI. am Hochfest Peter und Paul

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ROM, 2. Juli 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Papst Benedikt XVI. am Montag, dem 29. Juni, während der Eucharistiefeier zum Hochfest Peter und Paul im Petersdom gehalten hat.

Der Papst, der den neuen Metropolitanerzbischöfen das Pallium überreichte, ging in seiner Predigt auch aus Anlass des Priesterjahres auf den priesterlichen Dienst ein und erklärte mit einem Verweis auf ein Wort des heiligen Apostels Petrus, dass dieser Dienst nur von Christus, dem „Bischof der Seelen“, her zu verstehen sei, der die Menschen mit den Augen Gottes betrachte.

„Von Gott her sehend überblickt man das Ganze, die Gefahren wie die Hoffnungen und Möglichkeiten. Von Gott her sieht man das Eigentliche, den inneren Menschen. Wenn Christus der Bischof der Seelen ist, geht es darum, dass die Seele nicht verkümmere im Menschen, dass der Mensch sein Eigentliches, die Fähigkeit zur Wahrheit und zur Liebe nicht verliere. Dass er Gott kennenlerne. Dass er sich nicht in Sackgassen verläuft. Dass er sich nicht in der Isolation verliert, sondern offen bleibt für das Ganze.

Jesus, der Bischof der Seelen, ist das Urbild alles bischöflichen und priesterlichen Dienstes. Bischof-sein, Priester-sein bedeutet von da aus: den Standort Christi annehmen. Von seiner Höhe her denken, sehen und handeln. Von ihm her für die Menschen da sein, damit sie das Leben finden."

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Meine Herrn Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im bischöflichen und im priesterlichen Dienst,
liebe Brüder und Schwestern!

Mit den Worten des Apostels, an dessen Grab wir uns befinden, begrüße ich Sie alle herzlich: „Gnade sei mit euch und Friede in Fülle“ (1 Petr 1, 2). Insbesondere grüße die Delegationsmitglieder des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel und die zahlreichen Metropoliten, die heute das Pallium empfangen. In der Oration dieses festlichen Tages bitten wir den Herrn: “Hilf deiner Kirche, in allem der Weisung deiner Boten zu folgen, durch die sie den Glauben … empfangen hat”. Die Bitte, die wir an Gott richten, ist zugleich ein Anruf an uns selbst: Folgen wir der Lehre der großen Gründer-Apostel? Kennen wir sie überhaupt? Im nun zu Ende gegangenen Paulusjahr haben wir versucht, ihm, dem „Lehrer der Völker“, neu zuzuhören und so das Alphabet des Glaubens neu zu erlernen. Wir haben versucht, mit Paulus und durch Paulus Christus zu erkennen und so zum rechten christlichen Leben zu finden. Im Kanon des Neuen Testaments sind neben den Paulus-Briefen auch zwei Briefe unter dem Namen des heiligen Petrus enthalten. Der erste davon schließt ausdrücklich mit einem Gruß aus Rom, das freilich unter dem apokalyptischen Decknamen Babylon erscheint: „Es grüßt euch die Mitauserwählte in Babylon…“ (5, 13). Indem der Apostel die Kirche zu Rom die Mitauserwählte nennt, stellt er sie in die große Gemeinschaft aller Ortskirchen hinein – in die Gemeinschaft all derer, die Gott zusammen gerufen hat, damit sie im „Babylon“ dieser Weltzeit sein Volk aufbauen und Gott einlassen in die Geschichte. Der 1. Petrus-Brief ist ein Gruß aus Rom an die ganze Christenheit aller Zeiten. Er lädt uns ein, die „Lehre der Apostel“ zu hören, die uns den Weg zum Leben zeigt.

Dieser Brief ist ein überaus reicher, von Herzen kommender und zu Herzen gehender Text. Seine Mitte ist – wie könnte es anders sein – die Gestalt Christi, der als der Leidende und Liebende, als der Gekreuzigte und Auferstandene gezeichnet wird: „Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht… Durch seine Wunden seid ihr geheilt“ (2, 23f). Von der Mitte Christus her ist der Brief dann auch eine Einführung in die christlichen Grundsakramente von Taufe und Eucharistie und eine Anrede an die Priester, in der Petrus sich als Mit-Presbyter mit ihnen bezeichnet. Er spricht zu den Hirten aller Generationen als derjenige, der selbst vom Herrn mit dem Weiden seiner Lämmer beauftragt worden war und so in besonderer Weise priesterliche Sendung empfangen hatte. Was also sagt uns – gerade im Jahr der Priester – der heilige Petrus über den Auftrag des Priesters? Zunächst – er versteht den priesterlichen Dienst ganz von Christus her. Er nennt Christus den „Hirten und Bischof der Seelen“ (vgl. 2, 25). Das ist die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes epíscopos. Etwas später wird Christus als „oberster Hirte“ bezeichnet: archipoimén (5, 4). Es wundert uns, daß Petrus Christus selbst als Bischof – Bischof der Seelen – bezeichnet. Was will er damit sagen? In dem griechischen Wort „epíscopos“ steckt das Verbum „sehen“; so hat man es mit „Aufseher“ übersetzt. Aber gemeint ist natürlich nicht eine äußerliche Beaufsichtigung, wie sie vielleicht einem Gefängniswärter zukommt. Gemeint ist vielmehr ein Sehen aus der Höhe heraus – ein Sehen von der Höhe Gottes her. Ein Sehen von Gott her ist ein Sehen der Liebe, das dem anderen dienen, ihm helfen will, wirklich er selbst zu werden. Christus ist der „Bischof der Seelen“, sagt uns Petrus. Das bedeutet: Er sieht uns von Gott her. Von Gott her sehend überblickt man das Ganze, die Gefahren wie die Hoffnungen und Möglichkeiten. Von Gott her sieht man das Eigentliche, den inneren Menschen. Wenn Christus der Bischof der Seelen ist, geht es darum, daß die Seele nicht verkümmere im Menschen, daß der Mensch sein Eigentliches, die Fähigkeit zur Wahrheit und zur Liebe nicht verliere. Daß er Gott kennenlerne. Daß er sich nicht in Sackgassen verläuft. Daß er sich nicht in der Isolation verliert, sondern offen bleibt für das Ganze. Jesus, der „Bischof der Seelen“, ist das Urbild alles bischöflichen und priesterlichen Dienstes. Bischof-sein, Priester-sein bedeutet von da aus: den Standort Christi annehmen. Von seiner Höhe her denken, sehen und handeln. Von ihm her für die Menschen da sein, damit sie das Leben finden.

So berührt sich das Wort „Bischof“ ganz eng mit der Bezeichnung „Hirte“, ja, es wird austauschbar damit. Aufgabe des Hirten ist das Weiden, das Hüten und das Führen der Herde zu den richtigen Weideorten. Weiden bedeutet: dafür sorgen, daß die Schafe die rechte Nahrung finden, daß ihr Hunger und ihr Durst gestillt werden. Ohne Bild sagt das: Das Wort Gottes ist die Nahrung, die der Mensch braucht. Das Wort Gottes immer neu gegenwärtig zu machen und so den Menschen Nahrung zu geben, ist Auftrag des rechten Hirten. Und er muß auch den Feinden, den Wölfen zu wehren wissen. Er muß vorausgehen, den Weg zeigen, die Einheit der Herde erhalten. Petrus stellt in seiner Anrede an die Presbyter noch etwas sehr Wichtiges heraus. Das Reden tut es nicht. Die Hirten müssen „Vorbilder für die Herde“ (5, 3) werden. Das Wort Gottes wird aus der Vergangenheit dann in die Gegenwart geholt, wenn es gelebt wird. Es ist wunderbar zu sehen, wie in den Heiligen das Wort Gottes ein Wort an unsere Zeit wird. In Gestalten wie Franziskus und dann wieder wie Padre Pio und vielen anderen ist Christus wirklich Zeitgenosse ihrer Generation geworden, aus der Vergangenheit heraus in die Gegenwart hereingetreten. Das heißt Hirte sein – Vorbild für die Herde werden: Das Wort jetzt leben in der großen Gemeinschaft der heiligen Kirche.

Ganz kurz möchte ich noch auf zwei weitere Worte des 1. Petrus-Briefes hinweisen, die uns in unserer Zeit besonders angehen. Da ist zunächst der heute neu entdeckte Satz, von dem aus die mittelalterlichen Theologen ihren Auftrag verstanden, den Auftrag des Theologen: „Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch nach dem vernünftigen Grund der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (3, 15). Der christliche Glaube ist Hoffnung. Er öffnet den Weg in die Zukunft. Und er ist eine Hoffnung, die Vernunft hat; eine Hoffnung, deren Vernunft wir angeben können und müssen. Er kommt aus der ewigen Vernunft, die in unsere Welt hereingetreten ist und uns den wahren Gott gezeigt hat. Er geht über das eigene Vermögen unserer Vernunft hinaus, so wie Liebe mehr sieht als der bloße Verstand. Aber er redet zur Vernunft und kann im Disput der Vernunft standhalten. Er widerspricht ihr nicht, sondern er geht mit ihr Hand in Hand und führt zugleich über sie hinaus – in die größere Vernunft Gottes hinein. Als Hirten unserer Zeit ist uns aufgetragen, selber die Vernunft des Glaubens zu verstehen. Ihn nicht bloß Überlieferung bleiben zu lassen, sondern ihn als Antwort auf unsere Fragen zu erkennen. Der Glaube fordert unser Mitdenken, das sich im Mitlieben vertieft und reinigt. Es gehört zu unseren Aufgaben als Hirten, den Glauben mitzudenken, um fähig zu sein, den vernünftigen Grund unserer Hoffnung im Disput der Gegenwart zu zeigen. Freilich – Denken allein genügt nicht, so notwendig es auch ist. So wie Reden allein nicht genügt. Petrus spielt in seiner Tauf- und Eucharistie-Katechese im 2. Kapitel des Briefes auf den Kommunion-Psalm der frühen Kirche an, auf den Vers: „Kostet und seht, wie gütig der Herr ist“ (Ps 34 [33], 9; 1 Petr 2, 3). Erst das Verkosten führt zum Sehen. Denken wir an die Jünger von Emmaus: Erst in der Tischgemeinschaft mit Jesus, erst im Brotbrechen öffnen sich ihre Augen. Erst in der erfahrenen Gemeinschaft mit dem Herrn werden sie sehend. Das gilt für uns alle: Über das Denken und Reden hinaus bedürfen wir der Erfahrung des Glaubens. Des lebendigen Umgangs mit Jesus Christus. Glaube darf nicht Theorie bleiben: Er muß Leben sein. Wenn wir im Sakrament dem Herrn begegnen; wenn wir im Gebet mit ihm sprechen; wenn wir in den Entscheidungen des Alltags uns Christus anschließen – dann „sehen“ wir immer mehr, wie gut er ist. Dann erfahren wir, daß es gut ist, bei ihm zu sein. Aus solch erlebter Gewißheit kommt dann die Fähigkeit der glaubwürdigen Mitteilung an die anderen. Der Pfarrer von Ars war kein großer Denker. Aber er verkostete den Herrn. Er lebte mit ihm bis in die Kleinigkeiten des Alltags und bis in die großen Ansprüche des Hirtendienstes hinein. So wurde er ein „Sehender“. Er hatte verkostet und wußte daher, daß der Herr gut ist. Bitten wir den Herrn, daß er uns dieses Verkosten schenkt und daß wir so glaubhafte Zeugen der Hoffnung werden können, die in uns ist.

Noch auf ein kleines, aber wichtiges Wort des heiligen Petrus möchte ich am Schluß hinweisen. Gleich zu Beginn des Briefes sagt er uns, das Ziel unseres Glaubens ist das Heil der Seelen (vgl. 1, 9). In der Sprach- und Denkwelt der gegenwärtigen Christenheit ist dies eine merkwürdige, für manche wohl fast anstößige Aussage. Das Wort „Seele“ ist in Mißkredit geraten. Man sagt, es laufe auf eine Teilung des Menschen in Geist und Körper, in Seele und Leib hinaus, wo er doch eine unteilbare Einheit sei. Und „Heil der Seelen“ als Ziel des Glaubens, das scheint auf ein individualistisches Christentum hinzuweisen, auf einen Verlust an Verantwortung für die Welt als ganzes in ihrer Leibhaftigkeit und Materialität. Aber davon ist im Brief des heiligen Petrus nichts zu finden. Die Leidenschaft für das Zeugnis der Hoffnung, die Verantwortung für die anderen prägt den ganzen Text. Um das Wort vom Heil der Seelen als Ziel des Glaubens zu verstehen, müssen wir von einer anderen Seite ausgehen. Es bleibt wahr, daß die Verwahrlosung der Seelen, die Verkümmerung des inneren Menschen nicht nur den einzelnen zerstört, sondern das Geschick der Menschheit als ganzer bedroht. Ohne Heilung der Seelen, ohne Heilung des Menschen von innen her kann es kein Heil für die Menschheit geben. Die eigentliche Krankheit der Seelen bezeichnet der heilige Petrus zu unserer Überraschung als Unwissenheit – nämlich als Unkenntnis Gottes. Wer Gott nicht kennt, ihn nicht wenigstens aufrichtig sucht, lebt am eigentlichen Leben vorbei (vgl. 1, 14). Noch ein zweites Wort des Briefes kann uns helfen, die Formel Heil der Seelen besser zu verstehen: „Reinigt eure Seelen im Gehorsam gegenüber der Wahrheit“ (vgl. 1, 22). Es ist der Gehorsam gegenüber der Wahrheit, der die Seele rein macht. Und es ist das Leben mit der Lüge, das sie verunreinigt. Der Gehorsam der Wahrheit gegenüber beginnt mit den kleinen Wahrheiten des Alltags, die oft mühsam und schmerzlich sein können. Dieser Gehorsam reicht dann bis zum uneingeschränkten Gehorsam gegenüber der Wahrheit selbst, die Christus ist. Dieser Gehorsam macht uns nicht nur rein, sondern vor allem auch frei für den Dienst Christi und so für das Heil der Welt, das doch immer in der gehorsamen Reinigung der eigenen Seele durch die Wahrheit beginnt. Den Weg zur Wahrheit, zu Christus, können wir nur zeigen, wenn wir selbst gehorsam und geduldig uns von der Wahrheit reinigen lassen.

Und nun wende ich mich an Euch, liebe Brüder im Bischofsamt, die Ihr in dieser Stunde aus meiner Hand das Pallium empfangen werdet. Es ist aus der Wolle von Lämmern gewoben, die der Papst am Festtag der heiligen Agnes segnet. So erinnert es an die Lämmer und Schafe Christi, die der auferstandene Herr dem Petrus zu weiden aufgetragen hat (vgl Joh 21, 15 – 18). Es erinnert an die Herde Jesu Christi, die in Gemeinschaft mit Petrus zu weiden Euch, liebe Brüder, aufgegeben ist. Es erinnert uns an Christus selbst, der als der gute Hirte das verlorene Schaf, die Menschheit auf seine Schultern genommen hat, um es heimzutragen. Es erinnert uns daran, daß er, der oberste Hirte, selbst Lamm werden wollte, um unser aller Schicksal von innen her auf sich zu nehmen; uns von innen her zu tragen und zu heilen. Wir wollen den Herrn bitten, daß er uns schenkt, in seiner Nachfolge rechte Hirten zu sein, „nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will … mit Hingabe … Vorbilder für die Herde“ (1 Petr 5, 2f). Amen.